Am Sat, 07 Apr 2012 01:27:19 +0200 schrieb Thomas Hochstein:
>> Wenn sich rumspricht, daß Telefone, Faxe und E-Mails Werkzeuge der eigenen
>> Belastung sind, werden Kriminelle auf andere Formen der Kommunikation
>> ausweichen.
>
> Zum einen müßte sich das schon seit > 10 Jahren herumgesprochen haben,
> zum anderen geht das nicht so einfach. Die modernen
> Kommunikationsmittel haben viele Arten der Kriminalität erst möglich
> gemacht und viele andere erleichtert oder neue Spielarten entstehen
> lassen. Das bedeutet aber auch, daß man als Krimineller auf diese
> Werkzeuge genauso wenig verzichten kann wie jeder andere Bürger (oder
> Geschäftsmann) - jedenfalls in der Breite.
Nun ja, Betrug per Internet gibt es logischerweise erst mit der
massenhaften Verbreitung des Internets.
War es früher ein großer Aufwand mit entsprechenden Kosten, den Brief einer
nigerianischen Bank nachzuahmen und an zufällige Empfänger in aller Welt zu
verschicken, wurde es mit der Einführung von Faxgeräten kostengünstuger und
einfacher. Mit der Verbreitung von E-Mail ist es praktisch kostenfrei und
-- vor allem -- idiotisch einfach geworden.
Daß immer noch Menschen auf die Masche reinfallen, ist ein Zeichen für die
angebliche Unendlichkeit der menschlichem Dummheit, von der einst Albert
Einstein geredet haben soll.
Klar ist es einfacher, im Klartext zu kommunizieren. Als Funker hab ich
einst gelernt, wie umständlich es ist, in eigenen Funksprüchen keine Orts-
und Zeitangaben im Klartext zu übermitteln.
Ähnliches gilt auch für Kommunikation per Telefon oder E-Mail. Wer von uns
hat schon einen Schlüsselzusatz für sein (ISDN-)Telefon oder verschlüsselt
(automatisiert) alle seine E-Mails zu bestimmten Personen?
Als Angehöriger der Organisierten Kriminalität würde ich das machen.
>> Daß manche Polizisten eine "Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu
>> befürchten"-Haltung hat, entsetzt mich. Ich hätte ein professionelles
>> Bewußtsein für Privatshäre erwartet.
>
> Warum? Da gibt es, wie überall, solche und solche. Du solltest auch
> bei - bspw. - Ärzten oder Rechtsanwälten kein erhöhtes Bewußtsein für
> Datenschutz und Vertraulichkeit erwarten ...
Möglicherweise überschätze ich meine Mitmenschen, das kann sein.
> Außerdem muß man bei diesem beliebten Spruch etwas differenzieren. Die
> Frage ist nämlich nicht, ob jemand "etwas zu verbergen" hat; das hat
> jeder. Die Frage ist, wem gegenüber er etwas zu verbergen hat und
> welche Priorität er dem beimisst.
Eben. Ich habe jedenfalls etwas zu verbergen: Meine Privatsphäre.
["Wer nichts zu verbergen hat, hat nichts zu befürchten"]
> Sicher. Das ist trivial (obwohl man es vielen Leuten
> überraschenderweise oft erst verdeutlichen muß - passiert mir immer
> wieder).
Manche Menschen lernen eben nur durch (eigene) Schmerzen ;-)
> Die Frage, ob etwas jeder wissen dürfen soll, ist aber eine andere als
> die, ob im Falle von Ermittlungen in einer ggf. gravierenden Straftat
> auf diese Informationen zugegriffen werden darf. Und ich gehöre
> durchaus zu den Leuten, die sich bemühen, in der Öffentlichkeit so zu
> telefonieren (oder sich in der Bahn oder im Restaurant zu
> unterhalten), daß möglichst kein Dritter zuhören kann.
Sehr löblich. Ich ärgere mich auch immer über diese Menschen. Aber es gibt
da Abhilfe: Sich einfach in das Gespräch einbringen. Dann merken die
Betreffenden, _daß_ andere Menschen mithören können und überdenken meistens
das eigene Handeln. Leider erfolgt Einsicht in eigenes Fehlverhalten viel
seltener als der Vorwurf, sich eingemischt zu haben.
> Ich hätte aber trotzdem kein ernsthaftes Problem damit, wenn mein
> Gespräch - sozusagen als Kollateralschaden - in einem
> Ermittlungsverfahren wegen einer entsprechend gravierenden Straftat
> abgehört würde. Das ist trotzdem kein angenehmer Gedanke, aber vor einer
> Ermittlung zu verbergen hätte ich bei meinen Telefonaten wenig.
Vorsichtig: Wenn Du bei jemand Koks bestellst (um den heimischen Ofen zu
befeuern), haste schnell die Jungs von der Btm-Fahndung im Haus :-)
Und was man alles an Verdächtigungen gegen Dich und alle, mir denen Du in
$Speicherfrist mal telefoniert hattest, konstruieren kann, weil man ja
nichts auslassen will...
Da ist mir der Gedanke, daß es keine verdachtsunabhängige Speicherung gibt,
schon lieber.
>> Und gerade bei Polizisten wundert mich eine "Wer nichts zu verbergen hat,
>> hat nichts zu befürchten"-Haltung. Geht es um das Tragen von Schildern mit
>> Dienstnummer oder gar Namen, nicht nur im normalen Einsatz sondern auch bei
>> Sondereinsätzen und bei (gewalttätigen) Demonstrationen, dann wird gerne
>> darauf verwiesen, daß man eben doch so etwas wie eine Privatspäre hat und
>> nicht möchte, daß $Unhold die eigene Familie bedroht.
>
> Mit Recht. Es macht nämlich durchaus einen Unterschied, ob bestimmte
> Informationen nur für Sicherheitsbehörden zugänglich sind oder für
> jedermann, einschließlich linker oder rechter Gewalttäter.
Deswegen bin ich für Nummern, die Rückverfolgung erlauben. Daß jeder immer
den Klarnamen von Polizisten erfahren muß, halte ich nicht für
erforderlich.
Allerdings konnten mir Polizisten die Frage, warum sie mehr Angst vor
rechten oder linken Gewalttätern haben müssen, als der (namentlich
bekannte) Staatsanwalt bzw. Richter, der sie anklagt bzw. verurteilt.
>> Wir sehen also, daß es gute Gründe gibt, sich nicht immer und überall ganz
>> zu offenbaren.
>
> Interessanterweise kommt die Forderung nach umfassender Offenbarung
> und Transparenz - nicht nur von Amtsträgern! - in der Regel von genau
> denselben, die daneben (für sich?) Anonymität einfordern.
Es ist für mich ein Unterschied, ob alle Bürger in ihrer Telekommunikation
verdachtsunabhängig überwacht werden sollen oder ob ein Polizist im Falle
des Falles anhand seiner Dienstnummer identifiziert werden soll.
Jede Putzfrau, Krankenschwester und Ärztin im Krankenhaus trägt einen
Dienstausweis, damit ich erkenne, mit wem ich es zu tun habe. Niemand wird
gezwungen, Polizist zu werden. Wer bei seiner Dienstausübung vom 'Kunden'
lieber nicht identifiziert werden möchte, kann sich ja einen Beruf
außerhalb des öffentlichen Dienstes suchen.
Als Bürger kann ich der Überwachung nicht mal eben so entgehen.
> Insofern fasziniert mich insbesondere die Forderung nach
> (weitergehenden) Informationsfreiheitsgesetzen - ist es doch so, daß
> die absolute Mehrzahl von Informationen, die Behörden verarbeiten,
> Informationen von oder über Bürger sind. Und mir ist es nur schwer
> eingängig, wie man einerseits den Schutz der persönlichen Daten stark
> betonen und anderseits fordern kann, daß persönliche Daten (anderer),
> die diese offenbaren mussten, öffentlich zugänglich gemacht werden.
>
> Das ist nämlich die - insbesondere in den USA zu beobachtende -
> Kehrseite.
Der Vergleich mit den USA ist immer äußerst problematisch. Aufbau des
Staates, Gewaltenteilung un dVerhältnis von Bürgern zu Staat sind sehr
unterschiedlich. Die USA wurden von Menschen geprägt, die im alten Europa
schlechte Erfahrung mit Unterdrückung und Überwachung machen mußten.
Hierzulande undenkbar: In den USA veröffentlicht die Polizei die Daten
aller Festgenommenen. So soll verhindert werden, daß die Polizeit Menschen
verschwinden läßt. Scot Stevenson hatte das in seinem Blog einst schön
aufgedröselt.[1]
Ich denke, diese Form der Offenheit kennen (und brauchen) wir hier nicht.
>> Die Sache mit den Netzsperren war ein sehr kleines und gut überschaubares
>> Feld. Die Argumente dagegen paßten samt Begründung auf eine Seite DIN A4.
>
> Und sie haben zumindest mich nicht überzeugt.
Nicht? Hmmm, das wundert mich.
Alleine die Tatsache, daß DNS-basierte Sperren binnen kürzester Zeit[2]
umgangen werden können, sollte Zweifel aufkommen lassen, ob hier ein
geeignetes Mittel ergriffen wird, das beabsichtigte Ziet zu erreichen.
Die Tatsache, daß Sperrlisten geheim sein müssen, um nicht als Empfehlung
der anderen Art verstanden zu werden, macht eine Überprüfung der Listen, ob
Einträge zu Recht enthalten schwierig bis unmöglich. Wie soll ich als
Blog-Betreiber, dessen URL (aus eigener Sicht) irrtümlich auf die Liste
gekommen ist, dagegen den Klageweg beschreiten, wenn ich nicht erfahren
darf, daß mein Blog auf die Liste gesetzt wurde?
Der von den Befürwortern solcher Regeln genannte Milliardenmarkt an
Kinderpornographie per Internettauschhandel konnte nicht ansatzweise
plausibel gemacht werden.
Ich bin kein Jurist, aber ich hatte im Kopf, daß die Gesetzgebungskompetenz
was Mediengesetze angeht, bei den Ländern liegt. Wenn der Bund nun Sperren
bei bestimmten Medien einführen will, dann bewegt er sich außerhalb seiner
Kompetenz. Zumindest wurde es seinerzeit von Juristen verargumentiert.
Wenn Du der bist, für den ich Dich halte, dann bist Du der Jurist von uns
beiden :-)
>> Oder sich als ahnungsloser Befürworter von
>> Netzsperren offenbaren.
>
> Das unterstellt, daß man Netzsperren nur befürworten könne, wenn man
> ahnungslos ist ...
Regeln, die sich von vornerein als wirkungslos erweisen (werden), weil sie
im Ansatz fehlerhaft sind, der Entwickler spricht von "broken by design",
zu befürworten, spricht aus meiner Sicht von Ahnungslosigkeit oder
Dummheit.
Ein Fall für das Forrest-Gump-Prinzip: "Dumm ist, wer Dummes tut!"
>>> Sympathisch neu ist das Verhalten der "Piraten" öffentlich zuzugeben,
>>> von vielen Themen keine Ahnung zu haben und sich erst damit befassen zu
>>> müssen.
>>
>> Die ehrlichste Antwort, die sie geben können. Und damit wahrscheinlich auch
>> die beste.
>
> Dafür haben sie aber zu überraschend vielen Themen überraschend
> dezidierte Meinungen ...
Ja. Und manchmal fragt man sich, welcher Teufel manche Piraten geritten
haben möchte, so dieser oder jener Sache die Meinung X oder Y zu vertreten.
Aber man muß einer so jungen Partei zugute halten, daß Mitglieder und
Partei selbst noch in einer Lernphase sind.
Und wenn ich daran denke, welche Ideen aus Wolkenkuckucksheim mal von den
Grünen kamen? Ich meine mich an die Forderung zu erinnern, auch Panzer mit
Katalysatoren auszustatten sein. Seinerzeit war ich kleiner Rekrut, kannte
die Laufleistung meines Panzers und konnte darüber nur Schmunzeln. Und wenn
es im Fulda-Gap zur großen Panzerschlacht gekommen wäre, wären Fahrzeuge
ohne Kat wohl unser geringstes Problem gewesen :-)
Nik
1.)
http://usaerklaert.wordpress.com/2008/06/11/police-blotters-offentliche-polizeiprotokolle/
2.) Einen anderen DNS-Server in die Netzwerkeigenschaften des eigenen PCs
einzutragen, geht binnen weniger Sekunden.