Du kannst alles wenden
Liebe Gemeinde,
das Lied „Ein bisschen Frieden“ hat 1982 den Eurovision Song Contest
deutlich gewonnen. Dies zeigt, wie tief in uns die Sehnsucht nach
Frieden verwurzelt ist. In den seither vergangenen fast 40 Jahren ist
die Welt und wenn wir ehrlich sind, auch unser Leben, nicht friedlicher
geworden. Um diese Spannung geht es in unserem heutigen Text, hören wir
auf Psalm 85:
Die Bibel – Psalm 85 - Drittletzter Sonntag des Kirchenjahres 7.11.2021
1 Ein Psalm der Korachiter, vorzusingen. 2 HERR, der du bist vormals
gnädig gewesen deinem Lande und hast erlöst die Gefangenen Jakobs; 3 der
du die Missetat vormals vergeben hast deinem Volk und all ihre Sünde
bedeckt hast; – Sela – 4 der du vormals hast all deinen Zorn fahren
lassen und dich abgewandt von der Glut deines Zorns: 5 Hilf uns, Gott,
unser Heiland, und lass ab von deiner Ungnade über uns! 6 Willst du denn
ewiglich über uns zürnen und deinen Zorn walten lassen für und für? 7
Willst du uns denn nicht wieder erquicken, dass dein Volk sich über dich
freuen kann? 8 HERR, zeige uns deine Gnade und gib uns dein Heil! 9
Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte
seinem Volk und seinen Heiligen, auf dass sie nicht in Torheit geraten.
10 Doch ist ja seine Hilfe nahe denen, die ihn fürchten, dass in unserm
Lande Ehre wohne; 11 dass Güte und Treue einander begegnen,
Gerechtigkeit und Friede sich küssen; 12 dass Treue auf der Erde wachse
und Gerechtigkeit vom Himmel schaue; 13 dass uns auch der HERR Gutes tue
und unser Land seine Frucht gebe; 14 dass Gerechtigkeit vor ihm her gehe
und seinen Schritten folge.
Der Beter des Psalms beginnt damit, dass er Gott an seine Treue
erinnert. Gott hat in der Vergangenheit schon oft in schwierigen und
brenzlichen Situationen geholfen. Diese früheren Erfahrungen mit Gnade
und Vergebung Gottes wenden den Blick auf ihn und seine Hilfe. Das das
einzige Kraut, das gegen Resignation gewachsen ist, besteht darin, dass
wir Gott die gegenwärtige Not schildern und ihn darum bitten, uns darin
so treu wie bisher zu helfen.
Diese Erinnerung und das Wissen, dass Gott helfen kann, führen dazu,
dass der Beter in der Fürbitte für sein Volk und sein Land eintritt.
Gott soll die Not und die Probleme zum Besseren wenden.
Heute wird Gott angeklagt für die viele Not z.B. mit Corona und die
Probleme z.B. mit dem Klima. Es gibt jedoch drei fundamentale
Unterschiede zu unserem Psalm:
1) Es ist heute keine Klage sondern eine Anklage Gottes
2) Die Menschen wenden sich nicht im Gebet und in der Fürbitte an Gott
3) Sie ziehen nicht die Konsequenz, dass sie zu Gott umkehren und
ihren Glauben im Alltag leben wollen
Sie tun nicht, was die logische Folge aus dieser Erinnerung, Klage und
Fürbitte wäre. Das eigentlich Richtige haben wir gerade in dem Lied vor
der Predigt gesungen: „Damit sag ich bis in den Tod: durch Christi Blut
hilft mir mein Gott; er hilft, wie er geholfen.“ Oder mit einer anderen
Liedzeile gesprochen: „Du hast's in Händen, kannst alles wenden, wie nur
heißen mag die Not.“
Denn „wenden“, das ist das große Thema des ersten Teils unseres Psalms.
Fünfmal kommt hier das hebräische Verb „schub“ vor, welches in seiner
Grundbedeutung „wenden“ heißt:
„du hat erlöst die Gefangenen“ Gott hat die Gefangenschaft in Freiheit
gewendet.
„du hast dich abgewandt von der Glut deines Zorns“ Gottes Zorn hat sich
in Vergebung gewendet.
„Hilf uns, Gott, unser Heiland“ Wende unsere Not, unser Schicksal, Gott
unser Retter.
„Willst du uns denn nicht wieder erquicken“ Wende unser Leben, dass es
wieder lebenswert ist.
Viermal kommt also hier die Bitte, dass Gott die Situation wenden soll.
Alles läuft auf das fünfte Vorkommen vom „schub“ wenden hin, das als
Abschluss und Steigerung dient:
„Könnte ich doch hören, was Gott der HERR redet, dass er Frieden zusagte
…, auf dass sie nicht in Torheit geraten.“ Hier geht es darum, dass
Menschen durch die Notsituationen sich nicht zur „Torheit“ wenden.
Torheit bedeutet hier, dass wir uns von Gott lossagen, dass wir ohne
Gott leben wollen. So heißt es im Psalm 14: „Die Toren sprechen in ihrem
Herzen: »Es ist kein Gott.«“
Es ist so, wie es im Sprichwort heißt: „Not lehrt beten oder fluchen.“
Erstaunt hat mich hier auch, was als Gegensatz zum „Frieden“ genannt
wird. Es ist weder der Krieg noch der Streit, der Gegensatz zum Frieden
ist die Torheit, das Leben ohne Gott. Wenn ich nicht im Glauben an Gott
lebe, dann fehlt mit der innere Friede, dann habe ich mit mir selbst
keinen Frieden.
Darum lohnt es sich zu beten. Und beten beinhaltet auch immer auf Gott
zu hören, so wie es hier heißt: „Könnte ich doch hören, was Gott der
HERR redet“
Das ist die logische und richtige Folge daraus, dass ich mich an Gott
und seine Hilfe erinnere und ihn für die aktuelle Situation bitte und
dann meine Ohren spitze, was Gott mit zu sagen hat. Das mündet dann in
die verheißungsvolle Zukunft, von der im zweiten Teil die Rede ist. Hier
wird nun Hoffnung gemacht, mit ganz konkreten Dingen, die Gott uns
verspricht.
Erinnerung und Hoffnung bilden eine Klammer um die gegenwärtige
Wirklichkeit, in der ich auf Gott höre. Hier wird auch die anfangs
erwähnte Sehnsucht nach Frieden aufgegriffen. Aber dem Frieden werden
noch drei weitere göttliche Geschenke zur Seite gestellt.
Es sind vier Verheißungen Gottes, die der Beter hier ausspricht:
• häsäd (Güte, Freundlichkeit, Liebe, Huld, Gnade)
• ämät (Treue, Wahrheit)
• sädäq (Gerechtigkeit, Solidarität),
• schalom (Frieden, Heil, Zufriedenheit)
Welcher dieser Begriffe ist der wichtigste? Mit dieser Frage haben wir
uns am Mittwoch im Hauskreis beschäftigt. Jeder der Teilnehmer hat es
ein wenig anders gewichtet und am Schluss kamen wir zu dem Ergebnis: wir
brauchen alle vier. Diese Verheißungen müssen zusammenkommen und
zusammenbleiben. In der jüdischen Tradition wird dazu folgende
Geschichte erzählt:
Die Engel im Himmel streiten sich, ob der Mensch überhaupt erschaffen
werden solle. Die Vertreter von Liebe und Gerechtigkeit sprechen sich
für den Menschen aus: sie gehen davon aus, dass Menschen liebesfähig und
gerecht sein können. Die für Wahrheit und Frieden zuständigen Engel
argumentieren negativ, gehen vom jeweiligen Gegenteil aus, legen den
Menschen auf Lüge und Zank fest und stimmen deshalb gegen ihn. Gott
nimmt dieses vermeintliche Patt nicht hin. Er greift ein und
entscheidet, die Wahrheit auf die Erde zu werfen - wo sie wachsen kann.
So wird erinnert, dass jeder Wert mit sich selbst in Streit geraten
kann. Es gibt neben der lieblosen Wahrheit die freundliche Lüge, neben
dem Friedhofsfrieden die gewalttätige Gerechtigkeit. Keiner von den vier
Werten darf allein herrschen.
Und ich glaube auch die Reihenfolge hier ist nicht zufällig gewählt,
sondern es ist ein logische Folge, schauen wir uns das einmal in
einzelnen genauer an:
häsäd (Güte, Freundlichkeit, Liebe, Huld, Gnade, Barmherzigkeit)
Jesus macht uns darauf aufmerksam, dass letztendlich niemand gut ist
außer Gott; darum lassen wir uns von seiner Güte anstecken. Denn Gott
ist aber nicht nur in sich selbst gut, sondern er tut auch Gutes. Von
seiner Schöpfung heißt es: „Und siehe, es war sehr gut“. Der himmlische
Vater ist gut zu Gerechten und Ungerechten; allen schenkt er Regen und
Sonnen¬schein. Und alle können Rettung empfangen in Zeit und Ewigkeit.
Denn alle sind eingeladen, an dem im Psalm auch prophetisch genannten,
Heiland und Retter Jesus Christus zu glauben.
ämät (Treue, Wahrheit)
Zu Gottes Güte gehört Gottes Treue. Gott ist in seiner Güte nicht
launisch, sondern treu und beständig. Auch darüber freuen wir uns.
Selbst wenn es im Auf und Ab des menschlichen Lebens manchmal anders
scheinen mag, so versichert uns doch sein Wort: Er bleibt immer treu in
seiner Güte und lässt uns wissen, dass uns auch die harten Zeiten zum
Wachsen im Glauben dienen. Solche Erfahrungen lehren uns beten und
zeigen, wie gut der Trost seines Wortes und schließlich seine ersehnte
Hilfe tun. Generationen von Christen haben Gottes Trost und Hilfe
erfahren, haben seine Nähe und Begleitung gespürt.
sädäq (Gerechtigkeit, Solidarität),
Gerechtigkeit, damit sind wir bei Martin Luthers großer
re¬formatori¬scher Entdeckung: Wenn die Bibel von Gottes Gerechtig¬keit
spricht, dann meint sie damit nicht so sehr sein strenges Strafgericht
über Sünder, sondern dann meint sie damit vor allem die Beziehung, die
er durch Jesus Christus zwischen sich und uns Menschen gestiftet hat –
also die gute Gabe der Gemeinschaft durch den Glauben. Gott hat wieder
alles gut und recht gemacht, indem er Versöhnung stiftete mit der Welt
durch seinen Sohn. Und hier sind wir wieder bei dem Lied, das wir vor
der Predigt gesungen haben: „Damit sag ich bis in den Tod: durch Christi
Blut hilft mir mein Gott; er hilft, wie er geholfen.“
schalom (Frieden, Heil, Zufriedenheit)
Gerechtigkeit und Friede gehören in einer besonderen Weise zusammen.
Wenn sie sich begegnen, Luther drückt das sehr poetisch damit aus, dann
küssen sich die beiden.
Gottes Friede ist zuverlässig stabil. Er beruht auf seinem wunderbaren
Evangelium, auf der guten Nachricht: Gott ist uns nicht mehr böse wegen
unserer Schuld und sucht sie nicht mehr zornig heim, sondern er hat sie
durch Jesus Christus vergeben. Jesus hat einen dauerhaften Frieden
gestiftet zwischen Gott und uns Menschen, wie die Engel bereits in der
Nacht seiner Geburt sangen: „Friede auf Erden!“ Je mehr Menschen diesen
göttlichen Frieden im Glauben annehmen und mit der Kraft des Heiligen
Geistes entsprechend leben, desto mehr wird von Gottes herrlichem
Frieden auch im Miteinander der Menschen zu spüren sein.
Der Psalm ist ein Gebet für ein Leben in der Zwischenzeit auf dem Weg in
den Himmel. Er zeigt uns den Wert von Vergangenheit, Gegenwart und
Zukunft, damit wir im hier und heute leben können,
Fassen wir zusammen:
Erinnern wir uns immer wieder daran, was Gott in der Vergangenheit in
unserem Leben geschenkt und wie er so manche Not gewendet hat.
Wenn es bei uns und in unserem Land Not und Sorgen gibt, dann sollte das
für uns ein Grund zum Beten sein, dass wir dies in der Fürbitte vor
Gott bringen.
Beten ist auch Hören auf Gott, dass er uns sagt, wie er die Not wenden
will und was wir dafür tun sollen. Es gibt viel Probleme und Not, nicht
alles ist unser Auftrag. Lassen wir uns von Gott zeigen, welche Probleme
und Not wir anpacken sollen.
Vertrauen wir auf die vier Verheißungen Gottes, dass diese in unserem
Leben und dann durch uns in unserer Umgebung Wirklichkeit werden: Güte
und Treue. Gerechtigkeit und Frieden ergänzen sich gegenseitig. Lassen
wir sie uns von Gott schenken und geben wir sie freudig an andere weiter.
Amen.
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