1991, kurz vor der Abwicklung der DEFA, lief im Ost-Berliner Kino Babylon die nostalgische Filmreihe Frhe Jahre damals in Berlin.[1] In einem Streifzug durch die DEFA-Geschichte gab es hier einige alte Berlin-Filme neu zu entdecken: Darunter war auch Modell Bianka, ein Paradebeispiel dafr, wie sehr sich die frhe DDR-Filmproduktion fr die Arbeits- und Konsumwelt der Frau im Sozialismus interessierte. Besonders das Thema Mode erwies sich in dieser Milieustudie ber die Bekleidungsindustrie der DDR als Stoff fr heitere Unterhaltung.
Zwar wird die Rolle der Konsumkultur im Allgemeinen sowie der Schnheit und Mode im Besonderen (vor allem im politischen Kontext der DDR) in neueren Studien mittlerweile anerkannt, aber sie ist selten in Einzelheiten und in vergleichender Perspektive zur Bundesrepublik untersucht worden.[2] Noch seltener werden Spielfilme in der Konsumgeschichte als legitime historische Quellen betrachtet. Der Beitrag mchte dazu anregen, diese Lcke zu schlieen. Er folgt dem aktuellen Trend in filmhistorischen Studien, Filme als ein Archiv der Gegenstnde und Gesten, der Kleidungs- und Bewegungsgewohnheiten, der Lebensformen und Esskulturen aufzufassen und wiederzuentdecken.[3]
In der Filmhandlung ist Bianka ein Modellkleid, das bei der Leipziger Messe einen Preis erhlt. Zwei Betriebe der Bekleidungsindustrie sind an seiner Entstehung beteiligt: der VEB Berolina in Berlin und der VEB Saxonia in Leipzig. Der Entwurf fr Bianka (und fr ein weiteres Modell, Gitta) stammt vom begabten Musterzeichner Jochen Rauhut (Siegfried Dornbusch). Allerdings hat die Leitung seines Leipziger Bekleidungsbetriebs die Entwrfe als zu kostspielig fr eine Massenproduktion abgelehnt (8% Stoff muss gespart werden!). In seinem Knstlerzorn und ohne das Wissen seines Kollegen Gerd Neu (Fritz Wagner) verschenkt Jochen Rauhut die Skizzen an die Konkurrenzfirma Berolina, wo die hbsche Direktrice Ursel Altmann (Gerda Falk) und ihre Freundin, die Schneiderin Hilde Meiner (Margit Schaumker), prompt schne Verwandlungskleider anfertigen und auch gleich selbst anziehen. (Ein Verwandlungskleid konnte in zwei oder mehreren Varianten getragen werden; es war um 1950 in Ost und West besonders beliebt.) Nach einer Reihe komdiantischer und romantischer Verwicklungen entscheiden sich die beiden im Wettbewerb stehenden Betriebe, das Modell Bianka als Gemeinschaftsarbeit bei einer Modenschau whrend der Leipziger Messe vorzufhren. Das Happy End liefert nicht nur die verdiente Auszeichnung fr Berolina und Saxonia, sondern bringt auch zwei Liebespaare zusammen (Jochen/Ursel und Gerd/Hilde).
Dieser reale Bekleidungsbetrieb diente auch als Vorbild fr die fiktiven Betriebe Saxonia und Berolina im Film, und viele Innenaufnahmen, die Einsicht in die Produktionsbedingungen geben, wurden im Hauptgebude des VEB Fortschritt gedreht. Die dortigen Arbeiterinnen wirkten als Statistinnen mit. Die im Film zu hrenden Werkhallen-Gesprche verweisen auerdem auf die Probleme der ostdeutschen Bekleidungsindustrie: Whrend die Nherinnen sich ber den Mangel an qualittsvollen Stoffen und ber den technischen Stand der alten Maschinen laut beklagen, bestehen sie darauf, dass bei der Modenschau der Leipziger Messe elegante Modellkleider prsentiert werden mssten. In diesem Sinne evozierten die Dialoge im Film die Kampagne der Aktivistin und Nherin Luise Ermisch, die seit 1949 in der Parteipresse, vor allem im Neuen Deutschland, unnachgiebig forderte: Kollegen, produziert Qualittskleidung![16] Ermisch war fest davon berzeugt, dass eine Modeschau nicht nur eine unterhaltende Veranstaltung ist. In unseren volkseigenen Betrieben veranstaltet, wrde die Modeschau als Wettbewerb zwischen den einzelnen Bekleidungswerken durch die Kritik unserer Werkttigen in den Betrieben entscheidend bereichert werden.[17]
Tatschlich markiert die whrend der Leipziger Messe stattfindende Modenschau im Film einen emotionalen und inhaltlichen Hhepunkt. Groschopp, der bisher nur Erfahrungen als Kameramann fr Dokumentarfilme (Leipziger Messe, DEFA 1946, Regie: Kurt Maetzig) und die Wochenschau Der Augenzeuge gesammelt hatte, bemhte sich, dieser Sequenz die grtmgliche Authentizitt zu verleihen. Er lie den originalen Laufsteg der Leipziger Modenschau im Filmstudio nachbauen und montierte in die neuen Studioaufnahmen von ihm selbst gedrehtes dokumentarisches Bildmaterial ein. Die letzten Szenen des Films belegen mit besonderer Exaktheit, wie beliebt die Modenschau auch bei berufsttigen Frauen in der DDR war: Als Laiendarstellerinnen und Komparsen bernahmen sie die Rollen der Mannequins und Modemacherinnen, des Publikums und der Jury.[18]
Whrend der Modenschau auf der Leipziger Messe ist das Modell Bianka, das gewissermaen die Titelrolle spielt, zum ersten Mal im Film in allen seinen Verwandlungen zu sehen. Die Berolina-Modistin Ursel (Gerda Falk) fhrt es vor: Was zunchst wie ein Reisekostm mit Rock und weiter Jacke aussieht, wird zu einem sportlichen Kleid und dann zu einem eleganten Nachmittagskleid. Nach der dritten Verwandlung erscheint ein berauschendes Abendkleid. Dieses im DEFA-Kino noch nie erlebte Schauspiel stand im Brennpunkt aller Debatten um den Film. Einerseits erkannten sowohl das Publikum als auch die Kritiker die auerordentliche Schnheit dieses Modells an.[19] Groschopp hatte die Fertigung des Kleids keinem anderen als dem seinerzeit berhmten Knstler Walter Schulze-Mittendorf anvertraut,[20] whrend die brigen Kostme vom Debtanten Georg Kaddatz unter den Bedingungen extremer Stoffknappheit entworfen worden waren. Deshalb emprten sich einzelne Kritiker und Leserinnen in der Presse ber den bei der Leipziger Messe und auch im Kino zu beobachtenden Trend, auf Modenschauen immer luxurise, oft atemberaubend schne Modelle zu prsentieren, die in den gewhnlichen DDR-Lden jedoch nicht zu kaufen waren. Der Konflikt zwischen der harten Realitt des allgemeinen Mangels einerseits sowie dem Konsumwunsch und Genuss am Anblick schner Kleidung andererseits bestimmte die 1950er-Jahre in der DDR auch weiterhin.
Der Film Ingrid, die erste Produktion, die der ungarische Regisseur Gza von Radvnyi in Westdeutschland gedreht hat,[21] spielt ebenso wie Modell Bianka ausschlielich im Mode-Milieu. Doch haben wir es hier nicht mit einer Komdie zu tun, sondern mit dem Melodram einer jungen Frau, die in einem vornehmen Hamburger Modesalon Karriere macht. Die prchtigen Kleider in diesem Film werden also nicht in einem Volkseigenen Betrieb fr die Befriedigung der Bedrfnisse der zahlreichen werkttigen Frauen hergestellt. Ganz im Gegenteil, sie stellen ein exklusives Produkt der westdeutschen Haute Couture dar, das sich mit den internationalen Trendsettern in Paris und New York messen kann. Die filmische Darstellung der Mode reflektierte auf diese Weise den neu erworbenen Wohlstand in den Jahren des Wirtschaftswunders und entsprach dem Wunsch der Zuschauer, die Eleganz und die Reize der neuesten Schnitte auch auf der Leinwand zu feiern.
Aufwendige Konfektionskomdien im alten UFA-Stil gab es viele in der Bundesrepublik der frhen 1950er-Jahre. Filme wie Frst von Pappenheim (1952, Regie: Hans Deppe) und Unschuld in tausend Nten (Das Mdel aus der Konfektion) (1951, Regie: Carl Boese) amsierten das Publikum, doch die Kritiker bemngelten fehlende Originalitt und sprachen von Draufgnger-Possen und Operettenschwnken.[22] Oft verkamen die Filme in den Augen der Rezensenten zu bloen Modenschauen von damals prominenten westdeutschen Modemacherinnen wie Ursula Schewe und Sinaida Rudow.[23] Dazu kamen noch farbige Revue-Filme ber Schnheitswettbewerbe wie Johannes und die 13 Schnheitskniginnen (1951, Regie: Alfred Stger) und Der bunte Traum (1952, Regie: Geza von Cziffra), deren Kitsch die Grenzen des Geschmacks berschritt, wie ein Kritiker der Sddeutschen Zeitung urteilte.[24] Der Film Ingrid war auch deshalb bemerkenswert, weil er deutlich von diesem Trend abwich. Er vereinigte Unterhaltung mit filmischer Raffinesse und der realistischen, einfhlsamen Darstellung eines Frauenschicksals.
Whrend sich ihr Privatleben fr den Rest des Films im gespannten Liebesdreieck zwischen Robert und Walter entfaltet, bleibt Ingrids berufliche Leistung in der Modewelt beachtlich stabil. Als Star-Mannequin und Fotomodell setzt sie sich mit ihrem souvernen, eher zurckhaltenden Stil durch. Die Schwangerschaft und die Geburt ihres Sohnes, dessen Vater der unzuverlssige Robert ist, scheinen keine Hindernisse fr ihre Karriere zu sein: Nach einer kurzen Pause kehrt sie selbstsicherer, entschlossener als zuvor in die Modebranche zurck, diesmal in ein neugegrndetes Unternehmen, das von ihrer ehemaligen Chefin gefhrt wird, der Direktrice (Alice Treff). Als alleinstehende Mutter verdient Ingrid genug, um die Existenz ihrer kleinen Familie zu sichern. Am glcklichen Ende gelingt auch die Vershnung der Liebenden: Ingrid und Robert wollen fortan zusammenleben und planen den Einzug in eine Neubauwohnung.
Mit seiner Lebensnhe und der eher subtilen Bilanz des ersten Nachkriegsjahrzehnts aus der Perspektive einer jungen Frau aus der Grostadt fand Ingrid ein recht positives Kritikerecho in der Bundesrepublik.[26] Der Spielfilm gab Entwicklungen wider, die auch Themen vieler Kurz-Dokumentarfilme waren. Beispielhaft ist dafr der 12-mintige Film Kleine Reise durch die Zeit (Ursula) (Bundesrepublik Deutschland/Trans-Rhein-Film, 1953, Regie: Wolfgang Kiepenheuer) ber den beruflichen und sozialen Aufstieg der Modeschlerin Ulla. Trotz begeisterter Rezensionen in der westdeutschen Presse und trotz des Beifalls fr die Besetzung, besonders fr Johanna Matz, war das Publikumsinteresse fr Ingrid schwach, und der finanzielle Erfolg blieb aus;[27] zu stark war damals die Konkurrenz durch das im Aufschwung befindliche Genre des Heimatfilms. Ingrid geriet in Vergessenheit.
[4] Vgl. Michael Wildt, Changes in Consumption as Social Practice in West Germany During the 1950s, in: Susan Strasser/Charles McGovern/Matthias Judt (Hg.), Getting and Spending. European and American Consumer Societies in the Twentieth Century, Cambridge 1998, S. 301-316.
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