Mitmachen oder doch nur lurken? Die 90-9-1-These

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Stefan Münz

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Feb 19, 2007, 7:43:41 AM2/19/07
to Webkompetenz-Forum
Hallo,

vom bekannten Internetpublizist Jakob Nielsen gibt es diesen Artikel:
http://www.useit.com/alertbox/participation_inequality.html

Die zentrale These dort lautet: 90% aller User - auch bei interaktiven
Services - sind reine Lurker, die nichts beitragen. 9% sind Ab-und-zu-
Täter, und nur 1% gehört zu den wirklich aktiven Usern, die
tatsächlich regelmäßig Inhalte beitragen. Das ganze wird dann als
"90-9-1" bezeichnet.

Immerhin 5% aller Internet-User betreiben dem Artikel zufolge ein
eigenes Weblog, was ich eigentlich schon für recht viel halte.
Allerdings gibt es in den 55 Millionen Blogs nur 1,6 Millionen neue
Blog-Einträge pro Tag. Wenn man mal ein wenig herumsurft in der
Blogosphäre, bekommt man das insofern bestätigt, als viele Blogs wohl
einfach irgendwann mal angefangen und dann vergessen wurden, ohne
gelöscht zu werden.

Ist das Gerede vom neuen "Mitmach-Web" also nur Schönrednerei? Denn
die tatsächliche Aktivitätsquote scheint nach diesen Zahlen gegenüber
früheren Jahren nicht unbedingt gestiegen zu sein. Andererseits
funktionieren jedoch viele neuere Services, die von user generated
content leben, auf Anhieb. Und längst bekannte Services wie YouTube
können sich kaum noch retten vor Content. Liegt es daran, dass 1%
wirklich Aktive bei 1,1 Milliarden Internet-Teilnehmern (die Zahl
stammt ebenfalls aus dem Nielsen-Artikel) wahrhaft genug sind, um
sämtliche Mitmach-Plattformen im Web zu füllen? (das wären ja immerhin
noch 11 Millionen hoch-aktive User).

Ist es vielleicht sogar besser so wie es ist, also wenn die Mehrzahl
der User die Klappe hält? Doch bedeutet das letztlich nicht so viel
wie: Demokratie jenseits der Stimmviehwirtschaft bleibt eine
Illusion?

viele Grüße
Stefan Münz

Kirsten Evers

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Feb 19, 2007, 3:26:53 PM2/19/07
to Webkompetenz-Forum
Hallo Stefan,

nur ganz kurz, weil ich keine Zeit hatte mich lange hinzusetzen,

der Begriff "Lurken" stammt aus den Anfängen der Newsgroups und ist
jetzt echt mal überholt. Es gibt sie nicht mehr, die heimlichen
Mitleser, die auf Kosten der Postenden deren Wissensinput ohne
Gegenleistung einfach konsumieren. Der Begriff "Lurker" ist negativ
besetzt und meint eigentlich Schmarotzer. Ich bin der Meinung, dass
hier ein Umdenken stattfinden muss. Man muss beide Seiten sehen.
Diejenigen, die lesen ohne zu posten und diejenigen, die posten um
gelesen zu werden. Keine darf der anderen deren Verhalten vorwerfen.
Man ist heutzutage in dieser Group, in jenem Forum und in dortiger
Community registriert. Wer will denn demjenigen einen Vorwurf machen,
wenn er sich in dem Forum als Mitmacher engagiert aber in der
Community nur mitliest? Der Tag hat eben nur 24 Stunden. Und der
besteht nicht nur im Webben. There's more to live than this.

Viele Grüße,

Kirsten

Stefan Münz

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Feb 20, 2007, 3:18:19 AM2/20/07
to Webkompetenz-Forum
Hallo Kirsten,

> der Begriff "Lurken" stammt aus den Anfängen der Newsgroups und ist
> jetzt echt mal überholt. Es gibt sie nicht mehr, die heimlichen
> Mitleser, die auf Kosten der Postenden deren Wissensinput ohne
> Gegenleistung einfach konsumieren. Der Begriff "Lurker" ist negativ
> besetzt und meint eigentlich Schmarotzer. Ich bin der Meinung, dass
> hier ein Umdenken stattfinden muss. Man muss beide Seiten sehen.
> Diejenigen, die lesen ohne zu posten und diejenigen, die posten um
> gelesen zu werden. Keine darf der anderen deren Verhalten vorwerfen.

Wertend betrachtet, kann man vermutlich immer bösen Absichten
erkennen: Da werden dann passive User zu hinterhältigen Schmarotzern,
und aktive User zu peinlichen Selbstdarstellern. Erklimmt man aber mal
ganz wikipediamäßig den "neutralen Standpunkt", bleibt tatsächlich das
übrig, was du beschrieben hast: es gibt solche und solche, und alle
haben ihr Existenzrecht. Die Aktivisten, weil sie ihre Energie ja nun
irgendwohin lenken müssen, und bei den Stillen ist vielleicht das
Leben jenseits der Tastatur der Grund, oder weil sie in noch 47
anderen interaktiven Services verkehren.

Die Problematik der 90-9-1-These zielt finde ich auch eher auf das
Verhältnis von Angebot und Nachfrage als auf die "bösen stillen User".
In einem Mitmachnetz, wo jeder überall aktiv werden kann, herrscht ein
solches Überangebot an Mitmachmöglichkeiten, dass die meisten davon
notwendigerweise brach liegen bleiben. Die 90-9-1-These will
vielleicht gar nicht kritisieren, dass es so viele passive User gibt,
sondern eher, dass dieses Verhältnis ganz normal ist, und dass es von
den Euphorikern des Mitmach-Webs einkalkuliert werden sollte. Die
These will vielleicht einfach nur ausdrücken: "wer damit rechnet, dass
jeder Surfer gleich zum User wird, nur weil es eine Infrastruktur
dafür gibt, der könnte sich bitterlich verrechnen".

Im Grunde also nichts anderes als das was wir früher schon oft in
Bezug auf manche Board-Betreiber festgestellt haben: da versuchten
wiederholt ein paar Schlauberger, sich mit einer Domain wie
webmasterwunderland.xy und einem frisch installierten PHP-
Bulletinboard, fein säuberlich eingeteilt in hundert Fächerchen, an
die Spitze der Szene zu katapultieren. Doch die Fächerchen blieben
weitestgehend leer, der Glanz verblasste bald und irgendwann lohnten
sich nicht mal mehr die Bannerwerbungen. Was fehlte, war das Arena-
Gefühl, das menschliche Element inmitten der properen Bitlandschaft.
Infrastruktur allein genügt eben nicht, und andersherum leben manche
sehr aktiven Communities sogar mit geradezu dilettantischen
Infrastrukturen, was sie nicht davon abhält, glücklich zu sein.

viele Grüße
Stefan Münz

King^Lully

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Feb 24, 2007, 4:28:12 PM2/24/07
to Webkompetenz-Forum
> Ist es vielleicht sogar besser so wie es ist, also wenn die Mehrzahl
> der User die Klappe hält?

;)

> Doch bedeutet das letztlich nicht so viel
> wie: Demokratie jenseits der Stimmviehwirtschaft bleibt eine
> Illusion?

Die "10-9-1"-These scheint uns recht realitätsnah, in vielen Bereichen
finden wir ähnliche Verhältnisse vor. Demokratie funktioniert auch
ganz ähnlich, obs ein "10-9-1" ist, wissen wir nicht, aber es sind
doch nur ganz wenige Leute, die sich politisch einbringen. Demokratie
ist eben ein System das darauf angelegt ist, dass erst einmal nichts
kaputt geht.

Ein Freund von uns hat uns vor Jahren mal mit der "10%-These"
konfrontiert, die besagt, dass 10% der Bevölkerung alles unter
Kontrolle bekommen können, wenn dieser Bevölkerungsteil nur engagiert
genug sind. Es ging da um die Entwicklung zum Kommunismus hin in der
CSSR, aber die Annahme greift bspw. auch für den Nationalsozialismus.

Stefan Münz

unread,
Feb 26, 2007, 3:18:54 AM2/26/07
to Webkompetenz-Forum
Hallo Ludger,

> Die "10-9-1"-These scheint uns recht realitätsnah, in vielen Bereichen
> finden wir ähnliche Verhältnisse vor. Demokratie funktioniert auch
> ganz ähnlich, obs ein "10-9-1" ist, wissen wir nicht, aber es sind
> doch nur ganz wenige Leute, die sich politisch einbringen. Demokratie
> ist eben ein System das darauf angelegt ist, dass erst einmal nichts
> kaputt geht.

Die Diskussion um mehr "Basisdemokratie" ist vermutlich so alt wie der
Demokratiegedanke selbst. Ich weiß noch, wie ich im
Sozialkundeunterricht der Schul-Oberstufe eine Diskussion mit meinem
Lehrer hatte, der uns versuchte, den Segen der parlamentarischen
Parteiendemokratie zu vermitteln. Mir wollte einfach nicht in den
Kopf, was an dieser reinen Repräsentativ- und Stellvertreter-
Regiererei überhaupt noch demokratisch sein sollte. Unter Demokratie
stellte ich mir so was vor wie Volksabstimmungen für jedes einzelne
Gesetzesvorhaben. Das sei technisch/organisatorisch gar nicht machbar,
meinte mein Lehrer. Gut, vor dreißig Jahren mag da was dran gewesen
sein, was den technischen Teil betrifft. Was ich damals allerdings
nicht sah, war, dass solche Volksabstimmungen vermutlich deshalb nicht
funktionieren würden, weil kein Mensch hingehen würde, oder nur so
wenige, dass man da unmöglich von einem "Willen des Volkes" sprechen
könnte.

Andererseits hat die jahrzehntelange Reduktion der demokratischen
Machtteilhabe auf Wahlen ab und zu dazu geführt, dass immer mehr
Menschen sich faktisch doch ausgeschlossen fühlt, was zu dem gerne
unter den Tisch gekehrten, aber längst nicht mehr zu übersehenden
Phänomen der Politikverdrossenheit geführt hat. Auch eine Wahl, an der
nicht mal mehr die Hälfte der Wahlberechtigten teilnimmt, kann
eigentlich nicht mehr für sich beanspruchen, den Willen des Volkes zu
repräsentieren.

Die Frage mündet wohl dahin: gibt es überhaupt Mittel und Wege, "die
Bevölkerung" auf breiter Basis zu aktiven Teilnehmern zu erziehen?
Oder liegt das Desinteresse daran, welche Gesetze und Vorschriften wir
in zehn, zwanzig Jahren befolgen müssen, einfach in der Natur des
Menschen?

Das ist jetzt vielleicht ein Abschweifen in politische Gefielde, doch
für Anbieter von interaktiven Web-Plattformen ist die Fragestellung
nicht weniger interessant.

viele Grüße
Stefan Münz

King^Lully

unread,
Feb 26, 2007, 10:05:42 AM2/26/07
to Webkompetenz-Forum
> Die Frage mündet wohl dahin: gibt es überhaupt Mittel und Wege, "die
> Bevölkerung" auf breiter Basis zu aktiven Teilnehmern zu erziehen?
> Oder liegt das Desinteresse daran, welche Gesetze und Vorschriften wir
> in zehn, zwanzig Jahren befolgen müssen, einfach in der Natur des
> Menschen?

Lassen wir mal das Politische ein wenig im Hintergrund und betrachten
soziale Strukturen, wobei zwischen Strukturen, die money-driven und
interest-driven sind, unterschieden werden darf.

Und da ist bei ehrenamtlichen Strukturen ein "90-9-1" ziemlich
typisch. Wer kennt nicht die passiven Mitglieder bspw. von Vereinen,
die eigentlich nur als Beitragszahler dabei sind bzw. im besten Fall
unengagiert gelegentliche Präsenz zeigen. Dazu kommen dann die mehr
oder weniger aktiven Mitläufer (King^Lully ist so ein typischer Fall)
und die wenigen Aktivposten (die allerdings dann dazu neigen
autokratisch zu handelen und im schlechteren Fall als Vereinsmeier und
im besseren Fall als Idealisten durchgehen).

Auf geldgetriebene Strukturen gehen wir an dieser Stelle mal doch
nicht ein, wie eine beim Schrieben des letzten Absatzes gerade
durchgeführte Prüfung bergab, täte eine Analyse hier eher wenig zum
Thema.

Das jetzige demokratische System basiert also (als ehrenamtliche
Struktur betrachtetm was ja nicht ganz stimmt ;) grob auf einem
desinteressierten Haufen von Leuten, hat aber auch den grossen Vorteil
Machtbewusste und Durchgeknallte nicht hochkommen zu lassen. Das ist
U.E. die wahre Stärke der Demokratie.

Was darauf auf Web-Projekte "umgemünzt" geschlossen werden darf,
wissen wir allerdings auch nicht so genau. Vermutlich ist die "9"-
Mittelgruppe intensiv zu bearbeiten und zwar in einer Form, dass keine
inhomogene Spitzengruppe entsteht? ;)
Oder ist vielleicht auch alles ganz gut so wie es ist?

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