Am 30 Aug 2023 15:02:26 GMT schrieb Christian Schulz
<
usen...@bartali.dyndns.org>:
Interessante Liste. Was fehlt, eine eher lückehafte Adhoc-Liste:
- Treppen steigen ohne Helm
- Fußballspielen
- Ski fahren
- Leichtathletik
- Motorrad fahren mit Helm
- Alt sein ohne Helm
- Sportflugzeug fliegen
- Autos mit geschlossenen Seitenfenstern fahren
>- ein Hochbett kaufen
Es ist das erste Mal, dass ich das in einer dieser Helmkampagnen sehe
und vermutlich auch das vorläufig letzte Mal. Schließlich will man sich
als Unfallchirurg ja nicht lächerlich machen.
>- Motorrad fahren
Korrekt wäre: Motorradfahren _mit_ Helm. Allerdings wirkt auch das eher
wie eine Pflichtübung.
>- Fuesse aufs Armeturenbrett legen
Auch das wirkt wie "Hochbett" wie das Aufstellen eine
Überraschungskulisse, um der eigentlichen Botschaft den richtigen Rahmen
zu geben.
>- im Laufen essen
Beim Radfahren essen ist aber ok? Jedenfalls dann, wenn schnell genug
gefahren wird, etwa bei Radrennen? Oder weil da Helme getragen werden,
die bekanntlich vor jedem Unbill schützen? Warum dann nicht "Im Laufen
essen ohne Helm"?
>- [endlich:] Radfahren ohne Helm
... und wenn's nichts gebracht hat, im nächsten Artikel dann einfach
nur: "Radfahren". Weil Radfahren ja sooo gefährlich ist.
>- mit Kopfhoerern Radfahren
Zeit, mal wieder
<
https://www.mystrobl.de/ws/fahrrad/walkm.htm>
rauszukramen.
>
>Lustig folgendes Zitat zum vorletzten Punkt: "[Sie fahren Rad und
>rutschen weg oder faedeln in eine Schiene ein -] Da wirken starke
>Fliehkr?e auf den Kopf, weil der so schwer ist und die
>Nackenmuskulatur es nicht schafft, das abzufangen. Sie knallen also
>auf den Boden oder Bordstein."
Unfallchirurgen müssen Schäden chirurgisch behandeln können.
Physikkenntnisse generell oder spezisches Wissen, was Unfallabläufe und
vor allem Unfallvermeidung angeht, gehört offensichtlich nicht zu den
erforderlichen Kenntnissen.
Ein vernünftiger Rat wäre: wer Fahrrad fährt, tut gut daran,
Straßenbahnschienen zu meiden, oder wenn das nicht möglich ist, zu
lernen, wie man mit denen umgeht. Zu Bordsteinen würde ich zwar
grundsätzlich sagen: wer bei einem Sturz mit dem Kopf gegen einen
Bordstein knallt, verdient es nicht besser, weil man von Bordsteinen
ausreichend Abstand hält, etwa indem man zwischen den Schienen statt auf
den 50 cm zwischen Schienen und Gosse fährt - wäre da nicht der
Umstand, dass Radfahrer oft durch Radwege/-streifen genau dorthin
gezwungen werden. Warum polemisieren Unfallchirurgen nicht dagegen?
Da dieser Quatsch offensichtlich auch auf nicht mehr als anekdotischem
"Wissen" basiert, wenn's nicht ohnehin komplett aus der Luft gegriffen
ist: bei meinem Sturz, der mir u.a. sechs Rippen gebrochen und das
Schlüsselbein zertrümmert hat, bin ich mit dem kurzen Kinnbart über den
Asphalt gewischt und hatte nachher eine leichte Zerrung der
Nackenmuskulatur, die naheliegenderweise niemanden interessiert hat,
hatte mit dem Rest des Kopfes aber keinen Bodenkontakt. Der Ablauf:
plötzlicher Luftverlust im Vorderrad beim in die Kurve legen dürfte so
verschieden von "in Schiene eingefädelt" nicht gewesen sein.
_Wäre_ ich bei schwächerer Muskulatur und/oder fehlender Reaktion mit
dem Kopf aufgekommen, hätte mein Gesichtsschädel dran glauben müssen,
ein typischer Fahrradhelm hätte da nichts genützt.
Nachdem sich anfängliche Versuche eines statistischen Nachweises
weitgehend in Luft aufgelöst haben, je genauer man hinschaute, beruht
der Schutz durch Fahrradhelme weiterhin fast vollständig auf Glaube und
Hoffnung. Schon wer sich bei einem Sturz das Kahnbein schmerzhaft
geprellt hat und später eine leichte Schramme am Helm entdeckt, schwört
Stein und Bein, dass ihm oder ihr der Helm das Leben gerettet hat.
Wenn man bedenkt, dass die so schon sehr minimalistischen Anforderungen
an das Schockabsorptionsvermögen von Helmen beim Aufprall auf eine
glatte Oberfläche für Kanten wie etwa die von Bordsteinen weiter
reduziert wurden, dann wirkt es schon ziemlich naßforsch, dass
ausgerechnet ein zentrifugal beschleuigter Sturz auf eine Kante als
Beispiel für Helmschutz herbeifabuliert wurde.
Jeder seriöse Unfallforscher würde hier anmerken: dergleichen muss man
aktiv vermeiden, durch Abstand, durch aufmerksames Fahren, statt sich
durch Übervertrauen in ein im Laden erworbenes, bestenfalls marginales
Schutzmittel ein sicheres Gefühl zu verschaffen, das dann möglicherweise
genau das befürchtete "Pech" überhaupt erst verursacht.
>
>Erklaert natuerlich niemand, warum das beim Radfahren anders sein soll
>als beim Gehen oder Laufen (ein Fahrrad mit ueblicher Sitzhoehe
>vorausgesetzt).
Es gibt immer Unterschiede. Aber die Überschneidung zwischen Unfällen
von Fußgängern, die über eine Bordsteinkante, eine kaputtgefahrene
Bürgersteigplatte oder eine Baumwurzel stolpern, mit Unfällen von
Radfahrern, der bei langsamer Fahrt auf einem Radweg/Forstweg durch ein
übersehenes Schlagloch oder eine Baumwurzel zu Fall gebracht werden,
Joggern, die beim Lauf um die Ecke auf Sand wegrutschen mit Radfahrern,
denen dasselbe passiert, ist so groß, dass diese eiserne Fixierung von
Ärzten auf Radfahrer schon ziemlich manisch wirkt.
Man sollte sich immer wieder vor Augen führen, dass praktisch jeder
Erwachsene in Deutschland ein Fahrrad besitzt und wie wenige tödliche
Unfälle zu beklagen sind, bei der ingesamt doch recht beachtlichen Zahl
der Wege und Kilometer, die mit Fahrrädern zurückgelegt werden. Gern
unterschlagen wird auch, dass die Zahl der tödlichen Unfälle von
Radfahrenden seit den Sechzigern des letzten Jahrhunderts kontinuierlich
gesunken ist und seit gut zehn Jahren auf einem so niedrigen Niveau
herumdümpelt, dass genau _deswegen_ das Statistische Bundesamt jedes
zweite oder dritte Jahr eine geradezu unerhörte Steigerung von ein paar
Prozent berichten kann, was dann gerne von Klatschblättern wie dem
Spiegel und anderen noch mehr auf Krawall und Engagement geeichten
Medien aufgegriffen wird.
Nicht zu vergessen auch: was wir aktuell und weiterhin als "krassen
Anstieg der Zahl der im Verkehr tödlich verunglückten Radfahrer"
berichtet bekommen, haben wir überwiegend den motorisierten Fahrrädern
zu verdanken.
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Wir danken für die Beachtung aller Sicherheitsbestimmungen