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Erklaerung des Rostocker Student(inn)enrats

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Axel Mahler

unread,
May 22, 1992, 10:11:48 AM5/22/92
to
Soeben erreichten mich drei weitere Erklaerungen des Rostocker
Studenten-/Studentinnen Rats. Ich poste sie hier zur allgemeinen
Information und um evtl. eine Diskussion darueber anzuregen.

Axel Mahler.
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I N F O

Seit nunmehr ueber zwei Jahren leben, arbeiten und studieren nicht nur die
Studierenden der Rostocker Universitaet unter den besonderen Bedingungen einer
Umbruchszeit mit all ihren Hoffnungen, aber auch Verunsicherungen und
Ungewissheiten. Spaetestens seit Dezember 1990 versucht unser Land gestaltend
in den notwendigen Prozess der Hochschulerneuerung einzugreifen. Bisher war er
einerseits durch das Bemuehen aller Beteiligten um ein faires Verfahren zur
Evaluierung des Personals, andererseits durch mangelnde Koordinierung,
teilweise durch Konzeptionslosigkeit gekennzeichnet. Mit all diesen Komponenten
verbinden sich staendige Terminverschiebungen. Nunmehr neigt sich dieser
administrative Prozess seinem Ende engegen. Fundierte Beschluesse des
Akademischen Senates unserer Universitaet, wiederholte Demonstrationen,
Petitionen, Forderungen und andere Protestaktionen der Studierenden wurden
offensichtlich wissentlich von der Landesregierung nicht beruecksichtigt.

Der vom Regierungskabinett Mecklenburg-Vorpommerns verabschiedete Strukturplan
beschreibt unter anderem eine Universitaetsstruktur, die in dieser Form erst in
drei bis fuenf Jahren den tatsaechlichen Ausbildungsbeduerfnissen gerecht wird.
Die derzeitigen Bedingungen und Voraussetzungen bei der Einfuehrung neuer
Strukturen sind mit denen der westlichen Bundeslaender nicht vergleichbar:


1. An der Universitaet Rostock und ihren Aussenstellen in Guestrow,
Warnemuende und Wustrow existieren noch etliche Studiengaenge,
die zwar auslaufen (also nicht mehr in der Struktur vorgesehen sind),
in denen aber die Ausbildung der dort immatrikulierten Studierenden
so beendet werden muss, dass sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen koennen.
Dies betrifft vor allem die Bereiche Sportwissenschaft,
Lateinamerikawissenschaft, Lehrerausbildung in Guestrow, Seefahrt und
Koerperbehindertenpaedagogik.

2. Die technische und infrastrukturelle Ausstattung und Anlage der
Universitaet entspricht in keiner Weise westlichen Standards.
Insbesondere die dezentrale Lage, die ueberalterte Gebrauchstechnik
sowie nicht ausreichende und zu kleine Hoersaele erfordern einen
Mehrbedart an technischem und Lehrpersonal.

3. Die zur Sprachausbildung vorgesehenen Kapazitaeten orientieren sich
am Niveau westlicher Universitaeten. Dabei wird vergessen, dass
mangelnde Vielfalt und Intensitaet des voruniversitaeren Sprach-
unterrichts im Osten zu einem enormen Nachholebedarf gefuehrt haben.
Dieser kann durch die beabsichtigten Stellenkuerzungen nicht
beruecksichtigt werden. Die Fachsprachenausbildung, Voraussetzung fuer
Konkurrenzfaehigkeit, kann nicht mehr abgedeckt werden.

4. Durch Negativbescheide der Ehren- bzw. Ueberleitungskommissionen kann
es zu kurzfristigen Ausfaellen von Fachkraeften kommen, die nicht
unmittelbar kompensierbar sind. Dies betrifft vor allem
Professorenstellen.

5. Viele Professuren werden durch die Langwierigkeit der
Berufungsverfahren und Verhandlungen noch fuer lange Zeit unbesetzt
sein. Fuer eine Reihe von Fachgebieten ist damit die Lehre nicht
gesichert.

6. Ein Grossteil der Lehrveranstaltungen wird derzeit noch vom
wissenschaftlichen Mittelbau durchgefuehrt. Jedoch genau dort wird
der Personalabbau am staerksten greifen. Mit dem Hintergrund
unbesetzter Professuren sind besonders prekaere Situationen
zu erwarten.
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1) Der verabschiedete Stellenrahmen sichert nur das Ueberleben unserer Uni,
nicht aber eine attraktive Lehre, die Abwanderungen von Studenten aus
verschiedenen Fachbereichen verhindern koennte.
Ziel bleibt eine Aufstockung des Stellenplanes um etwa 200 Stellen fuer eine
Uebergangszeit von 2-3 Jahren, bis neue Strukturen arbeitsfaehig sind, so dass
den jetzt Studierenden weitere Nachteile des Umbruches an den Hochschulen
erspart bleiben.

Die Zahl von 200 Stellen ist nicht unrealistisch, da eine Fachstudie
(M.Weegen: Eckdaten fuer eine aufgabengerechte Personalausstattung der
Hochschulen in den neuen Bundeslaendern/ Frankfurt 1992) ca. 4600 Stellen
in Mecklenburg-Vorpommern fuer notwendig erachtet, also fuer das gesamte
Land ca. 500 Stellen mehr als durch die Landesregierung beschlossen.

Gruende fuer den Stellenmehrbedarf im Ueberganszeitraum:
- Studiengaenge, die zwar auslaufen (also nicht mehr in der Struktur
vorgesehen sind), in denen aber die Ausbildung der Studierenden so
beendet werden muss, dass sie auf dem Arbeitsmarkt bestehen koennen
- technische und infrastrukturelle Ausstattung und Anlage der
Universitaet entspricht in keiner Weise westlichen Standards /
insbesondere die dezentrale Lage, ueberalterte Gebrauchstechnik
sowie nicht ausreichende und zu kleine Hoersaele erfordern Mehrbedarf
an technischem und Lehrpersonal
- die zur Sprachausbildung vorgesehenen Kapazitaeten orientieren sich am
Niveau westlicher Universitaeten / mangelnde Vielfalt und Intensitaet
des voruniversitaeren Sprachunterrichts im Osten haben aber zu einem
enormen Nachholebedarf gefuehrt, der durch die beabsichtigten Stellen-
kuerzungen nicht beruecksichtigt wird / die Fachsprachenausbildung kann
nicht mehr abgedeckt werden
- viele Professuren werden durch die Langwierigkeit der Berufungsver-
fahren noch fuer lange Zeit unbesetzt sein / fuer eine Reihe von Fach-
gebieten ist damit die Lehre nicht gesichert
- ein Grossteil der Lehrveranstaltungen wird derzeit noch vom wiss.
Mittelbau durchgefuehrt / genau dort wird jedoch der Personalabbau am
staerksten greifen / mit dem Hintergrund unbesetzter Professuren sind
besonders prekaere Situationen zu erwarten

2) Die Hochschulpolitik des Landes sieht entgegen frueheren Beschluessen eine
Spezialisierung der Universitaeten (Rostock und Greifswald) vor.
Natuerlich kann nicht jede Universitaet alle Lehrgebiete anbieten,
jedoch gehen die Vorstellungen des Landes soweit, die Geisteswissenschaften
in Rostock zu "Service-Einrichtungen" der Naturwissenschaften zu
degradieren. Eine Entscheidung, die fatale Folgen fuer unsere renomierte
Philosophische Fakultaet haette. Das traditionsreiche Germanistische Institut
wie auch die Theologie seien an dieser Stelle nur genannt.
In Greifswald soll die Entwicklung umgekehrt erfolgen.
Wir fordern Ausgewogenheit von Natur- und Geisteswissenschaft, die erst den
Status einer "Universitaet" rechtfertigt und die Attraktivitaet einer
Universitaet sichert.

3) Die geplante Gruendung einer Kunsthochschule zoegert sich hinaus.
Trotz Empfehlung des Wissenschaftsrates und schon vorhandener Strukturen
in Rostock (Schauspiel- und Musikausbildung), droht eine "politische"
Entscheidung fuer Schwerin als Standort.

4) Trotz Zusagen der Landesregierung ist die Struktur des Fachbereiches
"Agraroekologie" noch nicht geklaert. Weitere Forderungen unsererseits
sind von den praktischen Realisierungsvorstellungen des Kultusministeriums
abhaengig.

5) Die buerokratische Finanzmittelbereitstellung fuer die Universitaet Rostock
ueber "Nachschiebelisten" ermoeglicht bis zum Jahresende keine sinnvolle
Finanzplanung seitens der Universitaetsleitung. Wir fordern die Bilanzierung
eines Fonds, der unserer Universitaet im ganzen bis zum Jahresende zur
Verfuegung gestellt wird.


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Entsprechend dem Beschluss der Vollversammlung vom Dienstag, dem 19.05.92 setzen
wir den Protest gegen die auf radikalen Abbau gerichtete Bildungspolitik unserer
Landesregierung fort. Gleichzeitig wurde am Mittwoch an allen Fachbereichen der
Lehrbetrieb wieder aufgenommen.

Eine Arbeitsgruppe informierte den Bildungsausschuss des Bundestages ueber die
Situation an der Universitaet Rostock, u.a. auch darueber, dass laut Ministerin
Schnoor die Geisteswissenschaften nur noch "Serviceeinrichtungen fuer Natur-
wissenschaften" sein sollen. Dies ist mit Humboldts Idealen von universitaerer
Lehre und Forschung nicht vereinbar!

Bis zur Landtagssitzung am 04.06.92 werden jeden Montag Vollversammlungen
durchgefuehrt, auf denen die zu verschiedenen Themen gebildeten Arbeitsgruppen
ueber ihre Ergebnisse berichten. Weitere Massnahmen zur Durchsetzung folgender
Forderungen werden beschlossen:

* ca. 200 zusaetzliche Stellen fuer die komplizierte Uebergangszeit
* keine buerokratische Finanzbereitstellung ueber "Nachschiebeliste"
* Erhaltung zweier vollwertiger Universitaeten im Land
* dem Nachholebedarf angemessene Sprachausbildung


Alle an einer zukunftsorientierten Bildungspolitik in Mecklenburg-Vorpommern
Interessierten sind zum Aktionsabend am Montag, dem 25.05.92 um 18 Uhr vor
dem Hauptgebaeude der Universitaet Rostock herzlich eingeladen.


Rostock, den 21.05.92 StudentINNenrat der Universitaet Rostock

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Axel Mahler, Tech.Univ. Berlin
E-Mail: ax...@cs.tu-berlin.de (ax...@db0tui62.bitnet)
Voice: +49-30-314-73487

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