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„Mangelnde
Ausbildungsreife von Jugendlichen – welche Zukunftsmodelle brauchen wir
in Kirchheim?“ Im Anschluss an den Vortrag von Michael Goedeke ging es
im Mehrgenerationenhaus Linde um die Frage, was in Kirchheim passieren
kann und muss, um ähnliche Vermittlungsquoten zu erreichen wie in
Hamburg.
ANDREAS VOLZ
Kirchheim. Kirchheims
Oberbürgermeisterin Angelika Matt-Heidecker erinnerte angesichts des
drohenden Facharbeitermangels daran, wie dringend gehandelt werden
müsse, und bedauerte es, dass die Bildungsregion im Landkreis Esslingen
mangels Interesse der anderen Großen Kreisstädte nicht zustande
gekommen sei.
Volker Seitz von der Arbeitsagentur sprach
von der Vielzahl neuer Berufe und Berufsfelder, die jedes Jahr
entstehen. Es müsse gelingen, die Jugendlichen gerade darauf
vorzubereiten und dafür fit zu machen. Gabriele Allgaier nannte aus
Sicht der Job-Center die Problematik, dass es oftmals nicht nur an der
Ausbildungsreife mangelt, sondern auch am Willen. Deshalb gebe es in
Kirchheim das Projekt „ICE – Intensives Coaching für Einzelne“, das
sich speziell für sozial Benachteiligte einsetzt.
Jürgen
Henzler vom Staatlichen Schulamt nannte die vielen
Bildungspartnerschaften zwischen Schulen und Unternehmen als Beispiel
für Kooperationen. Allerdings dachte er nicht ausschließlich an
Hauptschüler, als er feststellte: „Wir brauchen nicht nur Facharbeiter,
sondern auch Ingenieure.“
Aus Sicht des türkischen
Gesamtelternbeirats sagte Nurcan Agtas, dass sie sich „mehr
Unterstützung in der Sprache im Kindergarten- und Grundschulalter“
wünsche. Bei der Berufswahl müsse es für türkische Eltern vielleicht
auch zweisprachige Informationen geben, denn – so stellte Nurcan Agtas
fest: „Es gibt leider immer noch viele Eltern, die die deutsche Sprache
nicht so gut beherrschen.“
Thomas Auerbach, Vorsitzender
des Kirchheimer Gesamtelternbeirats griff die Aussage auf, dass
Jugendliche selbst hinter ihrer Berufswahl stehen müssen: „Man muss
ihnen vermitteln, dass Arbeit nicht nur etwas Lästiges ist, sondern
auch Freude und Erfüllung bringt.“ Allerdings sei der Ausbildungsberuf
heutzutage nicht mehr der Beruf, der dann zwangsläufig ein Leben lang
ausgeübt werde.
Für die Arbeitgeber sprachen Bernd Sigel
von der Bäckerei Scholderbeck und Frank Weigele von der Firma EWS.
Bernd Sigel erwartet von Auszubildenden „Grundtugenden“ wie
Pünktlichkeit, aber auch genügend Frustrationstoleranz, um sich in
einer Hierarchie richtig einordnen und sich auch etwas sagen lassen zu
können. Frank Weigele zählte weitere Grundtugenden auf wie
Zuverlässigkeit, Engagement oder Willenskraft. Auch er stellte heraus,
wie wichtig Praktika sind: „Ein Eignungstest hat viel weniger
Aussagekraft als ein Praktikum.“
Sibylle Schober,
Referentin für Ausbildereignungsprüfung und Mitglied im
IHK-Prüfungsausschuss, verwies schließlich noch darauf, dass es für
Ausbildungsberufe meistens keine formalen Zugangsvoraussetzungen gebe
und dass weder Schulabschlüsse noch das Geschlecht oder die
Staatsangehörigkeit eine Rolle spielen dürften, bevor Christoph Lempp
vom Vorstand der Jugendagentur Kirchheim-Nürtingen sein Fazit zog:
„Alle Beteiligten haben eine gemeinsame Verantwortung für die
Jugendlichen.“ Die Jugendagentur sei da auf einem guten Weg und in
regelmäßigem Austausch mit der Arbeitsagentur und den Job-Centern.
Anders aber als beim Hamburger Hauptschulmodell gehe es der
Jugendagentur vor allem um diejenigen Jugendlichen, die gar keinen
Schulabschluss haben. Christoph Lempp rief alle Beteiligten auf, sich
häufiger gemeinsam zusammenzusetzen, um Jugendlichen Chancen geben zu
können. |