Erschwingliche professionelle Bilderflut

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Stefan Münz

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Apr 11, 2009, 4:16:47 PM4/11/09
to Webkompetenz-Forum
Hallo,

In seiner aktuellen Print-Ausgabe (2009 / Nr. 15) berichtet der
SPIEGEL auf Seite 120 über ein Netz-Phänomen, das meines Wissens noch
wenig ausgeleuchtet ist. Im Printzeitalter war die Nachfrage nach
professionellen, atmosphärischen Werbefotos begrenzt. Sie wurde von
einigen wenigen Bildagenturen befriedigt, und die Preise für einzelne
Bilder waren so hoch, dass der Erwerb nur für mittlere oder größere
Hersteller mit entsprechenden Budgets in Frage kam.

Heute jedoch brauchen viele, die sich im Web präsentieren oder dort
Plattformen, Aktionen und andere schöne Dinge anbieten, viele bunte,
freundliche, web-2.0-typische Bilder. Bilder von ungeschminkt und sehr
von nebenan aussehenden, aber natürlich ausstrahlungskräftigen und
sympathisch wirkenden Menschen, perfekt ausgeleuchtete Aufnahmen von
Objektdetails, rechtlich unproblematische Fotos von singenden Kindern
bis hin zu erlesenen Photoshop-Kreaktionen wie luftig um Baumstämme
schwebende Naturwesen.

Die Nachfrage ist groß, und entsprechend hat sich die Angebotsseite
verändert. Die klassischen Bildagenturen haben Konkurrenz erhalten. In
dem erwähnten SPIEGEL-Artikel werden die Bausteine der neuen Angebote
beschrieben. Ein Heer freier Fotografen generiert Fotos ohne konkreten
Auftrag, Bilder für eine riesige digitale Datenhalde („Stock-Fotos“).
Die Autoren laden ihre Bilder selber hoch in entsprechende Foto-Web-
Plattformen. Eine dieser Plattformen ist beispielsweise Dreamstime
(http://www.dreamstime.com/). Interessenten können dort in Millionen
von hochauflösenden Bildern suchen und Nutzungsrechte gegen eine auch
für Kleinstanbieter erschwingliche Gebühr (vorwiegend einstellige
Dollarbeträge) erwerben, wobei die Autoren von den Web-Plattform-
Anbietern für jeden Bildverkauf eine Provision erhalten.

Das System funktioniert. Engagierte Fotografen, die mehrere hundert
attraktive Bilder im Stock einer Foto-Plattform haben, kommen dadurch
zumindestens zu einem guten Nebenverdienst. Die Plattform-Anbieter
haben nicht nur viele Daten, sondern auch ein Geschäftsmodell (was ja
bei vielen Web-2.0-Services zu fehlen scheint). Und die Abnehmer
finden einen riesigen Pool an Bildern vor, womit sich eigene Website-
Headergrafiken, Logos, Werbebanner, rechte Webseitenlayoutspalten,
Newsletter und vieles mehr aufpeppen lassen. Zahlung ist per
Kreditkarte oder PayPal möglich.

Was der SPIEGEL ansonsten noch herauszufinden meint, ist, dass die
Bilder, die man in diesen neuen Pools findet, wohl ziemlich
klischeehaft freundlich, hell und clean wirken, weil das so trendy
ist. So ganz widerlegen kann ich das nicht. Egal ob man bei Dreamstime
nach "Abfall" oder "Zwielicht" sucht, man findet immer nur Bilder, die
irgendwie schön sind, und bei Suche nach "gothic" kommen lauter
gothische Katedralen. Also, liebe Ästheten der dunklen Seite: da gibt
es noch Marktlücken ;-)

viele Grüße
Stefan Münz

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