Jungle World 30 :: 26. Juli 2007

0 views
Skip to first unread message

felix7...@gmx.de

unread,
Jul 26, 2007, 7:47:52 AM7/26/07
to NEW ENERGY BUSINESS
Der Naturbegriff ist korrumpiert
Der Wissenschaftsbetrieb ist zunehmend den Marktgesetzen unterworfen.
Eine ­linke Auseinandersetzung mit dem Klimawandel kommt nicht um eine
Kritik der Wissenschaften und des Naturbegriffs herum. von cord
riechelmann

Wenn Al Gore, Herbert Grönemeyer und die deutsche Vanity Fair sich
große Sorgen um das Klima machen und auf der anderen Seite der
Schriftsteller Michael Crichton und der Ökologe Joseph H. Reichholf
die Hysterie um die wärmer werdende Erde scharf kritisieren, fällt die
Entscheidung, auf welche Seite man sich schlägt, nicht schwer.
Crichton liefert im Anhang seines Romans »Welt in Angst« eine
überzeugende Analyse, warum die meisten Prinzipien des Umweltschutzes
in erster Linie dazu dienen, die wirtschaftlichen Vorteile des Westens
gegenüber der so genannten Dritten Welt zu erhalten, und Reichholf
ordnet in seiner »kurzen Naturgeschichte des letzten Jahrtausends« die
derzeitige, seit Mitte des 19. Jahrhunderts zu beobachtende
Erderwärmung in einen längeren historischen Kontext ein. Mit dem
Ergebnis, dass die derzeitige Wärmeperiode weder einmalig noch
sonderlich außergewöhnlich ist. Um das Jahr 1000 herum war es
hierzulande schon einmal so warm wie heute. »Wahrscheinlich noch
wärmer. In Bayern gedieh damals Wein, auch in wesentlich kälteren
Regionen als heute. Bayern hat damals Wein exportiert«, sagte
Reichholf kürzlich in einem Interview in der taz.

Reichholf wie Crichton geht es aber nicht nur um eine Relativierung
der schwarz an die Wand gemalten Weltuntergangsszenarien. Beide
verbinden mit ihrer Kritik eine Kritik der gegenwärtigen
Wissenschaftspolitik. Wenn, so kann man sie auf einen Nenner bringen,
die Politik in den entwickelten westlichen Ländern, durch die Berichte
der Klimaforscher alarmiert, außergewöhnlich viel Geld in die
Klimaforschung fließen lässt, führt das nicht zwangsläufig zu einer
besseren Wissenschaft und einem rationaleren Umgang mit den
Naturphänomenen. Im Gegenteil: Auch Wissenschaftler brauchen Geld,
also werden sie ihre Forschungsvorhaben den Anforderungen der
politischen Vorgaben anpassen, im schlimmsten Fall in der Folge auch
die Ergebnisse. Man kann den dahinter steckenden Wissenschaftsbegriff
natürlich als idealistisch kritisieren, an der Diagnose ändert das
aber erst mal nichts. Und mit irgendetwas muss man ja anfangen, wenn
man eine Lichtschneise in den Nebel der Nachrichten um das Klima hauen
will.

Staatliche Forschungsförderungen großen Stils hatten in diesem
Jahrhundert von den Atomforschungsprogrammen bis zum Human-Genom-
Projekt zur Entzifferung des menschlichen Erbgutes immer auch die
Entwicklung einer Privatindustrie zur Folge. Und im Fall der
Atomindustrie kann man zurzeit in Berlin in jeder U-Bahnstation die
Absurdität der Ideologieproduktion von aus staatlichen Subventionen
hervorgegangenen Unternehmen erleben. »Klimaschützer« steht da groß
auf Plakaten, die ein Atomkraftwerk zeigen, vor dem in saftigem Grün
Kühe oder Schafe weiden. Dazu gibt es die Information, dass der CO2-
Ausstoß der Kraftwerke null Prozent betrage. Der Fall macht auf eine ­
besonders blöde Art klar, wohin man kommt, wenn man sich auf die
Diskussionen um das Klima auf der Ebene der Reduktion eines vermeint­
lichen Verursachers einlässt. Man landet bei der Alternative, zwischen
Pest und Cholera wählen zu müssen.

Natürlich hat CO2 etwas mit dem Klima zu tun, so wie Wasser, Luft,
Feuer und Erde auch. Die Form des Umgangs mit den Elementen allerdings
wird von der Form des Wirtschaftens bestimmt, und die Form des
Wirtschaftens ist seit einigen Jahren in einer so noch nicht bekannten
Weise von den Wissenschaften abhängig. »Innovationen«, die sich in
neuen Produkten niederschlagen, kommen genauso wie das Personal der
Unternehmen, die die Produkte als Gewinne verwerten, seit einigen
Jahren fast ausschließlich aus Universitäten oder staatlichen
Forschungsinstitutionen. Deshalb ist eine Kritik am gegenwärtigen
Wissenschaftsbetrieb, wie Reichholf und Crichton sie betreiben,
gleichzeitig eine Kritik an der Wirtschaftsweise, die den Umgang mit
den natürlichen Ressourcen nie anders als in einem
Ausbeutungsverhältnis wird verwirklichen können. Und das hängt auch
mit dem in Wissenschaft, Staat und Wirtschaft wirksamen Naturbegriff
zusammen. Der Witz an der Sache ist nun, das der Naturbegriff, wie er
etwa früher beim Club of Rome und heute bei Al Gore zum Ausdruck
kommt, auch von kritischen Intellektuellen und sozialen Bewegungen wie
der 68er-Studentenrevolte entwickelt wurde.

Die 68er-Revolte hat nämlich in einem entscheidenden Punkt nicht
verloren, sondern gesiegt. Sie hat den Universitäten und
Forschungsinstitutionen den Modernisierungsschub gebracht, der die
Wissenschaftsinstitutionen auf die Höhe der Anforderungen der
Wirtschaft ka­tapultierte. Die Unternehmen der so genannten
Marktwirtschaft hatten vor den staatlichen Institutionen gemerkt, dass
die kapitalistische Produktion in eine neue Phase tritt und dass diese
Phase nicht ohne wissenschaftlich ausgebildetes Personal zu bewältigen
ist. Man kann diesen Wandel an einer Zahl ablesen. Gab es in den
sechziger und siebziger Jahren noch viele Vorstände und Aufsichtsräte
in den großen Unternehmen, die aus der Produktionsstruktur des
Unternehmens selbst kamen, aufgestiegene Facharbeiter zum Beispiel, so
gibt es heute dort nur noch Uni-Absolventen, die gern an der Harvard
Business School promoviert wurden, aber mit der Produktion nie etwas
zu tun hatten. Um allerdings die Universitäten zum Ausbildungsort für
die neue Elite der neuen Phase des Kapitalismus zu machen, musste man
sie zuerst zerstören. Denn klassisch waren die Universitäten seit der
Etablierung der Nationalstaaten im 19. Jahrhundert für die Ausbildung
zum Beispiel der Beamten, Verwaltungsspezialisten und Lehrer
zuständig.

Mit der Zerstörung der Universitäten als Staatsbeamtenreservoir wurden
sie aber auch auf eine Weise dem Markt überlassen, die sie vorher
nicht kannten. Die Forschungsinstitutionen werden zu Unternehmen,
deren Marktwert sich am selbst erwirtschafteten Geld messen lassen
muss. Dadurch wird die Wissenschaft selbst sozusagen methodologisch
den Gesetzen des Marktes unterworfen. Deshalb ist Wissenschaftskritik,
wie sie Reichholf und Crichton betreiben, so unvergleichbar und
verschieden die beiden auch sind, die richtige und damit meinetwegen
»linke« Antwort auf den Klimawandel. Al Gores Feldzug gegen die
Klimawandelverursacher stellt genau so wenig wie Sigmar Gabriels Anti-
Atomkraft-Politik den herrschenden Naturbegriff und die
marktorientierte Forschung in Frage. Im Gegenteil: Beide singen das
Lied von den Markt­chancen einer erneuerten Energiegewinnung ohne die
Übel der alten Produktionsweise. Damit sind sie nichts anderes als
Modernisierungs­agenten, wie es die Achtundsechziger auf andere Art
auch waren. Am Herrschafts- und Ausbeutungsverhältnis, das menschliche
Gesellschaften mit ihrer derzei­tigen Wirtschaftsweise gegenüber der
Natur einnehmen, wird das nichts ändern.

Die Natur wird im Kapitalismus genauso wie in den alternativen
Umweltschutzbewegungen immer als ein Außen des Menschen gedacht. Sie
ist etwas, womit man Geld verdienen kann oder das man schützen muss.
Eindringlich kann man die Funktionsweise dieses Naturbegriffs an der
im S. Fischer-Verlag erschienenen Reihe »Forum für Verantwortung«
studieren. Ob dort Jill Jäger fragt »Was verträgt unsere Erde noch?«
oder Mojib Lativ Hintergründe und Prognosen zum Klima liefert, alle
Autoren bleiben in der grundsätzlichen Mensch-Natur-Dichotomie hängen.
Mit Walter Benjamin kann man sagen, ihr Naturbegriff ist genauso
korrumpiert wie ihr Arbeitsbegriff. Ihre Fragen drehen sich alle um
das immergleiche Kosten-Nutzen-Schema, das Natur und Mensch ja erst in
die fatale Lage gebracht hat, das man für Wasser und Luft zahlen muss
und Luft und Wasser deshalb in manchen Regionen so knapp werden, dass
sich viele Menschen beides nicht »mehr leisten« können.

Insofern ist, um Ivo Bozics Eingangsfrage (Jungle World, 29/07)
aufzugreifen, das Klima natürlich auch links beziehungsweise ein
linkes Thema. Eine Analyse der Vorgänge, die den Klimawandel bedingen
und gerade in den Regionen der ärmeren Länder tatsächlich Folgen
zeitigen, die alles andere als lustig sind, wird nicht darum
herumkommen, einen Naturbegriff zu entwickeln, in dem der Mensch der
Natur weder erlegen ist noch sie hegt und pflegt. Das heißt aber auch,
Natur nicht, wie Marx es tat, neben der Arbeit als eine der Quellen
des menschlichen Reichtums zu betrachten.

Man müsste Mensch und Natur in einem buchstäblich begriffenen
Verhältnis denken. Das heißt auf das Klima bezogen, die Gesetze der
Natur einzubeziehen, statt zu versuchen sie zu beherrschen. Es würde
bedeuten, die Prognose, auf der die Klimaforschung ebenso wie die
gesamte Naturwissenschaft basiert, aus der Methode der Wissenschaft
selbst herauszunehmen. Damit lassen sich dann allerdings nicht mal
mehr Wetterdaten an private Fernsehwetterberichte verkaufen.

Reply all
Reply to author
Forward
0 new messages