DerBegriff Hermeneutik ist als solcher erst in der Neuzeit entstanden und wurde als Buchtitel im 17. Jahrhundert erstmals vom Straburger Philosophen und Theologen Johann Conrad Dannhauer verwendet. Die allgemeine Hermeneutik beschftigt sich mit der Auslegung von Texten oder von Zeichen im Allgemeinen. Die besondere Hermeneutik behandelt die mit der Auslegung von Texten verbundenen Probleme, wie sie sich aus den einzelnen Fchern der Rechtswissenschaft, Theologie, Literaturwissenschaft, Geschichtswissenschaft oder Kunstgeschichte ergeben. Sie hat traditionsgem einen strkeren Bezug zu den Geisteswissenschaften und diente bei Wilhelm Dilthey zu deren methodologischer Begrndung. Auch die Reflexion der Bedingungen des Auslegens, Deutens und Verstehens nicht-textgebundener Werke der Musik und ihrer Interpretation oder der Werke der Bildenden Kunst wird Hermeneutik genannt. Nach idealistischer Auffassung ist Verstehen ein Sein, in dem die Welt sich selbst auslegt. Ein intuitiver Ansatz begreift Verstehen als etwas Unmittelbares, das aller Reflexion vorausgeht und aller Erkenntnis und dem diskursiven Denken zugrunde liegt.
Obgleich die begriffliche Fixierung der Hermeneutik und ihre systematische Entwicklung zu einem eigenen wissenschaftstheoretischen Bereich erst in die frhe Neuzeit fallen, reichen ihre historischen Wurzeln sehr viel weiter zurck. Hermeneutik als Kunst der Interpretation hat ihren Ursprung in der antiken Exegese, der jdischen Auslegung des Tanach[7] und in altindischen Lehren.[8] Die Interpretation biblischer Texte wurde dann zum eigentlichen Motor der Entwicklung einer ausdifferenzierten Hermeneutik als wissenschaftlicher Disziplin.[9]
Nach Platon sind die zwei Seiten des Seins, die es zu verstehen gilt, die sinnlich wahrnehmbare Beschaffenheit und das nicht sinnlich wahrnehmbare wesenhafte Sein. Die Seele strebe nicht nach der sinnlich wahrnehmbaren Beschaffenheit, sondern nach dem wesenhaften Sein.[12] Bei jedem der Dinge komme die vollstndige geistige Erkenntnis in fnf Schritten zustande:
Bei der antiken Auslegung von Texten sowohl in Griechenland als auch im Judentum war die Allegorese von Bedeutung. Dabei geht es um die Ermittlung eines verborgenen Sinns der Texte, der sich von dem wrtlichen Sinn unterscheidet. Einen wesentlichen Beitrag zur Entwicklung allegorischer Auslegungsmethoden leistete die Stoa, die ihrerseits die jdische Bibelinterpretation insbesondere des Philon von Alexandria beeinflusste. Auch Origenes als frhchristlicher Kommentator der Bibel ging davon aus, dass neben dem wrtlichen Sinn in der Heiligen Schrift vor allem ein hherer geistiger und seelischer Sinn prsent ist. Die frhchristliche Dogmatik musste sich mit dem Bedeutungskonflikt zwischen der besonderen Heilsgeschichte des jdischen Volkes, wie sie das Alte Testament enthlt, und der universalistischen Verkndigung Jesu im Neuen Testament auseinandersetzen. Beeinflusst von neuplatonischen Vorstellungen lehrte Augustinus den Aufstieg des Geistes ber den wrtlichen und den moralischen zum geistlichen Sinn.[17] Nach seiner Auffassung sind die Dinge auch als Zeichen zu verstehen (res et signa). Selbst das Gebiet der Dinge verlangt demnach eine Erschlieung des Sinns der Schpfung.
Im christlichen Mittelalter wurde die Tradition der antiken Exegese in ihrer Grundstruktur der Zweiteilung fortgesetzt. Gegenstand war die Bibel. Die patristische Hermeneutik, die Origenes und Augustinus zusammengefasst hatten, wurde durch Cassian zur Methode des vierfachen Schriftsinns entwickelt und systematisch dargestellt. Die Grenzen der Textkritik wurden durch eine Doktrin, den exegetischen Kode[18] bestimmt. Grund war der Konflikt zwischen der Dogmatik der Auslegung und den Ergebnissen damals neuer Erforschungen.[11] Nach dieser Doktrin besa die Bibel einen ueren Mantel, den cortex, der einen tieferen Kern, den nucleus umzog. Auf der Cortex-Ebene wurden Grammatik und Semantik hinsichtlich des wrtlichen Sinns (sensus litteralis) bzw. des historischen Sinns (sensus historicus) hin interpretiert, auf der Kern-Ebene (nucleus) die tiefere Bedeutung, die sententia, erforscht. Dazu wurde der nucleus in drei Tiefen der Ausformungen von Bedeutung unterteilt. Auf der ersten Nucleus-Stufe wurde die moralische Bedeutung (sensus tropologicus) erforscht, von der sich das Verhalten der Menschen untereinander leiten lassen sollte. Auf der nchsttieferen standen die christologischen und kirchlichen Bedeutungen (sensus allegoricus), mit denen die Glaubensgehalte expliziert werden sollten. Auf der tiefsten Ebene des nucleus ging es in der Exegese um den sensus anagogicus, den hinfhrenden Sinn, der die Tiefe des Geheimnisses der Offenbarung deutlich macht und dadurch auf Knftiges hinweist. Die tiefsten Bedeutungen, die die himmlischen Mysterien betrafen, galten als fr die Menschen im Diesseits nicht erschliebar. Sie werden ihnen erst im Jenseits offenbart (Offenbarung).[11]
Gegenstand der Hermeneutik, die sich mit Reformation und Humanismus Anfang des 16. Jahrhunderts neu entfaltete, war die richtige Auslegung von solchen Texten, die das eigentlich Magebliche enthalten, das es zurckzugewinnen gilt. Dies galt insbesondere fr die Biblische Hermeneutik. Die zu ihrer Legitimation wesentlich auf die Geltung und Auslegung der Bibel gesttzte protestantische Reformation hat der Hermeneutik nachhaltig neue Impulse gegeben. Die Reformatoren polemisierten gegen die Tradition der Kirchenlehre und deren Behandlung des Textes mit der allegorischen Methode. Sie forderten die Rckbesinnung auf den Wortlaut der Heiligen Schrift. Die Exegese sollte objektiv, objektgebunden und frei von aller subjektiven Willkr sein.
In der Renaissance entwickelte sich die Textkritik (ars critica) als eigenstndige Disziplin. Sie bemhte sich um die ursprngliche Gestalt der Texte. Die bestehende Tradition wurde durch die Aufdeckung ihrer verschtteten Ursprnge aufgebrochen oder verwandelt. Der verdeckte und entstellte Sinn der Bibel und der Klassiker sollte wieder aufgesucht und erneuert werden. Im Rckgang zu den originalen Quellen sollte ein neues Verstndnis gewonnen werden fr das, was durch Verzerrung und Missbrauch verdorben war: die Bibel durch die Lehrtradition der Kirche, die Klassiker durch das barbarische Latein der Scholastik. Das neu belebte Studium der berlieferten Klassiker der rmischen, dann auch der griechischen Antike fhrte in Verbindung mit dem Buchdruck zu einer erheblichen Ausweitung der Auslegung und Deutung von Texten. Es erwachte das Bedrfnis nach einer neuen Methodenlehre der berall aufsprieenden Wissenschaften. Ein neues Organon des Wissens sollte das aristotelische ersetzen oder komplettieren.[23] Nun erst kam die Hermeneutik zu ihrem Begriff.[24]
Sicut enim non est alia grammatica Juridica, alia Theologica, alia Medica, sed una generalis omnibus scientiis communis. Ita Una generalis est hermeneutica, quamvis in objectis particularibus sit diversitas.
Das Ziel der Hermeneutik sei es, den wahren Sinn der Rede darzulegen und vom falschen abzugrenzen.[27] Dannhauer ging es um eine allgemeine Wissenschaft vom Interpretieren, um eine philosophische Hermeneutik, die auch anderen Fakultten wie Recht, Theologie und Medizin das Instrumentarium zur Auslegung schriftlicher Aussagen bereitstellen sollte. Bei dieser universalen Ausrichtung handelte es sich um eine propdeutische Wissenschaft, die im klassischen Wissenschaftsspektrum zur Logik gerechnet werden konnte.
Die theologische Hermeneutik der frhen Aufklrung lehnte die Lehre von der Verbalinspiration ab und versuchte, allgemeine Regeln des Verstehens zu gewinnen. Die historische Bibelkritik fand damals ihre erste hermeneutische Legitimation.
Unter dem Eindruck des fulminanten Aufschwungs und Prestigegewinns der Naturwissenschaften im 19. Jahrhundert kommt es Dilthey vor allem darauf an, den Geisteswissenschaften einen klar definierten Zustndigkeitsbereich nachzuweisen und vorzubehalten, indem er, ausgehend von den Naturwissenschaften, Abgrenzungen vornimmt:
Heinrich Rickert unterschied den Begriff des historischen Verstehens von dem des psychologischen Verstehens im Sinne eines Nacherlebens. Die Tatsachen in der Geschichte gewinnen ihre historische Bedeutung erst durch ihr Bezogensein auf Kulturwerte. Bei diesen handelt es sich nicht um Realitten, sondern um irreale Sinngebilde. Geschichte handelt nur von solchen zeitlichen Vorgngen, die sich zugleich als Trger dieser Sinngebilde erweisen. Das historische Verstehen ist deshalb das Erfassen der irrealen Sinngebilde der Kultur.[53] Das psychologische Nacherleben als Erkenntnisweise der seelischen Vorgnge bringt reale Vorgnge und keine irrealen Sinngebilde zur Erfahrung. Deshalb muss es vom historischen Verstehen begrifflich getrennt werden. Mit dieser grundlegenden Differenzierung des Verstehensbegriffs beeinflusste Rickert sowohl Georg Simmel[54] als auch Max Weber.[55]
Der Mensch wird so zu einem Wesen, das sich zu sich selbst verhlt. Dieses Verhltnis ist ein unmittelbares, vorprdikatives und pr-reflexives Wahrhaben des In-der-Welt-Seins und keine reflexive Selbsterkenntnis. Das Verstehen geht der Reflexion voraus. Die Seiten des In-der-Welt-Seins sind Verstehen, Befindlichkeit und Sorge. Sie liegen der Erkenntnis und dem diskursiven Denken zugrunde. Eine wichtige hermeneutische Funktion erfllt die Freiheit. Der Mensch besitzt nicht Freiheit als Eigenschaft, sondern es gilt das Umgekehrte:
In der Hermeneutik sollen dem Dasein die Grundstrukturen seines Seins kundgegeben werden. Heideggers frh skizzierte philosophische Hermeneutik, der er bis zu seinem Tode keine systematische Ausarbeitung mehr hat folgen lassen, erlangte fr die Auseinandersetzung um die Hermeneutik im 20. Jahrhundert weitreichende Bedeutung.
Auch Otto Friedrich Bollnow stammt aus dem Kreis um Misch. Seine Weiterentwicklung der Hermeneutik Diltheys lsst sich als Lebensphilosophie charakterisieren. Leben ist fr ihn tragender Grund von Kunst und Wissenschaft. Von da aus gewinnt er Zugang zu den verschiedenen Arten des Verstehens.[69]
3a8082e126