Lieber M,
A 11,10 ist hierzu recht interessant:
»Inwiefern aber, Saddha, sinnt man wie ein ungebärdiges Roß? Während,
Saddha, das ungebärdige Roß am Futtertroge angebunden ist, sinnt es
bloß über das Futter nach. Und warum? Weil eben das am Futtertroge
angebundene ungebärdige Roß nicht darüber nachdenkt: »Was wird mich
wohl heute der Rosselenker tun lassen? Werde ich es ihm wohl gut genug
machen?« Während es am Futtertroge angebunden ist, sinnt es eben bloß
über das Futter nach.
Ebenso auch, Saddha, hat sich da ein ungebärdiger Mensch in den Wald
begeben, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung. Und im
Geiste von Sinnenlust gefesselt, von Sinnenlust verzehrt, verweilt er
dort; und nicht weiß er der Wirklichkeit gemäß, wie man der
aufgestiegenen Sinnenlust entrinnt. Im Inneren voller Sinnenlust sinnt
er, sinnt er hin, sinnt er her, sinnt er vor sich hin. Im Geiste von
Übelwollen gefesselt - von Starrheit und Mattigkeit gefesselt - von
Aufgeregtheit und Gewissensunruhe gefesselt - von Zweifelsucht
gefesselt, von Zweifelsucht verzehrt, verweilt er dort: und nicht weiß
er der Wirklichkeit gemäß, wie er der aufgestiegenen Zweifelsucht
entrinnt. Im Inneren voller Zweifel sinnt er, sinnt er hin, sinnt er
her, sinnt er vor sich hin. Er sinnt über die Erde, sinnt über das
Wasser, sinnt über das Feuer, sinnt über den Wind, sinnt über das
Gebiet der Raumunendlichkeit, der Bewußtseinsunendlichkeit, der
Nichtsheit, der Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahr--nehmung, sinnt über
diese Welt, sinnt über jene Welt, sinnt über das, was er gesehen,
gehört, empfunden, erkannt, erreicht, gesucht und im Geiste erforscht
hat. So, Saddha, sinnt man wie ein ungebärdiges Roß.
Wie aber, Saddha, sinnt man wie ein edles Roß? Während, Saddha, das
gute, edle Roß am Futtertroge angebunden ist, sinnt es nicht über das
Futter nach. Und warum nicht? Weil eben das am Futtertroge angebundene
gute, edle Roß darüber nachdenkt: »Was wird mich wohl heute der
Rosselenker tun lassen? Werde ich es ihm gut genug machen?« Denn das
gute, edle Roß betrachtet die Anwendung der Treibgerte als eine
Schuld, eine Knechtung, eine Schande, eine Niederlage.
Ebenso auch, Saddha, hat sich da ein guter, edler Mensch in den Wald
begeben, an den Fuß eines Baumes oder in eine leere Behausung. Und im
Geiste nicht gefesselt und verzehrt von Sinnenlust - von Übelwollen -
von Starrheit und Mattigkeit - von Aufgeregtheit und Gewissensunruhe -
von Zweifelsucht, verweilt er dort; und wohl weiß er der Wirklichkeit
gemäß, wie man der aufgestiegenen Zweifelsucht entrinnt. Nicht sinnt
er über die Erde, das Wasser, das Feuer oder den Wind; nicht sinnt er
über das Gebiet der Raumunendlichkeit, der Bewußtseinsunendlichkeit,
der Nichtsheit oder der Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung; sinnt
nicht über diese Welt oder jene Welt; auch nicht über das, was er
gesehen, gehört, empfunden, erkannt, erreicht, gesucht oder im Geiste
erforscht hat; aber dennoch sinnt er.
Was hier mit sinnen übersetzt wird ist jhana und liest sich in der
englischen Übersetzung:
...He does not understand the escape from these things according to
reality. Having formed these things inside himself he does jhana, re-
does jhana, out-does jhana and miss-does jhana. ...
Übrigens stellt auch Ven. U Vimalasiri in seiner Besprechung der
Anapanasati Sutta die Theorie auf, daß sich buddhistische und
vorbuddhistische Vertiefungen untescheiden.
Servus
Viriya
On 12 Sep., 17:06, MN <
mn8...@ymail.com> wrote:
> Hallo,
>
> nach den Jahren der Selbstkasteiung und erfolglosen Suche erinnert
> sich der Buddha an ein spontanes Vertiefungserlebnis (Jhana) in seiner
> Kindheit, folgt dieser Spur und bezeichnet in M 36 schließlich die
> Vertiefungen als den Weg zum Erwachen. Er tut das, *nachdem* und
> *obwohl* er bei Alara Kalama und Udaka Ramaputta die formlosen Gebiete
> (Nichtsheit und Weder-Wahrnehmung-noch-Nichtwahrnehmung) bereits
> erlangt, aber als ungenügend eingestuft hatte.
>
> Dies steht nach meinem Verständnis in einem offensichtlichen
> Widerspruch zu der verbreiteten Meinung, dass man erst die vier
> Vertiefungen erlangt haben muss, bevor man die formlosen Gebiete
> erfahren kann. Denn wäre das der Fall, dann müsste der Buddha die
> Vertiefungen entweder schon beherrscht oder aber bei Alara Kalama und
> Udaka Ramaputta gelernt haben. Dann aber hätte sich der Buddha nicht
> extra an sein Vertiefungserlebnis aus der Kindheit erinnern brauchen,
> um festzustellen, dass dies der Weg zum Erwachen ist.
>
> Ich kann daraus nur zwei Dinge folgern:
>
> 1) Entweder können die formlosen Gebiete tatsächlich erlangt werden,
> ohne vorher die vier Vertiefungen entwickelt zu haben,
>
> 2) oder aber es gibt zwei verschiedene Arten von Vertiefungen, nämlich
> eine zum Erwachen taugliche und eine untaugliche. Und tauglich wäre
> dann nur die Art, die der Buddha spontan in seiner Kindheit erfuhr und
> später ausbaute, nicht aber jene, die er bei den beiden oben genannten
> Asketen erlernt hätte (sofern er sie denn überhaupt dort erlernt hat,
> denn gesprochen wird davon nicht).
>
> Bei Punkt 2) stellt sich natürlich die Frage, was die taugliche von
> der untauglichen Vertiefung unterscheidet. Man hört und liest oft,
> Samadhi bzw. die Vertiefungen würden durch ausschließliche
> Konzentration auf ein Objekt herbeigeführt. Interessanterweise ist die
> Fokussierung der Aufmerksamkeit auf ein Objekt eine der Methoden, mit
> denen man eine hypnotische Trance herbeiführt. Und da liegt vielleicht
> auch die Antwort auf die obige Frage, denn nach meiner Auffassung
> haben die Vertiefungen mit Trance oder Hypnose nichts zu tun. Folglich
> wäre auch ihre Herbeiführung keine Frage von Konzentration im Sinne
> einer "gewaltsamen" oder angestrengten Verengung des Geistes auf einen
> Punkt.
>
> Es könnte dazu noch mehr gesagt werden, aber ich ende hier erst
> einmal. Über ein paar weitere Denkanstöße würde ich mich freuen. Nicht
> zuletzt gibt es hier auch einen Praxisbezug.
>
> Viele Grüße!
>
> M.