Segen
Liebe Gemeinde,
manchmal merken wir erst im Nachhinein, wie wichtig ein gutes Wort oder eine liebevolle Geste gewesen sind. Ein Kind geht morgens nervös in die Schule und die Mutter sagt noch an der Tür: „Ich denk an dich. Du schaffst das.“ Ein älterer Mensch verlässt nach einem Gespräch mit einem Freund wieder mutiger das Haus, weil ihm jemand Hoffnung zugesprochen hat. Oder jemand beginnt einen schweren Tag und hört am Telefon den Satz: „Gott behüte dich.“
Solche Worte können tragen. Sie geben Kraft, Mut und Zuversicht. Genau darum geht es auch beim Segen. Segen ist nicht einfach ein schöner Abschluss oder eine fromme Tradition. Segen bedeutet: Gott spricht uns seine Nähe zu. Er begleitet uns. Er geht mit uns in den Alltag hinein.
Darum hören wir auf den bekannten Predigttext für das Dreieinigkeitsfest:
Die Bibel – 4. Mose 6,22–27 (Basisbibel)
Der Herr sagte zu Mose:
»Sag zu Aaron und seinen Söhnen:
So sollt ihr die Israeliten segnen. Sprecht zu ihnen:
Der Herr segne dich und beschütze dich.
Der Herr lasse sein Gesicht über dir leuchten
und sei dir gnädig.
Der Herr wende dir sein Gesicht zu
und schenke dir Frieden.
So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen,
und ich selbst werde sie segnen.«
fast jeden Sonntag endet unser Gottesdienst mit solchen Worten. Viele kennen sie nach der Lutherübersetzung auswendig. Manche hören sie vielleicht nur noch nebenbei. Und doch sind diese Worte etwas ganz Besonderes.
Denn im Segen verspricht Gott: Ich lasse dich nicht allein. Ich begleite dich. Nicht nur hier im Gottesdienst, sondern auch morgen im Alltag, zuhause, bei der Arbeit, in der Schule, in Freude und Belastung.
Darum beginnt unser Bibeltext auch nicht mit menschlichen Gedanken, sondern mit Gottes Auftrag:
„So sollt ihr die Israeliten segnen.“
Segen kommt immer zuerst von Gott. Menschen können Segen nicht herstellen oder machen. Sie dürfen ihn nur weitergeben. Deshalb spricht der Pfarrer oder die Pfarrerin am Ende des Gottesdienstes den Segen zu. Deshalb segnen Eltern ihre Kinder. Deshalb können Christen einander gute Worte und Gottes Frieden zusprechen.
Jesus hat diesen Gedanken sogar noch erweitert. Er sagt, dass wir nicht nur unsere Freunde segnen sollen, sondern auch für Menschen beten sollen, die uns das Leben schwer machen. Damit wird deutlich: Segnen ist kein religiöses Extra für besondere Augenblicke. Segnen ist eine Lebenshaltung.
Wer selbst den Segen Gottes empfängt, kann zum Segen für andere werden.
Vom gesegneten zum segnenden Leben
In der Bibel werden Menschen gesegnet, aber auch Mahlzeiten, Häuser und Gemeinschaften. Abraham soll sogar „ein Segen für alle Völker“ werden.
Darum ist Segen mehr als ein einzelner Moment. Segen will unser ganzes Leben prägen.
Vielleicht fragen wir uns dabei:
Was bedeutet Gottes Segen eigentlich?
Viele Menschen denken dabei zuerst an Gesundheit, Erfolg oder ein problemloses Leben. Natürlich dürfen wir Gott auch darum bitten. Aber der Segen Gottes reicht viel tiefer.
Segen bedeutet nicht:
Segen bedeutet vielmehr:
Gott geht mit uns – in guten und schweren Zeiten.
Das zeigt uns folgende Geschichte:
Ein armer Bauer lebte mit seinem Sohn und einem alten Pferd. Eines Tages lief das Pferd davon. Die Nachbarn kamen und sagten: „Was für ein Unglück!“ Der Bauer antwortete nur:
„Woher wisst ihr, dass es ein Unglück ist?“
Einige Tage später kam das Pferd zurück und brachte mehrere Wildpferde mit. Die Nachbarn jubelten:
„Was für ein Glück!“
Doch der Bauer sagte:
„Woher wisst ihr, dass es Glück ist?“
Der Sohn begann die Wildpferde zuzureiten, stürzte dabei und brach sich das Bein. Wieder kamen die Nachbarn:
„Was für ein Unglück!“
Doch der Bauer blieb ruhig:
„Woher wisst ihr, dass es ein Unglück ist?“
Kurz darauf brach Krieg aus. Alle jungen Männer mussten in den Krieg ziehen – nur der Sohn mit dem gebrochenen Bein durfte zuhause bleiben.
Diese Geschichte zeigt:
Wir Menschen sehen oft nur den Augenblick. Gott aber sieht weiter. Er kennt die Zusammenhänge unseres Lebens.
Darum bedeutet Segen vor allem:
Vertrauen, dass Gott es trotz allem gut mit uns meint.
Ein persönlicher Segenswunsch
Darum möchte ich den Gedanken des Segens einmal mit eigenen Worten ausdrücken:
Ich wünsche dir nicht ein Leben ohne Sorgen,
aber Menschen, die mit dir tragen.
Ich wünsche dir nicht, dass dir alles gelingt,
aber dass du nach Niederlagen wieder aufstehen kannst.
Ich wünsche dir nicht, dass dir alles erspart bleibt,
aber dass Gott dir Kraft schenkt für deinen Weg.
Ich wünsche dir, dass du nie vergisst:
Du bist von Gott gesehen, geliebt und getragen.
Und ich wünsche dir, dass du selbst für andere zum Segen wirst.
Der dreifache Segen Gottes
Der aaronitische Segen besteht aus drei Teilen. Darin klingt auch etwas von der Dreieinigkeit Gottes an: Vater, Sohn und Heiliger Geist.
„Der Herr segne dich und beschütze dich.“
Hier geht es um Gottes Schutz und Bewahrung. Gott sagt nicht: „Du wirst niemals Probleme erleben.“ Aber er verspricht:
Ich lasse dich nicht los.
Wie ein guter Vater seine Kinder begleitet, so begleitet Gott unser Leben.
„Der Herr lasse sein Gesicht über dir leuchten und sei dir gnädig.“
Das ist ein wunderschönes Bild. Wenn jemand freundlich angeschaut wird, dann verändert das etwas.
Gottes Angesicht leuchtet über uns. Das heißt:
Gott schaut uns freundlich an.
„Gnädig sein“ hat mit dem Wort herabneigen zusammen, in Jesus hat sich Gott auf unsere Ebene herabgeneigt. In ihm lässt er sein Angesicht leuchten, d. h. er schaut uns freundlich an.
„Der Herr wende dir sein Gesicht zu und schenke dir Frieden.“
Gott schaut nicht weg. Die Welt und unser Leben sind ihm nicht gleichgültig.
Und er schenkt Frieden.
Damit ist mehr gemeint als die Abwesenheit von Streit. Der biblische Frieden bedeutet:
heil werden,
getragen sein,
geborgen leben.
Diesen Frieden dürfen wir empfangen – und weitergeben.
Gerade darin zeigt sich ein segnendes Leben:
Wo Menschen Frieden stiften,
ermutigen,
trösten,
helfen
und Hoffnung weitergeben,
da wird Gottes Segen sichtbar.
Gottes Name über unserem Leben
Am Ende sagt Gott:
„So sollen sie meinen Namen auf die Israeliten legen, und ich selbst werde sie segnen.“
Und durch Jesus Christus werden wir in Gottes Volk mit hineingestellt.
Das ist etwas Großartiges:
Gott legt in Jesus Christus seinen Namen auf unser Leben.
Das bedeutet:
Wir gehören zu ihm.
Wir sind nicht vergessen.
Wir gehen nicht allein durch diese Welt.
Darum endet auch unser Gottesdienst mit dem Segen. Nicht als schöner Abschluss, sondern als Zuspruch:
Gott geht mit.
In die neue Woche.
In unsere Aufgaben.
In unsere Freude.
In unsere Sorgen.
Und vielleicht beginnt genau dort der wichtigste Teil des Gottesdienstes:
draußen im Alltag,
wenn wir selbst für andere zum Segen werden. Amen.