Zum Blog-Eintrag: Hypertext (6): Hypertext und Informationsaufnahme (FAZIT)

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King^Lully

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Jun 17, 2007, 7:31:13 PM6/17/07
to Webkompetenz-Forum
"Zusammenfassend könnte man sagen, dass Hypertext gegenüber linearen
Medien tendenziell eher nachteilig bewertet wird. Was dabei jedoch
meist nicht hinterfragt wird, ist die Art, wie Informationsaufnahme
vorgeblich zu funktionieren hat. Wird unter Informationsaufnahme eher
die klassische, zeitlich begrenzte Wissensaneignung (lerne bis dahin
und dann wird dein Wissen abgefragt) verstanden, so dürften die
hypertext-kritischen Studien Recht behalten. Wird dagegen von einer
spielerischen, zwanglosen und zeitlich stresslosen Wissensaneignung
ausgegangen, so kann Hypertext seine Vorteile eher ausspielen, und
zwar erst Recht in Umgebungen, die zusätzlich die Kommunikation mit
anderen Teilnehmern zulassen." (FAZIT)
-> http://webkompetenz.blogspot.com/2007/06/hypertext-6-hypertext-und.html

Ich stehe auf Fazite, da gibts dann meist Handfestes, Hausmannskost so
zu sagen, im Unterschied zum üblichen Relativismus.

Du stellst fest, dass "Hypertext gegenüber linearen Medien tendenziell
eher nachteilig bewertet wird". Das Web ist doch Hypertext, jeder der
Dokus liest, dürfte Hypertext schätzen, jeder der recherchiert, dürfte
Hypertext schätzen. "Hypertext-kritische Studien", hmm, warum sagt
denn keiner ganz klar "Linerare Texte sind Mist, das sollen andere
machen."?
"Was dabei jedoch meist nicht hinterfragt wird, ist die Art, wie
Informationsaufnahme vorgeblich zu funktionieren hat.", mhja, was auch
nicht hinterfragt wird, ist wie die Realtität aufgebaut ist und wie
Informationen eigentlich real bereit stehen. Einigen wir uns darauf,
dass die Welt wie in ERM (-> http://de.wikipedia.org/wiki/Entity-Relationship-Modell)
beschrieben aufgestellt ist und dass Hypertext so zu sagen die
natürliche Präsentatinsschicht des Modells ist?

Stefan Münz

unread,
Jun 18, 2007, 5:57:54 AM6/18/07
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Hallo King^Lully,

> Du stellst fest, dass "Hypertext gegenüber linearen Medien tendenziell
> eher nachteilig bewertet wird". Das Web ist doch Hypertext, jeder der
> Dokus liest, dürfte Hypertext schätzen, jeder der recherchiert, dürfte
> Hypertext schätzen. "Hypertext-kritische Studien", hmm, warum sagt
> denn keiner ganz klar "Linerare Texte sind Mist, das sollen andere
> machen."?

Vielleicht weil lineare Texte nicht einfach grundsätzlich Mist sind?
*g*

Es ist kein Zufall, dass sich Hypertext im Bereich der Belletristik
bislang überhaupt nicht durchsetzen konnte, obwohl man da durchaus
Interessantes machen kann, wie Geschichten mit mehreren potentiellen
Handlungsverläufen (Parallelrealitäten) usw. Der Grund ist einfach,
dass eine Geschichte nur Spaß macht, wenn sie spannend erzählt wird,
und wenn das der Fall ist, mag man keine Szenarien und keine
Klickerei. Da kann sich Bertold Brecht postum noch so aufregen - eine
Geschichte macht nur Spaß ohne Entfremdungseffekte.

Was die Hypertextstudien betrifft: die bekannten davon, wie die
Schnotz-Studie etwa, kannten noch kein modernes Web. Und der andere
Punkt ist die Zielausrichtung. Wer berim Programmieren oder für einen
Artikel recherchiert, wird Hypertext in der Tat schätzen. Aber wer bis
Anfang nächster Woche den 30jährigen Krieg pauken soll, will ja nicht
recherchieren, sondern nur in möglichst kurzer Zeit möglichst viel in
sein Gedächtnis hineinfressen. Und dafür ist eine Straight-Ahead-
Lösung "Seite für Seite" wohl besser geeignet.

> was auch
> nicht hinterfragt wird, ist wie die Realtität aufgebaut ist und wie
> Informationen eigentlich real bereit stehen. Einigen wir uns darauf,
> dass die Welt wie in ERM (->http://de.wikipedia.org/wiki/Entity-Relationship-Modell)
> beschrieben aufgestellt ist und dass Hypertext so zu sagen die
> natürliche Präsentatinsschicht des Modells ist?

Wir können uns darauf einigen. Aber dass wir uns die Realität so
vorstellen, ist kein Naturgesetz, sondern selbst ein Stück
Geistesgeschichte. Wir sind gewohnt, von einem Gegenstand oder einer
Person ausgehend zu fragen: mit welchen anderen Gegenständen oder
Personen steht dieser Gegenstand, diese Person in Beziehung, und
welcher Art ist diese Beziehung. Vor zwei, drei Jahrhunderten hat man
dagegen stur gefragt: "woher kommt" dieser Gegenstand, diese Person
(Ursachenforschung). Deshalb dominierten andere wissenschaftliche
Methoden und andere wissenschaftliche Zweige. Und es dominierte die
Informationspräsentationsform der "Abhandlung". Die Abhandlung wollte
möglichst vollständig und endgültig eine Ursachenkette beschreiben.
Mit der modernen Beziehungslehre ist die alte Ursachen-Wirkungs-Denke
nicht einfach über Bord geworfen worden. Sie ist vielmehr darin
aufgegangen: Ursachen und Wirkungen sind eine von vielen möglichen
Beziehungsarten. Klar, dass diese Vorstellungswelt eine neue, andere
Informationspräsentationsform als die "Abhandlung" benötigt. Sie
benötigt Hypertext. Doch so wie das Ursache-Wirkungsprinzip durch die
Beziehungslehre nicht aufgehoben, sondern integriert wird, werden
lineare Abhandlungen durch Hypertext nicht zwangsläufig unsinnig. Sie
werden vielmehr Teil davon - eine einzelne Abhandlung kann selbst ein
Topic in einem Hypertext-Web sein.

Das wird ja ein richtig philosophisches Parkett hier ;-)

viele Grüße
Stefan Münz

King^Lully

unread,
Jun 18, 2007, 6:55:32 AM6/18/07
to Webkompetenz-Forum
> > Du stellst fest, dass "Hypertext gegenüber linearen Medien tendenziell
> > eher nachteilig bewertet wird". Das Web ist doch Hypertext, jeder der
> > Dokus liest, dürfte Hypertext schätzen, jeder der recherchiert, dürfte
> > Hypertext schätzen. "Hypertext-kritische Studien", hmm, warum sagt
> > denn keiner ganz klar "Linerare Texte sind Mist, das sollen andere
> > machen."?
>
> Vielleicht weil lineare Texte nicht einfach grundsätzlich Mist sind?
> *g*

Schon klar. ;)
Was wird denn von der These gehalten, dass Hypertext eine Obermenge
von Text darstellt, die selbstverständlich den "linearen" Text
beinhaltet? "Linearer" Text wäre dann Hypertext ohne Verlinkung und
ohne andere Features.
Das Web beherbergt ja auch den o.g. einfachen Texttyp.
Das "Hyper" am Hypertext ist doch nur ein Feature vgl. mit dem flachen
Text, wie kann ein optional nutzbares Feature schlecht sein? Muss man
den Leser vielleicht vor sich selbst schützen, damit der in bestimten
Fällen auch schön linear konsumiert, wenn es gewünscht (von den
typisch deutschen bevormundern z.B. ;) ist?
Wäre unter den o.g. Umständen ein Vergleich "Hypertext<->Text"
überhaupt sinnvoll?

> Mit der modernen Beziehungslehre ist die alte Ursachen-Wirkungs-Denke
> nicht einfach über Bord geworfen worden. Sie ist vielmehr darin
> aufgegangen: Ursachen und Wirkungen sind eine von vielen möglichen
> Beziehungsarten.

Das Ursachen-Wirkungs-Denken als Vorläufer des Objekt-Beziehungs-
Denken? Mann, Du hast Ideen. Es ist klar, dass vor der abendländischen
Aufklärung auch gedacht worden sein muss, und dem Wahnsinn verfallen
waren damals ja auch nicht alle.

Ich habe mir die voraufklärerische Zeit so vorgestellt, dass die
Menschen nicht Informationen aufgenommen haben, um sich im Anschluss
eine Meinung zu bilden (kein wirklich revolutionäres Konzept, aber
früher wohl eher wenigen vorbehalten, die Realität sprach auch nicht
gerade für die Sinnhaftigkeit dieses Konzepts), sondern gleich die
fertige Meinung.

An vielen Wörtern ist das noch erkennbar, nehmen wir bspw. das Wort
Gerechtigkeit, dass früher dem Sinn nach Richtigkeit bedeutete und
jetzt von einer persönlichen Befindungsschicht überlagert wird, die in
etwa "was ich richtig finde" bedeutet (wobei sich King^Lully gerade
dann oft in die voraufklärerische Zeit zurückwünscht).

Stefan Münz

unread,
Jun 19, 2007, 4:36:05 AM6/19/07
to Webkompetenz-Forum
Hallo King^Lully,

> Was wird denn von der These gehalten, dass Hypertext eine Obermenge
> von Text darstellt, die selbstverständlich den "linearen" Text
> beinhaltet? "Linearer" Text wäre dann Hypertext ohne Verlinkung und
> ohne andere Features.

Was die "einfachen" Textsorten betrifft, so kann ich diese These
unterstützen. Da kann man einfach hunderte, tausende von
Inhaltseinheiten mit "einfachem, linearen Text" nebeneinander anordnen
und mittels Verlinkung verschiedene "Hyper-Netze" darüber aufspannen.
Beispiel Wikipedia: lauter gleichberechtigt nebeneinander angeordnete
Artikel, bestehend aus einfachem Text (mit direkten Hyperlinks zu
anderen Artikeln), aber ganz verschiedene Zugangsweisen für den
Anwender. Der kann direkt suchen, Indexverzeichnisse benutzen,
Themenportale oder Extra-Zugangsformen wie den "Artikel des Tages".
Allerdings gibt es auch dort noch genügend Abgrenzungsprobleme. Wenn
eine Stadt beispielsweise zugleich ein Bundesland ist, wie bei Bremen
der Fall, und es werden sowohl Städte als auch Bundesländer in jeweils
eigenen Artikeln beschrieben, so sollten die Artikel für die Stadt
Bremen und das Bundesland Bremen inhaltlich voneinander abgegrenzt und
aufeinander abgestimmt werden. Diese Problematik, eine Inhaltseinheit
thematisch so abzugrenzen, dass sie sich mit "nahestehenden" anderen
Inhaltseinheiten ergänzt, ist sehr typisch für Hypertext, und oft wird
sie sehr schlecht gelöst. Besonders bei großen Unternehmen und
Organisationen kommt es immer noch häufig vor, dass die
Profilierungssucht einzelner Abteilungen oder deren Leiter dafür
sorgt, dass Inhalte redundant in unterschiedlicher Gewichtung,
Ausführlichkeit und Färbung behandelt werden, was für den Anwender
sehr verwirrend ist, weil der nie weiß, ob er, wenn er zu einem Thema
etwas gelesen hat, wirklich alles gelesen hat, was es auf der Site zu
dem Thema gibt.

Einfach ist es also bei Textsorten, die von sich aus in sich
abgeschlossen sind, also wie etwa Artikel (egal ob Nachricht,
Blogbeitrag usw.) oder Inhalte aus Datensätzen (z.B. Kochrezept,
Kontaktdaten usw.). Schwieriger ist es dagegen bei einer umfangreichen
Dokumentation, z.B. zu einer Programmiersprache, denn da muss der
gesamte zu vermittelnde Inhalt in ein sinnvolles Geflecht
übersichtlicher Inhaltseinheiten aufgeteilt werden, die sich durch
Verlinkung gegenseitig ergänzen. In diesem Fall sollten eigentlich
erst einmal die gewünschten "Hyper-Netze" gespannt werden, um davon
ausgehend zu entscheiden, welche Inhaltseinheiten benötigt werden, und
wie diese sich voneinander abgrenzen müssen. Die Textproduktion sollte
sich in solchen Fällen also bereits von vorneherein an der Hypertext-
Struktur orientieren. Dabei kann man dann nicht mehr sagen, dass
Hypertext einfach eine Obermenge ist, denn die Einzeltexte würden ohne
ihre Hypertext-Integration vermutlich anders aussehen.

viele Grüße
Stefan Münz

King^Lully

unread,
Jun 19, 2007, 6:41:08 AM6/19/07
to Webkompetenz-Forum
Gemeint war von Uns:
- dass "linearer" Text und Hypertext nicht verglichen werden können
- denn Hypertext (vgl. Säugetiere) bildet die Obergruppe von "linearem
Text" (vgl. Michkuh)
- alles was "linearer Text" kann, kann auch Hypertext, Hypertext ohne
Features ist (fast) "linearer Text"
- "linearer Text" erzwingt (bzw. versucht zu erzwingen) den
sequentiellen Konsum durch den Leser
- was überhaupt für "linearen Text" spricht, ist der Datenträger auf
dem er oft kommt: Papier
- der Datenträger Papier hat neben gewissen ergonomischen Vorteilen
(Wer nimmt sich schon gerne ein warmes und rauschendes (stinkendes? ;)
Laptop zum Lesen?) auch wichtige Nachteile

MKG!
Lully

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