Das Kreuz neu buchstabieren
Liebe Gemeinde,
auf dem Altar ist heute nur Kreuz und Bibel. Sie sind nicht einfach nur Dekoration. Sie sind ein sichtbares Zeichen, darum heute nur die beiden. Ein Zeichen dafür, dass das Kreuz mitten in unser Leben hineinsprechen will. Es will uns nicht nur begleiten, sondern auch herausfordern. Es will uns nicht einfach in Ruhe lassen, wenn wir uns auf falschen, unguten Wegen eingerichtet haben. Es will uns stören – und gerade dadurch auf den Weg des Lebens führen.
Hören wir auf den biblischen Text für den Karfreitag:
2. Korinther 5,19–21 (Basisbibel)
„Ja, in Christus war Gott selbst am Werk, um die Welt mit sich zu versöhnen. Er hat den Menschen ihre Verfehlungen nicht angerechnet. Und uns hat er sein Wort anvertraut, das Versöhnung schenkt.
Wir treten also anstelle von Christus auf. Es ist, als ob Gott selbst die Menschen durch uns einlädt. So bitten wir anstelle von Christus: Lasst euch mit Gott versöhnen!
Gott hat Christus, der keine Sünde kannte, an unserer Stelle als Sünder verurteilt. Denn durch Christus sollten wir vor Gott als gerecht dastehen.“
Mit dem Kreuz haben viele Menschen bis heute ihre Schwierigkeiten. Es passt nicht in eine Welt, die stark sein will, erfolgreich, unabhängig und möglichst ohne Schwäche. Deshalb wird es manchmal aus dem Blickfeld geräumt – äußerlich oder innerlich.
Und doch das Stören ist genau seine Aufgabe:
Das Kreuz will stören
Es erinnert uns daran, dass vieles in unserem Leben nicht so ist, wie es sein sollte. Dass wir schuldig werden. Dass Beziehungen zerbrechen. Dass wir uns selbst und andere enttäuschen.
Wir erleben das ganz konkret im Alltag:
– wenn Worte fallen, die wir später bereuen
– wenn Beziehungen belastet sind
– wenn wir merken: Ich wollte anders handeln – und habe es doch nicht geschafft
Das Kreuz deckt das auf. Nicht, um uns niederzudrücken, sondern um uns ehrlich zu machen.
Das Kreuz will stören – und verändern
Wenn ich mit Jesus lebe, bedeutet das nicht, dass ich plötzlich perfekt bin. Martin Luther hat es treffend formuliert: Der alte Mensch ist zwar in der Taufe ersäuft – aber das Aas kann schwimmen.
Das heißt: Wir bleiben Menschen mit Fehlern.
Aber das Kreuz lädt uns ein, jeden Tag neu zu beginnen. Nicht die Schuld zu verdrängen oder schönzureden, sondern sie vor Gott zu bringen. Uns versöhnen zu lassen – mit Gott und mit anderen Menschen.
Das ist ein Weg, der nicht immer leicht ist. Aber es ist ein Weg in die Freiheit.
Das Kreuz will stören – und senden
Paulus schreibt: „Lasst euch mit Gott versöhnen!“
Das ist Einladung und Auftrag zugleich. Wir sind nicht nur Empfänger der Versöhnung, sondern auch ihre Zeugen.
Das wird ganz praktisch:
– wenn wir den ersten Schritt zur Versöhnung wagen
– wenn wir vergeben, auch wenn es schwerfällt
– wenn wir Frieden suchen statt Recht zu behalten
Im Alltag, in unseren Familien, in unserer Gemeinde.
Warum musste Jesus sterben?
Diese Frage steht im Zentrum von Karfreitag.
1. Damit wir leben können
In dem Film „Sieben Leben“ versucht ein Mann, seine Schuld wiedergutzumachen, indem er anderen Menschen Leben schenkt – am Ende sogar sein eigenes.
Das ist nur ein menschliches Bild von etwas, was eigentlich gar nicht geht. Aber es weist auf etwas Größeres hin:
Jesus gibt sein Leben – nicht für einige wenige, sondern für uns alle.
Er geht den Weg bis zum Kreuz, damit wir Leben haben. Nicht nur ein bisschen besseres Leben hier – sondern echtes, ewiges Leben.
2. Damit wir mit Gott versöhnt werden
Am Kreuz geschieht Versöhnung.
Nicht Gott muss sich ändern – sondern wir dürfen zurückfinden zu ihm.
Wir kennen viele Ausreden und Fragen:
Warum lässt Gott das zu? Wo ist er? Brauche ich ihn überhaupt?
Am Kreuz antwortet Gott nicht mit Erklärungen, sondern mit Hingabe.
Er sagt: Ich bin da. Für dich. Ich gehe diesen Weg – für dich.
Die Frage bleibt: Nehme ich dieses Geschenk an?
3. Damit Schuld vergeben werden kann
Schuld verschwindet nicht, wenn wir sie verdrängen. Sie bleibt. Sie belastet unser Leben.
Darum brauchen wir Vergebung.
Das Kreuz ist Gottes Antwort darauf. Eine radikale Antwort.
Hier wird Schuld nicht verharmlost – sondern getragen.
Darum dürfen wir ehrlich werden.
Darum dürfen wir abgeben, was uns belastet.
Darum dürfen wir neu anfangen.
Wir dürfen: Das Kreuz neu buchstabieren
Vielleicht hilft uns dieses einfache Bild:
K – wie Karfreitag
Im Englischen heißt Karfreitag „good friday“, übersetzt der „Gute Freitag“.
Was wie eine Katastrophe aussieht, wird zum „guten Freitag“. Das Beste, was uns Menschen passieren konnte, Einer stirbt – damit alle leben können.
R – wie Richtung
Das Kreuz gibt unserem Leben und unserem Alltag eine neue Richtung: hin zu Gott.
E – wie Erneuerung
Das Kreuz zeigt uns, dass es im Leben darauf ankommt Dinge zu ändern. Was schädlich ist, was falsch ist lassen; was nützt, was gut ist suchen. Diese Ausrichtung auf das Kreuz nennt die Bibel Erneuerung. Hier dürfen wir jeden Tag die Schuld abladen und immer
wieder neu anfangen. Die Erneuerung versöhnt uns mit Gott.
U – wie Unterstützung
Selbst an Karfreitag haben sich Menschen unterstützt:
• Der Soldat, der den Tod Jesu festgestellt hat
• Josef von Arimathäa, der das Grab zur Verfügung gestellt hat
• Die Frauen, die den Leichnam zum Grab begleitet haben
Es gibt, keine, noch so schlimme Situation in der ich andere nicht unterstützen oder selber Unterstützung erfahren kann.
Auch wir sind nicht allein.
Z – wie Zukunft
Wenn jemand an Karfreitag eine Prognose abgegeben hätte, Ostern wäre sicher dabei herausgekommen, getreu dem Zitat „Prognosen sind schwierig, besonders wenn sie die Zukunft betreffen.“ Gottes Zukunft ist so unvorstellbar und herrlich wie das Licht der Sonne
in der Nacht.
Liebe Gemeinde,
das Kreuz will uns stören – aber nicht zerstören.
Es will uns aufrütteln – aber nicht entmutigen.
Es will uns herausführen – aus Schuld, aus Angst, aus Verstrickung.
Hin zu Versöhnung.
Hin zu neuem Leben.
Hin zu echter Hoffnung.
Darum gilt bis heute:
„Lasst euch mit Gott versöhnen!“
Amen.