Seit einem halben Jahrhundert beantwortet die Sendung mit der Maus uns Fragen wie: Was passiert mit einer Ameise, wenn sie vom Hochhaus strzt? (Nichts. Der Luftwiderstand bremst ihren Fall so stark ab, dass sie wohlbehalten unten ankommt.) Wie schwer ist eine Wolke? (Circa 25 Tonnen, so viel wie fnf Elefanten.) Wenn die Maus ruft am Sonntagmorgen, finden sich auch 2021 noch Scharen von Kindern vor dem Fernseher ein, und mit ihnen Geschwister, Eltern und Grosseltern. Wie schafft sie das nur?
Die Sendung mit der Maus begegnet Kindern auf Augenhhe, sagt Maya Gtz, die Leiterin des Internationalen Zentralinstituts fr das Jugend- und Bildungsfernsehen IZI in Mnchen. Man findet darin eine Wertschtzung gegenber den Dingen des Alltags, die andere Sendungen so nicht bieten. Ein sorgfltig und liebevoll gemachtes Programm, das seinem Publikum respektvoll begegnet: Klingt naheliegend fr gutes Kinderfernsehen, selbstverstndlich ist es nicht.
Dabei hat sich die Maus in all den Jahren kaum verndert. Seit der allerersten Folge im Mrz 1971 besteht die Sendung aus den Lach- und Sachgeschichten, Zeichentrickfilmen und dokumentarischen Erzhlungen, auf jeden Beitrag folgt ein Spot mit Maus und Elefant.
Bildschnitt und Tempo lassen den Kindern seit jeher gengend Raum, um mitzudenken und mitzuforschen. Die Magazinstruktur ist vertrautes Gerst und offenes Gefss zugleich: Wir kennen die Abfolge seit der eigenen Kindheit, die Fragen aber stellen heute unsere Tchter und Shne.
Whrend sich die Kleinen von Maus zu Maus hangeln, sagt Gtz, freuen sich die Grossen darber, der Welt wieder einmal mit Kinderaugen zu begegnen. Lngst schauen mehr Erwachsene als Kinder die Sendung: Das Durchschnittsalter des Publikums liegt bei geschlagenen 39 Jahren, wie es in einer wissenschaftlichen Arbeit mit dem bezeichnenden Titel Die Maus wird grau heisst.
Die offene Haltung der Schweiz erstaunt aus heutiger Sicht, ist eine grundstzliche Skepsis doch kaum mehr wegzudenken, wenn es um Kinder und Bildschirme geht. Die Anfnge waren jedoch von Idealismus geprgt, so ein entsprechender Forschungsbericht von 2007 des Instituts fr Publizistik der Universitt Zrich und der Pdagogischen Hochschule Zrich fr das Bundesamt fr Kommunikation.
Gross sei die Hoffnung gewesen, das bewegte Bild vermge Bildungsunterschiede auszugleichen und Kinder aktiver, kreativer und emanzipierter zu machen. Gerade die Kleinsten wrden viel davon profitieren, so glaubte man, nhmen sie doch besonders rasch Neues auf.
Entsprechend viel investierte das Schweizer Fernsehen damals in Kindersendungen: Was am Bildschirm lief, war selbst konzipiert, pdagogisch fundiert, wissenschaftlich begleitet. Die grosse Bedeutung des Spartenprogramms liess sich nicht zuletzt an seinen vielen prominenten Machern ablesen: Schriftsteller und Kabarettist Franz Hohler und Pantomimeknstler Ren Quellet waren bald feste Grssen im Spielhaus. Die Freude am Zeichnen vermittelte den Kindern in derselben Sendung ber lange Jahre der Knstler Ted Scapa.
In Deutschland klang es zu jener Zeit wie gesagt anders. Besonders im Sden des Landes warnten Fachleute aus Pdagogik und Pdiatrie eindringlich vor den Gefahren des Fernsehens. Gerade eben die grosse Aufnahmefhigkeit mache die Kleinsten speziell verwundbar. Ein Schock seien die vielen Bilder fr die jungen Gemter.
Dabei: Natrlich hockten Vorschulkinder auch in Deutschland lngst vor dem Bildschirm, Fernsehverbot hin oder her. Wre es da nicht besser, wenn man ihnen ein Programm bte, das sich an ihnen orientierte? Und whrend man noch berlegte, kam aus den Vereinigten Staaten: die Sesamstrasse.
Die Wucht, mit der das Programm damals auch in Europa einschlug, lsst sich wohl nur nachvollziehen, wenn man sie neben bis dahin bliche Kindersendungen legte: Da Mdchen und Jungen artig im Kreis sitzend, eine Erwachsene in der Mitte, die Geschichten vorliest und zum Basteln anleitet, die Bildfhrung fast statisch.
Dort: Monsterpuppen mit verwuscheltem Haar, in Pink, in Gelb, in Blau, Hinterhof statt Klassenzimmer, schnelle Schnitte, rapide Sequenzen. Lngst hatten Fernsehmachende gemerkt, dass es nichts gab, das die Kleinsten am Fernsehen aufmerksamer verfolgten als die Werbeblcke zwischen den eigentlichen Programmen.
Whrend man sich in den USA von einem guten Vorschulprogramm erhoffte, dass es benachteiligte Kinder mit Buchstaben und Zahlen vertraut machen und ihnen zu mehr Erfolg in der Schule verhelfen wrde, standen diesseits des Atlantiks soziale Kompetenzen im Vordergrund. Das Fernsehen sollte Kinder dazu ermutigen, kritisch zu sein und eigenstndig, fr sich selbst und andere einzustehen.
Manche Sendung habe dabei etwas gar stark den politischen Geist der 68er geatmet, stellt Maya Gtz fest, die heute auch Geschftsfhrerin des Prix Jeunesse International ist. Aus Kindergartenkindern werden keine Systemkritiker. Schliesslich sei fr dieses Alter ja gerade bezeichnend, dass man sich fest an den Werten der erwachsenen Bezugspersonen orientiere.
Die Sendung mit der Maus habe da nie mitgemacht. Sie wollte von Anfang an einfach spannendes, lustiges und berhrendes Fernsehen fr die Kleinsten bieten. Journalismus fr Fernsehanfnger. Kindheit wurde nicht als Anhufung von Defiziten verstanden, die mglichst schnell behoben werden mussten, sondern als Lebensphase mit eigenen Bedrfnissen.
Die Ankunft eines neuen Mediums begleiten hufig nicht nur ngste vor negativen Konsequenzen, sondern auch utopische Vorstellungen vom Nutzen, den es der Gesellschaft bringen knnte, sagt die dnische Wissenschaftlerin Jensen. Gerne teilten wir zudem in gute und schlechte Medien ein, obwohl auch dies die Debatte meistens wenig weiterbringe.
Wenn die Tochter nur die richtigen Bcher liest und den fr gut befundenen Hrspielen lauscht, so hoffen wir, dann geht sie auch soziale Missstnde an, dann steht einer gerechteren Welt (oder wahlweise guten Abschlussnoten) nichts mehr im Weg. Deshalb verlaufen Diskussionen um den Medienkonsum von Kindern ja auch oft so heftig: Es steht fr uns sehr viel auf dem Spiel.
Ein Ende der Sendung mit der Maus scheint auch im Jubilumsjahr in weiter Ferne. Der Vorhang fr das Schweizer Pionierprogramm Spielhaus fiel hingegen bereits 1994. Aufbruchstimmung war da lngst keine mehr zu spren. Eigenproduktionen? Eingestellt. Sendepltze? Abgebaut. Redaktionsstellen? Eingespart. Was war passiert? Hatte die Sesamstrasse einst den Startschuss frs gut gemachte Vorschulfernsehen gegeben, lutete das Privatfernsehen ab Mitte der 80er-Jahre ihr Ende ein.
Kindersendungen gab es nun zwar immer mehr, wie es im Bericht fr das Bakom heisst. Doch mit der Lebenswelt ihres Publikums hatten sie immer weniger zu tun. Viele Serien kamen aus den USA und spter aus Asien, fr Vorschulkinder fiel kaum mehr etwas ab. Zur Debatte sei fast nur noch gestanden, dass der Service Public weniger schlecht als das rein kommerzielle Angebot sein sollte.
So dster mag Christoph Aebersold, Bereichsleiter Kinder & Schule beim Schweizer Fernsehen, das nicht sehen. Gerade in den letzten Jahren seien Kinder und junge Familien wieder strker in den Fokus gerckt. Es ist unser Anspruch, Programme zu bieten, die an die Lebenswelt der Kinder in der Schweiz anknpfen wie auch altersgerecht ber die Lage der Welt informieren.
Kinder haben, wie wir, ein Recht auf anspruchsvolle Unterhaltung. Natrlich sind auch Sendungen wie Paw Patrol nicht so gestaltet, dass sie Kindern schaden, rumt Medienwissenschaftlerin Gtz ein. Aber auch ein bisschen Botschaft ndere nichts daran, dass sie letztlich nett gemachtes Dauerwerbefernsehen seien. Schliesslich verantworten ihre Produktion nicht Redaktor* innen und Pdagog* innen, sondern die grossen Spielzeughersteller der Welt. Gtz resmiert: Ein gutes Kinderprogramm braucht starke ffentliche Medien.
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