Leiden und Herrlichkeit
Liebe Gemeinde,
ein Auferstehungsbild zu Beginn der Passionszeit, die Zeit in der wir an das Leiden von Jesus Christus denken?
Es ist ganz bewusst gewählt. Denn der Auferstandene ist an seinen Nägelmalen erkennbar. Es soll einmal der Teufel dem Bischof Martin in der Figur des Auferstandenen erschienen sein. Er kam als majestätischer König und im herrlichen Glanz und sagte zu ihm: „Martin, du bist mir so treu gewesen, dass ich es nicht hinausschieben konnte: ich habe kommen und dich besuchen müssen. Da siehst, wie lieb ich dich habe, dass ich dir vor allen anderen Menschen erscheine.“ Darauf hat Martin geantwortet: „Wer bist du denn?“ „Ich bin’s. Ich bin der Retter Jesus“, antwortete der Teufel. Und Martin erwiderte: „Wo hast du den deine Nägelmale?“ „Oh“, antwortete der Teufel, „Ich komme jetzt nicht als ein Verwundeter von dem Kreuz, sondern vom Himmel her in meiner Herrlichkeit.“ Martin entgegnete ihm: „Du bist mir der Rechte; geh mir aus den Augen, du bist der Teufel; den Auferstandenen ohne Wunden mag ich nicht sehen; den erkenne ich nicht an, der die Zeichen des Leidens nicht hat.“ Da war der Teufel gleich weg.
Der Auferstandene ist der Gekreuzigte. Überall, wo das Evangelium ohne das Kreuz gepredigt wird, regiert nicht Gott, sondern der Teufel. Der christliche Glaube umfasst beides, Leiden und Herrlichkeit. Und der sicherste Platz und Schutzraum bei Leiden und bei Schwierigkeiten ist bei Gott.
Auf diesem Hintergrund lesen wir den heutigen Text
Die Bibel - Hebräer 4,14–16 Invokavit
14Wir haben einen großen Hohepriester, der alle Himmel durchschritten hat:
Es ist Jesus, der Sohn Gottes. Lasst uns also an dem Bekenntnis zu ihm festhalten!
15Er ist kein Hohepriester, der nicht mit unseren Schwachheiten mitleiden könnte.
Er wurde genau wie wir in jeder Hinsicht auf die Probe gestellt.
Nur war er ohne Sünde.
16Lasst uns also voller Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten.
So können wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden.
Und so werden wir zur rechten Zeit Hilfe bekommen.
Das Bild auf dem Gottesdienstblatt mit der Auferstandenen aus dem Isenheimer Altar von Matthias Grünewald verdeutlicht in sehr schöner Weise unseren heutigen Predigttext.
Wenn wir das Bild anschauen, erkennen wir Jesus als den Auferstandenen in einem hellen Licht. Aber als der Auferstandene hat er durchbohrte Hände, durchbohrte Füße und eine durchbohrte Seite. Das ist der „große Hohepriester, der alle Himmel durchschritten hat“. Dieser Sieg geht nicht ohne Leiden, er geht durch das Leiden hindurch. Deswegen ist es wichtig: „Lasst uns also an dem Bekenntnis zu ihm festhalten!“ Das Bekenntnis ist kurz und inhaltsschwer: Er „ist Jesus, der Sohn Gottes.“ Um diesen Jesus Christus, den wir hier bekennen, geht es. Von ihm hängt alles ab und von ihm wird gesagt: „Er ist kein Hohepriester, der nicht mit unseren Schwachheiten mitleiden könnte. Er wurde genau wie wir in jeder Hinsicht auf die Probe gestellt. Nur war er ohne Sünde.“.
In der Lesung haben wir die Geschichte von der Versuchung Jesu gehört. In der ersten Versuchung fordert der Teufel Jesus heraus, aus Steinen Brot zu machen und so zum Brotkönig zu werden. Jesus besiegt diese Versuchung und wird auf seine ganz eigene Weise zum Brotkönig. Durch sein Abendmahl und seinen Tod am Kreuz gibt er sich im Brot des Abendmahls als Zeichen für die Vergebung unserer Sünden.
Auch in unserer Zeit tritt eine ähnliche Versuchung an den Tag: „Wenn es Gott gibt, warum gibt es dann so viele hungernde Menschen in der Welt.“ Dieser Versuchung gibt es zu widerstehen, so wie Jesus damals der Versuchung widerstanden hat mit den Worten: „Es gibt genug Nahrungsmittel auf der Welt, warum sind sie nicht richtig verteilt?“ Das Problem des Hungers ist in erster Linie ein Problem der Ungerechtigkeit von uns Menschen. Die Geschichte der christlichen Mission zeigt: Dort wo Menschen zum lebendigen Glauben an Jesus Christus finden, ändern sich die Verhältnisse zum Besseren.
In der zweiten Versuchung bot der Teufel Jesus alle Macht der Welt an, wenn er ihn anbetet. Jesus widerstand der Versuchung mit dem Wissen, dass über aller Macht der Welt noch Gottes Macht im Himmel steht. Wenn Ihr wieder auf das Bild von der Auferstehung blickt, dann seht ihr Jesus zu Füßen die römischen Soldaten besiegt am Boden liegen. Weil Jesus die Macht der Welt abgelehnt hat, hat er die göttliche Macht bekommen, die größer ist als alle Macht der Welt.
Auch in unserer Zeit gibt es diese Versuchung. Sie tritt überall dort zu Tage, wo die Christen oder die Kirche am Unrecht dieser Zeit mitarbeiten, um ihre Macht in Staat und Gesellschaft zu erhalten. Heute ist das z.B. in unserem Land die Frage der Abtreibung, wo evangelische Stellen mit dem Beratungsschein die Lizenz zum Töten ausstellen und einige sogar die völlige Freigabe der Abtreibung fordern. Heute ist es die Konzeptlosigkeit in Ehe- und Familienfragen, weil es ein klares „Ja“ zur biblischen Ehe und ein „Nein“ zu manchen gesellschaftlichen Trends bedeutet.
In der dritten Versuchung Jesu geht es darum, durch das Schauwunder eines Sturzes von der Tempelzinne alle Leute auf seine Seite zu ziehen. Jesus weiß genau, dass dies im Augenblick die Begeisterung anheizen würde, aber keine dauerhaften Folgen haben wird. Auf dem Bild ist der Augenblick der Auferstehung so wunderbar wie die aufgehende Sonne. Trotzdem ist diese Auswirkung der Auferstehung so unscheinbar, dass selbst die Jünger nicht geglaubt haben.
Auch in unserer Zeit begegnen wir der Versuchung in den Sätzen: „wenn ich Gott sehen würde, dann würde ich glauben“. Oder in einer frommen Spielart lautet die Versuchung: „Wenn du nur recht glauben würdest, dann würdest du gesund werden.“
Der Rundgang durch die drei Versuchungen Jesu, soll nicht bedeuten, dass wir sie als Christen schon überwunden haben. Wir stehen mitten in der Welt, inmitten der mannigfaltigen Versuchungen, von denen es noch viel mehr gibt als ich genannt habe. Darum ist der letzte Satz unseres Textes so wichtig, denn nach der dem Blick auf Jesus und der Analyse der Versuchungen zeigt er eine Möglichkeit auf, wie wir als Christen mit der Versuchung umgehen können:
„Lasst uns also voller Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. So können wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden. Und so werden wir zur rechten Zeit Hilfe bekommen.“ Hier ist vom Auferstandenen Jesus Christus die Rede, der uns in Gebet und Lobpreis schon heute Zugang zum Gnadenthron Gottes schenkt.
Jesus ist auferstanden, damit wir Zuversicht bekommen. In einer Zeit da alles beliebig scheint, ist die christliche Hoffnung umso wichtiger. Der christliche Glaube schenkt uns die Zuversicht, die wir für das tägliche Leben brauchen. Damit können wir den Versuchungen der Gegenwart widerstehen und die Herausforderungen der Zukunft meistern. Darum hat auch Matthias Grünewald den Auferstandenen auf dem Bild in dem hellen, gelben Licht der hoffnungsvollen Zukunft gemalt. Hoffnung für unsere Welt, wenn wir anfangen zu fragen, was Gott mit den Dingen vorhat, den er uns zur Verfügung gestellt hat.
Weiter ist Jesus auferstanden, damit wir Barmherzigkeit bekommen. In einer Zeit, in der die Unbarmherzigkeit zu siegen scheint, wirken kleine Zeichen der Liebe Wunder. Barmherzig zu sein erfordern Mut und Stärke. Und mit Barmherzigkeit gewinnen wir die Menschen, mit denen wir es zu tun haben für uns. Das hat Jesus bis heute mit uns Menschen versucht, uns durch Liebe zu gewinnen. Barmherzigkeit für die ungeborenen Kinder im Mutterleib, damit sie das Licht der Welt erblicken können. Barmherzigkeit für die zerbrochenen Ehen, damit die Wunden der Partner heilen können.
Zuletzt ist Jesus auferstanden, damit wir Gnade bekommen. In einer Zeit die gnadenlos scheint, ist Vergebung umso wichtiger. Weil Jesus uns vergeben hat, können wir seine Gnade leben. Stellen wir vor, wir können all unseren Groll und Ärger, den wir mit uns herumschleppen, bei Jesus abgeben und so unbeschwert im Leben weitergehen. Das zeigt sich auch in unserem Bild von dem Auferstandenen der unbeschwert von allem Leiden in die Herrlichkeit bei Gott geht. Gnade, die sich von Gott beschenken lässt. Gnade, die auch Unvollkommenes im Leben und im Glauben ertragen kann.
Der heutige erste Sonntag der Passionszeit heißt: „Invokavit“, das heißt „Er ruft mich an“. Und der Satz geht weiter, mit dem was Gott dann macht: „darum will ich ihn erhören“.
Wir dürfen vor den Thron Gott kommen, dann bekommen wir von Gott Hilfe: Zuversicht, Barmherzigkeit und Gnade.
Jesus war hart gegen das Böse und Zerstörerische und blieb doch selbst in der Liebe weich und verletzlich. Die Gewalthaber der Welt sind hart und verletzen andere. Der Liebhaber der Welt ist sensibel und wird darum auch verletzlich. Gewalt verletzt andere, die Liebe wird selbst verletzlich. Darum stirbt Jesus am Kreuz, aber seine Liebe, in der er so verletzlich ist, heilt eine ganze Welt von ihren tödlichen Wunden. Jesus scheidet das Harte aus, bleibt selber weich und schafft einen Raum des Schutzes und der Zuflucht für verwundete Menschen. In einer Welt, in der alle Menschen cool und hart sein wollen, werden Christen empfindsam und weich und bewirken damit schließlich mehr als alle Gewalttätigen.
Der christliche Glaube ist auch der Schutzraum, in dem wir weich und verletzlich werden können. Wenn wir diesen Schutzraum haben, werden wir fähig, unser Leben und unseren Glauben mit Jesu Hilfe zu meistern. Denn wir haben das Versprechen: „Lasst uns also voller Zuversicht vor den Thron unseres gnädigen Gottes treten. So können wir Barmherzigkeit empfangen und Gnade finden. Und so werden wir zur rechten Zeit Hilfe bekommen.“
Amen.