Das also war ihr Reich: ein achteckiges Haus, ein Zimmer voller Bcher und ein Br. Geradezu paradiesisch klang das fr mich, als ich den Roman das erste Mal las, im Dezember des Jahres 2020. Mehr als acht Monate Pandemie waren vergangen, Wohnungen und Huser waren zu Hhlen geworden, in denen alles seinen Platz finden musste, die Tage und die Nchte, die Arbeit der Erwachsenen, das Lernen der Kinder, der Streit, die Vershnung, die Erschpfung, die Unordnung der Gefhle und der Dinge. Wer das Zuhause mit anderen teilte, sehnte sich nach dem Alleinsein. Wer allein lebte, sehnte sich nach einer Berhrung.
Eine Frau, ein groes Haus, viele Bcher, ein Br. Ah ja? Ich glaube, dieses Buch brauche ich jetzt, so meine Reaktion, als ich durch eine Empfehlung auf Marian Engels Roman aufmerksam geworden war. Ich besorgte mir eine alte Ausgabe in einem Online-Antiquariat und war nach den ersten Seiten wie elektrisiert, der Text zog mich in seine Welt, wurde zu einer Zuflucht, zu einem seltsamen, aufregenden Ort. Wenige Tage nach der ersten Lektre las ich ihn ein zweites Mal, aufs Neue erstaunt und fasziniert, mit welcher Leichtigkeit die Autorin auf 190 Seiten so vielfltige Deutungsrume ffnete. Scheinbar mhelos verhandelte sie inmitten der Magie eines Sommers in Kanada groe, komplizierte Fragen, die sich um Freiheit und Begehren, um Macht und Gewalt drehen, um Mnner und Frauen. Um kanadische Geschichte, um europische Kultur und Kolonisierung. Und um das Verhltnis zwischen Mensch und Natur.
Vielleicht lag es daran, dass whrend dieses Pandemiewinters der Frhling und das Licht am Ende des Tunnels so weit weg schienen, dass da ein diffuses Verlangen war, das auf einmal einen Resonanzraum bekam, das zu einem Verlangen nach einer Insel, einem Sommer, einem Haus und einem Bren wurde; doch nicht nur das, vielleicht hing es auch damit zusammen, dass sich whrend dieser Zeit so vieles hinterfragen lie: unsere Gewohnheiten und Ansprche, unser Miteinander und unsere Perspektive auf die Zukunft dieses Planeten, die Fragen von Verzicht, Vernunft und Solidaritt, die sich im Umgang mit Pandemie und Erderwrmung gleichermaen stellten. Ich konnte den Bren nicht vergessen und recherchierte, ob womglich schon lngst eine Neuauflage geplant war, aber es sah nicht danach aus. Ich sprach mit meiner Lektorin ber das Buch, die stille Post setzte ihren Weg fort, die Faszination wurde weitergetragen, und es dauerte nicht lange, da war klar: Der Br kommt zurck!
Virginia Woolf forderte in ihrem viel zitierten Essay ber weibliche Schaffenskran und Freiheit ein Zimmer fr sich allein. Marian Engel schenkte ihrer Heldin gleich eine Flussinsel mit einem groen Haus darauf. Darin die historische Bibliothek, die Lou ber Monate hinweg katalogisieren soll. Und in der Nhe nur dieser Br, der nichts von ihr fordert oder erwartet, der keine Fragen stellt oder Kommentare abgibt. Lous einzige Aufgabe besteht darin, sich an diesem Ort einzurichten, den Bren zu versorgen und sich mit dem Bestand der Bcher zu beschftigen. Die Geschichte einer Frau, die in aller Ruhe den schnsten Job ihres Lebens erledigen und sich ausschlielich um sich selbst kmmern darf.
Der Br, der an einer langen Kette in der Blockhtte neben dem Haus lebt, macht auf Lou einen traurigen Eindruck. Sie vergleicht ihn mit einer Frau, die zu lange herumgesessen und auf ihren Mann gewartet hat. Sie stellt sich vor, ihn zu befreien, und whrend wir weiterlesen, verstehen wir, dass Lou ihre eigenen Erfahrungen und Gefhle auf den Bren bertrgt. Lou, die von einem Mann fr eine andere, jngere, wie der Mann fand: frsorglichere Frau verlassen worden war, Lou, die um dieses mittelmige Leben auch noch getrauert hat und die zuletzt mit ihrem Institutsdirektor eine halbherzige, unerfllte sexuelle Beziehung gefhrt hat. Lou hlt fr sich fest: Sie wird sich nie wieder mit etwas so Drftigem zufriedengeben. Lou beginnt den Bren ergrnden zu wollen, wer und was bist du?, fragt sie sich, fragt sie ihn, und diese Frage zieht sich durch den gesamten Roman, weil sie irgendwann aus Liebe gestellt wird.
Marian Engel erzhlt explizit, was zwischen Lou und dem Bren abends am Kamin abluft, ohne ins Poetische, Ungefhre auszuweichen. Der Br sei schon deshalb realistisch erzhlt, weil sie die Nase voll habe von kanadischem Nature Writing, sagte Engel 1976 in einem Interview. Nebenbei, die Ironie, die Komik auch, ich musste beim Lesen an das Bild des Brenfells vor dem Kaminfeuer denken, das oft in klischeehaften, meist aus mnnlicher Perspektive erzhlten Sexszenen in Film, Fernsehen oder Fotografie vorgekommen ist. Man muss nur die Begriffe bear, fur, fire, sex bei Google eingeben und einen Blick auf die endlose Liste von Treffern werfen, 20 best places to have sex, selbst heute noch. Ich fragte mich, ob auch Marian Engel an dieses Klischee dachte, als sie den Bren durch die Haustr kommen lie. An Mythen und Sagen habe sie anfangs, als ihr die Idee kam, ein Br msse der Liebhaber sein, nicht gedacht, sagte Engel im Interview, die htte sie erst whrend der anschlieenden Recherche entdeckt.
Lou sitzt am Kamin, in der Hand ein Glas Whisky, die nackten Fe im Fell des Bren, den Blick auf das Gemlde des Colonel Cary gerichtet, und erkennt auf einmal, welche Symbolkraft diese Situation in sich trgt. Sie und der Br, hier, zusammen, geben ein Bild ab, das sich weit auerhalb der Vorstellungskraft von Mnnern wie dem Colonel befunden htte. Sie trinkt ihren Whisky am Feuer, in einer patriarchalen Pose, triumphierend, zugleich selbstironisch, sie, die Carys Nachlass ordnet, die eine Bestandsaufnahme macht, ob seine Bibliothek fr die historische Forschung etwas taugt. Der letzte Colonel der Familie, Colonel Jocelyn, eine Frau, hinterlie Anwesen und Nachlass dem Institut. Nun ist Lou diejenige mit der Deutungshoheit, und dabei denkt und fhlt sie sich immer weiter hinein in die Rolle des Hausherren, Cary wollte eine Insel, und weiter in das Bewusstsein der Poeten, Denker, Eroberer, deren Werke in den Regalen der Bibliothek stehen. Sie liest die Erlebnisberichte des Seefahrers und Schriftstellers Edward John Trelawny, Freund von Lord Byron und Percy Bysshe Shelley, dem Ehemann von Mary Shelley (die wiederum Trelawny nicht leiden konnte; als er vorhattee, eine Biografie ber Shelleys verstorbenen Mann zu schreiben, verweigerte sie ihm die Briefe und Tagebcher). Lou liest Trelawny fasziniert, was fr ein Mann. Gro. Beleidigend. Ein Riese, und abgeklrt zugleich, oh, ich bin sicher, dass er ein Lgner ist (womit sie, wie die Literaturwissenschaft besttigen kann, recht hatte).
In ihrem Essay kommt Atwood auch zur Literatur der 1960er und 1970er Jahre, als sich die Geschichten zu wandeln beginnen. Nun sind es auch die Frauen, die sich Richtung Norden bewegen, die sich in die Natur wagen, doch bei ihnen dreht es sich weniger darum, das Land zu erschlieen und zu besitzen, vielmehr suchen sie Rckzug und Autonomie. Sie wollen dem unbekannten Terrain die westlichen Gesellschaftsnormen nicht aufdrngen, sondern sie wollen in erster Linie der Gesellschaft entkommen. Dass ein Entkommen aus der Unterdrckung aber nicht automatisch bedeutet, selbst keine Machtposition einzunehmen, sprich: grundstzlich davon freigesprochen zu sein, selbst zur Unterdrckerin zu werden, dieser Ambivalenz weicht Marian Engel nicht aus, wenn sie das Verhltnis zwischen Lou und dem Bren in all seinen Feinheiten erzhlt.
Lou befreit den Bren von seiner Kette, am Ende wird er zu Lucy Leroy gebracht, und auch wenn der Br Lou ein Stck weit befreien konnte, zeigen wiederkehrende Momente, wenn sie sich schmt, sich nutzlos und unbedeutend fhlt oder sich vorwirft, zu viel zu sein oder zu wollen, wie tief das Gefhl sitzt, die eigenen Ansprche wren zu hoch. Doch zugleich spricht daraus auch eine Klugheit, eine unsentimentale Abgeklrtheit. Colonel Cary war mit Sicherheit eine der groen Belanglosigkeiten der kanadischen Geschichte, und fr sie galt das Gleiche. Auch wenn Lou dabei ausblendet, dass Colonel Cary und seinesgleichen, sie und ihre Vorfahren, freilich keine Belanglosigkeit in der Geschichte Kanadas darstellten, denn die Folgen der Besiedelung haben sich tief ins Land eingeschrieben, widersteht Lou dem nostalgischen Versuch, sich mit dem Land und seiner Ursprnglichkeit vereint zu fhlen, was nur wieder eine neuerliche Aneignung wre, wie Margaret Atwood in ihrem Essay argumentiert. Die Deutungsrume, die sich ffnen.
Lou betrachtet den Bren am Ende als ebenbrtig, und als er mit Lucy Leroys Neffen im Boot davonfhrt, wei sie, dass er sich nicht nach ihr umdrehen wird. Die Natur gibt sich nicht geschlagen, sie lsst sich nicht beherrschen, das ist es, was Lou schon frh im Roman versteht. Diese Art von Demut verbindet sich fr mich mit aktuellen Fragen, wenn es um Natur und Ausbeutung geht, um unsere Ansprche, die wir als natrliche Ordnung betrachten, whrend wir die Ordnung der biologischen und physikalischen Regeln ausblenden. Wem gehrt der Planet? Braucht die Natur uns berhaupt? Welche Anmaung also liegt in dem uns gewohnten Blick auf das groe Ganze, auf das fein gewobene Netz aus Lebendigem, von dem wir nur ein kleiner Teil sind?
Ich danke dem kanadischen Literaturprofessor Dorian Stuber und der Buchhndlerin Magda Birkmann, durch die beiden habe ich Br entdeckt. Stuber hat einen lesenswerten Essay ber den Roman geschrieben, nachzulesen unter: bookanista.com/marian-engel-bear Magda Birkmanns Buchempfehlungen erscheinen auch als NewsleRer unter: magdarine.substack.com
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