Es ist vollbracht
Liebe Gemeinde,
Karfreitag steht im Widerspruch zur Spaß-Gesellschaft, in der man immer gut drauf sein sollte. Das Leben ist kein fortlaufender Party-Event. Karfreitag ist der Tag der Wahrheit. Er beleuchtet das Leben mit allen seinen Höhen und Tiefen, öffnet den Blick, richtet die Augen auf Elend, Not und Tränen. Karfreitag nennt das beim Namen, was uns Menschen niederdrückt, um uns dann wieder aufzurichten. Karfreitag gibt dem wirklichen Leben die Ehre – nicht nur den schönen Sonnenseiten, sondern auch den grausigen Schatten. „Es ist vollbracht.“ Mit diesem Blick wollen wir auf den heutigen Text hören:
Die Bibel - Johannes 19, 16-30 Karfreitag
16Da lieferte Pilatus ihnen Jesus aus, damit er gekreuzigt werden konnte. Jesus wurde abgeführt. 17Er trug sein Kreuz selbst aus der Stadt hinaus zu dem Ort, der »Schädelplatz« heißt, auf Hebräisch Golgatha. 18Dort wurde Jesus gekreuzigt und mit ihm noch zwei andere – einer auf jeder Seite und Jesus in der Mitte. 19Pilatus ließ ein Schild oben am Kreuz anbringen, auf dem geschrieben stand: »Jesus der Nazoräer, der König der Juden.« 20Viele Juden lasen das Schild. Denn der Ort, wo Jesus gekreuzigt wurde, lag nahe bei der Stadt. Die Inschrift war in hebräischer, lateinischer und griechischer Sprache abgefasst. 21Die führenden Priester des jüdischen Volkes sagten zu Pilatus: »Schreibe nicht: ›Der König der Juden‹, sondern: ›Dieser Mann hat behauptet: Ich bin der König der Juden.‹« 22Pilatus erwiderte: »Was ich geschrieben habe, das habe ich geschrieben.« 23Nachdem die Soldaten Jesus gekreuzigt hatten, teilten sie seine Kleider unter sich auf. Sie waren zu viert, und jeder erhielt einen Teil. Dazu kam noch das Untergewand. Das war in einem Stück gewebt und hatte keine Naht. 24Die Soldaten sagten zueinander: »Das zerschneiden wir nicht! Wir lassen das Los entscheiden, wem es gehören soll.« So ging in Erfüllung, was in der Heiligen Schrift steht: »Sie verteilen meine Kleider unter sich und werfen das Los über mein Gewand.« Genau das taten die Soldaten. 25Nahe bei dem Kreuz von Jesus standen seine Mutter und ihre Schwester. Außerdem waren Maria, die Frau von Klopas, und Maria aus Magdala dabei. 26Jesus sah seine Mutter und neben ihr den Jünger, den er besonders liebte. Da sagte Jesus zu seiner Mutter: »Frau, sieh: Er ist jetzt dein Sohn.« 27Dann sagte er zu dem Jünger: »Sieh: Sie ist jetzt deine Mutter.« Von dieser Stunde an nahm der Jünger sie bei sich auf. 28Nachdem das geschehen war, wusste Jesus, dass jetzt alles vollbracht war. Damit vollendet würde, was in der Heiligen Schrift steht, sagte er: »Ich bin durstig!« 29In der Nähe stand ein Gefäß voll Essig. Die Soldaten tauchten einen Schwamm hinein. Dann legten sie ihn um einen Ysopbund und hielten ihn Jesus an den Mund. 30Nachdem Jesus den Essig genommen hatte, sagte er: »Es ist alles vollbracht.« Er ließ den Kopf sinken und starb.
Der Anblick, der sich uns da bietet - der Gekreuzigte, das Würfelspiel der Soldaten um sein Kleid, sein Abschied von der Mutter, sein Schrei nach Wasser und sein Tod, die Misshandlung seines Körpers und schließlich die Beerdigung von diesem - ist ein Ausschnitt aus der Welt, in der wir Menschen leben. Ja, die Welt befindet sich in diesem Zustand. Das, was sich da vor den Toren Jerusalems abspielt, macht nicht einmal einen besonderen Eindruck auf uns. Wir beginnen uns an solche Vorgänge zu gewöhnen. Sie begegnen uns täglich beim Zeitung lesen, Internet und den sozialen Medien und stumpfen uns ab. Ja, es ist so: Was hier am Karfreitag an diesem Misshandelten geschieht, ereignet sich nicht nur vereinzelt, sondern massenweise.
Wir sehen ganze Bevölkerungen, Städte und Landstriche in körperliche und seelische Qualen gestürzt. Ganze Länder werden verteilt, als handle es sich um ein paar Kleidungsstücke. Scharen von Männern nehmen Abschied von Frauen und befehlen sie ihren zurückbleibenden Freunden an. Gott weiß, wo jetzt überall Menschen verdursten und verschmachten. Und Gott allein kennt die Leichen derer, die einst sein Ebenbild, nun unkenntlich auf der Erde liegen.
Aber auch wenn es an Karfreitag um einen Ausschnitt aus der Welt geht, in der wir leben, ist das nur ein Teil des Ganzen. Es geht um wesentlich mehr.
Der Mensch am Kreuz von Golgatha ist nicht irgendeiner, der hier blutig misshandelt wird. Denn hier ist Gott in besonderer Weise beteiligt. Es ist gewissermaßen Gott selbst, der hier gequält wird. Es ist hier Gott, der sich von Menschenhänden ans Kreuz nageln lässt.
Gott wird solidarisch mit den leidenden und misshandelten Menschen. Er war sich nicht zu schade, sich in die Hand von Menschen zu begeben.
Und wenn wir fragen, wo ist Gott bei all dem Leid in der Welt? - Gott steht nicht über dem Leid und der Not. Er ist bei den Menschen, die leiden, getötet und misshandelt werden. Im Kreuz Jesu Christi ist Gott bei diesen Menschen. Er ist auch bei uns, wenn wir traurig sind und leiden. Gott ist da.
Und Jesus am Kreuz resigniert nicht. Er weiß, dass sein Tod nicht vergeblich ist. Darum kann er beim Sterben sagen: „Es ist vollbracht.“
Es ist vollbracht
Vollbracht und doch noch nicht vollbracht. Damit ist die Spannung bezeichnet, in die uns die Botschaft vom Sieg Jesus am Kreuz bringt. „Es ist vollbracht“, sagt Jesus am Kreuz. Vollbracht war mit dem Tod sein eigenes Leiden. Das aber was Jesus wollte, ist nicht vollbracht. Die großen Dinge, die Jesus angekündigt hat, das neue Leben, die Herrschaft Gottes, - das liegt nicht vollbracht hinter uns, sondern vor uns. In der Tat: die Welt ist noch nicht am Ziel. - Zu viele Kreuze werden noch errichtet, zu viele Leiden gibt es noch, zu viele Gequälte und Erniedrigte, zu viele sinnlose Opfer der Unterdrückung und Gewalt. Die Botschaft vom Kreuz verkündet die Solidarität Gottes mit den Unterdrückten, Verfolgten und Leidenden dieser Welt. Und in ihnen wird Jesus weiterhin gekreuzigt.
Es ist vollbracht
Aber in einer ganz anderen Weise als wir uns das vorstellen. Luther hat das einmal treffend ausgedrückt:
„Also, es ist alles schon vollbracht. Hier soll mir keiner widersprechen, dass noch vieles fehle. Das ist das Leiden und was unsere Erlösung gekostet hat. Aber dazu ist Ermahnung nötig, dass wir dieses Leiden nicht so leicht vergessen und nicht so undankbar sind.“
Luther meint damit: Obwohl alles dagegensteht, trotz der offensichtlichen Abwesenheit von Rettung und Heil in unserer Zeit gilt: Jesu Stunde ist schon da! Der Sieg des Glaubens über das Böse in der Welt steht schon fest. Darum kann auch unser Mut wachsen. Darum kann auch unsere Kraft wachsen. Wir bekommen die Gabe der Unterscheidung, zwischen dem was die Menschen Veränderung oder Heil nennen und dem Heil Gottes. Das Jesus am Kreuz das Böse schon besiegt hat, ist die gute Botschaft, von der wir leben können.
Es ist vollbracht
Die Botschaft vom grauenvollen Tod Jesu am Kreuz sagt uns: Der Tod ist von ihm am Kreuz besiegt worden. Die Worte es ist vollbracht weisen schon auf Ostern. Der Tod gehört zum Leben, deshalb müssen wir mit ihm leben und ihn akzeptieren. Trotzdem dürfen wir traurig sein, wenn wir einen Menschen verloren haben. Der Tod schlägt auch heute noch zu und reißt Lücken in unserer Mitte. Aber er ist schon besiegt. Der Tod hat nicht das letzte Wort. Die Traurigkeit währt nur eine Zeit. Der Tod Jesu währt drei Tage bis zu Ostern. Der Tod von uns Menschen dauert nur bis zur Auferstehung. Das letzte Wort hat die Liebe Gottes. Nichts kann Gottes Kinder von ihr scheiden, auch der Tod nicht. Der Trost, der hier vom Kreuz ausgeht, gilt den Leidenden und Sterbenden.
Bis in die Finsternis, bis in die Nacht des Todes kommt Gott uns nahe mit seiner freiwillig ohnmächtigen Liebe. Und welche Rettung: Der Gekreuzigte ist der Auferstandene! Gott lässt ihn durch Tod und Hölle uns vorangehen ins ewige Leben. Darin liegt die Versöhnung, die schon am Karfreitag aufleuchtet. Und das ist die Botschaft dieses Tages, die meine Seele fröhlich macht: Gott hält auch mein Leben für ewig in seiner Hand.
Es ist vollbracht
Der sterbende Jesus stiftet eine neue Gemeinschaft, die alle trennenden Unterschiede zwischen Menschen überwindet. Jesus befiehlt seine Mutter Johannes an. Die Jünger Jesu werden zu einer Gemeinschaft zusammengeschlossen. Sie sollen einander beistehen und ihre Leiden gemeinsam tragen. Diese Gemeinschaft ist kein Selbstzweck. Gottes Herrschaft soll hier in dieser Welt aufgerichtet werden. Weiter soll sie Menschen in ihre Mitte und damit zu Gott rufen. Sie soll die Liebe und die Nähe Gottes sichtbar machen, dass andere sich angezogen, angenommen und geborgen fühlen. Und überall dort, wo Menschen gepeinigt und unterdrückt werden, ist diese Gemeinschaft aufgerufen, im Namen des Erhöhten gegen die Mächte des Bösen und des Todes aufzustehen.
Indem das Kreuz Jesu Christi auch unter uns Gemeinschaft stiftet, steht es dagegen, dass wir niedergeschlagen sind und aufgeben. Auch heute in unseren Gemeinden möchte Jesus solch eine Gemeinschaft schaffen. Er sucht noch heute Menschen, die unter sein Kreuz treten. Sie hören dann seine Worte:
Es ist vollbracht
Das heißt, ich brauche mich nicht mehr selbst zu rechtfertigen und zu erlösen. Wir können unser ganzes Leben unter das Kreuz bringen und unter die Herrschaft Gottes stellen. Das ist kein leichter Schritt. Doch wenn ich ihn gehe, nehme ich das Leiden und die Not in meinem Leben ernst. Ich bringe sie zu Jesus, der viel mehr als ich gelitten hat. Er hat das Leiden bis zum Ende durchgestanden und dann nicht aufgegeben. Er hat das Leiden und den Tod überwunden.
Es ist vollbracht
Gegen allen Augenschein der Welt, in der die Erlösung Jesu noch nicht vollbracht ist, sind wir aufgerufen, sie zu bezeugen und zu leben. Damit fangen wir an Gottes Herrschaft aufzurichten.
Es werden nicht ewig Menschen in körperliche und seelische Qualen gestürzt werden.
Es werden nicht ewig Frauen von Männern Abschied nehmen müssen.
Es werden nicht ewig Menschen vor Hunger und Durst stöhnen und sterben.
Es werden nicht ewig unkenntliche Leichen auf der Erde liegen.
Jesus Christus hat dieses Schicksal erlitten und überwunden. Der König der Juden hat nie aufgehört König zu sein. Jesus wird wiederkommen und Gottes Herrschaft aufrichten. Dann wird es einen neuen Himmel und die neue Erde geben, in denen Gerechtigkeit wohnt. Dort wird der Tod nicht mehr sein, noch Leiden, noch Geschrei, noch Schmerz wird nicht mehr sein.
So wie uns das alles in dem gekreuzigten König der Juden verheißen ist, so wahr wird alles in Erfüllung gehen, wenn Jesus wiederkommt.
Denn „es ist vollbracht“. Amen.