Zum Blog-Eintrag:
http://webkompetenz.blogspot.com/2007/03/die-blogs-und-das-authentische.html
"Um Authentisches auf sich wirken zu lassen, muss man sich als
Rezipient, also als Blog-Leser, entweder von allen Denkschubladen frei
machen und wie Jiddu Krishnamurti fordert zum reinen, aufmerksamen und
nicht wertenden Betrachter werden. Oder man tut das Gegenteil und
muss, um die authentische Flut zu bewältigen, alles erst mal in
Schubladen einordnen, also die Vorverdauung selbst besorgen."
Kann das mal jemand an einem Beispiel verdeutlichen, verstehe kein
Wort. (Vielleicht hilft es schon ein wenig, wenn die wichtigsten
Unterschiede zwischen Blog-Publikationen und "herkömmlicher
Lesenahrung" einmal genannt werden.)
Ist andere Lesenahrung nicht authentisch? (Kenne Blogs, deren
Betreiber ziemlich authentisch darin sind nicht authentisch zu wirken
- wenn ich das mal so ausdrücken darf.)
Und wie macht man sich von allen Denkschubladen frei?
"Egal für welchen Weg sich der Blog-Leser entscheidet: für Beides ist
ein letztlich gewisses, nicht ganz niedriges Reflexionsniveau
erforderlich - wir nennen es hier ,,Webkompetenz"."
Daran mangelt es Uns natürlich nicht. ;)
MKG!
> Kann das mal jemand an einem Beispiel verdeutlichen, verstehe kein
> Wort.
*g* - beim eigenen Blog erlaube ich mir halt auch mal, meine alte
philosophische Ader zu reanimieren. Ich habe jedenfalls nicht unter
Drogen gestanden, als ich das geschrieben habe, sondern vorher und
nachher PHP programmiert ;-)
Wenn du im Internet - hier: in einem Blog - etwas liest, was dich
ärgert oder abstößt oder befremdet, was aber von demjenigen, der es
geschrieben hat, ganz im Ernst und mit voller Überzeugung so gemeint
ist, dann hast du verschiedene Möglichkeiten, darauf zu reagieren. Du
kannst es einfach wegklicken. Wahrscheinlich tun das sogar die
meisten. Damit bleibst du du selbst, aber du hast auch keine
Bereitschaft gezeigt, dich ernsthaft mit dem, was der Blogger dir da
in deinen Kopf schieben wollte, auseinanderzusetzen, und wenn du nicht
ganz dumm bist, weißt du auch, dass du nur dazulernen kannst, wenn du
deinen Geist nicht nur mit Sachen fütterst, die er eh schon kennt und
liebt.
Wenn du dich mit etwas, was dir aufstößt, dich ärgert oder befremdet,
ernsthaft auseinandersetzen willst, brauchst du eine Strategie, allein
schon, um die Bequemlichkeit zu überwinden, die dir einredet "lass
doch den Quatsch, das ist ein Depp/Stümper/Knallschädel/Eierkopf/...,
mit dem brauchst du dich gar nicht weiter auseinanderzusetzen" . Eine
mögliche Strategie für eine solche Überwindung liefert Jiddu
Krishnamurti.
Jiddu Krishnamurti ist einer der Denker oder besser gesagt Weisen, die
ich am meisten bewundere. Seine "Lehre" besteht im Kern darin, sich im
"interesselosen Schauen" zu üben. Das bedeutet, man soll mal aufhören,
dauernd sich selbst, andere oder das System ändern zu wollen, sondern
ganz einfach mal Augenblick für Augenblick das Leben sich leben
lassen. Keine bekannten Maßstäbe ansetzen, keine Erklärungsmodelle
anwenden, sondern einfach nur wahrnehmen. Das führt nach Krishnamurti
nicht einfach zu interesseloser Betrachterei, sondern reinigt den
Geist so, dass er frei wird für eigenes Denken und Handeln. Schlag
mich nicht - ich kann das nicht so schön beschwörerisch sagen wie
Krishnamurti es in seinen zahllosen Vorträgen tut, von denen es
Mitschriften und Videos gibt. Eine Textauswahl auf Englisch gibts
hier:
http://jiddu-krishnamurti.net/en/index.php
Eine andere mögliche Strategie wäre, bewusst mal alles, was einem an
dem fremden Inhalt aufstößt oder ärgert, festzuhalten und z.B. ganz
bewusst seine eigenen Ansichten darunter schreiben. Kann man
öffentlich machen, etwa in einem Blog-Kommentar, oder privat und
lokal, indem man sich den auslösenden Text einfach mal rauskopiert.
Sozusagen ganz bewusst und systematisch die eigenen Denkmuster
anwenden. Dabei kann es nämlich leicht passieren, dass man ins Grübeln
gerät und eigene Standpunkte zu relativieren beginnt (was noch lange
nicht heißen muss, dass man gleich die Standpunkte der Gegenseite
übernimmt).
Insgesamt ist die Aussage diese: Authentizität bei Blog-Autoren ist
nichts wert, wenn sich die Rezipienten, also die Blog-Leser nur das
herauspicken, was sie richtig finden, und alles ausblenden, was sie
blöd finden. Denn so lernen sie nichts dazu. Um von der Authentizität
was zu haben, davon wirklich zu profitieren, muss man sie wahrnehmen,
sich mit ihr auseinandersetzen.
Uff, viele Worte - und keine Ahnung, ob es so verständlicher ist ;-)
viele Grüße
Stefan Münz