Am 15.06.2022 um 18:54 schrieb Alexander Schreiber:
> Ralf Koenig <
ralfk...@xmg.de> wrote:
>> Am 14.06.2022 um 18:28 schrieb HC Ahlmann:
>>> Ralf Koenig <
ralfk...@xmg.de> wrote:
>>>
>>>> Es gibt also auch Sachen, wo so eine Fahrerin schlicht noch mehr
>>>> mitdenken muss als vorher schon. Dafür wird sie in anderen Situationen
>>>> etwas entlastet von der mental load her.
>>>
>>> Damit kommt zur Verkehrsbeobachtung die zeitweilige oder dauerhafte
>>> Überwachung der Automaten – das ist ein schlechtes Konzept, weil
>>> Aufmerksamkeit nicht beliebig teilbar oder zu vermehren ist.
>>>
>>> "Kurve, 274-70, 75 auf dem Tacho, trockene Straße – passt" ist ein
>>> verbreitetes Herangehen, das durch schlecht impiizierte Automaten zu
>>> "Kurve, wackliges 274-70, flackernd Licht und Schatten, 75 auf dem
>>> Tacho, trockene Straße – ob der Assistent bremst?" oder gar "...was
>>> macht die Karre?!" wird.
>>> Kann man machen, muss man aber nicht.
>>
>> Genau das ist aber richtiges Level 2-Fahren. Die Fahrerin muss permanent
>> für alle aktivierten Level-2-Systeme mitdenken. Was sie tun, und ob sie
>> was sinnvolles tun werden.
>
> *aua*
>
> Sich also nicht nur aufs Fahren konzentrieren,
Die Level 2 Systeme richtig zu nutzen, ist ja dann *Teil* der
Fahraufgabe des Menschen. Also ist es auch "aufs Fahren konzentrieren".
Um so mehr Assistenz, muss man halt erstmal auch mehr lernen und prüfen.
> sondern auch noch
> versuchen, vorherzusagen wie die diversen Helferlein (die aus Sicht
> des durchschnittlichen Fahrers schlicht eine black box sind) sich
> verhalten und das mit einplanen? Prima, so kann man die Fahrerei
> auch _noch_ anstrengender machen.
Kann, muss nicht. Ist ein Abwägen:
>> Die Assistenzsysteme assistieren, aber die Verantwortung bleibt ja beim
>> Fahrer. Also muss der Fahrer vorher wissen/ahnen, wie seine
>> Assistenzsysteme arbeiten oder reagieren werden und diese passend zur
>> Umgebung parametrieren, z.B. an- und ausschalten. Oder Parameter anpassen.
>
> Ich nehme an, es gibt dazu von den Herstellern ausgiebige Unterlagen
Manche haben noch die gedruckte Bedienungsanleitung, die längst Buchform
hat. Andere haben das im Display des Fahrzeugs zum Selbststudium.
So vermutlich die Antwort der Autoindustrie.
> und
> auch Schulungen, wie man auf die Helferlein aufpasst?
Die Hersteller, die sich Mühe geben, haben wohl Hinweise in der
"digitalen Bordliteratur". Der Begriff "Schulung" ist ja dehnbar.
Schon vor vielen Monden war meine Idee, dafür einen Zusatz für die
Fahrerlaubnis (dann aber herstellerübergreifend) zu machen. Das wäre
eine recht konsequente regulatorische Form gewesen. Auch
Bestands-Fahrerlaubnis-Inhaber hätten dann den
"Fahrautomaten-Zusatzschein" gebraucht, wenn sie ein Auto mit den
Funktionen steuern.
>> Vermutlich deshalb wird Level 2 auch unbeliebt sein.
>
> Ach wirklich?
>
> Teile von Level 2 (Distronic, Spurhalteassistent) habe ich ja schon
> bei Mietfahrzeugen erlebt. Im Prinzip ganz nett, aber so recht trau
> ich dem nicht und die Versuchung ist bei sowas immer da "hey, geht
> doch" zu sagen und weniger aufzupassen. Z.B. Spurhalteassistent hat
> auf der Autobahn beeindruckend gut funktioniert (inklusive Kurven-
> fahrt) und in der Stadt praktisch gar nicht (was mich aus offen-
> sichtlichen Gründen nicht überrascht hat) -
Steht typisch auch im Handbuch: Spurhalteassistent ist nicht für Einsatz
in der Stadt vorgesehen.
> aber mehr als ein
> paar Minuten zum Ausprobieren hatte ich ihn nicht aktiviert.
Dann hast du deine Verantwortung ja gut wahrgenommen und passend zur
jeweiligen Umgebung verantwortlich gehandelt.
> Distronic ist ganz nett, aber IMHO keine signifikante
> Erleichterung gegenüber dem Tempomat, da man nach wie bremsbereit
> sein sollte.
Natürlich sollte "man".
Meine Einschätzung ist aber ein bisschen anders: der klassische "dumme"
Tempomat hätte so nicht erlaubt werden sollen. Das ist wie ein
Fire-and-Forget-Lenkflugkörper (abfeuern und vergessen): aktivieren,
vergessen, irgendwann knallt es. Kaum ist jemand unkonzentriert oder
müde, semmelt das Ding irgendwo rein.
Die simple klassische Konstant-Tempomatfunktion hätte wenigstens noch
ein Ablauflimit gebraucht, z.B. alle 2 min aktiv neu gestartet werden zu
müssen. Und eine Deaktivierung vor Kurven, denn da wird ja nix einbezogen.
Der Abstandsregeltempomat kommt aus meiner Sicht der Tempomatform näher,
wie eigentlich eine Assistenzfunktion in Längsrichtung (wenn sie
angeboten wird) generell realisiert sein sollte. Eine Funktion, die
"nach vorn geht" sollte auch ein ausgleichendes Element enthalten,
welche die Funktion wieder "zurückdrückt".
>> Und jene Fahrer,
>> die Kontrolle abgeben wollen, sehnen sich nach den SAE Leveln 4 und 5.
>> Also nach den Leveln, die dann die Bezeichnung "hochautomatisiertes
>> Fahren" auch irgendwie verdienen.
>
> Naja, SAE Level 4 wird aus guten Grund auch "suicide mode" genannt.
> Sieht man schön demonstriert wenn der Tesla "Autopilot" Sekunden vor
> dem Einschlag sagt "Hey Fahrer, das ist mir jetzt zu schwer, mach
> Du mal".
Tesla ist regulatorisch bei Level 2, nicht Level 4. Deshalb "darf" das
dieses System auch so. Nur das Tesla-Marketing ist schon bei Level 42. :-D
Und meine Sicht: der klassische Tempomat ist ja schon "suicide mode". :-(
Das, was du da beschreibst, wäre eher Level 3, mit der Erwartung, dass
die Fahrerin nach Aufforderung (mit ausreichend Vorlauf) angemessen
übernimmt.
Level 4 kann die Anforderung erteilen, die Fahrerin möge doch bitte (mit
ausreichend Vorlauf) übernehmen, aber das System erwartet nicht mehr,
dass sie übernimmt.
Grüße,
Ralf