Statt Fliegen aus der Tüte über den Ladentisch

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Mar 8, 2009, 6:28:18 AM3/8/09
to Modellfluggruppe Schildberg e.V.
Prof. Dr.-Ing. Ingo Rechenberg

Technische Universität Berlin
FG Bionik u. Evolutionstechnik

Sekr. ACK 1
Ackerstrasse 71-76
D-13355 Berlin

Tel.: ++49-30-314 72 655
Fax : ++49-30-314 72 655
Email: reche...@bionik.tu-berlin.de



Prof. Dr.-Ing. Ingo Rechenberg

Geb. 20. 11. 1934 in Berlin

Sport: Welt- und Vizewelt­meister auf den
Modellflugweltmeisterschaften 1954 in Odense/Dänemark.

Studium: Flugzeugbau an der Technischen Universität Berlin und an
der Universität Cambridge/England

Industrie: Fokker Flugzeugwerke Amsterdam

Universität: Promotion 1970; Habilitation 1971,

Seit 1972 Inhaber des Lehrstuhls „Bionik und
Evolutionstechnik“ an der Technischen Universität Berlin,

(z. Z. kommissarischer Leiter)

Bücher: Evolutionsstrategie, Optimierung technischer Systeme
nach Prinzipien der biologischen Evolution (1973),

Evolutionsstrategie ’94 (1994),

Photobiologische Wasserstoffproduktion in der
Sahara (1994)

Ehrungen: Lifetime Achievement Award of the Evolutionary Programming
Society/USA (1995),

Evolutionary Computation Pioneer Award of the IEEE
Neural Networks Society/USA (2002),

Senior Fellow of the International Society for
Genetic and Evolutionary Computation/USA (2003)

Visiting Fellow of the Shanghai Institute for
Advanced Studies, Chinese Academy of Sciences (2005)


Ingo Rechenberg (*1934 in Berlin) begann als begeisterter
Modellflieger Wissenschaft zunächst spielerisch zu betreiben. Er wurde
1954 Vizeweltmeister in der Klasse A2 (heute F1A) und zusammen mit
Rudi Lindner und Max Hacklinger zugleich Mannschaftsweltmeister.
Hacklinger, Lindner und Rechenberg haben dann mit ihren vom Vogelflug
inspirierten Flugmodellen Geschichte geschrieben [1, 2]. 1955 beginnt
Ingo Rechenberg an der TU-Berlin bei Professor Heinrich Hertel mit dem
Studium des Flugzeugbaus. Er ist als Praktikant bei den Focker-
Flugzeugwerken in Amsterdam tätig und forscht als Stresemann-
Stipendiat zum Thema „Messung der turbulenten Wandschubspannung“ für
ein Jahr am Engineering Laboratory in Cambridge (England). Zurück in
Berlin (zum Diplomabschluss fehlt noch das Studium Generale) hört er
eine Vorlesung von Professor Johann-Gerhard Helmcke über Evolution.
Von der Euphorie seines Professors angesteckt beginnt Rechenberg 1963
mit Würfel, Zirkel und Lineal Darwins Modell der Evolution am Beispiel
der Entwicklung eines regulären Sechsecks auf dem Papier
nachzuspielen. Am 12. Juni 1964, in einem Teestunden-Vortrag bei
Professor Rudolf Wille am Hermann-Föttinger-Institut der TU Berlin,
wird das Wort Evolutionsstrategie geprägt. Als Meilenstein gilt
Rechenbergs Vortrag auf der gemeinsamen Jahrestagung der WGLR und DGRR
am 16. September 1964 in der Berliner Kongresshalle mit dem Titel:
„Kybernetische Lösungsansteuerung einer experimentellen
Forschungsaufgabe“ [3]. Hier führt er das mittlerweile berühmt
gewordene Darwin-im-Windkanal-Experiment vor, in dem eine zur
Zickzackform gefaltete Gelenkplatte sich evolutiv zur ebenen Form
geringsten Widerstands entwickelt.

1966 gründet Ingo Rechenberg zusammen mit Peter Bienert und Hans-Paul
Schwefel die inoffizielle Arbeitsgruppe Evolutionstechnik an der TU
Berlin. Es folgen entbehrungsreiche Jahre. Da Evolutionsstrategie
nicht in das Arbeitsgebiet des Strömungsinstituts passt, werden die
Mitstreiter der Arbeitsgruppe nacheinander entlassen. An die Deutsche
Forschungsgemeinschaft (DFG) gerichtete Förderanträge werden dauerhaft
abgelehnt. Hans-Paul Schwefel verlässt die arbeitslose Arbeitsgruppe
und kann bei der AEG in einem Großexperiment eine optimale Zweiphasen-
Überschalldüse mit der Evolutionsstrategie entwickeln. Ingo Rechenberg
promoviert an der TU Berlin, aufopfernd unterstützt von Professor
Helmcke, dessen Evolutionsvorlesung die Entwicklung der
Evolutionsstrategie auslöste. Unter dem Begriff „Die lernende
Population“ stellt Rechenberg in seiner Doktorarbeit die Idee der
Mutativen Schrittweiten-Regelung (MSR) vor. Auf die Promotion 1970
folgt 1971 die Habilitation und 1972 die Berufung von Ingo Rechenberg
auf eine Professur für das Fachgebiet Bionik und Evolutionstechnik an
die TU Berlin. 1973 erscheint Rechenbergs erstes Buch
„Evolutionsstrategie – Optimierung technischer Systeme nach Prinzipien
der biologischen Evolution“ [4]. Hans-Paul Schwefel kehrt zurück und
promoviert 1975 bei Ingo Rechenberg. In seiner Promotion formuliert
Schwefel die (My , Lambda)-ES, die sich nun als wichtigste Variante
der Evolutionsstrategie erweist. In logischer Fortführung der Folge
(1+1)-ES, (My +1)-ES, (My , Lambda)-ES entwirft Rechenberg 1978 die
Evolutionsstrategische Algebra [5]. Algebraische Schreibweisen wie My/
Rho, das Plus-Zeichen, das Mal-Zeichen, die Klammer in der Klammer u.
a. erhalten eine evolutionsstrategische Deutung. Das 1994 erschienene
Buch Evolutionsstrategie ′94 bildet vorerst einen Abschluss der
Theorie der Evolutionsstrategie von Rechenberg [6].

Ingo Rechenberg begreift Bionik als Studium und Nutzung von
Ergebnissen der biologischen Evolution. und demzufolge die
Evolutionsstrategie als Teilmenge der Bionik. Er entwickelt und
patentiert 1975 das System Biofocus, eine Nachbildung des biologischen
Akkommodationsprinzips. 1982 wird seine Konzentrator-Windturbine
BERWIAN (Berliner Windkraft-Anlage) zum Patent angemeldet. BERWIAN
kopiert das Prinzip der Strömungsbeschleunigung an einem gespreizten
Vogelflügelende. Expeditionsreisen führen Ingo Rechenberg 1993 in die
Antarktis, 1994 nach Spitzbergen und 1996 abermals in die Antarktis.
Forschungsobjekte sind das „Unterwasser-Fliegen“ der Pinguine und
Lummen sowie die Funktion der Deckfederreihen der antarktischen
Raubmöve als Rückstrombremsen zur Verzögerung einer Strömungsablösung.
Bereits seit 1982 begibt sich Rechenberg jährlich mit seinem
Expeditionsfahrzeug in die Wüste Erg Chebbi am Rand der Sahara in
Südmarokko. Hier sammelt Ingo Rechenberg in den 1980er Jahren
Wasserstoff produzierende Purpurbakterien. In den 1990er Jahren
erprobt er unter der Dauersonne der Sahara Photobioreaktoren, die für
eine Artifizielle Bakterien-Algen-Symbiose (Projekt ArBAS) zur
photobiologischen Wasserstoffproduktion konstruiert wurden [7]. Seit
dem Jahr 2000 ist Rechenbergs spannendstes Forschungsobjekt der Sahara-
Sandfisch, eine Glattechse, die mit kleinster Festkörperreibung und
minimalem Abrieb unter dem Sand der Dünen schwimmt.

[1] Rechenberg I: Flugmessungen an einem Saalflugmodell. Der
Flugmodellbau, 11, Febr. 1959.

[2] Rechenberg I: Drei neue Profilmessungen bei kleinsten Re-Zahlen.
Der Flugmodellbau, 12, Juli 1960.

[3] Rechenberg I: Cybernetic solution path of an experimental problem.
Royal Aircraft Establishment, Library Translation 1122, Farnborough,
1965.

[4] Rechenberg I: Evolutionsstrategie – Optimierung technischer
Systeme nach Prinzipien der biologischen Evolution. Stuttgart, Fommann-
Holzboog 1973.

[5] Rechenberg I: Evolutionsstrategien. In: Schneider B, Ranft U,
Hrsg. Simulationsmethoden in Medizin und Biologie. Berlin, Springer
1978.

[6] Rechenberg I: Evolutionsstrategie ′94. Stuttgart, Frommann-
Holzboog 1994.

[7] Rechenberg I: Photobiologische Wasserstoffproduktion in der
Sahara. Stuttgart, Frommann-Holzboog 1994.
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