Sehnsucht nach Trost - Jesaja 66,13a

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Krust, Ralf

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Mar 14, 2026, 3:46:26 AMMar 14
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Sehnsucht nach Trost

Liebe Gemeinde,

Graf Nikolaus Ludwig von Zinzendorf verdanken wir die täglichen Losungen – jene Bibelverse, die seit 1728 in Herrnhut für jeden Tag gezogen werden. Viele Christen lassen sich bis heute durch diese kurzen Bibelworte durch den Tag begleiten. Sie können uns stärken, Orientierung geben, und gerade in schwierigen Zeiten Trost spenden.

Zu diesen Losungsworten gehört auch der biblische Vers aus dem Buch des Propheten Jesaja:

 

Gott sagt: „Wie einen, den seine Mutter tröstet, so will ich euch trösten.“ (Jesaja 66,13a – Elberfelder Übersetzung)

 

Die täglichen Losungen bringen dieses Wort mit einer Aussage Jesu aus dem Johannesevangelium zusammen. Dort sagt Jesus: „Und ich will den Vater bitten und er wird euch einen andern Tröster geben, dass er bei euch sei in Ewigkeit.“ (Johannes 14,16)

Zinzendorf spricht in diesem Zusammenhang vom „Mutteramt des Heiligen Geistes“. Er war überzeugt: Der Heilige Geist handelt an uns Christen wie eine Mutter. Er weckt unseren Glauben, er lässt uns im Glauben neu geboren werden, er pflegt und stärkt unseren Glauben – und vor allem: Er tröstet uns.

Mit dieser Rede vom „Mutteramt des Heiligen Geistes“ wollte Zinzendorf etwas sichtbar machen, was wir in der Bibel an vielen Stellen finden: Gott wird zwar häufig Vater genannt, aber sein Wesen lässt sich nicht auf männliche Eigenschaften beschränken. In der Bibel finden wir auch Bilder von Gottes mütterlicher Fürsorge, Zärtlichkeit und Treue.

Darum sprach Zinzendorf beim dreieinigen Gott auch von Gottes Väterlichkeit und Mütterlichkeit. Der evangelische Theologe Paul Schütz schrieb später über ihn, Zinzendorf sei aufgrund von Jesaja 66,13 „zum einsamen Erinnerer an die mütterliche Person in Gott in der nachreformatorischen Zeit geworden“.

Wir können uns heute kaum vorstellen, wie heftig der Widerspruch war, den Zinzendorf damals erlebte. Viele Theologen seiner Zeit lehnten diese Redeweise entschieden ab. Doch im Kern hatte er etwas Wichtiges erkannt.

Denn in der Schöpfungsgeschichte lesen wir:

„Und Gott schuf den Menschen in seinem Bild, im Bild Gottes schuf er ihn; als Mann und Frau schuf er sie.“ (1. Mose 1,27)

Wenn der Mensch Gottes Ebenbild ist – Mann und Frau –, dann spiegeln beide etwas vom Wesen Gottes wider. Gott hat sowohl in die Frau als auch in den Mann etwas von seinem Wesen gelegt. Die Gottebenbildlichkeit entfaltet sich gerade im Miteinander und Gegenüber von Mann und Frau.

Gott selbst können wir nie vollständig begreifen. Wir können uns ihm nur annähern. Aber wir dürfen ihn zugleich vertrauensvoll Vater nennen und uns von ihm trösten lassen wie von einer Mutter. Wenn wir es so sehen, dann sind Eltern überhaupt ein großes Geschenk Gottes. An ihnen können wir etwas davon erahnen, wie Gott für uns sorgt.

Und wenn wir uns vom Trost des Heiligen Geistes trösten lassen, dann sind wir wirklich getröstet.


Was bedeutet Trost?

Das Wort „Trost“ hängt sprachlich mit dem alten Wortstamm „treu“ zusammen. Ursprünglich meinte Trost innere Festigkeit.

Heute hat das Wort oft einen negativen Klang. Man denkt an „Vertröstung“, also an ein schwaches Aufmuntern ohne echte Hilfe. Aber ursprünglich war Trost etwas ganz anderes.

Trost bedeutet: jemandem neue Stärke geben.

Darum spielt das Wort Trost auch in der Reformation eine zentrale Rolle. Die erste Frage des Heidelberger Katechismus lautet:

„Was ist dein einziger Trost im Leben und im Sterben?“
Die Antwort darauf ist: Dass ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin.“

Einen Menschen trösten heißt also nicht, ihn zu vertrösten. Es heißt, ihm festen Boden unter die Füße zu geben. Einen Grund, der trägt – auch dann, wenn unsere Gedanken und Gefühle durcheinandergeraten.

Dieser Grund ist das Evangelium: die gute Nachricht von Gottes Gnade.

Wenn wir uns von diesem Trost tragen lassen, bekommen wir neue Kraft – eine Kraft, die nicht aus uns selbst kommt, sondern von Gott. Eine Kraft, die ihre Wurzeln in Gott hat und uns Flügel zum Handeln verleiht.


Trost ist nicht Überbehütung

Ich las einmal von einer Erzieherin, die nach vielen Jahren ihren Beruf in einer evangelischen Kindertagesstätte aufgegeben hat. Ein Grund war die immer stärker werdende Bürokratie. Aber auch die Erwartungen mancher Eltern machten ihr zu schaffen.

Manche Mütter gaben ihre Kinder mit einer Art „Betriebsanleitung“ ab:
Was alles zu beachten sei, was das Kind essen dürfe, was nicht, welche Risiken überall lauern könnten.

Es wurde alles kontrolliert und abgesichert.

Doch Überbehüten ist nicht dasselbe wie trösten.
Trösten heißt nicht, jeden Schmerz zu verhindern.

Trösten bedeutet: da sein, wenn es weh tut.

Kinder müssen laufen lernen – und fallen dabei hin. Sie müssen Fahrradfahren lernen – und stürzen vielleicht einmal. Sie müssen ihren eigenen Weg finden. Dabei gibt es blaue Flecken, Enttäuschungen und auch gebrochene Herzen.

Aber gerade dadurch wachsen Menschen.

Der Kabarettist Eckart von Hirschhausen erzählt einmal von seiner Mutter. Als er sich das Knie aufgeschlagen hatte, sagte sie nicht viel – sie sagte nur:
„Guck mal, da fliegt gerade das Aua aus dem Fenster.“

Oder sie blies kurz auf die Wunde und sagte:
„Heile, heile Segen.“

Das war Trost.


Gottes Trost verändert den Blick

Gott tröstet uns nicht nur in den kleinen Problemen des Alltags. Er schenkt uns auch einen Blickwechsel.

Er stellt uns ein Ziel vor Augen: das Leben bei ihm.

So wie sich eine Mutter wünscht, dass aus ihrem Kind etwas wird, so möchte Gott, dass aus unserem Leben etwas wird – für die Ewigkeit.

Trösten heißt also nicht, dass wir uns von Gott bemuttern lassen und passiv bleiben. Trösten heißt: Mut bekommen, im Leben weiterzugehen und weiterzuhandeln, trotz Fehlern.


Ein Beispiel für solchen Trost

Der Psychologe Henry Cloud erzählt von einer Erfahrung aus seiner Kindheit. Als Schüler musste er wegen einer Krankheit lange im Krankenhaus bleiben. Danach war er in der Schule weit zurück.

Die Aufgaben waren zu viel für ihn. Eines Morgens stand er halb angezogen da und sagte:
„Ich kann nicht mehr. Ich schaffe das nicht.“

Da legte seine Mutter den Arm um ihn und sagte:
„Weißt du, manchmal geht es mir auch so. Manchmal möchte ich auch am liebsten nicht zur Arbeit gehen.“

In diesem Moment machte es bei ihm „Klick“.
Seine erwachsene Mutter war nicht unverwundbar. Auch sie brauchte Trost. Sie kannte diese Situation.

Und plötzlich dachte er nicht mehr:
„Ich schaffe das nicht.“

Sondern: „Ich schaffe das.“

Nicht weil seine Probleme verschwunden waren – sondern weil er Mut bekommen hatte.


Gott tröstet uns

So tröstet auch Gott.

Nicht indem er alle Schwierigkeiten sofort wegnimmt.
Sondern indem er uns Mut gibt.

Mut zu sagen:
Mit Gottes Hilfe schaffe ich das.

Gerade wenn wir unsere Schwächen eingestehen, kann Gottes Trost in unserem Leben wirken. Oft wachsen wir mehr an unserer Schwachheit als an unserer Stärke.


Zusammenfassung

Darum können wir heute mitnehmen:

  • Lasst euch von Gott trösten wie von einer Mutter und ruft ihn vertrauensvoll an wie einen Vater.
  • Einen Menschen trösten heißt, ihm festen Boden außerhalb seiner selbst zu geben.
  • Trösten heißt nicht, sich bemuttern zu lassen, sondern mutig den Glauben zu leben.
  • Gott tröstet uns, damit wir sagen können: Mit seiner Hilfe schaffe ich das.

Wenn wir uns vom Trost Gottes trösten lassen, dann sind wir wirklich getröstet.

Amen.

 

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