On Sun, 19 Aug 2012, Timo wrote:
> Ich muss jemand werden, der anderen einiges voraus hat. Und ich
> muss jetzt anfangen und das hart durchziehen und ab sofort
> überall dafür sorgen, dass die Leute, die mich beurteilen,
> denken, dass ich geistig fitter bin als die anderen und jetzt
> schon viel mehr weiss als die. Ich kanns also nicht dabei
> belassen, dass ich halt die Schulsachen in dem Tempo lese, in
> dem das die Lehrer mit der Klasse tun. Meine Frage ist jetzt:
> Was soll ich in welcher Reihenfolge lesen, damit ich möglichst
> schnell ein guter Mathematiker werde und dabei dann nicht bloss
> Sachen weiss, die keiner braucht und die niemand interessant
> findet?
Ich weiß nicht, ob es eine vernünftige Antwort auf deine durchaus
vernünftige Frage gibt. Es gibt zwar Schul-Lehrpläne für Mathematik, aber
keine Lebens-Lehrpläne für Mathematiker. Ich würde als Tipp geben -- aber
alle Tipps sind für viele gut, aber deswegen nicht für alle --, genau den
Schulstoff *nicht* vorab zu lernen, sonst langweilt er dich bloß, und
Langeweile ist genau das Gegenteil von Mathematik. Such dir lieber Themen,
die *dich* interessieren, aber nicht in der Schule drankommen und
vielleicht nicht mal im Mathe-Studium. Ein guter Mathematiker ist einer,
der eine Frage sauber formulieren kann (wenigstens so präzise, dass er
feststellen kann, ob eine Aussage eine Antwort auf die Frage ist), und der
selber über Lösungen nachdenken kann und will und der weiß, was ein Beweis
ist und wenn er oft genug Beweise gesehen hat, selber welche machen kann.
Ein guter Mathematiker ist also nicht einer, das Fakten über Mathematik
oder Formeln oder Sätze kennt. Faktenkenntnis gehört auch dazu, wenn man
vermeiden will, in mühsamer Kleinarbeit etwas herauszufinden, was seit 200
Jahren allgemein wohlbekannt ist. Aber wichtig ist vor allem, das Problem
verstanden zu haben und klar formulieren zu können, sonst kann man mit den
Lösungen anderer Leute auch nichts anfangen: vielleicht anwenden, aber
anwenden ohne zu verstehen ist mathematisch für die Katz.
Ich zitiere mal deine Frage:
| Gibt es ein einfaches Verfahren, mit dem man durch selber
| rechnen oder selber programmieren in Erfahrung bringen
| kann, ob bei vier gegebenen ganzen Zahlen a,b,c,d mindestens ein
| Paar natürlicher/ganzer Zahlen x und y existiert, mit dem gilt:
|
| (a*x+b)/(c*x+d) = y
|
| Ich will also wissen, wie man bei gegebenen ganzen Zahlen a,b,c,d
| herausfindet, ob es überhaupt möglich ist, dass man zu dieser
| Gleichung diophantische Lösungen x,y findet.
Mich hat begeistert, wie diese Frage das Problem genau beschreibt. Die
Ausdrücke "gegebene Zahlen", "mindestens ein Paar", "existiert" machen das
Lesen einfach. Du wirst das für selbstverständlich halten, aber du ahnst gar
nicht, wieviele Leute auch mit Abitur etwa sowas geschrieben hätten wie:
Gibt es ein einfaches Verfahren, mit dem man durch selber rechnen oder
selber programmieren in Erfahrung bringen kann, ob bei vier ganzen Zahlen
a,b,c,d die Formel (a*x+b)/(c*x+d) = y erfüllt ist.
ohne zu verraten, was gegeben oder gesucht ist, ob die Erfüllung der Formel
möglich oder unter ungenannten, vom Leser zu ratenden Bedingungen zwingend
sein soll, wie die x und y vom Himmel fallen usw. Für einen Schüler der
8. Klasse war das ungewöhnlich präzise und verrät den guten Mathematiker,
nämlich den, der das Problem kennt, das er lösen will.
Tja, was lesen?
Eine Möglichkeit sind mathematische Probleme, die noch wenig Aufmerksamkeit
gefunden haben. Da werden dir sicher keine Lösungen einfallen, auf die andere
Leute nicht auch schon gekommen sind (sooo wenig Aufmerksamkeit haben sie dann
doch nicht bekommen), aber man kann ohne viele Voraussetzungen schon mal
losdenken und dann schauen, was andere Leute herausgefunden haben. Wichtig ist
dabei, dass keine tiefliegende Mathematik im Problem oder in den bis jetzt
gefundenen Lösungen steckt (der Große Fermatsche Satz ist also kein
Kandidat). Zwei Beispiele:
- Additionsketten (
http://de.wikipedia.org/wiki/Additionskette). Versuche
selbst ein Verfahren zur Berechnung kürzester Additionsketten zu finden,
versuche für einige Fälle (nicht für alle, das geht schief, weil es bisher
noch keiner geschafft hat) eine Formel für die Länge der kürzesten
Addtionskette zu finden usw. Dann lies im Internet, was andere dazu schon
gefunden haben. Die englische Wikipedia
http://en.wikipedia.org/wiki/Addition_chain ist dazu ein guter Startpunkt.
- Steinerbäume (
http://en.wikipedia.org/wiki/Steiner_tree_problem; der
deutsche Artikel dazu ist Mist). Es geht darum, in der Ebene eine endliche
Anzahl von Punkten mit geraden Strichen so zu verbinden, dass die
Gesamtlänge minimal wird. Auch da gibts kein geradliniges Verfahren für
eine Lösung, aber beim Versuch, so ein Problem zu lösen und vielleicht für
einfache Beispiele den Beweis zu führen, dass die Lösung optimal ist, lernt
man viel. Ich nehme an, dass es bei diesem Problem besser ist, sich bald
mit den Lösungsversuchen anderer Leute vertraut zu machen und es nicht zu
lange auf eigene Faust zu versuchen.
Eine andere Möglichkeit ist die Lektüre von Büchern, die sich mit Mathematik
beschäftigen. Da habe ich keinen Überblick. Zwei die ich habe und gut finde,
sind:
H. Rademacher / O. Toeplitz: Von Zahlen und Figuren, ursprünglich
Verlag Julius Springer 1930, aber immer wieder mal nachgedruckt. Ein
Klassiker, der ähnlich abwegige Probleme wie die ebengenannten zwei zum Anlass
nimmt, Mathematik zu treiben.
Róbert Freud (Hrsg.): Große Augenblicke aus der Geschichte der Mathematik
(ISBN 3-411-14471.8). Mehr an Mainstream-Themen der Mathematik interessiert,
aber auch eher Mathematikbuch als Geschichtsbuch.
Vielleicht hilft das irgendwie weiter.
--
Helmut Richter