Gott kommt
Liebe Gemeinde,
heute geht es, der Taufe entsprechend, um die Person von Johannes den Täufer, der auch Jesus Christus getauft hat. Im Konfirmandenunterricht wurde der Bericht über ihn gelesen. Anscheinend hat ein Konfirmand nicht ganz aufgepasst und war sich der Rolle von Johannes dem Täufer nicht mehr sicher. Denn als wenig später der Name Johannes fiel, fragte er: „War das nicht der Patenonkel von Jesus?“
Nicht nur für Jugendliche ist die Person Johannes des Täufers schwierig zu erfassen. Auch Erwachsene tun sich oft schwer mit dieser schillernden Gestalt.
Die Bibel - Lukas 3, 1-14 – 3.Advent
1Es war im 15. Regierungsjahr des Kaisers Tiberius. Pontius Pilatus war römischer Statthalter in Judäa. Herodes regierte als Landesfürst in Galiläa, sein Bruder Philippus als Landesfürst in Ituräa und Trachonitis. Und Lysanias war Landesfürst in Abilene. 2Die Hohepriester waren Hannas und Kaiphas. Da rief Gott Johannes in seinen Dienst. Johannes war der Sohn des Zacharias und lebte in der Wüste. 3Nun zog er durch die ganze Gegend am Jordan und verkündete den Menschen: »Lasst euch taufen und ändert euer Leben! Gott will euch eure Schuld vergeben.« 4So steht es im Buch des Propheten Jesaja: »Eine Stimme ruft in der Wüste: ›Macht den Weg bereit für den Herrn, ebnet ihm die Straße. 5Jede Schlucht soll aufgefüllt werden und jeder Berg und jeder Hügel abgetragen. Was krumm ist, muss gerade werden und die unebenen Wege eben. 6Alle Welt soll sehen, dass Gott die Rettung bringt.‹« 7Die Menschen kamen in Scharen zu Johannes heraus, um sich von ihm taufen zu lassen. Er sagte zu ihnen: »Ihr Schlangenbrut! Wer hat euch auf den Gedanken gebracht, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht? 8Zeigt durch euer Verhalten, dass ihr euer Leben wirklich ändern wollt! Redet euch nicht ein: ›Abraham ist unser Vater!‹ Denn ich sage euch: Gott kann diese Steine hier zu Kindern Abrahams machen. 9Die Axt ist schon an die Baumwurzel gesetzt: Jeder Baum, der keine gute Frucht bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.« 10Die Leute fragten Johannes: »Was sollen wir denn tun?« 11Er antwortete: »Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Wer etwas zu essen hat, soll auf die gleiche Weise handeln.« 12Es kamen aber auch Zolleinnehmer, um sich taufen zu lassen. Die fragten Johannes : »Lehrer , was sollen wir tun?« 13Er antwortete: »Verlangt nicht mehr, als in euren Vorschriften steht!« 14Es fragten ihn aber auch Soldaten: »Und wir, was sollen wir tun?« Er antwortete: »Misshandelt und erpresst niemanden, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!«
An unserem Text sehen wir sehr schön den Unterschied zwischen der Bibel und einem Märchenbuch. (Hier kann das Märchenbuch gezeigt werden.) Ein Märchen beginnt mit: „Es war einmal …“ Lukas hingegen beginnt seinen Bericht mit ganz konkreten geschichtlichen Daten und Personen. Wenn ich eine Konfirmandin oder einen Konfirmanden den Text zum ersten Mal lesen lasse, stolpert er über die Namen und Orte in den ersten beiden Versen. Doch gerade diese schwierigen Namen und Daten zeigen: Das ist wirklich passiert. Die Person des Johannes, um die es heute geht, ist historisch greifbar.
Was ist das für ein Mann, dieser Johannes? Äußerlich können wir ihn durch seine Kleidung beschreiben, die an anderer Stelle beschrieben wird: Er trug einen Mantel aus Kamelhaaren. Dazu passt seine Ernährung, die aus dem bestand, was er
in der Natur fand: gerösteten Heuschrecken und wildem Honig. Außergewöhnlich seine Kleidung, außergewöhnlich seine Nahrung — und außergewöhnlich seine Botschaft. Wenn er predigt, klingt das so:
Ihr seid auf dem falschen Dampfer. Die Titanic ist mitten im Sinken. Kehrt um und steigt auf ein anderes Schiff, das euch sicher in den Hafen zu Gott bringt.
All dieses Außergewöhnliche hat die Menschen angezogen. Deshalb sind sie zu Johannes hinausgegangen. Viele kamen nicht wegen der Umkehr; sie kamen wegen dem Spektakulären. Darum reagiert Johannes so scharf: Das Kommen der Menschen bedeutet noch nicht, dass sie wirklich begriffen hätten, dass sie sich ändern müssen. Es zeigt nicht unbedingt, dass sie Gott suchen — sie wollen das Exotische hören.
Johannes ist für sie eine Art Stellvertreterfigur. Seine Frömmigkeit löst Staunen aus — und gleichzeitig dient sie ihnen als Entschuldigung dafür, dass sie selbst nichts ändern müssen. So wie heute für viele die „fromme Tante“ oder der Pfarrer in der Familie stellvertretend glaubt. Doch Frömmigkeit färbt nicht ab. Jeder muss seine persönliche Beziehung zu Gott finden. Sonst geschieht das, wovon Johannes hier spricht:
3,7b „Ihr Schlangenbrut, wer hat euch gesagt, dass ihr dem bevorstehenden Gericht Gottes entgeht?
3,8 Zeigt durch eure Taten, dass ihr euch ändern wollt! Ihr bildet euch ein, dass euch nichts geschehen kann, weil Abraham euer Stammvater ist. Ich sage euch: Gott kann aus diesen Steinen hier Nachkommen Abrahams machen!
3,9 Die Axt ist schon an die Wurzel der Bäume gelegt. Jeder Baum, der keine guten Früchte bringt, wird umgehauen und ins Feuer geworfen.“
Worauf kommt es also an? Was fordert Johannes so vehement? Es kommt darauf an, dass wir den Glauben zu unserer eigenen, persönlichen Sache machen. Es reicht nicht, wenn die fromme Tante oder der Pfarrer in deiner Familie glaubt. Das wollen wir Friedrich heute mitgeben: Du selbst musst diese Entscheidung treffen — für oder gegen Gott, für oder gegen den Glauben.
Nachdem Johannes diese deutlichen Worte gesagt hatte, begannen die Menschen zu verstehen. Sie merkten: Es reicht nicht, jemanden Frommen in der Familie zu haben. Es reicht nicht, nach dem Außergewöhnlichen zu suchen. Glaube ist mehr — und deshalb:
3,10 „Die Menschen fragten Johannes: ‚Was sollen wir denn tun?‘“
Die Antwort von Johannes ist ganz deutlich:
3,11 »Wer zwei Hemden hat, soll dem eins geben, der keines hat. Und wer etwas zu essen hat, soll es mit dem teilen, der hungert.«
Gott möchte, dass unser Glaube sichtbar wird. Wenn wir unseren Glauben nur zur Privatsache machen und unseren Alltag oder unseren Geldbeutel außen vorlassen, bleiben wir auf Abstand. Erst wenn wir Gott in alle Bereiche unseres Lebens hineinlassen, wird es spannend.
Gott möchte nicht nur in die „gute Stube“ unseres Lebens – also in das, was wir gern vorzeigen. Er möchte auch in unser Schlafzimmer, um mit uns über unsere Sexualität und unsere Beziehungen zu sprechen. Er möchte in unser Esszimmer, um mit uns über unseren Umgang mit Essen und Trinken zu reden. Und er möchte auch auf unseren Speicher, um gemeinsam mit uns unser Leben aufzuräumen und unnötigen Ballast loszulassen.
Zu Johannes kamen nicht nur die Frommen, sondern auch Menschen, die damals nicht gut angesehen waren – Menschen, die man nicht unbedingt im Gottesdienst erwarten würde.
12 Auch Zolleinnehmer kamen, um sich taufen zu lassen. Sie fragten ihn: »Meister, was sollen wir tun?«
13 Er antwortete ihnen: »Verlangt nicht mehr, als festgesetzt ist.«
Gott verlangt nichts Unmögliches. Die Zolleinnehmer sollen ihren Beruf nicht aufgeben. Aber sie sollen fair bleiben und innerhalb der Gebote Gottes handeln.
Auch wir bleiben in unserem Alltag – in Schule, Beruf, Familie und Beziehungen. Aber als Christen setzen wir andere Akzente. Wir sind eingeladen, durch unser Verhalten ein Vorbild zu sein, und wir rechnen damit, dass Gottes Geist uns verändert.
Wenn wir nicht auf Gott hören, verstecken wir uns vor ihm. Dann nehmen wir unser Leben in die eigene Hand und tun so, als ginge es ohne Gott. Wir gleichen einem Kind, das sich die Augen zuhält und meint: „Weil ich niemand sehe, sieht mich auch niemand.“ Doch Gott ist trotzdem da. Unser Versteckspiel ändert daran nichts.
Oder schauen wir uns noch ein weiteres Beispiel an, wenn wir einen lieben Menschen verloren haben oder etwas Schlimmes passiert ist.
Dann fühlt sich manchmal die Trauer an, als würde die Dunkelheit einfach nicht aufhören.
Trauer ist wie eine lange Nacht. Wir wissen, dass es irgendwann wieder hell werden soll, aber im Moment sehen wir nur Schatten.
Im Advent zünden wir eine Kerze nach der anderen an. Nicht weil die Dunkelheit sofort verschwindet, sondern weil wir uns daran erinnern lassen: Das Licht ist unterwegs. Jesus kommt.
So wird Advent für ein Ort, an dem Trauer und Hoffnung nebeneinander Platz haben. Die Kerze nimmt ihr nicht den Schmerz, aber sie erinnert sie daran: Die Nacht bleibt nicht Nacht. Jesus kommt – mitten hinein in unsere Trauer.
Zu Johannes kamen nicht nur Zolleinnehmer, sondern sogar Soldaten – Menschen also, die eng mit den Feinden des jüdischen Volkes zusammenarbeiteten. Was würde Johannes ihnen sagen?
3, 14 Zu den Soldaten, die mit der gleichen Frage kamen, sagte er: »Beraubt und erpresst niemand, sondern gebt euch mit eurem Sold zufrieden!«
Johannes sagt nicht, dass Soldatsein und Glauben unvereinbar sind. Wer als Soldat zu Jesus findet, kann weiterhin Soldat bleiben. Aber auch hier zeigt Johannes, wie man innerhalb seines Berufs so handeln kann, dass Gott geehrt wird.
Es gibt keine Lebenssituation, in die der Heilige Geist nicht hineinkommen und neues Leben schenken könnte. Es gibt keinen Bereich deines Lebens, der nichts mit Jesus zu tun hätte. Selbst aus der trockensten Wüste, aus dem schlimmsten Trümmerhaufen oder der trostlosesten Situation kann Gott einen blühenden Garten machen.
Gott möchte, dass wir mit anpacken und an seiner neuen Welt mitbauen. Dafür sind wir berufen. Wenn wir damit beginnen, leben wir den Sinn unseres Lebens.
Glauben heißt: wissen, dass Gott jeden Tag da ist. Lass es auch in deinem Leben hell werden. Wage den Weg mit Jesus. Und baue mit uns an Gottes neuer Welt.
Ein Jugendlicher, der sich taufen ließ, hat einmal gesagt: „Ich will getauft werden, weil ich jemanden brauche, der mitgeht, auch wenn es schwierig wird – nicht nur meine Eltern oder Freunde. Ich will nicht allein unterwegs sein.“
Genau das passiert in der Taufe:
Jesus Christus will dabei sein – auf Augenhöhe, mitten in seinem Leben mit Schule, Lernen, Freundschaften, Streit und Entscheidungen. Er verspricht Friedrich:
„Ich gehe deinen Weg mit. Du musst nicht alles alleine schaffen. Ich stehe hinter dir.“
Und hier passt Advent wunderbar dazu:
Im Advent feiern wir, dass Gott zu uns kommt.
Nicht erst, wenn wir erwachsen sind oder alles wissen.
Er kommt mitten hinein in unser ganz normales, manchmal chaotisches Leben.
So wie ein Handy manchmal ein Update bekommt und dadurch besser funktioniert, bekommt ein Jugendlicher in der Taufe einen „Startschub“ für sein Leben mit Gott. Kein Zauber, kein Automatismus – aber eine Kraftquelle. Ein Zuspruch fürs Leben. Zuerst einmal für Friedrich, dann aber auch für uns:
„Du gehörst zu mir. Ich bin da. Heute, morgen und an jedem neuen Tag.“
Amen.