Platon Gorgias

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Francisca Noggles

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Aug 5, 2024, 2:46:29 PM8/5/24
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DerGorgias (griechisch Γοργίας Gorgas) ist ein in Dialogform verfasstes Werk des griechischen Philosophen Platon, zu dessen umfangreichsten Schriften er zhlt. Den Inhalt bildet ein fiktives, literarisch gestaltetes Gesprch. Platons Lehrer Sokrates diskutiert mit dem berhmten Redner Gorgias von Leontinoi, nach dem der Dialog benannt ist, sowie dessen Schler Polos und dem vornehmen Athener Kallikles.

Eine Einigung wird nicht erzielt. Weder kann Sokrates seine Gesprchspartner berzeugen, noch gelingt es ihnen, seine Argumentation zu entkrften. Gorgias, Polos und Kallikles machen zwar einige Zugestndnisse, doch im Wesentlichen bleibt jeder bei seiner Ansicht.


Die Gesprchspartner des Sokrates sind Gorgias, Polos, Kallikles und Chairephon. Bei Gorgias, Polos und Chairephon handelt es sich sicher um historische Gestalten. Dass auch Kallikles tatschlich gelebt hat, ist frher oft bezweifelt worden, gilt aber heute als wahrscheinlich.[4] Gorgias und Polos stammten aus dem griechisch besiedelten Teil Siziliens. Die Heimatstadt des Gorgias war Leontinoi, das heutige Lentini, die des Polos war Akragas, das heutige Agrigent. Gorgias, ein gefeierter Redner und Lehrer der Rhetorik, kam 427 v. Chr. nach Athen. Dort erregte er mit seiner auergewhnlichen Beredsamkeit groes Aufsehen, sein Stil wurde richtungweisend.[5] Mitunter wird er zu den Sophisten gezhlt, den damals umherziehenden Wanderlehrern, die Jnglingen der Oberschicht ein als ntzlich betrachtetes Wissen gegen Entgelt beibrachten. In der Forschung ist allerdings umstritten, ob diese Bezeichnung auf Gorgias zutrifft.[6] Sein Schler und Begleiter Polos war nach Platons Darstellung zum Zeitpunkt der Dialoghandlung noch jung und unerfahren, hatte aber bereits ein Rhetorik-Lehrbuch verfasst. Das Lehrbuch gab es wirklich, Aristoteles hat daraus zitiert.[7] Kallikles, der Gastgeber des Gorgias, war ein junger, aristokratisch gesinnter Athener von vornehmer Herkunft mit politischen Ambitionen. Platons Schilderung zufolge war er gebildet, schtzte die Redekunst und verfgte ber einige Kompetenz im philosophischen Diskurs; als nchterner Pragmatiker und Techniker der Macht verachtete er aber die Philosophen ebenso wie die Sophisten, denn er sah in ihnen untchtige Schwtzer.[8] Chairephon war ein Altersgenosse, Freund und Schler des Sokrates und begeisterte sich fr dessen Philosophie.


Sokrates und Chairephon sind gekommen, um einen Vortrag des Gorgias zu hren. Da sie sich versptet haben, ist ihnen das Erlebnis entgangen. Als Gastgeber des Gorgias macht sie Kallikles darauf aufmerksam, dass sein Gast bereit ist, beliebige Fragen zu beantworten. Man begibt sich ins Haus des Kallikles, wo nun die Gelegenheit besteht, den berhmten Meister der Rhetorik zu konsultieren.[13]


Sokrates schlgt Chairephon vor, den Dialog mit der Frage zu erffnen, was Gorgias sei, das heit, worin seine berufliche Ttigkeit bestehe. Polos mischt sich ein, er will anstelle seines nach dem Vortrag etwas ermdeten Lehrers die Fragenbeantwortung bernehmen. Die ntige Kompetenz traut er sich ohne weiteres zu. Auf Chairephons Frage antwortet er aber nicht mit der verlangten Auskunft, sondern mit einem allgemeinen, rhetorisch ausgestalteten Lob der Rhetorik, welche die bedeutendste aller Knste sei. Sokrates greift ein und stellt missbilligend fest, Polos knne zwar gut reden, gehe aber nicht auf die gestellte Frage ein. Gefragt wurde nach einer Begriffsbestimmung der Rhetorik, nicht nach einem Urteil ber sie. Daraufhin ergreift Gorgias selbst das Wort.[14]


Polos weist auf den groen politischen Einfluss der Redner hin, aus dem er den Rang und Wert der Rhetorik ableitet. Sokrates widerspricht ihm. Nach seinem Verstndnis, das er nun erlutert, verfgen die Redner nur scheinbar ber auerordentliche Macht. Anscheinend knnen sie nach Belieben ihren Willen durchsetzen. Ebenso wie Tyrannen sind sie imstande, willkrlich Todesurteile, Vermgenskonfiskationen und Verbannungen herbeizufhren. In Wirklichkeit sind aber gerade sie die machtlosesten Menschen, wenn man unter Macht die Fhigkeit versteht, fr sich selbst etwas Gutes, Erstrebenswertes zu erreichen. Da sie nicht wissen, was das Beste ist, knnen sie es auch nicht fr sich bewirken, sondern sie erreichen nur das, was sie irrtmlich fr das Beste halten. Sie knnen zwar viel ausrichten, aber vom Ziel jedes Menschen, fr sich das Beste zu verwirklichen, sind sie weiter entfernt als alle anderen. Daraus ist ihre Machtlosigkeit ersichtlich. Sie suchen ihren Vorteil, fgen sich aber aus Unwissenheit nur Schaden zu.[20]


Den Lebensentwurf des Kallikles kritisiert Sokrates mit dem Hinweis auf die Unersttlichkeit der Bedrfnisse, die Erfllung ausschliee. Dieses Argument beeindruckt Kallikles jedoch nicht, denn auch diesbezglich ist sein Konzept fundamental anders. Fr Sokrates ist ein dauerhaft optimierter Gemtszustand erstrebenswert, Kallikles hingegen kann einer solchen Zielsetzung nichts abgewinnen. Er pldiert zwar fr Bedrfnisbefriedigung als hchstrangiges Ziel, erwartet von ihr aber keinen andauernden Glckszustand und hlt einen solchen nicht einmal fr wnschenswert, denn fr ihn ist alles Statische unlebendig wie ein Stein. Es gibt keine permanente Lust, sondern der Genuss ist seiner Natur nach dynamisch und erfordert einen fortwhrenden Wechsel von Lust und Unlust. Gleichnishaft ausgedrckt muss vorhandene Lust abflieen wie Flssigkeit aus einem lchrigen Fass, damit neue hinzuflieen kann, und das Hinzuflieen erzeugt den Genuss. Aus dieser Perspektive betrachtet ist die Lchrigkeit des Fasses nicht, wie Sokrates meint, ein Unglck, sondern die Voraussetzung fr ein lustvolles Leben.[35]


Fr Sokrates beruht die genussorientierte Wertordnung auf der irrigen Gleichsetzung des Angenehmen und der Lust mit dem Guten. Daher versucht er zu zeigen, dass das Gute und Erstrebenswerte nicht mit dem Angenehmen oder Genussreichen identisch sein knne. Er gibt zu bedenken, eine Begierde sei Ausdruck eines Mangels und daher unangenehm, ihre Befriedigung hingegen genussvoll. Mit der Befriedigung hre die mit dem Mangel verbundene Unlust auf, zugleich aber auch der Genuss. Das Gute hingegen ende nicht zugleich mit dem Schlechten, sondern es beginne mit dem Ende des Schlechten und umgekehrt. Somit sei die Gleichsetzung des Guten mit dem Genuss falsch. Auerdem sei auch fr Kallikles die Gutheit mit Tapferkeit und Klugheit verbunden, die Schlechtigkeit mit Feigheit und Dummheit. Die Lust der Feigen sei aber nicht geringer als die der Tapferen. Somit bestehe kein Zusammenhang zwischen Lust und Gutheit einerseits und zwischen Unlust und Schlechtigkeit andererseits. Die Lust knne nicht schlechthin gut sein. Nun gibt Kallikles zu, dass es gute und schlechte Lust und auch gute und schlechte Unlust gebe; schlechte Lust sei zu meiden, denn nur Gutes knne erstrebenswert sein. Damit widerfhrt Kallikles das, was er zuvor bei Gorgias und Polos angeprangert hat: Seine Scham wird ihm zum Verhngnis. Er kann seine radikal hedonistische Position nicht konsistent durchhalten, ohne Lste zu verteidigen, die auch aus seiner Sicht schimpflich sind, etwa die von Sokrates angefhrte Lust des Kinderschnders. Somit sieht er sich gezwungen, die Lust einer ethischen Bewertung zu unterwerfen.[36]


Nachdem Sokrates dargelegt hat, dass die Lust und das Gute nicht zusammenfallen, sondern verschieden sind, illustriert er dies anhand verschiedener Ttigkeiten, die ausschlielich auf Genuss abzielen und nicht darauf, die Menschen besser zu machen. Diese Beschftigungen zhlt er zur Schmeichelei. Als Beispiele nennt er die Musik, das Theater, die Dichtkunst und die Rhetorik. In seine Kritik an der Rhetorik bezieht er sogar die berhmtesten Staatsmnner Athens ein, die als Redner den Staat gelenkt haben: Themistokles, Kimon, Miltiades und Perikles. Diese htten sich an ihren unguten Begierden und an den Wnschen der Menge orientiert statt an den tatschlichen Erfordernissen der Staatsfhrung. Sie htten sich nicht bemht, in den Seelen ihrer Mitbrger Ordnung zu schaffen. Das sei jedoch die Aufgabe derer, die als Redner Lenkungsfunktionen ausbten.[37]


Sokrates hat versucht, das Gesprch mit zahlreichen Fragen an Kallikles interaktiv zu fhren und ihn so auf Schwchen des Hedonismus aufmerksam zu machen. Schlielich weigert sich Kallikles, sich weiter mit Fragen in die Enge treiben zu lassen. Er wirft dem hartnckig nachbohrenden Sokrates Zudringlichkeit vor und will sich nicht mehr an der Debatte beteiligen. Gorgias mchte aber noch Nheres ber die Alternative erfahren, die Sokrates dem Weltbild seines Widersachers entgegensetzt. Sokrates willigt ein, sein Konzept zusammenhngend darzulegen.[38]


Die Aufgabe des Staatsmanns sieht Sokrates darin, die Brger zu besseren Menschen zu machen. Wer dazu nicht in der Lage ist, weil ihm dafr die Qualifikation fehlt oder weil die bestehenden Verhltnisse es nicht gestatten, der sollte nicht nach politischer Macht streben. Nach diesem Mastab haben sich die vier von Sokrates kritisierten berhmten Staatsmnner Themistokles, Kimon, Miltiades und Perikles nicht bewhrt. Sie sind alle beim Volk von Athen in Ungnade gefallen, wurden vor Gericht gestellt oder verbannt. Davor hat sie ihre vielgerhmte Redekunst nicht bewahrt. Also hat sich die Rhetorik letztlich als unwirksam erwiesen. Wenn die vier Staatsmnner die Athener zu besseren Menschen gemacht htten, so htten sich diese nicht undankbar gezeigt und wren nicht gegen ihre Wohltter vorgegangen. In Wirklichkeit haben die vier nur danach gestrebt, dem Volk gefllig zu sein. Daher haben sie den gesellschaftlichen Niedergang nicht verhindert, sondern gefrdert. Die gegenwrtigen Politiker sind in dieser Hinsicht ebenso untauglich und berdies fehlt ihnen die Tatkraft ihrer Vorgnger. Diesem Irrweg stellt Sokrates sein Politikerideal entgegen, wobei er allerdings einen Zweifel daran anklingen lsst, dass sich jemand findet, der es verwirklichen kann.[42] Wer ein guter Ratgeber des Volkes sein will, verhlt sich zu ihm wie ein Arzt, der eine bentigte Therapie vorschreibt, ob sie dem Patienten willkommen ist oder nicht. Sokrates selbst bettigt sich in diesem Sinne. Wegen seiner offenen Kritik an seinen Mitbrgern muss er aber damit rechnen, dass sie ihn anklagen und ihm nach dem Leben trachten. Das nimmt er in Kauf.[43]

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