Die ultimative Herausforderung
Liebe Gemeinde,
als unser Sohn zweieinhalb Jahre alt war, haben wir ein befreundetes Ehepaar mit einem gleichaltrigen Sohn besucht. Und wie es beim Spielen manchmal so zugeht, streiten sich die beiden. Und David wird von dem anderen Jungen geschlagen. Da hat er zuerst einmal ganz verdutzt geguckt, weil er das nicht gewohnt ist, dass er von anderen geschlagen wird. Und er wusste nicht, wie ihm geschah, wie er in dieser Situation reagieren sollte. Und so überging er diese Unsicherheit einfach, indem er weiterspielte. Und das beobachte ich manchmal: Ganz kleine Kinder können das noch. Gewalt zu übergehen und sich so dem Kreislauf der Gewalt zu entziehen. Dieses Verhalten hat sicher dazu geführt, dass der Streit sich nicht ausgeweitet hat. Und darum geht es auch im heutigen Bibeltext
Die Bibel - Lukas 6, 27-35 – 09.11.2025
27 »Aber euch, die ihr mir zuhört, sage ich: Liebt eure Feinde. Tut denen Gutes, die euch hassen. 28 Segnet die, die euch verfluchen. Betet für die, die euch beschimpfen. 29 Schlägt dich einer auf die Backe, halte ihm auch die andere Backe hin. Und nimmt dir einer den Mantel weg, überlasse ihm auch das Hemd. 30 Gib jedem das, worum er dich bittet. Und wenn dir jemand etwas wegnimmt, das dir gehört, dann fordere es nicht zurück. 31 Genau so, wie ihr behandelt werden wollt, behandelt auch die anderen. 32 Wenn ihr nur die liebt, die euch auch lieben: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, lieben ja die, von denen sie geliebt werden. 33 Wenn ihr nur denen Gutes tut, die euch Gutes tun: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, handeln so. 34 Wenn ihr nur denen etwas leiht, von denen ihr es wieder zurückerwarten könnt: Welchen besonderen Dank erwartet ihr da von Gott? Sogar die Menschen, die voller Schuld sind, leihen sich gegenseitig Dinge, die sie später zurückbekommen. 35 Nein! Liebt eure Feinde. Tut Gutes und verleiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. Dann werdet ihr großen Lohn erhalten und Kinder des Höchsten sein. Denn Gott selbst ist gut zu den undankbaren und schlechten Menschen.«
Das Gebot, dass wir unseren Nächsten lieben sollen, ist eigentlich ganz selbstverständlich. Schwierig wird es jedoch, wenn Jesus uns deutlich macht, was er damit meint. Er spricht auch von Menschen, die mir feindlich gesinnt sind, die mich mit Worten oder Taten schlagen.
Das kann ich nicht doch nicht einfach übergehen? Ja das stimmt, von mir aus kann ich das nicht, Gott muss mir das schenken. Indem ich mich Gott hingebe und mich von seiner Liebe umhüllen lassen, das ist die ultimative Herausforderung.
Mit der Feindesliebe wird der Kreislauf der Gewalt durchbrochen und die Möglichkeit für einen Neuanfang gesetzt. Wenn mir jemand feindlich begegnet, dann habe ich im Prinzip zwei Möglichkeiten:
Das zweite Verhalten ist meiner Meinung nach die gesunde Einstellung.
Adolph Freiherr von Knigge, der vor allen durch seine Benimmregeln bekannt ist, hat auch etwas sehr Bedenkenswertes über Feinde geschrieben:
„Übrigens hat man nicht unrecht, wenn man behauptet, dass unsere Feinde oft, ohne es zu wollen, unsere größten Wohltäter sind. Sie machen uns aufmerksam auf Fehler, die unsere eigene Eitelkeit, die Nachsicht unserer parteiischen Freunde und die niedrige Gefälligkeit der Schmeichler vor unseren Augen verbergen.“
Warum es aber auch klug ist, seine Feinde zu lieben und auch einiges dafürspricht, will ich mit fünf Punkten zeigen:
Denn wer seine Feinde liebt…
1. …findet Frieden.
Rache ist süß, hat aber noch nie ein Unrecht gut gemacht. Und Hass heilt keine Wunden, er betäubt allenfalls kurzfristig den Schmerz. Wer seine Abneigungen pflegt und seine Feinde bekämpft, läuft in große Gefahr, dass er dabei ausbrennt, dass ihn seine Wut und Verbitterung innerlich auffressen und sich beides am Ende sogar gegen jene Menschen richtet, die er eigentlich liebt. Vergebung dagegen beendet die Wutspirale, schließt die Vergangenheit ab und lässt einen wieder Frieden für eine hoffnungsvolle Zukunft finden. Frieden finde ich weder im Hass noch in der Rache.
Denn wer seine Feinde liebt…
2. …gewinnt Selbstachtung.
Die Leute zu lieben, die mir wohlwollend sind, ist kinderleicht. Wirklich weiter kommt aber nur, wer Herausforderungen bewältigt, die über seine bisherigen Grenzen hinausgehen. Und stärker zu sein als seine Instinkte, erst recht den niederen davon zu widerstehen, das verleiht enorme Selbstachtung.
Denn wer seine Feinde liebt…
3. …wird zum Vorbild.
Mal ehrlich: Wer sofort zurückschlägt, weil er verletzt wurde, beweist nicht gerade einen selbstgewissen Charakter. So jemand reagiert nur, statt zu denken– er wird vom Feind geführt, statt selbst die Führung zu übernehmen. Jemand, der seinen Leidenschaften jedes Mal erliegt, taugt nicht viel zum Vorbild. Wer dagegen Balance und Ruhe bewahrt, gibt die gute Figur ab.
Denn wer seine Feinde liebt…
4. …verändert seinen Feind.
Jeder würde erwarten, dass feindselige Attacken gekontert werden. Allen voran der Feind. Indem aber das Unerwartete und völlige Gegenteil getan wird, wird das Spiel zerstört und der Krieg gewonnen. Oder, um noch ein Bild zu bemühen: Man entzieht dem Feuer das Öl. Damit bekommt der Gegner zugleich mehr Zeit darüber nachzudenken oder gar auf den Anderen zuzugehen, statt seinen nächsten Angriff vorbereiten zu müssen. Nicht selten leitet allein das einen Sinneswandel auf beiden Seiten ein.
Denn wer seine Feinde liebt…
5. …schafft sich einen Freund.
Da wo große Emotionen im Spiel sind, können aus besten Freunden Todfeinde werden. Das geht aber auch umgekehrt: Die Geschichte ist voll von Kriegen, aber auch von großen Versöhnungen aus denen tiefe Freundschaften entstanden. So soll der US-Präsident Abraham Lincoln noch während des Bürgerkriegs über die verfeindeten Südstaaten gesagt haben: „Zerstöre ich nicht meine Feinde, indem ich sie zu meinen Freunden mache?“ Und gerade jemand, der bisher erbittert anderer Leute Schwächen verfolgte, hat oft genug Talent, diese als Freund auszugleichen.
Wichtig ist jetzt mit noch ein anderer Punkt:
Ich bin nicht die Fußmatte des Bösen oder meiner Feinde.
Denn die Feinde lieben heißt nicht, sich alles gefallen zu lassen.
Ich darf dem Bösen Grenzen setzen, das hat auch Jesus gemacht, als er zum Hohepriester gesagt hat: warum schlägst du mich?
Ich darf Abstand halten, um mich zu schützen, lasse aber die Türe angelehnt. Das, was ich vorhin schon einmal gesagt habe, ich so wichtig, dass ich es wiederhole: Abstand halten und Tür angelehnt lassen.
Ich darf die Sache Gott abgegeben, denn wenn es schwerfällt, die Feinde zu lieben, kann ich das sogenannte Jesus- oder Herzensgebet beten.
Das Jesusgebet ist eine Gebetsform, von der kontemplative Christen in der Kirchengeschichte schon immer viel Gebrauch gemacht haben. Es ist kurz und einfach: »Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.«
Sinn des Jesusgebetes ist es, die Gegenwart Gottes einzuüben - und im jahrhundertelangen Gebrauch hat sich gezeigt, wie hilfreich es tatsächlich ist.
Wenn ich aufgeregt bin (z. B. vor einem Gespräch oder einer Predigt), wenn ich ängstlich, verkrampft, geistlich ausgetrocknet oder in Versuchung bin, Feinde zu hassen statt zu lieben, dann - so kann ich herausfinden - führt mich das Jesusgebet in ein demütiges Vertrauen zu Gott. Ich habe festgestellt, dass es mir tatsächlich hilft, »Gottes Gegenwart einzuüben«. Es hat alle Elemente eines vollständigen Gebetes: die Bestätigung, dass Jesus Herr ist, die demütige Bitte um Beistand und Gnade und das Bekenntnis, ein Sünder zu sein. Die reinste Form des Gebetes wendet sich in Jesu Namen an den Vater. Das Jesusgebet aber erinnert mich daran, dass Jesus der Herr ist, dass ich ein Sünder bin und dass ich seine Gnade brauche.
»Herr Jesus Christus, Sohn Gottes, erbarme dich meiner.«
Das ist es, wozu uns Jesus nächste Woche herausfordert: „Liebt eure Feinde. Tut Gutes und verleiht, ohne etwas dafür zu erhoffen. Dann werdet ihr großen Lohn erhalten und Kinder des Höchsten sein“
Amen.