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Freitag, 05. Juli
um 8:55 Uhr, 58 Min. (Wdh.)
AUSSCHNITT 2 Min.
Es ist eine sehenswerte Dokumentation: „
Staatsgeheimnis Bankenrettung“.
Sie lief vorgestern auf
Arte und ist dort noch
für einige Tage komplett zu sehen (
sie findet sich auch auf YouTube nur noch
hier). Sie ist sehenswert, weil
sie eine Idee davon vermittelt, wie ein investigativer
Journalist arbeitet: In diesem Fall Harald Schumann –
Redakteur für besondere Aufgaben beim Berliner
Tagesspiegel.
Früher war er bei der
taz und beim
Spiegel
(siehe
Wikipedia).
In der knappen Stunde der Doku wird dargelegt, dass die
zentrale Frage, wer eigentlich von der Bankenrettung
profitiert, von den Regierungen nicht beantwortet wird.
Transparenz Fehlanzeige.
Zudem wird deutlich, dass die Erzählung über die
Finanzkrise, wie sie etwa Finanzminister Schäuble
pflegt, in Irland ganz anders lautet. (Schäuble gibt
übrigens ein Einblick in sein erschreckend simples Welt-
und Sittenbild, das jedes wohlfeile Gerede von
europäischer Gemeinschaft usw. konterkariert: „Ein
jeder kehr’ vor seiner Tür – und sauber ist das
Stadtquatier“ sagt der CDU-Politiker (Minute 10)).
Die Entscheidung der Europäische Zentralbank (EZB) zum
unbegrenzten Kauf von
Anleihen der Euro-Krisenstaaten wertet
SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier als
"Dokument des Scheiterns" von Bundeskanzlerin Angela
Merkel (CDU). Merkel wisse, "dass sie in ihrer eigenen
Koalition keine Mehrheit mehr hat für weitere
Rettungsschirme", sagte Steinmeier. Daher habe die
Kanzlerin alle Verantwortung für die Euro-Rettung der
EZB zugewiesen. "Das, was jetzt folgt, wird mit sehr
verminderter parlamentarischer Kontrolle stattfinden",
sagte der SPD-Politiker voraus.
SPD-Haushälter Carsten Schneider rügte, dass die EZB
ohne jegliche Debatte im Deutschen Bundestag oder eine
Erklärung gegenüber den Bürgern agiere. Er warf Merkel
vor, sich einer politischen Lösung der Krise der
Eurozone bislang zu verweigern. "Sie hat dadurch die
EZB und die Geldpolitik in die Rolle der einzig
verbliebenen handlungsfähigen Institution in der
Eurozone gezwungen." Inzwischen habe sie Gefallen an
der EZB als "Ersatzregierung" gefunden: "Denn so
werden ihr Debatten im Deutschen Bundestag und in
ihrer Fraktion erspart, bei der sie für Mehrheiten
argumentieren und überzeugen müsste."
Aiwanger – "Hier brechen Dämme"
Der Vorsitzende der Euro-kritischen Freien Wähler
Hubert Aiwanger sagte, die Entscheidung bedeute den
"direkten Marsch in die Inflation". Er fügte hinzu:
"Hier brechen Dämme. Die EZB ist für die
Währungsstabilität verantwortlich, ist aber
mittlerweile zum Totengräber der Währungsstabilität
geworden, weil sie mit der Notenpresse Defizite
bezahlt."
Die stellvertretende Vorsitzende der Linken im
Bundestag, Sahra Wagenknecht, bilanzierte: "Die
Bundeskanzlerin weiß, dass sie im Parlament keine
Mehrheit für eine weitere Aufstockung der
Euro-Rettungsschirme hat. Deshalb will sie, dass neue
Milliardenrisiken für Deutschland notfalls durch Mario
Draghi in die Bilanz der Europäischen Zentralbank
geschoben werden."
Im Regierungslager löste die Entscheidung ein
unterschiedliches Echo aus. Unions-Vizefraktionschef
Michael Meister sagte, er sehe die Gestaltung des
Programm "sehr positiv". Meister sagte, da EZB-Chef
Mario Draghi die Beteiligung der Euro-Rettungsfonds
als Voraussetzung für die EZB-Käufe gefordert habe,
werde also primär eine "politische Lösung" angestrebt.
Kauder betont Unabhängigkeit der EZB
Zudem sei klar, dass es Hilfe nur unter Auflagen geben
könne. "Ich denke, es ist gut, dem IWF dabei eine
Rolle zuzubilligen. Wir brauchen einen
nicht-europäischen Akteur." Der Ratsbeschluss zeige
zudem, dass die EZB nicht von Südeuropäern dominiert
werde, wie einige meinten. Die vereinbarten
Bedingungen für das Programm könnten als Erfolg für
Bundesbankchef Jens Weidmann gewertet werden, der auf
eine stabilitätsorientierte Geldpolitik dringe.
Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) betonte zum
Abschluss der Klausurtagung der Unionsfraktion die
Unabhängigkeit der EZB. "Es verbietet sich, dass die
Politik ständig der EZB öffentliche Ratschläge gibt."
Kauder kritisierte: "Manche Einlassung aus der einen
oder anderen europäischen Hauptstadt ist hier nicht in
Ordnung."
CSU-Generalsekretär Alexander Dobrindt reagierte
besorgt: "Ich bleibe bei meiner Warnung, dass eine
Staatsfinanzierung durch die Notenpresse falsch und
brandgefährlich ist." Er könne Draghi nur dringend
auffordern, "nicht die Schleusen für flächendeckende
Ankaufprogramme zu öffnen". Dobrindt mahnte: "Die EZB
muss eine Stabilitätsbank sein und darf keine
Inflationsbank werden."
Unterschiedliche Reaktionen von Rösler und Brüderle
Die FDP setzte unterschiedliche Akzente. So trat der
FDP-Vorsitzende
Philipp Rösler nach
der Entscheidung der Zentralbank vor die Kameras und
sagte: "Anleihenankäufe durch die EZB können niemals
eine dauerhafte Lösung sein." Richtigerweise betone
die EZB die Bedeutung der Strukturreformen, die nach
wie vor Priorität haben müssten: "Umso wichtiger ist
es, die jetzt vorübergehenden Anleihenankäufe an
Bedingungen zu knüpfen, und die Bedingungen für die
einzelnen Länder auch schnellstmöglich genau
festzulegen." Das ist durchaus als Tolerierung des
EZB-Kurses zu verstehen.
Wenige Stunden zuvor hatte Fraktionschef
Rainer Brüderle noch
die die Notenbank vor einem Verlust ihrer
Glaubwürdigkeit gewarnt: "Wir sehen mit großer Sorge,
dass mit Anleihekäufen die Grundvoraussetzungen der
EZB zunehmend gefährdet sind". Die Menschen dürften
nicht über die Notenpresse "entreichert" werden.
Zudem würden Anleihekäufe den Druck von den
Krisenstaaten nehmen. Strukturprobleme aber ließen
sich nicht mit Gelddrucken zuschütten. "Wir
finanzieren dann Reformpausen oder
Reformverweigerung", sagte Brüderle: "Kurzfristig ist
der Schmerz weg, aber die Lösung ferner denn je." Das
war als klare Kritik an unbegrenzten Anleiheaufkäufen
zu verstehen.
Die Liberalen seien zwar für eine "starke und
unabhängige Europäische Zentralbank", sagte der
Fraktionsvorsitzende. Er fügte allerdings die
Einschränkung hinzu: Für eine EZB, die nur der
Geldwertstabilität verpflichtet sei.
Nun könnte man meinen, die unterschiedlichen Akzente
der beiden Liberalen hätten mit der Tatsache zu tun,
dass Rösler als Wirtschaftsminister für die
Bundesregierung spreche und Brüderle für die Partei.
Allerdings betonte Rösler, sich in seiner Eigenschaft
als Parteivorsitzender zu äußern. Brüderle
beeindruckte das wenig: Er habe an seiner
Stellungnahme nichts zu ändern, sagte der
Fraktionschef nach Röslers Statement.
tju/ks/dpa/dapd
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