Die Statusphäre - Thronfolgerin der Blogosphäre?

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Stefan Münz

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May 12, 2009, 10:13:01 AM5/12/09
to Webkompetenz-Forum
Hallo,

vor etwas über zwei Jahren, als dieses Forum eröffnet wurde, gab es
das Web 2.0 auch schon. Trotzdem habe ich stark den Eindruck, als ob
sich auch in diesen zwei Jahren schon wieder unglaublich viel
verändert hat.

Drehte sich damals noch alles ums Bloggen, so sind es heute Twitter
und die neueren Social Networks, über die am meisten geredet wird.
Neulich bin ich dafür auf den treffsicheren und zum Ausdruck
"Blogosphäre" prima passenden Ausdruck "Statusphäre" gestoßen. Der
Ausdruck selbst ist zumindest im Englischen wohl schon älter und
bezeichnet dort laut Urban Dictionary die Welt der Schönen und Reichen
rund um Hollywood
(http://www.urbandictionary.com/define.php?term=statusphere).
Mittlerweile wird er aber auch dort immer häufiger im Zusammenhang mit
neueren Micro-News-Webanwendungen verwendet.

Was damit gemeint ist, werden wohl alle, die täglich mit den
Engabefeldern von Twitter, Facebook und Co. zu tun haben, sofort
verstehen. Es sind spontane Mini-Statements, die man dort abgeben
kann. Nichts, worüber man lange nachdenken muss. Entdeckt man einen
interessanten Artikel, postet man schnell mal den Link mit einem
kurzen Meinungskommentar dazu. Hat man sich gerade über irgendwas
geärgert, etwa den Kundensupport eines Internetproviders oder die
Verspätung bei der Bahn, kann man schnell eine kleine Wolke Dampf
ablassen. Hat man ein Faible für Sprachspielereien und
Wortschöpfungen, kann man seine neuesten Kreationen unkompliziert
festhalten und mitteilen. Manche verwenden die Status-Mitteil-
Anwendungen sogar für ihr persönliches Getting-Things-Done. Andere
wiederum machen sich zu sogenannten Watchern (Beobachtern) eines
bestimmten Themas und posten unentwegt alles, was sie dazu entdecken.

Und obwohl das alles erst mal sehr danach aussieht, als ob jeder
einzelne einfach nur vor sich hinzwitschert, ohne Interesse für das
Gezwitscher der anderen, so wird man, nachdem man sich erst mal näher
darauf eingelassen hat, nach einer gewissen Zeit eines Besseren
belehrt. Innerhalb der Statusphäre findet nicht nur ansatzweise,
sondern sogar massenhaft und sehr vielfältig Kommunikation statt. Da
wird gefragt und geantwortet, weitergesagt, argumentiert und
gekontert.

Das alles ist nur nicht mehr "tiefgründig" im Sinne der
abendländischen Diskurstradition. Abgesehen von ein paar genialen
Aphorismen lässt halt kaum irgendwas "Elaboriertes" in 140 (Twitter)
oder 420 (Facebook) Zeichen packen. Keine Chance für große Rhetorik,
kein Platz für lange Begründungen. Es bleibt bei Argumenten (statt
ganzen Theorien mit all ihrem Absolutheitsanspruch) und bei
Beobachtungen (statt ganzer Lebenserfahrungen mit all ihrem
bedrohlichen Besserwissen). Dadurch bleibt alles auf eine seltsame
Weise freundlich. Die Teilnehmer sind weniger mit der Pflege von
Verletzungen beschäftigt und haben dadurch mehr Zeit zum
Weiterzwitschern. Im Ganzen betrachtet, erhöht sich die Produktivität
beim Kommunizieren enorm.

Beim Bloggen ist das zumindest formal noch ganz anders. Dort ist noch
Platz genug, um wortreich über Ansichtengegner herzuziehen und aus
jedem Link ein Review mit aufgesetzter Richtermiene zu machen.
Allerdings machen viele Blogger gar nicht mehr so viel Gebrauch von
den unendlich vielen Zeichen, die ihnen beim Schreiben zur Verfügung
stehen. Viele von ihnen hatten schon seit Jahren einen Hang zum reinen
Statusmelden. Das ist wohl auch der Grund dafür, warum so manch ein Ex-
Blogger heute lieber twittert.

Statusphäre und Blogosphäre laufen derzeit parallel, und um die etwas
provokant gestellte Ausgangsfrage im Titel dieses Threads gleich
selber zu beantworten: nein, ich glaube nicht, dass die Statusphäre
die Blogosphäre oder andere Publikationsformen im Web verdrängen wird
(ich lass mir ja auch dieses "entschleunigte Forum" - Wortprägung:
Claudia Klinger - nicht wegzwitschern!). Sie ist jedoch eine mächtige
neue Sphäre, die genauso ernst genommen werden sollte wie die übrigen
Spären. Und die abendländische Diskurstradition wird um eine
interessante, sehr produktive Kommunikationstechnik bereichert.

viele Grüße
Stefan Münz

pschm...@googlemail.com

unread,
May 12, 2009, 11:11:34 AM5/12/09
to Webkompetenz-Forum
Sehr gelungene Darstellung dessen, was ich bei einem kürzlichen Besuch
in San Francisco wahrgenommen habe. Facebook und Twitter laufen
permenant, sowohl stationär am Arbeitsplatz oder zuhause oder
unterwegs auf iPhone oder Blackberry. Die reinen Kontaktplattformen
wie Xing oder LinkedIn werden im Vergleich nur sporadisch genutzt.

Außerdem verändert die Statusphäre die Art, wie sich Menschen im
Internet bewegen: Während Blogs - pauschal gesehen - einfach weitere
Websites sind, entwickeln sich Tweeds und Facebook-Einträge zu
hochindividuellen Info- und Kommunikations-Plattformen, die jeder
gestalten kann, wie er will.

Und ganz ehrlich: Wenn ich ein paar gute Twitterkanäle zu einem Thema
gefunden habe, dann bekomme ich oft wertvollere Infos und Links als
über jede Suchmaschine. Mal sehen, wie lange es dauert, bis auch hier
gezielte Werbung ihr Unwesen treibt...

Gruß,
Peter Schmid-Meil

Stefan Münz

unread,
May 12, 2009, 2:18:38 PM5/12/09
to Webkompetenz-Forum
Hallo Peter,

> Und ganz ehrlich: Wenn ich ein paar gute Twitterkanäle zu einem Thema
> gefunden habe, dann bekomme ich oft wertvollere Infos und Links als
> über jede Suchmaschine. Mal sehen, wie lange es dauert, bis auch hier
> gezielte Werbung ihr Unwesen treibt...

Twitter hat - im Gegensatz zu Facebook - ja auch eine richtig
ordentliche und schnelle Volltextsuche. Die haben wohl
weitsichtigerweise einen Teil ihrer Programmierpower in die
Entwicklung der Suche gesteckt. Dazu passt auch, dass diese Suche
demnächst nicht nur Twitter, sondern auch alle in Tweets verlinkten
Webseiten durchsuchen und als Suchergebnis präsentieren solll. Da so
ziemlich über alles gezwitschert wird und so ziemlich alles in
irgendwelchen Tweets verlinkt wird, würde ein Index entstehen, der
Google tatsächlich Konkurrenz machen könnte. Vor allem im Bereich
aktueller Inhalte wäre Twitter überlegen. Ich frage mich nur, wo die
das alles speichern wollen. Google hat ja satte Serverfarmen und
diverse funktionierende Geschäftsmodelle. Das alles hat Twitter
bislang nicht. Deren Server leiden schon jetzt manchmal bedenklich.

viele Grüße
Stefan Münz

Sky

unread,
May 12, 2009, 4:49:48 PM5/12/09
to Webkompetenz-Forum
Yo!

> Statusphäre und Blogosphäre laufen derzeit parallel, und um die etwas
> provokant gestellte Ausgangsfrage im Titel dieses Threads gleich
> selber zu beantworten: nein, ich glaube nicht, dass die Statusphäre
> die Blogosphäre oder andere Publikationsformen im Web verdrängen wird
> (ich lass mir ja auch dieses "entschleunigte Forum" - Wortprägung:
> Claudia Klinger - nicht wegzwitschern!). Sie ist jedoch eine mächtige
> neue Sphäre, die genauso ernst genommen werden sollte wie die übrigen
> Spären. Und die abendländische Diskurstradition wird um eine
> interessante, sehr produktive Kommunikationstechnik bereichert.

"Statussphäre", also Zustandshülle, ist recht treffend für diejenigen
Bereiche im Web in denen Sacharbeit kleingeschrieben wird, sich Leute
beschnüffeln oder ausstellen und die Find ich gut/Find ich nicht so
gut-Fraktion anzutreffen ist. Ganz neu scheint mir diese
"Kommunikationstechnik" aber nicht zu sein. Sowas soll es auch schon
in Vorwebzeiten gegeben haben.

Nachdem jetzt auch noch herausgekommen ist das Harald Schmidt -
http://twitter.com/BonitoTV - nicht Harald Schmidt ist und Politiker
bloggen lassen (! - u.a. Sportsfreund Gümbel) würde ich doch eher
meinen, dass die bezeichnete Kommunikationsform etwas für die anderen
ist, für die 140 bzw. 420 Zeichennutzer beispielsweise.

Da sind mir Blogs [1] schon lieber.

MFG
Sky

[1] Wobei hier ein Downswing festzustellen ist, hmmm, da wandern wohl
welche in der Tat ab...

ClaudiaK

unread,
May 15, 2009, 3:21:07 PM5/15/09
to Webkompetenz-Forum
@Stefan: du schriebst über die Kurzkommunikation per 140 Zeichen:

"Dadurch bleibt alles auf eine seltsame Weise freundlich. Die
Teilnehmer sind weniger mit der Pflege von
Verletzungen beschäftigt und haben dadurch mehr Zeit zum
Weiterzwitschern. Im Ganzen betrachtet, erhöht sich die Produktivität
beim Kommunizieren enorm."

Inwiefern erhöht sich die Produktivität? WELCHE Produktivität?

Statusmeldungen werden tatsächlich MEHR produziert - aber mindert das
nicht die Produktivität auf anderen Ebenen?

Wenn jedem Impuls gleich gefolgt, jede Idee geteilt, jedes Gefühl
gezeigt, jeder Gedanke übermittelt wird - was bleibt da übrig, um noch
zur Motivation für geplantes Handeln im Sinne wohl überlegter Zwecke
heran zu reifen?

Fragen über Fragen....

Stefan Münz

unread,
May 15, 2009, 5:49:36 PM5/15/09
to Webkompetenz-Forum
Hallo Claudia,

erst mal auch Danke fürs Tweeten auf Twitter und Friendfeed ;-)

> Statusmeldungen werden tatsächlich MEHR produziert - aber mindert das
> nicht die Produktivität auf anderen Ebenen?

Ehrlich gesagt schon. Wenn man sich stundenlang darauf einlässt, wird
man irgendwann blöde, oberflächlich, und sieht nur noch Fetzen. Mir
jedenfalls geht das manchmal so, und dann weiß ich, es ist Zeit, die
Statusphäre jetzt mal auszublenden, also ein paar Browser-Tabs zu
schließen, und sich wieder einer Welt zuzuwenden, die vollständigere
Portionen Gedanken und Sprache bietet, in der man richtig arbeiten
kann, und die irgendwie langsamer und besser für die Verdauung ist ;-)

> Wenn jedem Impuls gleich gefolgt, jede Idee geteilt, jedes Gefühl
> gezeigt, jeder Gedanke übermittelt wird - was bleibt da übrig, um noch
> zur Motivation für geplantes Handeln im Sinne wohl überlegter Zwecke
> heran zu reifen?

Hinter Sprüchen wie "es gibt nichts Gutes, außer man tut es" steckt
viel Weisheit. Reden verhindert Tun, und zwar nicht nur in dem Sinne,
dass es Zeit kostet, in der man ebensogut gleich handeln könnte,
sondern auch in einem psychischen Sinn: wenn man über etwas redet,
überzeugt man sich durch das Reden gewissermaßen, die Sache "abgehakt"
zu haben, so als hätte man es "erledigt". Getan hat man aber in
Wirklichkeit nichts in der Sache - außer, dass man drüber geredet hat.
Das gilt natürlich auch fürs Schreiben, mithin auch fürs direkte
Eintippen in die Statusphäre. Ja, nicht nur fürs Reden und Schreiben.
Oft begnügt man sich schon mit Hören und Lesen, um etwas im Gewissen
als "getan" zu empfinden. Worauf ich hinaus will, dürfte klar sein: je
mehr man sich im Dickicht von gelesenen und selbst produzierten
"Statements" verstrickt, desto mehr glaubt man "getan" zu haben. Das
kann sich steigern bis hin zu "wow, heute hab ichs der Welt echt
gezeigt" (man hat 14 Stunden am PC gesessen und 10 davon getwittert).
Ja, also an dem allem ist was dran.

Worauf ich hinaus wollte mit dem Gedanken in meinem Ausgangsposting,
war die Beobachtung, dass in der Statusphäre viel mehr Zustimmung zu
finden ist als in "epischen" Diskursen. Es findet sich schnell, was
sich gegenseitig verstärkt, und dann genügen schon wenige,
bruchstückhafte Formulierungen zur Verständigung. Und wenn im Tweet-
Stream mal was dabei ist, was einem nicht so gefällt, dann kommt es
einem nie schlimmer vor als ein falscher Ton in einem großen Konzert,
bei dem sonst fast alles stimmig ist. Jedenfalls nichts, was einen
aufwühlt. Und das ist insgesamt betrachtet eine durchaus produktive
Atmosphäre, auch wenn man einiges daran kritisieren und als
"ausgeblendet" kritisieren kann.

viele Grüße
Stefan Münz
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