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McDonald, Ian
"Narrenopfer" (Org. "Sacrifice of Fools")
(c) 1996
Heyne, TB, 445 Seiten
ISBN 3-453-14867-3
DM 16,90
erschienen im September 1998 (Deutsche Erstausgabe),
ins Deutsche übersetzt von Jakob Leutner
*** 8 von 10 Punkten ***
Nachdem sich der gebürtige Engländer schon in mehreren Kurzgeschichten
mit den außerirdischen "Shian" beschäftigt hat, ist hierzulande nun
auch ein Roman erschienen, der sich ausführlich dieser Thematik
annimmt.
Das Ganze spielt im Irland der nahen Zukunft - drei Jahre nachdem
plötzlich eine außerirdische Flotte mit rund acht Millionen Shian an
Bord auftauchte und um Siedlungsrecht bat. Im Gegenzug dazu lieferten
sie der Menschheit technologisches Know-How, so daß wasserbetriebene
Maschinen mittlerweile zum Alltag gehören. Die "Zuwanderer" wurden auf
verschiedene Länder verteilt, unter anderem eben auch auf Irland. Man
erhoffte sich davon eine Beilegung des fortwährenden Konflikts
zwischen Protestanten und Katholiken, was auch, jedenfalls an der
Oberfläche, gelang: Es wurde die "Joint Authority" gegründet, die
beide Parteien gleichstellt und Nordirland auf diese Weise gemeinsam
regiert wird.
Andy Gillespie, früher selbst aktives Mitglied einer der zahlreichen
radikalen Parteien, hat den Großteil der letzten drei Jahre jedoch im
Gefängnis verbracht, und erst dort wurde ihm klar, wie unbefriedigend
sein bisheriges Leben verlief. Denn als er dort einen ebenfalls
einsitzenden Shian kennenlernt und immer mehr über deren Wesen und
Kultur in Erfahrung bringt, erkennt er in dem sozialen und
juristischen System der Shian seine eigenen Werte wieder und faßt
daher den Entschluß, sich nach seiner Entlassung für die Rechte der
Außerirdischen einzusetzen. Denn obwohl sie äußerlich den Menschen in
großen Zügen ähneln, unterscheiden sie sich doch im Innern enorm:
Nicht nur die Geschlechtertrennung ist für den größten Teil des Jahres
aufgehoben (nur für die halbjährlichen Wochen des "Kesh", in denen der
komplette Alltag der Shian zum Erliegen kommt und man sich nur den
Trieben hingibt), auch ihre Moralvorstellungen weichen in manchen
Dingen erheblich von den unseren ab: so ist zum Schutz der eigenen
Kinder jedes Mittel legitim, und sei es Mord. So sind Probleme
natürlich vorprogrammiert, wenn Shian ihrem Recht nachgehen und
dadurch menschliche Vorschriften mißachten.
Gillespie findet dann auch sofort Arbeit im Belfaster "Welcome
Center", das beispielsweise reisende Shian in eine der zahlreichen
Kommunen unterbringt und für die Probleme zwischen Menschen und
Außerirdischen zuständig ist. Er fühlt eine bisher unbekannte
Geborgenheit und wird von seinen Mitarbeitern als Mitglied der
"Familie" akzeptiert. Doch all dies wird ihm abrupt genommen, als er
eines Tages die ganze Familie regelrecht abgeschlachtet vorfindet. Es
gibt keine Zeugen und die Polizei hat keine Anhaltspunkte, aufgrund
seiner Vergangenheit ist jedoch unser Protagonist schnell Verdächtiger
Nummer Eins. Als aber auch nach dessen Verhaftung die Massaker (auch
an Menschen) weitergehen, wird schnell klar, daß der wirkliche Täter
noch auf freiem Fuß ist. Zusammen mit einer Shian-Anwältin stellt
Gillespie nun seine eigenen Ermittlungen an und versinkt immer tiefer
in einem Netz aus Lügen, Vertuschungen und Gewalt ... nur um
schließlich zu erkennen, daß sogar er die Shian nicht wirklich
versteht.
Urteil: McDonald versteht es wirklich, die Geschichte im Fluß zu
halten. Trotz der ernsten Thematik und dem nicht gerade zimperlichen
Umgang mit seinen nordirischen Mitmenschen, gelingt es ihm immer
wieder durch einen Schuß Sarkasmus die Stimmung aufzulockern.
Ebenfalls erwähnenswert ist an dieser Stelle die gewissenhafte
Übersetzung (so scheint es jedenfalls), denn die häufig Verwendung
findenden Anspielungen auf die irische Geschichte bzw. irische Idiome
werden in Fußnoten erläutert. So gewinnt man auch ohne größere
Kenntnisse der besonderen Problematik dieses Landes einen guten
Einblick in die Denkweise der Bevölkerung. Immer wieder betont der
Autor auch die Frage der "Zugehörigkeit" und vergleicht die Situation
von Gillespie - der sich zwischen den Shian und den Menschen befindet
- mit dem Problem, sich zwischen den beiden Gegensätzen England bzw.
Irland aufzuhalten.
Alles in allem eine erfrischende Lektüre, die großen Lesespaß auf
gehobenem Niveau bietet.
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Oliver
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