Gegen die Lebensangst - 2. Timotheus 1, 7-10

1 view
Skip to first unread message

Krust, Ralf

unread,
Oct 11, 2025, 9:54:52 AM10/11/25
to predi...@googlegroups.com

Gegen die Lebensangst

Liebe Gemeinde,

auf einem Bergwochenende fragte mich einer der Bergkameraden einmal scherzhaft: „Weißt du, wo das Licht hingeht, wenn du es aus machst?“. Als ich das verneinte, hatte er auch gleich die Lösung parat und sagte: „Hast du noch nie die Tür zu deinem Kühlschrank aufgemacht?“.

Wo gehen unsere Furcht und Lebensangst hin, wenn wir sie Gott geben. Was passiert mit unserem Leben, wenn wir Gottes Geist der Kraft und Liebe und der Besonnenheit zulassen. Fragen, auf die unser heutiger biblischer Text eine Antwort geben will.

 

2. Timotheus 1, 7-10 – 12.10.2025

7 Denn Gott hat uns nicht gegeben den Geist der Furcht, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit.

8 Darum schäme dich nicht des Zeugnisses von unserm Herrn noch meiner, der ich sein Gefangener bin, sondern leide mit für das Evangelium in der Kraft Gottes.

9 Er hat uns selig gemacht und berufen mit einem heiligen Ruf, nicht nach unsern Werken, sondern nach seinem Ratschluss und nach der Gnade, die uns gegeben ist in Christus Jesus vor der Zeit der Welt,

10 jetzt aber offenbart ist durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.

 

Die Angst unter den Deutschen nimmt zu, z.B. Flüchtlingsströme und Terrorismus werden als Grund genannt und ein Geist der Furcht will sich über das Land legen. Das ist nicht Gottes Geist und der Geist des christlichen Glaubens, ich will mit einem Vergleich zum Fußball beginnen.

Wer sich im Fernsehen ein Fußballspiel anschaut, der weiß wie begeistert der Reporter war von der „offensiven“ Spielweise einer Mannschaft sein können. Mutig nach vorne gehen, etwas wagen, sein Spiel spielen und sich nicht vom Gegner das Spiel diktieren lassen - nur so kann man siegen. Offensives Christsein, das meint der Paulus, wenn er schreibt: Gott hat uns keinen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Was wir heute weithin sehen, und was immer mehr um sich zu greifen scheint, ist das genaue Gegenteil davon: die Christen und die Kirche haben sich in die Defensive drängen lassen. Glaube wird nur noch verteidigt oder verwässert. Kaum einer geht mehr vor. Kaum einer wagt mehr etwas. Wir lassen uns vom Gegner das Spiel diktieren, statt unser Spiel zu machen. Dabei hätten wir doch die Kraft dazu! Gott selbst hat sie uns gegeben, die Kraft zu einem offensiven Christsein, dem am Ende der Sieg gehört. Wir brauchen keine Angst zu haben. Keine Angst vor dem Gegner: er ist bereits besiegt. Erst recht nicht Angst vor dem rechthaberischen und dummen Geschwätz der Zuschauer; wer nicht mitspielt, hat auch nichts dreinzureden. Keine Angst auch davor, dass wir einmal zu weit vor und ins Abseits laufen. Gott pfeift uns schon rechtzeitig zurück. Gott hat uns keinen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Zu offensivem Christsein sind wir ausgestattet.

Eines aber muss ich noch anfügen, was nicht gemeint ist. Nicht gemeint ist ein Christsein in überlegener Selbstsicherheit. Gott hat uns den Geist der Kraft gegeben. Damit ist aber nicht ausgeschlossen, dass wir zuzeiten mehr Fragen als Antworten haben. Im Gegenteil: gerade darin beweist der Geist, der uns gegeben ist, seine Kraft, dass er das Fragen, die Unsicherheit, das Suchen erlaubt, aushält, verkraftet.

Das hilft uns gegen die Furcht zu versagen und zu unserer eigenen Meinung zu stehen, die wir aus unserem Glauben und aus dem Lesen der Bibel gewonnen haben.

 

Das Zweite: Gott hat uns keinen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Der Geist der Kraft ist uns nicht gegeben zu glanzvollen Einzelaktionen, sondern er ist uns gegeben als Mitgliedern der Gemeinde Jesu Christi. Wir müssen hier den Vergleich mit dem Fußball verlassen. Hier geht es um mehr. Der Geist der Liebe ist etwas anderes als der oft gepriesene Mannschaftsgeist. Mannschaftsgeist zu haben, dazu kann ich mich aus guten Gründen entscheiden. Der Geist der Liebe muss uns von Gott geschenkt werden. Wir können jetzt nicht eingehen auf all das, was die Bibel über die Liebe sagt. Aber auffallen sollte uns und zu denken geben, diese Gegenüberstellung: Geist der Furcht - Geist der Liebe. Warum ist der Geist der Liebe das Gegenteil vom Geist der Furcht? Weil Angst immer dort hochkommt, wo die Liebe fehlt. Angst ist ein Zeichen dafür, dass ein Mensch sich alleingelassen fühlt, dass ihm Geborgenheit fehlt. Wer dagegen jemanden hat, der ihn liebt, der braucht keine Angst zu haben. Und genau dazu hat Jesus seine Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern erfunden: dass jeder jemand hat, der ihn liebt. Gott liebt uns - gewiss! Aber es reicht nicht, wenn wir wissen, dass Gott uns liebt. Jeder Mensch braucht das, dass er von einem Menschen geliebt und angenommen wird. Und weil Gott das weiß, darum hat er uns den Geist der Liebe gegeben. Und wenn wir den Geist der Ängstlichkeit in der Gemeinde auf dem Vormarsch sehen, dann ist das ein untrügliches Zeichen dafür, dass der Geist der Liebe auf dem Rückzug ist. Und es ist nicht mehr länger verwunderlich, dass so wenig offensives Christsein zu finden ist. Wo die Liebe fehlt, zieht die lähmende Angst ein. Wo ist bei uns, in unseren Gemeinden, der Geist der Liebe? Antwort des Paulus: „Gott hat ihn uns gegeben.“ Davon können wir ausgehen. Und es kommt jetzt nur darauf an, dass wir den Geist der Liebe wirken lassen in unserer Gemeinde. Es wird von uns Christen viel erwartet heute. Aber wir werden alle diese Erwartungen enttäuschen müssen, wenn nicht der Geist der Liebe herrscht. Wir müssen endlich wieder lernen, dass nicht die Geschäftigkeit und Anpassung, sondern der Geist der Liebe die Lebendigkeit der Kirche ausmacht. Doch ich glaube, dass der Geist der Liebe sich bei uns zuerst äußern wird als Geist der Fantasie für neue Formen von Gemeindesein, so dass unsere Gemeinde wieder der Ort wird, wo jeder sich geborgen und verstanden und akzeptiert weiß. so wie er ist; wo jeder sich geliebt weiß, von Menschen geliebt weiß, und deshalb seine Angst aufgeben und wieder offensiv Christ sein kann.

Das nimmt uns die Furcht, dass wir andere Meinungen nicht stehen lassen können, sondern dass wir gerade in unserer Unterschiedlichkeit im Glauben an Jesus Christus Gemeinde sind.

 

Das Dritte: Gott hat uns keinen Geist der Furcht gegeben, sondern der Kraft und der Liebe und der Besonnenheit. Der Geist der Kraft macht nicht rücksichtslos gegenüber dem Mitchristen, sondern äußert sich ihm gegenüber als Geist der Liebe. Und der Geist der Kraft treibt nicht die Christen mit dem Kopf durch die Wand, sondern äußert sich in nüchterner Besonnenheit im alltäglichen Leben. Martin Luther hat hier übersetzt „Geist der Zucht“. Mancher wird diese Übersetzung vermissen. „Zucht und Ordnung“ hält manch einer auch heute noch für das Allheilmittel gegen alle Schäden dieser Welt. Ich glaube nicht, dass dieses Denken aus dem Geist der Liebe geboren ist. „Der Geist, dass wir uns in jeder Situation richtig und angemessen verhalten.“ hat Gott uns gegeben, so lautet die beste Übersetzung von dem griechischen Wort, das hier steht.

Hier kann uns eine weitere Erfahrung aus einer Bergfreizeit helfen: Heute hat ja fast jeder ein Navigationsprogramm. Und am Ende des Bergwochenende wollten wir noch zum Abschied auf eine hochgelegene Alm fahren. Ich habe ein Navigationsprogramm auf meinem Handy, so dachte ich: kein Problem.

Über die erste Route war die Alm nicht erreichbar, die zweite Route wollte uns über einen gesperrten Forstweg führen, das führte zu einem Umweg von 20 Kilometern und erst die dritte führte uns zu unserem Ziel.

Wir lernen also, dass wir beim Navi nicht den Verstand ausschalten, sondern den Geist, dass wir uns in jeder Situation richtig und angemessen verhalten.

Beim Glauben den Verstand nicht ausschalten, das ist der Geist, der sich in jeder Situation richtig und angemessen verhält. Den gesunden Geist, ohne Illusionen abzuwägen, was zweckmäßig ist und was nicht. Den wachen Sinn, die Lage und Vorgänge unseres persönlichen Lebens wie unseres Volkes und unserer Welt nüchtern zu beurteilen. Gott hat uns nicht den Geist der Ängstlichkeit gegeben, so dass wir vorschnell beurteilen und handeln müssten oder uns vor jeder Entscheidung und Mitverantwortung im öffentlichen Leben drücken dürften. Sondern er hat uns den Geist der nüchternen Besonnenheit gegeben. Und darum sind wir unserem Mitmenschen im Beruf, in der Öffentlichkeit, in der Politik den Dienst nüchternen Besonnenheit schuldig. Dazu schickt Gott Christen in der Welt und gibt uns ein Versprechen: „Das ist offenbart durch die Erscheinung unseres Heilands Christus Jesus, der dem Tode die Macht genommen und das Leben und ein unvergängliches Wesen ans Licht gebracht hat durch das Evangelium.“

Das nimmt uns Lebensangst.

Amen.

 

 

#predigt.rtf
2. Timotheus 1, 7-10.pdf
Reply all
Reply to author
Forward
0 new messages