Das ganze, volle Leben
Liebe Gemeinde,
„ich fühle mich neugeboren“ sagen wir, wenn wir nach einer schweren Krankheit wieder gesund sind oder uns nach einer längeren Krankheitszeit erholt haben.
Für uns Christen ist die Auferstehung von Jesus Christus, an die wir im vergangenen Wochenende gedacht haben, die Grundlage für unsere neue Geburt und unsere Hoffnung im christlichen Glauben. Davon redet unser heutiger Text:
Die Bibel - 1. Petrus 1, 3-9 – 27.04.2025
3Gelobt sei Gott, der Vater unseres Herrn Jesus Christus. In seiner großen Barmherzigkeit hat er uns neu geboren. Denn er hat uns eine lebendige Hoffnung geschenkt, weil Jesus Christus von den Toten auferstanden ist. 4Es ist die Hoffnung auf ein unvergängliches Erbe, das rein ist und nie seinen Wert verliert. Das hält Gott im Himmel für euch bereit, 5und er bewahrt euch durch seine Macht. Ihr sollt durch den Glauben gerettet werden. Das wird am Ende der Zeit offenbart werden. 6Darüber könnt ihr euch freuen. Aber es ist trotzdem nötig, dass ihr jetzt noch eine kurze Zeit leidet. Denn ihr werdet auf verschiedene Arten geprüft werden. 7Dadurch soll sich zeigen, ob euer Glaube echt ist. Denn er ist wertvoller als vergängliches Gold, das im Feuer gereinigt wird. Dafür werdet ihr Lob, Herrlichkeit und Ehre erhalten, wenn Jesus Christus wieder erscheint. 8Ihr liebt ihn, obwohl ihr ihn nicht gesehen habt. Ihr glaubt an ihn, obwohl ihr ihn jetzt nicht seht. Deshalb könnt ihr jubeln in unaussprechlicher Freude, die schon von der künftigen Herrlichkeit erfüllt ist. 9So erreicht ihr das Ziel eures Glaubens: eure endgültige Rettung.
in Frankreich, und zwar in der Gegend von Piemont, gibt es am Ostermorgen einen alten Brauch: Wenn am Ostersonntag zum ersten Mal die Glocken läuten, laufen Kinder und Erwachsene zum Dorfbrunnen und waschen sich die Augen mit kühlem, klarem Brunnenwasser aus.
Manche von ihnen wissen wahrscheinlich gar nicht mehr, warum sie zum Brunnen laufen, wie so oft bei alten Bräuchen, sie rennen einfach mit den anderen mit. Aber die ganze Handlung ist ursprünglich eine Art Gleichnis, in dem die Menschen um neue Augen, um Oster-Augen bitten. Und das brauchen die Menschen dort und auch wir hier: Oster-Augen. Denn nur mit Oster-Augen, mit einer Antenne für den Glauben, können wir erkennen, dass Jesus auferstanden ist. Denn dann gilt auch für uns, wie es Petrus an die Gemeinde schreibt: „Ihr liebt ihn, obwohl ihr ihn nicht gesehen habt. Ihr glaubt an ihn, obwohl ihr ihn jetzt nicht seht. Deshalb könnt ihr jubeln in unaussprechlicher Freude, die schon von der künftigen Herrlichkeit erfüllt ist.“
Leibhaftig haben wir Jesus nicht gesehen. Doch mit unseren Oster-Augen wissen wir, dass er bei uns ist, und wir können ihn liebhaben. Mit unseren körperlichen Augen können wir ihn nicht sehen, aber unsere Oster-Augen helfen uns dabei, an ihn zu glauben. Wir wollen besser Jesus „sehen“ können, der nicht mehr tot ist, sondern lebt sichtbar für unsere Oster-Augen mitten unter uns.
Und noch auf etwas Weiteres weist der Brauch am Ostermorgen hin. Die Menschen sollen besser „sehen“, besser „einsehen“ können, was durch die Auferstehung Jesu anders geworden ist in ihrem Leben. Diese Veränderung nennt die Bibel Wiedergeburt. Das ist der Beginn von Gottes neuer Welt in einem Menschen. Grundlage ist die Auferstehung von Jesus Christus.
Unsere Mutter hat uns die Geburt, unser irdisches Leben geschenkt. Durch sie werden wir als Menschenkinder geboren. Jedes Kind ist ein Wunder und ein Geschenk. Aber jedes irdische Leben als Menschenkind ist leider auch von der Sünde geprägt und bedarf der Erneuerung und Verwandlung.
Wenn wir zum Glauben an Jesus Christus finden, ist das die Geburt zu unserem geistlichen Leben. In der Wiedergeburt wirst du von einem Menschenkind zu einem Gotteskind. Auch dies ist ein Wunder und ein Geschenk. Das geistliche Leben, das Leben im Glauben ist das dritte Leben.
Wenn wir einmal von dem Toten auferstehen werden, dann ist das die Geburt zum ewigen, himmlischen Leben. In der Auferstehung mit einem neuen Leib in einer neuen Welt vollendet sich unser irdisches und geistliches Leben und wir werden zum Himmelskind.
Alle drei Leben. Das irdische, das geistliche und das himmlische, gehören zusammen. Jedes ist wichtig und nur alle drei bilden zusammen das ganze und volle Leben. Irdisches Leben in einer natürlichen Geburt als Menschenkind, geistliches Leben in einer Wiedergeburt als Gotteskind und das ewige Leben in der Auferstehung für Gottes neue Welt als Himmelskind, dies ist das volle Leben. Gott wartet mit seiner ganzen Liebe auf uns, um uns - nicht unbedingt ein langes - aber ein ganzes Leben zu schenken. Das hilft uns auch, wenn wir die tiefen Täler unseres irdischen Lebens betrachten.
Was ist aber, wenn ich das gerade nicht spüre, weil ich einen lieben Angehörigen pflege und merke, wie seine Kraft immer mehr abnimmt? Oder wenn der Arzt eine Krankheit feststellt, die auf kürzer oder länger zum Tode führen wird? Oder auch nur wenn ich mich kraftlos und ausgebrannt fühle?
Petrus schreibt hier einen Satz, den ich dann für mich im Herzen bewegen darf: „Es ist trotzdem nötig, dass ihr jetzt noch eine kurze Zeit leidet. Denn ihr werdet auf verschiedene Arten geprüft werden.“ Gott stellt mein irdisches Leben auf die Probe. Das kann ich niemand auf den Kopf zusagen, das kann ich nur zu mir selbst sagen und für mich prüfen. Das kann ich für niemand anders behaupten, aber für mich selbst, sollte ich das in Betracht ziehen. Zu echter Liebe und Beziehung gehört auch immer wieder dazu, dass sie auf die Probe gestellt wird und sich dann als echtes Gold erweist.
Habt ihr euch schon einmal überlegt, warum die Goldene Hochzeit, Goldene Hochzeit heißt und warum die Goldene Konfirmation so heißt. Die Ehe hat sich fünfzig Jahre bewähren und entwickeln können und bei der Goldenen Konfirmation hat der christliche Glaube fünfzig Jahre reifen und sich bewähren können.
Und gerade hier bei dem Bewähren und auf die Probe gestellt werden, brauche ich die Osteraugen, von denen ich vorhin geredet habe.
Die Osteraugen weisen uns auf: „So erreicht ihr das Ziel eures Glaubens: eure endgültige Rettung.“ Mit diesem Ziel, mit dieser Rettung ist eine Aufgabe verbunden, die Aufgabe dass wir anderen Menschen von dieser Hoffnung und diesen Osteraugen weitersagen. Gottes Rettung geschieht nicht nur für uns, sondern sie soll in die Welt hinausgetragen werden.
Lasst uns das den Menschen sagen, die einen Angehörigen pflegen und ihn in ihrem Dienst am Nächsten beistehen. Lasst uns dies Menschen sagen, die krank sind und ihnen zeigen, dass es Hoffnung gibt, die größer ist als Gesundheit. Und lasst uns das zu den Menschen tragen, die kraftlos und ausgebrannt sind, und als Hoffnung ihren Blick auf die Rettung in alle Ewigkeit richten können.
Wir Menschen sind zur Hoffnung geschaffen. Hoffnung gehört so zu unserem Leben, dass wir ohne sie zugrunde gehen würden. Entscheidend ist allerdings nicht, dass wir hoffen, sondern worauf wir hoffen. Denn wenn unsere Hoffnung enttäuscht wird, dann stirbt sie und kann nur wieder auferstehen, wenn sie durch den auferstandenen Herrn Jesus Christus neu angefacht wird.
Deshalb ist es entscheidend diese richtige Hoffnung zu haben.
Petrus spricht von einer lebendigen Hoffnung. Damit meint er eine Hoffnung, die erfüllt wird. Ja, vielleicht meint er noch mehr damit: eine Hoffnung, die ständig neue Hoffnungen hervorbringt, also eine Hoffnung, die unsere Fähigkeit zu hoffen nicht auslöscht, sondern in uns durch den Glauben immer wieder neu geboren wird. Wie das aussieht, zeigt folgende Geschichte:
Ein Hund hatte vom Haus der tausend Spiegel gehört. Er wusste nicht, was Spiegel sind, aber er hatte eine große Sehnsucht dieses Haus zu besuchen. Nach wochenlanger Wanderung gelangt er dort an. Er lief die Stufen hinauf. Und als er durch die Eingangstür gegangen war, da blickten ihn aus tausend Spiegeln tausend Hunde an. Da freute er sich und wedelte mit Schwanz. Da freuten sich auch in den Spiegeln tausend Hunde und wedelten mit dem Schwanz. Er verließ das Haus mit dem Bewusstsein: Die Welt ist voller freundlicher Hunde. Von da an ging er jeden Tag in das Haus der tausend Spiegel.
Am Nachmittag kam ein anderer Hund in das Haus. Hinter der Eingangstür blickten ihn aus tausend Spiegeln tausend Hunde an. Da zeigte er vor Angst die Zähne und knurrte. Da knurrten aus den Spiegeln tausend Hunde zähnefletschend zurück. Der Hund zog den Schwanz ein und rannte davon in dem Bewusstsein: Die Welt ist voller böser Hunde. Nie wieder wollte er in das Haus der tausend Spiegel.
Das Haus der tausend Spiegel ist wie die Welt und unser irdisches Leben. Wer selbstsüchtig und streitsüchtig ist, der erlebt auch Selbstsucht und Streit. Wer aber fröhlich und dankbar ist, der findet auch fröhliche und freundliche Gefährten.
Das ist gut und wir brauchen dafür Geduld. Dabei dürfen wir wieder neue Hoffnung fassen. Und mit der Hoffnung geht es uns da so, wie in dem Haus der Spiegel: sie wird zurückgeworfen und vervielfacht sich.
Wenn wir die Hoffnung von Ostern her haben, kann sie uns aus dem Tal der Probleme und Hoffnungslosigkeit führen. Jesus ist auferstanden. Das ist richtige und lebendige Hoffnung. Wenn wir darauf unser Vertrauen setzen, dann kann uns das durch Trauer und Tod tragen.
Der Glaube an Jesus Christus schenkt uns solche lebendige Hoffnung. Durch ihn werden wir auch in der Stunde des Abschied-Nehmens und des Todes getröstet. Denn wir wissen: wir werden auferstehen und einmal mit Jesus Christus in seiner Herrlichkeit im Himmel leben. So gibt uns der Glaube an Jesus Christus Halt in unserem Leben. Jesus Christus und seine Auferstehung von den Toten ist unsere lebendige Hoffnung. Das können wir mit unseren Osteraugen sehen und unsere Mitmenschen darauf hinweisen, dass Gott uns ein ganzes, ein volles Leben schenken möchte.
Amen.