Gott sammelt meine Tränen - Psalm 126

2 views
Skip to first unread message

Krust, Ralf

unread,
Nov 23, 2024, 2:49:42 AM11/23/24
to predi...@googlegroups.com

Gott sammelt meine Tränen

Liebe Gemeinde,

man darf seinem Leid und seiner Trauer eine Stimme gegeben. Das zeigen uns die Psalmen in der Bibel. Denn es ist wichtig, dass wir dies nicht in uns hineinfressen, sondern vor den Menschen und Gott aussprechen. Dem Leid und der Not eine Stimme geben, unter diesem Stichwort wollen wir auf den heutigen Text, auf Psalm 126 hören:

 

Die Bibel – Psalm 126

1 Ein Wallfahrtslied. Wenn der HERR die Gefangenen Zions erlösen wird, so werden wir sein wie die Träumenden. 2 Dann wird unser Mund voll Lachens und unsre Zunge voll Rühmens sein. Da wird man sagen unter den Völkern: Der HERR hat Großes an ihnen getan! 3 Der HERR hat Großes an uns getan; des sind wir fröhlich. 

4 HERR, bringe zurück unsre Gefangenen, wie du die Bäche wiederbringst im Südland. 5 Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. 6 Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. 

 

Stellen wir uns vor: Ein ganz großer Wunsch geht für uns in Erfüllung. Das ist so erstaunlich für uns, dass wir gar nicht recht wissen, ob wir das jetzt wirklich erleben, oder ob wir träumen. Genau damit beginnt der Beter im Psalm.

Das Volk Gottes befindet sich im Exil in Babylon. Sie sind dorthin verschleppt worden. Es geht ihnen dort nicht wirklich schlecht, aber sie befinden sich in Gefangenschaft. Sie möchten gerne wieder heim nach Jerusalem. 70 Jahre müssen sie darauf warten bis dieser große Wunsch in Erfüllung geht. Als es dann so weit ist, kommt es ihnen vor, als sei ein Traum. Doch es ist kein Traum, es ist Wirklichkeit.

Wir Christen befinden uns heute in einer ähnlichen Situation. Wir leben in unserer Welt: „Jenseits vom Paradies“. Uns hier in Europa geht es dabei recht gut. Dennoch sind wir nur auf der Durchreise hier, wie wir durch den Tod von Angehörigen immer wieder schmerzvoll erfahren. Wir alle kennen beschwerliche Wege, wir erleben Leid und Trauer. Der Tod spielt sich immer noch als Großmacht auf und selbst in unserem Rechtsstaat stöhnen wir über viel Ungerechtigkeit. Mit der biblischen Verheißung sehne ich mich nach dem neuen Himmel und der neuen Erde, in der wirklich Gerechtigkeit wohnt.

Denn selbst wenn, wie ich am Anfang gesagt habe, ein großer Wunsch in Erfüllung geht, kommt dann doch immer wieder der so oft zermürbende Alltag. So geht es auch dem Beter. „HERR, bringe zurück unsre Gefangenen.“ Da fallen einem sofort die Geiseln in Israel, aber auch die ukrainischen Kriegsgefangenen ein.

Blicken wir aber auch auf unseren persönlichen Bereich. Sind wir frei? Es kommt sicher auf unsere persönlichen Lebensumstände an, ob wir uns wie in Gefangenschaft fühlen oder doch eher frei.

Gemessen an dem, was Gott uns versprochen hat und was er für uns bereithält, leben wir aber alle weit von dem entfernt, was einmal sein wird. Wenn Jesus Christus wiederkommt und uns mitnimmt in seine neue Wirklichkeit, dann werden wir endgültig sein wie die Träumenden.

In Gottes neuer Welt gibt es kein Leid mehr. Seine Liebe hält, was sie verspricht. Der Tod ist endgültig abgeschafft. Neid und Missgunst wird es nicht mehr geben. Endlich werden wir erleben, dass es wirklich gerecht zugeht. Unsere Ängste gehören der Vergangenheit an. Alle Schwachheit wird von uns abfallen. Es wird keine Sünde mehr geben. Die Schattenseiten des Lebens sind dann verschwunden. Alle Tränen sind dann abgewischt.

Doch wir leben heute dazwischen, zwischen Wunscherfüllung und endgültiger Freude. Und es werden viele Tränen geweint. Eines weiß ich: Bei Gott im Himmel steht ein großer Krug. Und in diesem Krug sammelt Gott alle Tränen, die ich im Laufe des Lebens geweint habe. Warum ich das weiß? Das steht in der Bibel, in einem weiteren Psalm. Dort betet ein Mensch zu Gott: „Du sammelst meine Tränen in deinen Krug, ohne Zweifel, du zählst sie“ (Psalm 56, 9)

Das muss jemand geschrieben haben, der oft im Leben geweint hat. Vielleicht hat dieser Mensch, der den Psalm geschrieben hat, viel Leid erlebt. Vielleicht hat er Krieg erfahren und gesehen, wie Menschen um ihn herum getötet wurden. Vielleicht musste er viel zu oft an einem Grab stehen und einen Menschen beerdigen, den er geliebt hat. Vielleicht hat er große Angst gehabt um sein Leben oder das Leben anderer. Oder er hat Missbrauch und Gewalt erlebt. Vielleicht war er einfach zutiefst einsam, weil da niemand war, der ihn verstanden hat und ihn geliebt hat. Und so hat er weinen müssen. Am Tag und vor allem nachts. Weil die Seele vor Schmerz schrie. – Jetzt aber schreibt er so einen Satz über Gott: „Du sammelst meine Tränen in deinen Krug, ohne Zweifel, du zählst sie“. Vielleicht hat er an manchen Tagen an Gott gezweifelt, aber er hatte eine große Hoffnung: Keine einzige Träne ist jemals umsonst geweint. Keine Träne geht verloren und wird vergessen. Gott selbst sammelt alle Tränen in seinem Krug. Man sammelt ja meistens das, was einem wertvoll ist. Briefmarken, Porzellan, kostbare Gemälde. Unsere Tränen sind Gott wertvoll. Wie Gold oder Perlen. Ich finde diesen Gedanken unheimlich tröstlich. Ich verstehe manchmal nicht, warum mir Gott Leiden, Trauer oder Schmerz zumutet. Aber auch wenn ich das nicht verstehe, dann sind meine Tränen trotzdem Gott nicht egal. Im Gegenteil. Sie sind ihm wertvoll. Er sammelt sie. Er zählt sie. Er passt auf sie auf. Und er wird mir am Ende alle meine Tränen abwischen.

Wenn ich also einmal im Himmel bin, dann will ich zu dem Krug gehen, in dem Gott meine Tränen gesammelt hat und Gott danke sagen, dass er auch im Schmerz bei mir war.

Das soll aber nicht nur in unseren Kopf, sondern es braucht Zeit, dass auch das Gefühl mitkommen kann.

„Die Wahrheit dieses Moments ist nicht die Wahrheit über deinem ganzen Leben“ – diesen Satz stammt von einem Lebensberater. Er ist ein Anker in Momenten der Überforderung, der Frustration und wenn wir mal nicht mehr wissen, wo oben und wo unten ist.

„Die Wahrheit dieses Moments der Trauer ist nicht die Wahrheit über deinem ganzen Leben“ – dieser Satz bringt zwei Blickwinkel zusammen, die wir beide brauchen.

Erstens: Dieser Moment, an dem wir leiden, ist wahr. Ja, die Situation ist schwierig, es gibt echte Probleme, da hilft auch kein „Kopf hoch“ oder „Schwamm drüber“.

Und zweitens: Dieser Moment wird nicht für immer so bleiben – auch wenn es sich heute so anfühlen mag. Es werden wieder andere Zeiten kommen, bessere Tage, neue Momente. Die Wahrheit dieses einen Moments der Trauer ist eben nicht die Wahrheit über unserem ganzen Leben.

Ich glaube, Gott hat das so eingerichtet in meinem und in Ihrem Leben. In unserem Text wird das mit einem Bild aus der Landwirtschaft beschrieben:

Die mit Tränen säen, werden mit Freuden ernten. Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben. 

Zur Zeit der Aussaat mag der Sämann einen Moment der Tränen erleben. Das sollen wir aktiv daran gehen. Trauerarbeit kann ganz schön anstrengend sein.

Aber bis die Ernte reif ist, kommen auch wieder andere Zeiten – und er wird voll Jubel ernten. Da dürfen wir warten und die Trauer aushalten.

Das will ich mir merken. Denn: Die Wahrheit dieses Moments ist nicht die Wahrheit über unserem ganzen Leben.

Das ist ein Wort, das ich mit nicht selbst sagen kann. Aktiv trauern und sich dann von Gott trösten lassen. Das ist ein Wort, dass mir von Gott im Glauben an Jesus Christus zugesprochen wird.

Und damit kommen wir auf dem Weg des Psalms zu uns noch bei einer weiteren, aber entscheidenden Station

Der Psalm als Abbild des Christusgeschehens. Als Jesus in Jerusalem eingezogen ist, da sind die Menschen jubelnd am Straßenrand gestanden, waren wir die Träumenden, konnten es gar nicht fassen, dass hier ihr König einzieht.

Ein paar Tage später, an Karfreitag, als Jesus am Kreuz hing, konnten sie nur still beten: „Herr, bringe zurück unsre Gefangenen.“ Doch dieser Tod, der Körper von Jesus Christus, war das Samenkorn, das in die Erde gelegt wurde.

An Ostern zeigte sich sein Sieg über den Tod, seine Auferstehung war die freudige Ernte. Hier zeigte sich: „Sie gehen hin und weinen und tragen guten Samen und kommen mit Freuden und bringen ihre Garben.“

Von dieser Hoffnung durch die Auferstehung der Toten dürfen auch wir leben. „Selig sind die Toten, die in dem Herrn sterben von nun an. Ja, der Geist spricht, dass sie ruhen von ihren Mühen; denn ihre Werke folgen ihnen nach.“

Der Körper oder die Asche ist der Same, der mit Tränen und Trauer in die Erde gelegt wird.

Die Auferstehung ist der Jubel und die Freude, die wir bei der Auferstehung, der Erfüllung eines großen Wunsches verspüren und diesmal in der Ewigkeit für immer. Und alles schenkt uns Gott durch den Glauben an seinen geliebten Sohn Jesus Christus.

Amen.

#predigt.rtf
Psalm 126.pdf
Reply all
Reply to author
Forward
0 new messages