Drinnen und Draußen
Liebe Gemeinde,
Freunde kann man sich aussuchen, die Familie, in die man hineingeboren wird, nicht. Selbst Jesus ging es so, wie wir in der folgenden Begebenheit hören. Schauen wir uns an, wie er die Sache gelöst hat.
Die Bibel - Markus 3, 20a.21,31-35 – 14.09.2025
20Dann ging Jesus nach Hause… 21Als seine Verwandten das hörten, machten sie sich auf den Weg zu ihm. Sie wollten ihn mit Gewalt dort wegholen, denn sie sagten: »Er ist verrückt geworden.« …
31Inzwischen waren die Mutter und die Brüder von Jesus gekommen. Sie blieben draußen stehen und schickten jemand, der ihn rufen sollte. 32Aber die Volksmenge saß um Jesus. Sie sagten zu ihm: »Sieh doch, deine Mutter, deine Brüder und deine Schwestern stehen draußen. Sie suchen nach dir.« 33Aber Jesus antwortete: »Wer ist meine Mutter? Und wer sind meine Brüder?« 34Er blickte die Leute an, die rings um ihn saßen, und sagte: »Das sind meine Mutter und meine Brüder! 35Wer tut, was Gott will, der ist mein Bruder, meine Schwester und meine Mutter.«
… das ist doch äußerst unhöflich! Seine Mutter und Geschwister haben 40 km zwischen Nazareth und Kapernaum zurückgelegt, um ihn zu sehen und Jesus lässt sie einfach draußen stehen. Jugendliche haben im Gespräch mit mir dieses Verhalten von Jesus als stur und dickköpfig, als arrogant und unhöflich bezeichnet. Und so haben wir uns gefragt, warum Jesus sich so verhält, und kamen zu dem Ergebnis: seine Familie hat damals noch nicht an ihn und Gottes Sache geglaubt. Sie haben von ihm gesagt: »Er ist verrückt geworden.«
Und dann zeigt er einen ganz wesentlichen Punkt zum Thema Familie auf: es gibt die leibliche, von der her wir stammen und es gibt die geistliche Familie, zu der alle gehören, die an Jesus Christus glauben und Gottes Willen tun. Und er sagt gleichzeitig auch, dass wenn ich mich manchmal entscheiden muss, zwischen leiblicher und geistlicher Familie, dann ist es Gottes Wille, der das Wichtige ist. In der Diskussion mit den Jugendlichen ging es um folgendes Beispiel.
Es gibt das gute und richtige Gebot: Du sollst Vater und Mutter ehren. Wenn Vater und Mutter mich jetzt aber z.B. zum Stehlen schicken, oder etwas anderes verlangen, was gegen Gottes Willen ist, dann ist es gut und richtig, sich diesem zu widersetzen und ungehorsam zu sein.
Glücklicherweise ist dieser Gegensatz bei uns nicht die Regel, sondern die geistliche und leibliche Familie können sich ergänzen und uns in unserem Leben unterstützen. Ja, die die geistliche Familie kann dort zum Segen für Menschen werden, die keine leibliche Familie (mehr) haben oder sich mit ihr verkracht haben. Denken wir einmal darüber nach: was stärkt uns mehr im Glauben, die leibliche Familie daheim oder die geistliche Gemeinde hier in der Kirche?
In islamischen Ländern hat dies dann noch eine ganz andere Dimension. Wenn ein Moslem zum Glauben kommt, dann kommt es oft vor, dass seine leibliche Familie ihn verstößt und in solchen Ländern bedeutet dies, dass ihm die Lebensgrundlage genommen wird. Hier muss dann die geistliche Familie, die Gemeinde, eingreifen und dem neuen Kind Gottes durch diese Gemeinschaft eine neue Lebensgrundlage geben.
Die Familie von Christen ist also mehr als die leibliche Familie, hier kommen noch die Brüder und Schwestern im Glauben dazu. Und im Konfliktfall ist die geistliche Familie wichtiger als die leibleiche Familie, nämlich immer dann, wenn es um den Glauben und den Willen Gottes geht.
Aber ich bin froh, dass dies nicht das letzte Wort Jesu zum Thema Familie ist: Die leibliche Familie ist zu versorgen: Jesus hat das etwa 20 Jahre als Handwerker getan und Jesus hat seine Mutter am Kreuz zur Versorgung durch Johannes, seinen Jünger, verwiesen. Wo die leibliche Familie nicht mehr sorgen konnte, sprang dann auch die geistliche Familie ein.
Und doch muss man im Bereich Familie gesunde Grenzen setzen, so wie diese barsche Art von Jesus zwischen ihm und seiner Familie eine gesunde Grenze gesetzt hat. Ich will das an Beispielen verdeutlichen:
Ich erlebe heute immer wieder Eltern, die Kinder und deren Erziehung als ein Projekt betrachten. Das zeigt sich daran, dass ein Kind im zarten Alter ab einem Jahr gefragt wird, was will und nicht die Mutter das Kind führt, sondern das Kind bestimmt, wo es lang geht, was es isst und was es anzieht. Kinder sind ein Geschenk Gottes, nicht unser Besitz, sondern uns nur anvertraut und gerade deswegen sollen wir in der Erziehung ihnen das geben was ihnen guttut: klare Grenzen und klare Regeln. Und dazu gehört ab und zu auch mal ein klares und deutliches Nein.
Auf der anderen Seite gibt es viele Eltern, die in die Ehe und den Lebensstil ihrer erwachsenen Kinder hineinreden wollen. Sie können ihre Meinung sagen, entscheiden müssen die erwachsen Kinder allein. Sie dürfen lernen, zu ungerechtfertigten Einmischung oder Wünschen Nein zu sagen.
Blicken wir nach Afrika und schauen uns an, wie es dort und vergleichbar damit ist auch der Orient, wie läuft es in solchen Ländern mit der Familie und dem Thema Grenzen setzen? Eine Missionarin berichtet aus Westafrika: Gastfreundschaft wird bekanntlich in Afrika großgeschrieben. Es wäre sehr unhöflich, selbst einen unangemeldeten Gast zu unangebrachter Zeit abzuweisen oder an der Tür abzufertigen. Und einem Gast wird das Beste aufgetischt, er darf einfach da sein, mit der Familie leben, essen, dort schlafen, auch wenn die Räumlichkeiten 'kaum für die eigene Familie ausreichen. Wie oft bewundern wir diese afrikanische Tugend als beispielhaft und fühlen uns mit unserem Individualismus so klein daneben! Früher mag dieses System ganz gut funktioniert haben, als die Leute noch nicht so leicht reisen konnten. Doch wenn man genauer hinsieht, werden heute auch für Afrikaner Gäste nicht selten zur Last für das Familienleben und den Geldbeutel. Dies gilt besonders für Familienväter, die einen festen Verdienst haben und' bei denen unzählige Verwandte ohne Arbeit und Verdienst auftauchen. Denn die Verdienenden haben ja Geld und sind dadurch verpflichtet, die anderen aufzunehmen, zu versorgen und zu unterstützen. Oft ist die einzige Lösung, um den Besucher loszuwerden, ihm das Geld für die Rückreise oder Weiterreise zu bezahlen.
Die Ausrichtung auf den Willen Gott und der christliche Glauben schaffen es bei den drei genannten Beispielen gesunde Grenzen zu setzen und wollen uns beim Einüben helfen.
Hier will ich noch auf einen Unterschied zwischen der leiblichen und der geistlichen Familie hinweisen. In der leiblichen Familie läuft alles so weiter von Generation zu Generation. Kinder der Kinder sind automatisch Enkel. So ist es in der geistlichen Familie nicht: Gott hat keine Enkel. Wenn ich an Jesus glaube und Gottes Willen tue, dann bin ich Kind Gottes. Meine Kinder müssen selbst an Jesus glauben und Gottes willen tun, sie werden durch mich nicht automatisch Kinder Gottes. Es genügt also nicht, eine fromme Tante oder einen Pfarrer in der Familie zu haben. Persönlicher Glaube und persönlicher Einsatz für den Willen Gottes ist gefragt.
Jetzt werden sich manche fragen: Wie kann ich Gottes Willen tun?
Zuerst einmal ist die Voraussetzung, dass wir den Willen Gottes tun und mit Gott leben wollen.
Das zweite ist dann, dass wir den Willen Gotten kennen, das heißt seine Gebote und was Jesus dazu gesagt hat, wissen sollen.
Drittens kommt es darauf an, und das ist es ja auch, was Jesus sagt, dass wir den Willen Gottes tun. Das bedeutet das wir Schritte im Glauben und Leben gehen, dass wir Gott fragen, ob das die Richtigen sind und wir uns dann von ihm korrigieren lassen.
Ich will den Blick noch auf einen anderen Gedanken lenken, die Mutter und die Geschwister sind draußen, die Jünger und Zuhörer von Jesus sind drinnen und sitzen im Kreis mit Jesus als Mittelpunkt. Das ist hier nicht nur räumlich gemeint, sondern es geht, und hier kehren wir zu dem zurück, was die Jugendlichen damals in der Diskussion entdeckt haben, es gibt auch ein draußen oder drinnen des Glaubens.
Wer nicht an Gott glaubt und wer Christ ist kann sich in Dingen des Glaubens nur bedingt verständigen. Denn durch den Glauben und mit Jesus als Mitte werden Einstellungen und Werte verändert.
Wer nicht zur Familie Gottes gehört, kann manches nicht verstehen z.B. um des Glaubens willen in ein gefährliches Land gehen, um den Menschen dort zu helfen. Doch eigentlich ist das ganz logisch, wenn wir die Christen dort als unsere Schwestern und Brüder, als unsere geistliche Familie sehen, dann ist es nur zu logisch, ihnen auch zu helfen.
Die Ausrichtung auf Gott, der christliche Glaube schafft andere Werte und Vorstellungen, die bei außenstehenden oft zu Kopfschütteln führen. Zum Beispiel ist es ein Geheimnis des Glaubens, das wenn ich von dem, was ich habe, sei es Zeit, Geld oder Liebe, wenn ich von dem um Jesus willen an andere weitergeben, dass ich dann nicht ärmer, sondern reicher werde. Das nennt der Glaube Segen. Wenn ich drinnen bin, verstehe ich die Dinge des Glaubens, draußen bleiben sie mir verschlossen.
Alle Dinge dieser Welt, auch die Familie, können zum Götzen, zum falschen Gott werden. Das geschieht immer dann, wenn ich diese Sache in den Mittelpunkt stelle und zum Wichtigsten erkläre. Das ist draußen.
Richtig ist: Ich komme von Gott, ich gehe zu Gott und so ist auch mein Leben, das zwischen Anfang und Ende stattfindet, ein Leben für Gott und seinen Sohn Jesus Christus. Jesus „blickte die Leute an, die rings um ihn saßen“, das sind die Leute, die Jesus zum Mittelpunkt ihres Lebens gemacht haben und die drinnen sind. Machen wir es doch genauso.
Amen.