Die Nacht ist vorgedrungen - Römer 13,8–12

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Krust, Ralf

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Nov 29, 2025, 3:15:01 AM11/29/25
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Die Nacht ist vorgedrungen

Liebe Gemeinde,

heute beginnt die Adventszeit. Sie kann uns schenken:

  • In das Dunkel von Konflikten und Streit das göttliche Licht der Versöhnung
  • In die Gedankenlosigkeit der Zeit die tätige Liebe.
  • In die Hektik und Unruhe der Umgebung einen Ort der Ruhe und Entspannung.

Uns auf diesem Weg zu helfen, darum geht es im heutigen Text:


Die Bibel – Römer 13,8–12

8 Bleibt niemandem etwas schuldig – außer der Liebe, denn die seid ihr einander immer schuldig! Wer seinen Mitmenschen liebt, hat das Gesetz schon erfüllt.
9 Dort steht: „Du sollst die Ehe nicht brechen! Du sollst nicht töten! Du sollst nicht stehlen! Du sollst nicht begehren!“ All diese Gebote sind in einem Satz zusammengefasst: „Liebe deinen Mitmenschen wie dich selbst!“
10 Wer liebt, tut seinem Mitmenschen nichts Böses an. Darum wird durch die Liebe das ganze Gesetz erfüllt.
11 Ihr wisst doch, dass jetzt die Stunde schlägt! Es ist höchste Zeit für euch, aus dem Schlaf aufzuwachen. Denn unsere Rettung ist nahe – näher als damals, als wir zum Glauben kamen.
12 Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an. Legt alles ab, was die Dunkelheit mit sich bringt, und legt die Waffen an, die das Licht uns verleiht.


„Die Nacht geht zu Ende, der Tag bricht schon an.“

Beim Lesen dieses Textes fiel mir sofort eine Geschichte ein:


Die Geschichte vom Rabbi und dem Beginn des Tages

„Wie bestimmt man die Zeit, in der die Nacht endet und der Tag beginnt?“, fragte einmal ein jüdischer Rabbi seine Schüler.

Die Schüler dachten kurz nach, dann sagte der erste:
„Ist es, wenn man von weitem einen Hund von einem Schaf unterscheiden kann?“
„Nein“, erwiderte der Rabbi.

„Vielleicht, wenn man von weitem eine Dattel von einem Feigenbaum unterscheiden kann?“, fragte ein anderer Schüler.
Doch der Rabbi schüttelte nur den Kopf.

„Aber wann soll es denn sonst sein?“, fragten die Schüler ratlos.

Da wendete sich der Rabbi ihnen zu und sagte:
„Es ist dann, wenn du in das Gesicht eines Menschen blickst und deine Schwester oder deinen Bruder erkennst. Doch bis das geschieht, ist die Nacht noch bei uns und nicht zu Ende.“


Ich mag diese Geschichte wegen ihres knappen Dialogs und des überraschenden Endes. Sie stammt aus der chassidischen Tradition, einer Gruppe orthodoxer Juden aus Osteuropa, die ihre Glaubenserfahrungen in Geschichten bewahrt haben. Auch Paulus und Jesus greifen in ihrer Lehre auf solche Erfahrungen zurück.

Die Schüler des Rabbis suchten nach einer rationalen Antwort: Nach welchem Zeichen endet die Nacht und beginnt der Tag? Sie dachten an das Licht, an die Sichtbarkeit: Wann kann ich Hund von Schaf unterscheiden? Oder eine Dattel von einem Feigenbaum? Doch die Antwort des Rabbis zeigt, dass die entscheidende Grenze nicht in der Helligkeit liegt, sondern in der Begegnung zwischen Menschen. Erst wenn wir den anderen erkennen, als Bruder oder Schwester, beginnt das Licht – die Nacht endet.

Bruder und Schwester zu erkennen, heißt nicht, dass alles immer problemlos abläuft. Freunde wählt man, Geschwister, sei es in der Familie oder in der Gemeinde, nicht. Im Dunkel der Nacht bleiben wir einander fremd; wir wissen nicht, wer der andere wirklich ist. Wo Dunkelheit herrscht, regieren Angst und Rückzug.

Der Tag unter uns beginnt nicht mit der Quantität des Lichtes, sondern mit seiner Qualität: mit der göttlichen Liebe, die Konflikte erhellt und uns miteinander verbindet. Es geht darum, nach einem Streit wieder miteinander zu reden und sich zu versöhnen.


Heute ist Wahl zum Kirchengemeinderat. Auch hier zeigt sich, wie wichtig es ist, dass wir unseren Platz sehen und Aufgaben wahrnehmen, die Gott uns vor die Füße legt. Das wir weniger Kandidaten als Plätze im KGR haben, zeigt deutlich, dass auch hier noch Bedarf ist, dass Gott Menschen in die Leitung der Gemeinde beruft, die bereit sind, das göttliche Licht in die Orte zu tragen.

Liebe und Gesetz – zwei Seiten der gleichen Medaille

Aber reicht die Liebe allein? Brauchen wir nicht auch das Gesetz?

Kritiker sagen: Liebe ist kein Garant für richtiges Handeln. Gesetzliche Vorschriften sind notwendig, sonst könnten Menschen Liebe als Ausrede missbrauchen und Gottes Gebote ignorieren. Die Geschichte der Christenheit zeigt, dass Menschen dabei oft versagt haben.

Verfechter der Liebe allein warnen: Wenn wir nur Vorschriften befolgen, erstickt das den Geist Gottes. Gehorsam darf nicht zu bloßem Regelbefolgen verkommen.

Paulus zeigt uns: Wir brauchen beides – Gesetz und Liebe. Liebe erfüllt das Gesetz; sie ist die Quelle des richtigen Handelns.

Die Waffen des Lichts – praktisch leben

Wie können wir das Licht Gottes im Alltag sichtbar machen, besonders im Alltag, in Familie oder bei Freunden.

1. Selbstbeherrschung und Ruhe

  • Konflikte entstehen schnell, sei es in der Familie, beim Einkauf oder beim Gespräch mit Nachbarn.
  • Beispiel: Wenn ein Enkel zu spät kommt oder ein Nachbar eine Bitte wiederholt, tief durchatmen, freundlich bleiben und in Ruhe reagieren. So kann man hitzige Situationen entschärfen.

2. Empathie

  • Versuchen, die Sicht des anderen zu verstehen, auch wenn es schwerfällt.
  • Beispiel: Die Nachbarin beklagt sich über Lärm. Vielleicht ist sie krank, einsam oder müde. Wenn wir ihre Situation sehen, können wir geduldig reagieren, ohne innerlich wütend zu werden.

3. Gebet

  • Beten kann uns Kraft geben und unseren Blick verändern.
  • Beispiel: „Herr, segne meine Familie, meine Nachbarn und die Menschen, die mir heute begegnen.“ Schon ein kurzes Gebet kann unsere Haltung beruhigen und Licht in die Begegnung bringen.

4. Vergebung

  • Alte Verletzungen loslassen, Frieden suchen.
  • Beispiel: Ein Streit mit einem früheren Nachbarn belastet noch immer. Ein kleines Gespräch, eine Entschuldigung oder ein innerliches Vergeben kann alte Spannungen lösen.

5. Tätige Liebe

  • Liebe zeigt sich in konkreten Taten, nicht nur in Worten.
  • Beispiel: Einen kranken Nachbarn besuchen, jemanden im Gemeindekreis anrufen, einen Brief schreiben, bei Besorgungen helfen, zuhören oder ein Lächeln schenken. Jede kleine Handlung ist ein Lichtstrahl im Advent.

Vertiefung für den Alltag

Unsere Kräfte sind begrenzt, wir können nicht alle Probleme lösen, aber wir können Licht in den Alltag anderer bringen.

  • Ein Telefonat, ein Besuch oder ein gutes Wort kann eine Stunde Dunkelheit aufhellen.
  • Wir werden selbst leichter und freier, wenn wir vergeben, zuhören, Verständnis zeigen.
  • So erkennen wir den Tag auch in unseren Herzen, und die Nacht des Egoismus, der Einsamkeit oder der Angst weicht.

Wenn wir diese Waffen des Lichts anwenden, wird Advent nicht nur eine Zeit der Vorbereitung auf Weihnachten, sondern eine Zeit, in der Gottes Licht sichtbar wird – in unserem Leben und in unserer Umgebung.

Lasst uns die Nacht beenden und den Tag beginnen, mit Ruhe, Empathie, Gebet, Vergebung und tätiger Liebe.

Amen.

 

 

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