Ralph Segert, den ich seit Jahren als eine stabile Größe im deutschsprachigen Web schätze (einmal hatten wir auch mal Gelegenheit, uns persönlich kennenzulernen), prangert in seinem Blog die auch hier desöfteren schon diskutierte Naivität? vieler User in Bezug auf die Preisgabe persönlicher Daten im Netz an:
Der 20-Punkte-Plan ist ziemlich radikal. Neben Forderungen, mit denen sich einige vielleicht noch identifizieren können (benutze keinen Webmail-Service, sondern ein ordentliches Mailprogramm), sind allerdings auch Forderungen dabei, die irgendwie nach reaktionärer Wurzelsepp-Romantik klingen (kündige alle deine Kreditkarten und kaufe nur noch gegen Barzahlung bei Tante Emma um die Ecke).
Vielleicht liegt es bei mir daran, dass ich durch SELFHTML gelernt habe, dass man auch als "Public Internet Person" normal leben kann und nicht wegen allem Panik schieben muss. Gerade das offensichtlich Mögliche (Google bereitet aus deinem Account ein Profil für die Rasterfahndung auf) tritt am unwahrscheinlichsten ein, so meine Erfahrung bislang. Viel eher dagegen das, wovor man sicher zu sein glaubt (plötzlicher Spyware-Befall trotz laufendem, aktuell gehaltenem Virenscanner usw.).
Wie sieht es bei euch aus, wenn ihr Ralphs 20-Punkte-Heilplan lest?
viele Grüße Stefan Münz (real name, auch so ein Verstoß)
> Wie sieht es bei euch aus, wenn ihr Ralphs 20-Punkte-Heilplan lest?
Im IT-Bereich springen viele Leute herum, die politisch ungebildet sind und - trara, niemand, der mich kennt, dürfte überrascht sein - oft infantile linke Positionen vertreten (sog. "Gutmenschentum"). Der 20 Punkte Plan des Bloggers ist demzufolge auch eher politisch (und erbärmlich dumm).
Von Interesse und die Lachmuskeln (einiger ;) reizend auch weitere Blog-Einträge, bspw.: http://segert.net/weblog/politiker-essen-rockstars-auf/ (Wobei ich bspw. und richtigerweise natürlich (;-) die Musik Grönemeyers schätze und seine politischen Ansichten verachte. ;)
> Im IT-Bereich springen viele Leute herum, die politisch ungebildet > sind und - trara, niemand, der mich kennt, dürfte überrascht sein - > oft infantile linke Positionen vertreten (sog. "Gutmenschentum"). > Der 20 Punkte Plan des Bloggers ist demzufolge auch eher politisch > (und erbärmlich dumm).
Ich habe zwar was die von Ralph postulierte Dateninfantilität betrifft eine andere Position, was ich ja auch schon kundgetan habe. Doch ich würde ihm dafür keinesfalls "Linksinfantilität" vorwerfen. Man darf eine restriktive Haltung gegenüber der Preisgabe persönlicher Daten an Webanbieter finde ich durchaus erst mal respektieren, ohne sie gleich in eine bestimmte Schublade zu tun. Zusammen mit anderen Postings des Blogs mag sich auch das Bild eines "typischen" linken Moralisten ergeben. Mit schmunzelnder Abwertung wirst du allerdings die ideologische Front einer "typischen" Position nur manifestieren. Auf die Dauer ist eine kritische Auseinandersetzung besser (wenn auch anstrengender). Oder war das jetzt auch wieder ein moralinsaueres Gutmenschenargument? ;-)
> Ich habe zwar was die von Ralph postulierte Dateninfantilität betrifft > eine andere Position, was ich ja auch schon kundgetan habe. Doch ich > würde ihm dafür keinesfalls "Linksinfantilität" vorwerfen.
Grönemeyer ordne ich aber klar dem genannten Lager zu, Heise ist mir auch suspekt, es tummeln sich auch etliche Blogs (mit IT-Kontext), die linksnaive Positionen hegen und pflegen, im SELFHTML-Forum gibt es ebenfalls Beispiele noch und nöcher, es sind meist junge Menschen, die ihre Schulbildung einbringen.
> Man darf > eine restriktive Haltung gegenüber der Preisgabe persönlicher Daten an > Webanbieter finde ich durchaus erst mal respektieren, ohne sie gleich > in eine bestimmte Schublade zu tun.
Aber warum pflegen da welche diese Maximalpositionen? In Einzelpunkten hat der Blogger natürlich recht, aber die Dosis macht das Gift.
> Zusammen mit anderen Postings des Blogs mag sich auch das Bild eines > "typischen" linken Moralisten ergeben. Mit schmunzelnder Abwertung > wirst du allerdings die ideologische Front einer "typischen" Position > nur manifestieren. Auf die Dauer ist eine kritische Auseinandersetzung > besser (wenn auch anstrengender). Oder war das jetzt auch wieder ein > moralinsaueres Gutmenschenargument? ;-)
Da hast Du wie immer recht, ich stelle eben erst einmal eine kräftige Gegenposition vor, die zusammen mit den Basisthesen diskutiert werden soll, wird diese Position angefeindet, ist meist sowieso nichts mehr argumentativ zu machen. Ist wirklich nicht so anstrengend. ;)
> Wie sieht es bei euch aus, wenn ihr Ralphs 20-Punkte-Heilplan lest?
Ich kann die Befürchtung nachvollziehen, weiß aber nicht so recht, warum denn der Datenschutz allein auf das Internet beschränkt sein soll und warum der gläserne Kunde Angst bereitet, der gläserne engagierte Bürger aber nicht.
Ralph zählt eine Reihe von Möglichkeiten auf, wie man seine Daten (im Internet) verschleiern oder nicht mal entstehen lassen kann. Das Problem kennen wir nicht nur aus dem "Internet" oder bei netbasierten Techniken im Allgemeinen. Es ist uns schon seit längerem bekannt, wenn wir über Institute wie Schufa, die Zeiten der (Daten)Monopole bei Telefon, Strom etc oder etwa den Volkszählungsboykotts nachdenken.
Die Befürchtung, im _Verbrauch_ gerasterfahndet zu werden, kann nur noch überwinden, wer kein Konto unterhält, nur bar gezahlt, häufiger den Einkaufsladen wechselt und möglichst jede Gewohnheit vermeidet sowie ... Dabei ist die Grenze zwischen akzeptierter Durchleuchtung und Belästigung sehr unscharf, Reinheit im Verhalten also schwerlich erreichbar: Wenn der Schlachter meines Vertrauens auf dem Wochenmarkt weiß, wie ich den Schinken geschnitten haben möchte - kommt er nicht vielleicht auch mal auf die Idee, mich an den benachbarten Spargelstand zu verpetzen, damit der mich unaufgefordert mit Spargelanpreisungen "anspamt"? Oder der Kellner, der weiß, wie ich meinen Kaffee zubereitet haben möchte ...
Aus meiner praktischen Erfahrung ist die private (also: nicht staatliche) "Gesinnungsfahndung" durch das öffentliche Archiv, das das WWW auch ohne google, Web 2.0 etc ist, häufig noch schlimmer als das Bekanntwerden der Ebay-Einkaufgewohnheiten. Wer vor Jahren im jugendlichen Überschwang etwas im SELFHTML-Forum veröffentlicht hat und jetzt damit konfrontiert ist, dass der zukünftige Arbeitgeber oder die begehrte Frau solche Sachen fröhlich wiederfindet .... der wird m. E. lernen müssen, dass nicht Verweigerung sondern Meinungs- bzw. Medienkompetenz gefragt ist. Wir müssen lernen, mit dem Kulturwerkzeug Internet umzugehen, nicht es zu vermeiden. Denn es kann ja nicht Ziel sein, sich nicht mehr im Netz zu äußern oder dies nur unter unter der Tarnkappe einer anonymen Buchstabensuppe. Ralph sagt zu Recht selbst, dass es nicht darum gehen könne, sich nicht mehr im Netz (politisch) zu engagieren. Aber wer schon Amazon fürchtet und 20 Hinweise zur Webabstinenz erhält, wird der nicht alsbald Angst vor dem durchleuchtenden Staat oder Arbeitgeber haben oder bekommen, der Meinungsäußerungen seiner Bürger / Mitarbeiter datensammelt? Aus meiner Sicht sollten da also nicht allein 20 Thesen gegen etwas stehen sondern viel mehr aktive Thesen für Webkompetenz(!): Leute, denkt nach, bevor ihr was macht; Aber dann macht es auch! Bezieht Standpunkt! Mischt mit! Teilt euch mit! Lasst die anonymen Schreiberlinge mit ihren hingerotzten Wortfetzen und Meinungsstückchen alt aussehen!
Unser Recht auf informationelle Selbstbestimmung darf man uns nicht nehmen. Und wir sollten diese Bürgerrecht nicht unachtsam wegwerfen. Aber das geht nicht, indem man allein dazu aufruft, die Zahnpasta weitgehend wieder in die Tube zu drücken, sondern indem wir einerseits die Datensammler und -auswerter beschneiden durch starke Datenschützer. Und anderseits müssen wir erkenne, dass es da überhaupt erstmal eine Information gibt, die es lohnt, selbstbestimmt und damit schützenswert zu sein! Und dafür muss ich nicht (allein) Daten verweigern oder mich auf den behutsamen Umgang damit verlassen können. Dafür muss ich mich engagieren und Daten produzieren, die es lohnen, gesammelt zu werden (Punkt 20 des Plans, sozusagen, aber eben nicht nur auf das einen Thema bezogen.
Ich finde, Ralph setzt sich mit sichtlich zwei Seelen in der Brust mit den neueren Realitäten auseinander. Ein Grund mehr, ihn nicht gleich in irgendeine Schublade zu verstauen. Weshalb ich den Beitrag verlinke, hat aber noch einen anderen Grund. In Ralphs Beitrag bin ich über einen Link gestolpert, den ich unbedingt weitergeben muss:
> Wir müssen lernen, mit dem Kulturwerkzeug > Internet umzugehen, nicht es zu vermeiden. Denn es kann ja nicht Ziel > sein, sich nicht mehr im Netz zu äußern oder dies nur unter unter der > Tarnkappe einer anonymen Buchstabensuppe. Ralph sagt zu Recht selbst, > dass es nicht darum gehen könne, sich nicht mehr im Netz (politisch) > zu engagieren.
Sehe ich ähnlich - und so verstehe ich letztlich auch den Begriff "Webkompetenz": Auseinandersetzung mit den neuen Realitäten und Möglichkeiten und dabei nicht nur um die nächste Ecke denken oder den schnellsten Reflexen gehorchen.
Wir befinden uns derzeit mitten in einer Explosion: nämlich in der Explosion verfügbarer Daten und Informationen. Einerseits finden wir das toll (ein paar Klicks, und ich kann mich über einen bislang unbekannten Fach-Terminus informieren oder Sachen bestellen, die ich in keinem Laden bekomme). Andererseits macht es uns verständlicherweise Angst (wer weiß eigentlich schon wie viel über mich? Und welche Konsequenzen könnte das für mich haben?). Toll finden wir also, an wie viele Informationen wir sehr leicht kommen. Ganz und gar nicht toll finden wir dagegen, wie viele Informationen über uns selbst wir preisgeben. Doch das ist nun mal der Saldo. Gerade Web-2.0- Anwendungen leben davon. Beispiel: http://www.stayfriends.de/ Nett, darüber alte Schulkameraden wiederzufinden. Funktioniert aber nur, weil diverse Kameraden so nett waren, sich dort schon einzutragen. Wenn man so was also toll findet, sollte der eigene moralische Imperativ eigentlich sogar dafür plädieren, sich selber einzutragen. Denn wer nimmt, sollte auch geben. Natürlich kann man fragen: brauchen wir das alles? Doch egal ob wir mit tiefer Gedankenfurcht in der Stirn fragen oder nicht - es wird verwendet, und immer mehr Leute machen mit.
Bei alledem muss man selber entscheiden, wo man anonym, pseudonym oder unter RealName-Identität auftreten will. Bei Services wie dem oben genannten bleibt einem wohl nichts anderes übrig, als unter RealName- Identität aufzutreten. In einem politischen Forum dagegen ist es egal, ob ein "echter" Name unter dem Postings steht oder ein fiktiver, was zählt ist das Geschriebene. Allerdings sollte man da auch noch mal unterscheiden zwischen eher anonymer Teilnahme (wechselnde erfundene Namen) und pseudonymer Teilnahme (wiederverwendeter fiktiver Name, der eine Zuordnung verschiedener Postings zum gleichen Urheber und damit zu einer Persönlichkeit, nicht aber einer bestimmten Person zulässt). Das alles ist ja das, was man unter Identitätsmanagement versteht. Siehe http://groups.google.com/group/webkompetenz/browse_frm/thread/267ab5b...
Leute, die IM-Bashing betreiben, sind immer recht einfach gestrickt, bewerten bspw. die Sicherheitsinteressen vgl. mit dem Schutz persönlicher Daten sehr einseitig.
Denke schon, dass der Ralph in die Schublade "Webworking-Linker" passt.
> > Denke schon, dass der Ralph in die Schublade "Webworking-Linker" passt.
> Ey klasse, daraus bastel ich mir einen Button. ;)
Die o.g. Schublade ist wie eine Fliegenfalle, da passen ganz viele rein. Irgendwie korreliert IT und linkes Meinungsgut, warum? - M.E. laufen im IT-nahen Bereich viele Spezialisten herum, die sich irgendwie benachteiligt fühlen.
> Die o.g. Schublade ist wie eine Fliegenfalle, da passen ganz viele > rein. Irgendwie korreliert IT und linkes Meinungsgut, warum? - M.E. > laufen im IT-nahen Bereich viele Spezialisten herum, die sich > irgendwie benachteiligt fühlen.
Ist denn linkes Meinungsgut gleichbedeutend mit Sich-benachteiligt- Fühlen? Und fühlen sich besonders viele IT-ler benachteiligt? Den Eindruck habe ich ehrlich gesagt nicht. Ales, was geradezu unheimlich erfolgreich ist, wird nur zu gerne des Bösen verdächtigt, auch innerhalb des IT-Bereichs - egal ob Microsoft oder Google. Nur Apple lieben selbst gestandene OpenSource-Freaks - keine Ahnung warum - vielleicht, weil sie so nett auf technisch besseren Underdog machen gegenüber Microsoft. Es gibt auch Leute, die können PHP und MySQL nicht ab, einfach weils erfolgreich ist und funktioniert (was sie natürlich bestreiten). Aber ich glaube, solche Reflexe sollte man nicht mit "politisch links angesiedelt" in einen Topf werfen. Und ja, es gibt natürlich auch Leute im Web, die tatsächlich politisch links angesiedelt sind und publizieren. Ist ja auch normal - das Web ist Teil der Welt. Ob es besonders viele sind, vermag ich nicht zu sagen. Mein subjektiver Eindruck sagt eher nein, da dieses klassische Links- Sein sowieso fast nur noch unter Übervierzigern zu finden ist. Die Jüngeren ticken anders und haben andere Schubladen.