Vor einiger Zeit hat Viriya mit uns die fünf Daseinsgruppen diskutiert,
ausgehend von der Formulierung der ersten edlen Wahrheit.
Wollen wir mit der Zweiten weitermachen?
Dies nun, ihr Mönche, ist die edle Wahrheit von der Leidensentwicklung: Es
ist dieser Durst, der Wiederdasein säende, Genügens-reiz-verbundene, dort und
dort sich ergötzende, nämlich der sinnliche Durst, der Daseinsdurst, der
Nichtseinsdurst. (S 56.11)
Ich hatte zum Durst immer nur die drei Kategorien (sinnlich, dasein, nichtsein)
im Kopf - aber eigentlich hat die Definition fünf Teile:
"Wiederdasein säend"
"Genügens-reiz-verbunden, dort und dort sich ergötzend"
"sinnlicher Durst"
"Daseinsdurst"
"Nichtseinsdurst"
Die ersten beiden werden seltener erwähnt. Was versteht Ihr unter
"Wiederdasein säend", was unter "Genügens-reiz..." (vielleicht findet Ihr noch
andere Übersetzungen)?
Cheers,
Florian
On Tue, Apr 29, 2008 at 11:21:57PM -0700, viriy...@gmail.com wrote:
> D 22: „Was ist aber, ihr Mönche, die heilige Wahrheit von der
> Leidensentwicklung? Es ist dieser Durst, der Wiederentstehen säende
> (Zukunft), Vergnügensgierverbundene (aus vergangenen
> Erfahrungen/Gewohnheiten/ Trieben sich speisende), bald da bald dort sich
> erfreuende (Gegenwart): der Sinnlichkeitsdurst, der Werdensdurst, der
> Nichtwerdensdurst.
>
> Diese Übersetzung macht vielleicht ein bißchen deutlicher, wie uns der Durst
> in der Wahnwelt aus Zeit und Raum gefangen hält und warum der Dhamma akalika
> (nicht-zeitlich) ist.
So hatte ich die zweite Wahrheit noch gar nie betrachtet. Das hat etwas sehr
klaustrophobisches: wohin ich auch blicke, zurück, voraus, oder gerade hier,
ich komme nicht raus.
> S 27,8: „Jeder Wunsch und jede Leidenschaft im Bezug auf das Verlangen nach
> Formen, nach Geräuschen, Gerüchen, Geschmäckern, Berührungen, Gedanken, ist
> eine Befleckung des Geistes. Wenn in diesen sechs Fällen die Trübungen des
> Gewahrseins überwunden wurden, neigt sich der Geist, der Weltabwendung zu.
> Ein Geist der durch Weltabwendung gestärkt ist, ist bereit, die Dinge zu
> erkennen, die mit direktem Wissen erkannt werden müssen.“
Die "Befleckung des Geistes" und die "Trübungen des Gewahrseins", sind das die
Kilesas?
Cheers,
Florian
Verstehe ich das richtig, dass die Stelle sich vor allem auf den
Sinnlichkeitsdurst bezieht?
Ist der Werdensdurst/Nichtwerdensdurst auch eine Befleckung?
In M7 werden die Kilesas nicht in drei, sondern in 16 Kategorien aufgeblättert.
Oder besteht da ein tiefgreifender Unterschied zwischen den Kilesas und den
"cittassa upakkilesa", den Befleckungen des Geistes?
Cheers,
Florian
On Tue, May 06, 2008 at 09:10:07PM -0700, viriy...@gmail.com wrote:
>
> Lieber Florian,
>
> S 27,8 spricht im Pali von cittupakilesa.
> Und ja die Stelle bezieht sich vor allem auf den Sinnlichkeitsdurst,
> was aber die anderen zwei nicht ausschließt. Im Gegenteil, da der
> grundlegendste Durst nun mal der Sein-wollen-Durst ist, ist der
> Sinnlichkeitsdurst sozusagen nur die Spitze des Eisbergs.
In S22.31 wird eine interessante Verbindung zwischen den Daseinsgruppen und dem
Durst hergestellt:
So habe ich gehört. Einst weilte der Erhabene zu Sāvatthī, im Jeta-Hain, im
Kloster des Anāthapindika. Dort wandte sich der Erhabene an die Mönche: "Ihr
Mönche!" - "Ja, o Herr", antworteten jene Mönche dem Erhabenen. Der Erhabene
nun sprach also: "Das Übel will ich euch zeigen, ihr Mönche, und die Wurzel
des Übels. So höret und achtet wohl auf! Ich werde sprechen. Was nun, ihr
Mönche, ist das Übel? Die Körperlichkeit ist ein Übel, das Gefühl - die
Wahrnehmung - die Gestaltungen - das Bewußtsein sind ein Übel. Dies, ihr
Mönche, wird das 'Übel' genannt. Und was, ihr Mönche, ist die Wurzel des
Übels? Es ist dieses Begehren, das Wiedergeburt erzeugende, mit Lust-Gier
verbundene, hier und dort sich ergötzende, nämlich das Begehren nach
Sinnlichkeit, nach Dasein, nach Nichtsein. Dies, ihr Mönche, wird die 'Wurzel
des Übels' genannt."
Das ist auf den ersten Blick nichts weiter als die Ausformulierung der ersten
und zweiten Wahrheit, aber so wurde mir erst mal klar, dass z.B. der Durst
(Begehren) die Wurzel der Form (Körperlichkeit) ist. Ich hatte bei einem
kurzen Krankenhausaufenthalt in den vergangenen Tagen Gelegenheit, das zu
beobachten: wie mein Knie werden soll, und wie es auf keinen Fall werden
soll...
Die Daseinsgruppen erscheinen mir immer mehr wie das ideale Meditationsthema.
Cheers,
Florian
On Fri, May 09, 2008 at 02:44:39AM -0700, Petra wrote:
>
> Ich versteh das so: es gibt keine Dinge die zwangsläufig Lüste danach
> auslösen. Es gibt nur die Gier in den Wesen, die sich auf die
> unterschiedlichste Weise äussert. Das heisst, je nach Wesen und je nach
> Möglichkeit sucht sich die "Gier" das Objekt aus, richtet sich darauf aus und
> "will" dann. Somit wäre oder ist es nicht möglich von den Sinnenlüsten zu
> lassen indem man sie nur meidet. Sondern es muss die Gier in den Herzen, egal
> nach was, aufgelöst werden.
>
> Ist es dann richtig, wenn man sich generell daran macht die Gier aufzulösen,
> dass letztendlich jede Art von Drang sich auflöst? Das heisst, mache ich
> mich an die Auflösung meiner Gier was die Sinnesobekte betrifft so löse ich
> gleichzeitig auch die viel tiefer liegenden "Begierden" auf ohne daran
> gezielt zu arbeiten?
>
> Wenn das so wäre, wie ist die konkrete Vorgehensweise ganz allgemein die Gier
> im Herzen aufzulösen? Ohne konkreten Bezug auf äussere Objekte?
Das ist die vierte edle Wahrheit: der edle achtfache Pfad, oder grober
eingeteilt: Sila, Samadhi, Panna.
Cheers,
Florian
Hm. Tja. Also ich sehe das so:
Es geht nicht darum, z.B. bei Knieschmerzen zu sagen: "das ist Leidvoll", und
bei Schokoladenpudding zu sagen: "Auch das ist Leidvoll". Denn was ich dabei
tun würde, wäre bloss, mein Erleben in eine Form zwängen zu wollen, die mir
wünschenswert erscheint: also eigentlich eine Form von Werdensdurst ("Ich will
so werden, dass ich alles als leidvoll empfinde").
Sondern:
Bei Knieschmerzen versuche ich herauszufinden, was denn genau daran leidvoll
ist. Der Schmerz? Und wo sitzt der? Wie fühlt sich der an? Kann ich den ins
Raster der fünf Daseinsgruppen einteilen? Tut der Knochen weh? Welcher Teil?
usw. Auf diese Weise gehe ich dem Leid bei den Knieschmerzen auf den Grund, und
bei der Gelegenheit kann ich noch beobachten, wie ich mich dagegen sträube, die
Knieschmerzen zu ergründen, und sehen, wie viele Vorschläge mir einfallen, was
ich eigentlich tun könnte, wenn ich jetzt aufhören würde, das Knie zu
beobachten: und dann kann ich diese Abneigung als leidvoll verstehen usw.
Bei Schokoladenpudding ist das schwieriger, schon weil ich beim Meditieren
keinen essen kann. Aber ich kann den Pudding achtsam essen, und dabei findet
sich schon das eine oder andere Leidvolle - wo kommt die Milch her, was musste
ich alles tun, um sie zu bekommen, was ist wohl aus dem Bauern und der Kuh
geworden, was aus ihrem Kalb, wer hat den Kakao angebaut, die Vanille... ich
sollte nicht zu viel essen, sonst muss ich Diät machen, worauf werde ich
verzichten müssen... auf diese Weise kommen all die schmutzigen kleinen
Geheimnisse hinter dem Genuss hervor, und ich kann den Genuss und das schlechte
Gewissen (Gier und Hass) in derjenigen Mischung betrachten, die mein Erlebnis
"Pudding" ausmacht.
So verstehe ich zumindest Lehrreden wie S22.16, nämlich als
(Meditations-)Anweisung, die Dinge zu zerlegen, zu entwirren: und nicht etwa zu
dem ganzen Gespinnst, das wir um die Dinge legen, auch noch den Faden
"leidvoll" dazuzuwickeln:
Die Körperlichkeit - das Gefühl - die Wahrnehmung - die Gestaltungen - das
Bewußtsein sind leidvoll. Was leidvoll ist, das ist Nicht-Ich. Was Nicht-Ich
ist, davon gilt: 'Dies ist nicht mein, das bin ich nicht, das ist nicht mein
Selbst!' So hat man dies der Wirklichkeit gemäß mit rechter Weisheit zu
verstehen.
> Nicht nur die, die uns das Leid auch spüren lassen (wie Zorn, Wut,
> Ärger, Neid usw). Sondern auch die die uns jetzt Glück spüren lassen
> (schöne Momente, liebe Menschen um sich herum, das gute Gefühl wenn
> man anderen hilft usw.)
>
> In dem gleichen Maß wie ich mich langsam von den offensichtlich üblen
> Drängen löse weil ich einsehe dass Triebe Leid erzeugen, in dem
> gleichen Maß löse ich mich auch von den Trieben die mir im Moment gute
> Gefühle machen.
> Das fehlt mir dann aber, weil an die Stelle der guten Gefühle nicht
> automatisch etwas anderes tritt.
Nochmal Hmmm -
Ich bin der Ansicht, dass es andersherum geht. Ich schaffe es nicht, mir
einzureden, dass meine guten Gefühle nicht gut sind. Aber ich kann meine
Gefühle beobachten, mit etwas Übung. Und dann kann ich erkennen, dass meine
guten Gefühle nicht homogen sind, und vor allem, dass den Gefühlen eine Kette
von Bedingungen vorangeht, und dann kann ich die Bedingungen mal genauer
betrachten.
Es läuft immer wieder auf dieses Zerlegen hinaus: Ein Gefühl erscheint als
monolithisch, aber das ist es gar nicht, wenn man sich konzentriert und genau
hinschaut. Es ist ein Gemisch, und das Gemisch kann z.B. Anhand der fünf
Daseinsgruppen aufgerastert werden: eine körperliche komponente, eine
"angenehm, unangenehm, neutral" Komponente, usw.
Und beim Zerlegen, Analysieren, die-Fäden-im-Gewebe-verfolgen, wie auch immer
ich es nennen will: dabei kommen immer wieder kleine AHA-Momente, die in ihrer
Summe vermutlich eines Tages in den vier edlen Wahrheiten ihre Entsprechung
finden werden.
> Übe ich "nur" die Sila ohne mir vor Augen zu halten dass alle Triebe
> aufzulösen sind, kann ich mich an meinen dabei entstehenden "guten Gefühlen"
> freuen ohne sie gleich wieder zu relativieren. Vernachlässige dabei aber die
> Sicht dass auch die guten Gefühle und Triebe letztlich leidvoll sind.
Sila ist, finde ich, die anspruchsvollste Übung auf dem ganzen Pfad: denn sie
ist nie abgeschlossen. Ein Erwachter hat bei Samadhi und Panna eine
entscheidende Schwelle überschritten, aber bei Sila sehe ich keine solche
Schwelle.
> Mein Erleben pendelt meist zwischen diesen beiden Sichtweisen hin und her und
> ich frage mich ganz oft welche Sichtweise nun mehr zu pflegen ist um die
> rechte Ansicht zu festigen.
Wie Viriya schon schreibt, ist es kein "entweder-oder" sondern eine Art
Balanceakt, ein dynamisches Koordinationstraining, das gewissermassen mehrere
Freiheitsgrade umfasst. Jedes Bisschen Sicherheit in unseren Bewegungen
stabilisiert das Gleichgewicht der Gesamthaltung.
Cheers,
Florian
On Fri, May 23, 2008 at 01:37:20AM -0700, Petra wrote:
>
> Diese Art der Vorgehensweise hört sich gut an. Ich kenne sie auch, nur
> habe ich bisher weniger so praktiziert. Ich denke ich werde dieses
> Zerlegen mal etwas direkter in Angriff nehmen und mich ganz bewusst
> mal darin üben.
> Da mir dies eher nicht so liegt muss ich mich dazu regelrecht
> überreden. :-)
Ich finde es hilfreich, mir ein Ziel zu setzen und den festen Vorsatz zu
fassen, es auch zu erreichen. Z.B. "fünf Minuten Beobachen", und dann einen
Timer zu stellen, und fünf Minuten "dran" bleiben. Und wenn sich der Widerwille
oder die Langeweile oder die Müdigkeit in den Vordergrund drängen, dann kann
ich sie als solche erkennen ohne gross darauf einzugehen, z.B. mit der Frage,
"wirklich?".
Diese Form der Meditation finde ich ziemlich anstrengend, aber es lohnt sich.
Zur Entspannung und als Konzentrationstraining mache ich immer auch
Ruhemeditation mit dem Ein- und Ausatmen als Objekt. Der Buddha selber im
Anapanasati Sutta lehrte das ganze als Spektrum, als fliessenden Übergang
zwischen der reinen Ruhemeditation und der reinen Analyse, und in der Praxis
ist es auch wirklich so, in meiner Erfahrung. Mir hat es allerdings sehr
geholfen, die beiden Enden des Spektrums klar unterscheiden zu können.
> > Wie Viriya schon schreibt, ist es kein "entweder-oder" sondern eine Art
> > Balanceakt, ein dynamisches Koordinationstraining, das gewissermassen mehrere
> > Freiheitsgrade umfasst. Jedes Bisschen Sicherheit in unseren Bewegungen
> > stabilisiert das Gleichgewicht der Gesamthaltung.
>
> Ja, ein Balanceakt und ein Training. Und etwas das Geduld braucht, die
> mir doch immer wieder abhanden kommt.
Mit etwas Achtsamkeit lässt sich die Ungeduld beobachten, wie sie in Wellen
aufsteigt und verebbt.
>> Das ist auf den ersten Blick nichts weiter als die Ausformulierung der
>> ersten und zweiten Wahrheit, aber so wurde mir erst mal klar, dass z.B. der
>> Durst (Begehren) die Wurzel der Form (Körperlichkeit) ist. Ich hatte bei
>> einem kurzen Krankenhausaufenthalt in den vergangenen Tagen Gelegenheit, das
>> zu beobachten: wie mein Knie werden soll, und wie es auf keinen Fall werden
>> soll...
>
> und, wird dein Knie wie du es dir wünscht? :-) Auf jeden Fall wünsch ich dir
> gute Besserung!
Sieht gut aus, danke. :)
> Die Einsicht dass das Begehren, der Durst (sichtbar durch die Triebe)
> die Wurzel aller Form ist, das hat schon was richtig radikales, finde
> ich.
"Radikal" heisst ja auch "von der Wurzel her". :)
> Bei aller Art von Form, auch dem eigenen Körper, wird die Form selber
> immer unwichtiger, der dahinter stehende Durst scheint das einzige zu
> sein das zu betrachten sich lohnt.
Naja, der Durst ist die Ursache für das Leid, und um das zu kapieren, ist es
notwendig, Leid zu durchschauen. Jede der edlen Wahrheiten ist mit einer
Aufgabe verbunden: Leid muss durchschaut werden, Durst muss aufgegeben werden
usw. So wie ich das verstehe, wäre es "über Kreuz" wenn ich den Durst
durchschauen und das Leid aufgeben wollte.
> Leider ist die Gewohnheit nur die Form zu betrachten doch ziemlich
> fest und hartnäckig. Und der Durst selber nicht zu erkennen, lediglich
> sichtbar wenn sich ein Begehren stärker bemerkabar macht und so an die
> Oberfläche meiner Wahrnehmung kommt.
Was beim Betrachten der Form normalerweise schief geht, ist, dass sie als
solide, glatt, unabhängig, wahrgenommen wird. Daher ist die Analyse so wichtig:
was sind die Bestandteile der Form, wo blättert etwas ab, wo verschwimmen die
Grenzen, warum finde ich den Kern nicht, den ich stillschweigend voraussetze?
Und das Leid hat ja auch die Komponenten des "getrennt sein von dem was ich
will, verbunden sein mit dem was ich nicht will", und das, also Anziehung und
Ablehnung, kann ich gut beobachten - aber es ist Leid, was ich da beobachte,
also die Auswirkung von Durst, und nicht der Durst selbst.
Cheers,
Florian