Die Letzten werden die Ersten sein
Liebe Gemeinde,
Jeder will der Erste sein. Bereits Kleinkinder beginnen sich mit anderen zu messen: Ich habe einen höheren Klötzchen-Turm! Ich kann höher springen! Das Vergleichen, wer besser, schneller, größer, mächtiger, einflussreicher ist, scheint uns in die Wiege gelegt zu sein. Und es ist die Wurzel vieler Übel, die Ursache von viel Leid, das Menschen einander zufügen, bis hin zu den Kriegen um Macht und Einfluss. Jesus macht bei diesem Spiel nicht mit und kommt gerade zu den Menschen, die nicht die Ersten sind.
Johannes 5, 1-16 – 26.10.2025
1Einige Zeit später war wieder ein jüdisches Fest und Jesus zog nach Jerusalem. 2Beim Schaftor in Jerusalem gibt es einen Teich mit fünf Säulenhallen. Auf Hebräisch wird dieser Ort Betesda genannt. 3In den Hallen lagen viele Kranke, Blinde, Gelähmte und Menschen mit verkrüppelten Gliedern. »Sie warteten darauf, dass das Wasser in Bewegung geriet. 4 Wer dann als Erster in das bewegte Wasser stieg, der wurde gesund – ganz gleich, welche Krankheit er hatte.« 5Dort war auch ein Mann, der seit 38 Jahren krank war. 6Jesus sah ihn dort liegen und erkannte, dass er schon lange krank war. Da fragte er ihn: »Willst du gesund werden?« 7Der Kranke antwortete: »Herr, ich habe keinen, der mich in den Teich bringt, sobald das Wasser in Bewegung gerät. Wenn ich es aber allein versuche, steigt immer ein anderer vor mir hinein.« 8Da sagte Jesus zu ihm: »Steh auf, nimm deine Matte und geh!« 9Im selben Augenblick wurde der Mann gesund. Er nahm seine Matte und ging. Der Tag, an dem dies geschah, war ein Sabbat. 10Da sagten die Vertreter der jüdischen Behörden zu dem Geheilten: »Es ist Sabbat! Du darfst deine Matte nicht tragen!« 11Er antwortete ihnen: »Der Mann, der mich geheilt hat, der hat zu mir gesagt: ›Nimm deine Matte und geh!‹« 12Sie fragten ihn: »Wer ist das gewesen? Wer hat zu dir gesagt: ›Nimm deine Matte und geh!‹?« 13Der Geheilte wusste es aber nicht. Denn Jesus war in der Menschenmenge verschwunden, die sich dort versammelt hatte. 14Später traf Jesus den Mann im Tempel und sagte zu ihm: »Du bist gesund geworden! Lade keine Schuld mehr auf dich, damit dir nichts Schlimmeres geschieht.« 15Der Mann ging weg und berichtete den jüdischen Behörden: »Es war Jesus, der mich gesund gemacht hat.« 16Von da an verfolgten die jüdischen Behörden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte.
jeder will der erste sein. Das war auch bei unserem antiken Krankenhaus am Teich Betesda so. Nur einer kann gesund werden und das ist der Erste. Das ist doch ganz schön ungerecht. So haben es auf jeden Fall einmal Konfirmanden festgestellt. Es ist ungerecht, dass nur der Erste gesund wird. Es ist ungerecht, dass der Lahme 38 Jahre seines Lebens hier liegen musste. Und doch ist es ein treffendes Abbild unserer Welt. Der mit dem besten Zeugnis kriegt den Studienplatz. Der mit den besten Beziehungen kriegt den Ausbildungsplatz.
Und nun platzt Jesus in diese Situation hinein und schert sich überhaupt nicht darum, wer der Erste und wer der Letzte ist. Er sucht einfach nach jemand, der gesund werden will. So ist es bis heute: Jesus will bei dir in den Alltag platzen, er schert ich nicht darum, ob wir auf der Gewinner- oder auf der Verliererstraße sind. Er stellt uns schlicht und ergreifend die Frage: „willst du aufstehen und deine Lebenskrücken hinter dir lassen.“
Jesus kehrt die normalen Verhältnisse um, wenn er im Evangelium sagt: „Die Ersten werden die Letzten und die Letzen werden die Ersten sein.“ Diese Umkehrung aller Verhältnisse, wie sie in dieser Geschichte ganz praktisch geschieht, muss erst einmal verdaut werden. Es ist ganz interessant, welche Reaktion die Heilung des Gelähmten auslöst:
Zuerst einmal bei dem Gelähmten selbst: Er war so mit sich selbst und damit beschäftigt, dass er nach 38 Jahren geheilt wurde, dass er nicht einmal wusste, wer ihn geheilt hat.
Wenn wir in die heutige Zeit schauen, dann leben viele Menschen so vor sich hin, vielen geht es gut. Und sie leben, ohne zu fragen, wem sie all das Gute und ihr Leben zu verdanken haben. Sie sind viel zu beschäftigt, um nach Gott und dem Glauben zu fragen. Und wenn die Frage von außen auf sie zukommt, dann wissen sie nicht einmal, wo sie zu fragen anfangen sollen. Jesus will ihnen begegnen. Das kann er nur, wenn wir von unserem Glauben an Jesu weitererzählen. Jesus will sich mit diesen Menschen treffen und er will dich dazu gebrauchen: Reden wir von unserem Glauben.
Es kann sein, dass wir auf Ablehnung treffen. Das ist die zweite Reaktion auf die Heilung, es gibt Menschen die sind gegenüber dem Glauben total ablehnend: „Von da an verfolgten die jüdischen Behörden Jesus, weil er das an einem Sabbat getan hatte.“ Jesus passt nicht in das religiöse Bild seiner Zeit.
Aber ist das heute anders, in einer Zeit, in der jeder nach seiner Fasson selig werden soll? Wenn nun Jesus kommt und sagt, ich bin der alleinige Weg zu Gott, dann werden die tolerantesten Leute höchst intolerant. Oder bei dem Thema der Entstehung der Welt werden die ganz sachlichen Wissenschaftler plötzlich ganz unsachlich, dann wenn die Frage aufkommt, ob es zur Evolutionstheorie nicht vielleicht doch die Alternative der Schöpfung geben könnte. Oder bei der Frage, ob die zehn Gebote noch verbindlich seien, werden die Verfehlungen von Pfarrern und Priestern, Kirche und Religion der letzten Jahrhunderte angeführt, um nur nicht selbst in der Verantwortung stehen zu müssen. Hier sind wir aufgefordert, es Jesus gleich zu tun und den Gegnern in Liebe zu begegnen. Jesus hat die Macht, sie von ihrem Irrtum zu heilen. Denn der Glaube an Jesus passt nicht in das religiöse Bild unserer Zeit.
Zum dritten wird die beste und eigentliche Möglichkeit der Reaktion von Jesus selbst erläutert: „Lade keine Schuld mehr auf dich, damit dir nichts Schlimmeres geschieht.“ Jesus fordert zur Änderung des Lebensstiles, des Denkens und Handelns auf.
Die Aufforderung „Lade keine Schuld mehr auf dich, damit dir nichts Schlimmeres geschieht“ hat beim Geheilten keine Wirkung gemacht, er rennt auf dem geradesten Weg zu den Behörden und verpfeift Jesus: «Es war Jesus, der mich gesund gemacht hat!»
„Lade keine Schuld mehr auf dich“ heißt für uns heute, dass wir uns entscheiden müssen, auf welche Seite wir gehören: zu den Gleichgültigen, zu den Verfolgern oder zu den Nachfolgern Jesu.
Jesus rät uns zum dritten. Was ist denn „etwas Schlimmeres als deine Krankheit“? Drei von vielen Möglichkeiten will ich nennen:
1) Einsamkeit - in seiner Halle hatte der Geheilte 38 Jahre die anderen Kranken, nun muss er ein neues Leben beginnen, neue Bezüge setzen. So eine Wahl beeinflusst unsere Freizeit und unsere Interessen. Wen suchen wir als unsere Freunde und Bekannten aus, in welchen Kreisen bewegen wir uns? Suchen wir Kontakt zu Menschen aus der christlichen Gemeinde oder bewegen wir uns in Kreisen, denen Gott völlig egal ist? Eine Definition von Sünder ist „der in sich selbst verkrümmte Mensch“. Und das macht einsam.
2) Stolz und Überheblichkeit - er wurde vom Letzten zum Ersten. Und nun neigen wir Menschen dazu, dass wir uns auf Erfolg etwas einbilden, auch wenn wir ihn nicht uns selbst zu verdanken haben.
Die Spitze dieser Aussage habe ich in dem Satz erlebt: „Warum soll ich Erntedank feiern, ich habe mir doch alles selbst erarbeitet.“ Wer hat diesem Menschen, die Gaben und Möglichkeiten gegeben? Wer sagt diesem Menschen, dass es auch die Dankbarkeit ist, die uns gesund erhält? Wer sagt diesem Menschen, dass er die Wahl hat?
3) Ewiges Leben mit oder ohne Gott – Gott lässt uns die Wahl, ob wir mit oder ohne ihm Leben wollen. Er respektiert unsere Entscheidung. Es geht um die Frage: „wie stehen wir zu Jesus“. Verraten wir ihn wie der geheilte Gelähmte an die Verfolger oder bieten wir diesen die Stirn und folgen Jesus nach. Das zeigt sich dann an den vielen Dingen des Alltags. Eins davon ist angesprochen und wird sehr kontrovers diskutiert: das Verhältnis zum Sonntag.
Die Juden der damaligen Zeit hatten ein überzogenes Verhältnis zum Ruhetag, zum Sabbat.
Es ist ungerecht, dass der geheilte Gelähmte am Sabbat nicht einmal seine Matte tragen darf. Es ist ungerecht, dass Jesus am Sabbat nicht heilen darf.
Wir haben ein zu lockeres Verhältnis zum Ruhetag, zum Sonntag. In unserer heutigen Gesellschaft, und da sind wir eingeschlossen, nehmen wir den Sonntag nicht mehr ernst genug.
Es ist ungerecht, wenn Maschinen des Gewinnes willen nicht abgestellt werden und Menschen in Schichten sieben Tage die Woche arbeiten müssen.
Es ist ungerecht, dass Bäckereien am Sonntag öffnen müssen, weil sie sonst nicht wirtschaftlich über die Runden kommen.
Wir schaden uns selbst, wenn wir nicht zur Ruhe kommen und pausenlos durcharbeiten. Das ist es auch, wenn Jesus sagt: „Lade keine Schuld mehr auf dich, damit dir nichts Schlimmeres geschieht.“
Hören wir, was der ehemalige EKD-Ratsvorsitzende Bischof Wolfgang Huber zum Sonntag sagt:
"Der Sonntag ist ein Symbol für die Würde und die Freiheit, die dem Menschen von Gott her zukommen. Durch sie ist das Bild des Menschen in unserer Gesellschaft grundsätzlich geprägt; dabei soll es auch bleiben. Deshalb wollen wir den Sonntag als Tag des Gottesdienstes, der Muße und der Besinnung erhalten. Wir laden alle ein, den Sonntag mit dem Motto unserer Kampagne zu begrüßen: „Gott sei Dank, es ist Sonntag!'"
Wir brauchen nicht zu hetzen, um die Ersten zu sein, sondern dürfen den Sonntag feiern. „Die Ersten werden die Letzten und die Letzen werden die Ersten sein“, ist keine billige Vertröstung auf das Jenseits und den Himmel. Diese Umkehrung aller Werte hat mit Jesus angefangen. Sie geht dort weiter, wo Menschen sich auf Jesus einlassen und nach seinem Vorbild und seinen Worten leben. Es liegt an uns, ob wir mitmachen und mit Jesus Richtung ewiges Leben gehen.
Amen.