Hugo
Chávez besucht das Eisen- und Stahlwerk Sidor in Puerto Ordaz. Die
Belegschaft hat 2008 die Wiederverstaatlichung des Betriebs erkämpft
(12. Mai 2008)
Foto: reuters
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Die junge venezolanische Arbeiterbewegung schöpft ihr
Selbstbewußtsein zu einem guten Teil aus den Erfolgen der
Belegschaften der Petrolindustrie während des
»Ölstreiks der Bosse« Ende 2002. In diesen
Kämpfen mußten die korrumpierten Arbeiterorganisationen
der Vierten Republik – vor allem die Gewerkschaftszentrale
CTV (Conféderación de Trabajadores de Venezuela)
– ebenso besiegt werden wie die nationalen und
internationalen Bosse der kapitalistischen Ölwirtschaft.
Gegen Ende des Jahres 2002, nur ein halbes Jahr nach dem
gescheiterten Putschversuch gegen den venezolanischen
Präsidenten Hugo Chávez, wurde ein Ölstreik
inszeniert, der nichts anderes war als eine veränderte
Methode, um das eben erst verfehlte Ziel zu erreichen:
Chávez auszuschalten und seine Regierung zu stürzen.
Dazu versuchte die alte Führung dieser Branche, die gesamte
Produktion lahmzulegen. Die externe Firma Intesa, mehrheitlich im
Besitz eines großen US-amerikanischen Informatikkonzerns, die
das Computersystem der venezolanischen Erdölgesellschaft PDVSA
verwaltete, sabotierte jegliche Informationsverarbeitung. Ohne die
Datenbasis der Produktion, des Einkaufs und Vertriebs konnte nicht
mehr weitergearbeitet werden. Bald darauf verweigerten die
Kapitäne von 13 Schiffen der PDVSA-Tankerflotte den Dienst. Im
Land wurde das Benzin für Transport und Privatverkehr knapp,
vollbeladene Tanker wurden zu Zeitbomben in der Nähe von
Küsten und Städten. Solche modernen Schiffe sind
technologisch hochkomplexe Gebilde, eine Sabotage ihrer Maschinen
und Computersysteme ist von Außenstehenden kaum zu beheben.
Die alte technokratische Elite des Ölkonzerns war sich sicher,
unersetzbar zu sein und rechnete fest damit, daß
Chávez seinen Rücktritt nicht würde vermeiden
können.
Nach Wochen andauerndem Notstand kam dann jedoch alles anders.
Nachdem mehrere Versuche gescheitert waren, brachte in einem
weiteren Anlauf eine neue Notbesatzung unter großem Risiko
endlich den gefährlichsten sabotierten Öltanker im
Maracaibo-See, dem riesigen Binnengewässer in der
Ölregion Venezuelas, wieder in Fahrt. In den
Produktionsstätten verbliebene Arbeiter, Freiwillige,
Techniker und Informatiker, setzten in der Folge auch die
Ölproduktion wieder in Gang. So wurden die Ereignisse vom
Dezember 2002 und Januar 2003 Symbol für die Kraft der
venezolanischen Gesellschaft und Arbeiterschaft.
So frei wie nie zuvor
Die venezolanische Arbeiterbewegung profitiert sehr davon,
daß inzwischen eine Regierung existiert, die eine
sozialistische Agenda verfolgt und eine Debatte über die
Umgestaltung der Gesellschaft führt. Das hat große
Auswirkungen, auch wenn der Prozeß viele Widersprüche
und Hemmnisse aufweist und die Glaubwürdigkeit der
Repräsentanten der Regierung von Aktivisten unterschiedlich
eingeschätzt wird.
Die Freiräume für die Organisierung, die politische
Bildung und die Selbstverständigung sind für die
Arbeiterbewegung heute so groß wie nie zuvor in Venezuela.
Alte Aktivisten erzählen davon, daß sie bis 1998 nur die
Illegalität und Halbklandestinität kannten. Repression
und auch tödliche Angriffe auf Arbeiteraktivisten gibt es zwar
immer noch, dies ist heute aber nicht mehr Regierungspolitik.
In der Region um Ciudad Guayana im Bundesstaat Bolívar ist
die venezolanische Basis- und Schwerindustrie angesiedelt. Zugleich
ist hier das Zentrum der jüngeren revolutionären
Arbeiterbewegung. Nachdem Belegschaften schon mehrere Jahre in
autonomen Kämpfen Veränderungen eingeleitet, Fabriken
besetzt und in eigene Regie übernommen hatten, kam
Präsident Hugo Chávez im Mai 2009 nach Ciudad Guayana
und ermutigte in einer Versammlung die Beschäftigten in ihren
Bestrebungen. Er verkündete den Sozialistischen Plan Guayana
2009 bis 2019, der auch die Durchsetzung der Arbeiterkontrolle und
die Wahl der Betriebsleitungen durch die Belegschaften in den schon
nationalisierten Betrieben auf die Tagesordnung setzte. Der Plan
sieht die vollständige Umstrukturierung der Stahl- und
Aluminiumproduktion gemäß den Interessen des Landes
unter Führung der organisierten Arbeiter vor. Chávez
gab bei diesem Anlaß auch die Nationalisierung weiterer neun
Unternehmen der Region bekannt, darunter Ceramica Carabobo, das
damals seit acht Monaten von den Lohnabhängigen besetzt
war.
Diese Ereignisse markieren den Beginn einer äußerst
widersprüchlichen Entwicklung im Spannungsfeld von
Ermutigungen durch Chávez, Strukturproblemen der
venezolanischen Ökonomie, Produktivitätsmängeln,
Sabotage seitens der traditionellen und auch der
»endogenen« Rechten der bolivarischen Bewegung,
Begehrlichkeiten der PSUV als Staatspartei, Angriffen durch die USA
und anderer internationaler reaktionärer Kräfte,
ideologischer Rückständigkeit der Arbeiterschaft und
einer sich radikalisierenden Avantgarde in der Arbeiterbewegung.
Präsident Chávez genießt unter Aktivisten
besonderes Ansehen, weil er die Konfrontation mit der
ökonomischen Elite nicht scheut, um eine Entwicklung der
nationalen Ökonomie zu ermöglichen, die die akuten
Bedürfnisse der armen Bevölkerung befriedigt und
perspektivisch die Produktion an gesellschaftlichen Zielen
ausrichten soll.
Um Idee und Realisierung der Arbeiterkontrolle toben die heftigsten
Klassenkämpfe. Ebenso wie um die Politik der Regierung, gegen
die Interessen des nationalen und transnationalen Kapitals die
Souveränität des Landes in den strategischen Industrien,
eine bezahlbare Nahrungsmittelversorgung der Bevölkerung und
eine demokratische Medienstruktur durchzusetzen.
In den Regionen befindet sich der Aufbau der Arbeiterkontrolle in
völlig unterschiedlichen Stadien: von reinen
Absichtserklärungen über ein Modell der
Arbeiterkontrolle, dem immer noch von den zuständigen
Ministerien eigenmächtig Instanzen übergeordnet werden,
bis hin zu weiter fortgeschrittenen Formen; von auf Dauer unhaltbar
subventionierten bis hin zu auch ökonomisch schon
funktionierenden Versuchen. Aber an allen Orten kann man als
Fingerzeig für eine gute Perspektive ansehen, welche Schritte
zur Fortbildung der Belegschaften, die diese zur
Unternehmensführung befähigen, gemacht werden. Ein
Beispiel ist die 2009 auf dem Gelände des Eisen- und
Stahlwerkes Sidor errichtete Arbeiteruniversität, die
Voraussetzungen in dieser Hinsicht schaffen soll.
Nicht nur regionale Besonderheiten, auch die Größen von
Unternehmen haben für die Realisierung von Arbeiterkontrolle
eine außerordentliche Bedeutung. Die Komplexität aller
Aspekte der Produktion nimmt mit der Dimension von
Produktionseinheiten zu und muß von den Belegschaften
beherrscht werden. Ebenso wachsen mit der Größe der
Produktion und der Verwendung strategischer Rohstoffe die
Begehrlichkeiten von Kräften, die der Emanzipation der
Arbeiter feindlich gegenüberstehen.
Besetzt und verstaatlicht
Demonstration für ein neues Arbeitsgesetz am 9. November 2010 in Caracas
Foto: Eva Haule
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Grafitos del Orinoco ist ein mittelgroßer Betrieb in der
Region, der, ursprünglich als Schweizer Unternehmen, seit 1986
auf hohem technologischen Niveau Werkstücke aus Graphit
produzierte. Im Oktober 2009 begannen die Werktätigen einen
Kampf um höhere Löhne und für die Verbesserung der
Arbeitsbedingungen. Die alte Gewerkschaft von Grafitos war
»patronal« (gelbe Gewerkschaft). Die Belegschaft
gründete eine neue, die die alte entmachtete und sich auf das
Ziel kollektiver Arbeitsverträge verständigte. Es kam zu
keiner Einigung, die Eigentümer schlossen vielmehr drei Wochen
später die Fabrik. Daraufhin besetzten die etwa 60 Arbeiter
sie. Die Unternehmensleitung reagierte mit dem Sperren von Strom
und Wasser. Nachdem die Besetzung zunächst nur für die
ursprünglichen Belange durchgeführt worden war,
entwickelte sich im Kampf bald die weitergehende Forderung an die
nationale Regierung, einzugreifen und den Besitzer der Fabrik zu
enteignen. Die Belegschaften würden die Kontrolle
übernehmen.
Es folgten sieben Monate Kampf ohne Lohnzahlungen. Das
Überleben gelang nur durch die Solidarität der Comunidad
und der Arbeiter anderer Betriebe. Im Mai 2010 erreichten die
Besetzer die Anerkennung durch das zuständige Ministerium, das
per Dekret bestimmte, daß die Fabrik den Beschäftigten
übergeben und die Nationalisierung in Gang gesetzt wird. Die
erste legale Form war zunächst noch eine gemeinsame Verwaltung
durch Vertreter des Ministeriums und der Arbeiter. Zum 1. Juni 2010
konnte die Produktion erneut gestartet werden, zum 15. Juni gab es
zum ersten Mal wieder Lohn. Die Beschäftigten schufen sofort
kollektive Arbeitsverträge, mit einem Einheitslohn und
verschiedenen sozialen Regelungen.
Seit August 2010 wird Grafitos del Orinoco von einem Fabrikkomitee
geleitet, das aus neun Arbeitern besteht. Sie werden, um der
Bürokratisierung vorzubeugen, für höchstens ein Jahr
gewählt und sind jederzeit durch die höchste Instanz der
Arbeiterkontrolle, die Generalversammlung der Belegschaft,
absetzbar. Es ist völlige Transparenz aller betriebsinternen
Daten für die gesamte Belegschaft vorgesehen.
Kapitalbewegungen, Investitionen und Ausgaben müssen von allen
Mitgliedern des Fabrikkomitees unterzeichnet werden.
Vertreter der Belegschaft erklären, daß es weiterhin
eine Gewerkschaft gibt und dies auch so bleiben wird. Sie setzt
sich im engeren Sinn für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen
ein. In ihrem Betrieb funktioniere das Zusammenspiel gut. Aus
anderen Werken wird häufig von Konflikten zwischen Organen der
Arbeiterkontrolle und Gewerkschaften berichtet oder davon,
daß allgemein noch Konfusion über die Rolle der einen
wie der anderen herrsche.
Ein Prinzip der Arbeiterkontrolle ist auch die enge Kooperation mit
den organisierten Comunidades im Umfeld der Betriebe. So wie in den
Arbeitskämpfen die Erfahrung lebendig ist, daß die
Belegschaften oft nur durch die Unterstützung der Comunidades
überleben und siegen konnten, gehört zum
Selbstverständnis auch die Zielsetzung, die Produktion an
gesellschaftlichen Zielen statt am kapitalistischen Markt
auszurichten.
Bei Grafitos del Orinoco arbeiten heute wieder 70 Menschen. Es ist
geplant, ihre Zahl auf 120 auszuweiten. Die hergestellten Artikel
gehen hauptsächlich in die Produktionsprozesse der umliegenden
Stahlwerke. Der Betrieb bezieht keine staatlichen
Subventionen.
Ein Vertreter der Belegschaft berichtet von deren Lernprozeß:
Mit der neuen Struktur sitze der Feind nicht mehr mit im Betrieb.
Die Arbeiter dächten nicht mehr nur über
Lohnerhöhungen nach, sondern lernten, mit allen Aspekten der
Produktion umzugehen. Der Prozeß der Aneignung der
Fähigkeiten, den Betrieb zu leiten, würde als Anfang der
Aufhebung der sozialen Spaltung der Arbeit erfahren. Jeder einzelne
bekomme eine viel umfassendere, auch politische Bildung, die
historische und internationale Dimensionen einschließt. Im
Vergleich zu größeren Betrieben, wo die
Arbeiterkontrolle oft noch in technokratischem Geist angegangen
werde, hätten sie, als kleiner Betrieb, die demokratische
Vision viel weiter entwickeln können. Sie seien sich
darüber im klaren, daß sie ihre Erfahrungen weitergeben
und mit anderen Arbeitern sprechen müssen, weil ihr Versuch
nicht Bestand haben können wird, wenn ihr Betrieb quasi eine
Insel bleibt.
Widersprüchlicher Prozeß
Ein Beispiel dafür, wie schwierig und widersprüchlich der
Prozeß zur Arbeiterkontrolle mancherorts verläuft, ist
das Eisen- und Stahlwerk Sidor – Siderúrgica del
Orinoco Alfredo Maneiro, das größte Stahlwerk
Lateinamerikas. Bei Sidor arbeiten etwa 13000 Menschen – und
das, obwohl viele Produktionsprozesse automatisiert sind.
Ursprünglich schon einmal staatlich, wurde Sidor 1997 im
Rahmen neoliberaler Privatisierungspolitik an einen
italienisch-argentinischen Multi verkauft, 20 Prozent blieben im
Besitz des venezolanischen Bundesstaates Bolívar.
In dieser Phase nahmen die Arbeitsunfälle stark zu, 19 Frauen
und Männer kamen ums Leben. Im Januar 2007 begannen
Kämpfe der Belegschaft; Kollektivverträge unter
Einbeziehung der Arbeiter mit befristeten Verträgen,
Wiederverstaatlichung und größere Arbeitssicherheit
wurden gefordert. Die Streiks und Besetzungsaktionen wurden
zeitweise von der Nationalgarde auf Befehl des damaligen (und
heutigen PSUV-) Gouverneurs Francisco Rangel brutal
unterdrückt. Die Kämpfe der Arbeiter führten nach 15
Monaten, im April 2008, zur Entscheidung der Regierung
Chávez, Sidor zum 1. Mai wieder zu nationalisieren.
Die Auseinandersetzungen waren begleitet von scharfen Kampagnen der
rechten Medien und auch von Widerständen der »endogenen
Rechten« in der PSUV. Mit der Entscheidung zur
Nationalisierung war noch nicht geklärt, ob auch die
Forderungen nach Kollektivverträgen erfüllt würden.
Dies geschah nach weiteren Aktionen erst Mitte Mai 2008. Die
Ausarbeitung und Unterzeichnung des endgültigen Kontrakts nahm
Präsident Chávez selbst gemeinsam mit
Belegschaftsvertretern in die Hand. Schließlich steht seit
2010 ein von den Beschäftigten gewählter und von
Chávez eingesetzter Arbeiterpräsident an der Spitze von
Sidor.
Die Größe und die strategische Bedeutung dieser
Produktionsstätte sind Gründe für verschiedene
Schwierigkeiten bei der Umsetzung der Arbeiterkontrolle. Einerseits
sind die technischen, wissenschaftlichen und
betriebswirtschaftlichen Anforderungen an die Fähigkeiten der
Beschäftigten zur Leitung enorm hoch, und die Fortbildung in
dieser Hinsicht steckt noch in den Anfängen. Andererseits
weckt die Bedeutung des Eisen- und Stahlwerks viele
Begehrlichkeiten derjenigen in der PSUV, die sie nicht in ihrer
Funktion für die Revolution begreifen, sondern als
Staatspartei, die Posten sowie persönliche Einfluß- und
Kontrollmöglichkeiten bietet. Die klassenbewußten
Werktätigen identifizieren diese Kräfte als Hindernis des
Prozesses zur Arbeiterkontrolle. Die Auseinandersetzungen sind hart
und finden permanent statt. Konflikte gibt es weiterhin
natürlich auch mit den Gegenkräften aus der
traditionellen Rechten. Diese werden zum Beispiel als Urheber einer
Sabotage im Jahr 2009 angesehen, die mit einem Brand in den
Produktionsanlagen und 400 Millionen Dollar Schaden den ganzen
Prozeß weit zurückwarf.
Ein Schlaglicht auf die Konfliktlinien wirft die Festnahme des
Direktors für Vermarktung bei Sidor, Luis Velásquez, am
9. Juni 2011. Sidor-Arbeiter hatten ihn angezeigt. Das
PSUV-Mitglied Velásquez wird beschuldigt, als zentrale Figur
eines illegalen Netzwerkes Produkte des Betriebs, die aktuell
große Bedeutung für die Vorhaben der Regierung im
Wohnungsbau des Landes haben und deren Preise staatlich festgelegt
sind, auf dem privaten nationalen und dem kolumbianischen Markt
für das Dreifache verkauft zu haben. Arbeitervertreter weisen
darauf hin, daß Velásquez durch das Ministerium
für Basisindustrie nicht nur hohe Funktionen in weiteren
Unternehmen der Schwerindustrie zugewiesen bekommen hat. So war er
Präsident von Orinoco Iron und in den
Übergangsverwaltungen von Briqven und Iron Mining. Er gilt
auch als enger Vertrauter des PSUV-Gouverneurs des Bundesstaates
Bolívar, Rangel. Die Aufnahme der Ermittlungen, die immer
weitere Kreise ziehen, scheint ein Ergebnis des Drucks der
Arbeiterkontrolle zu sein, deren Aktivisten seit Jahren die
Realisierung der völligen Transparenz aller Aspekte der
Produktion in den nationalisierten Betrieben der Schwerindustrie
fordern und verschiedene Anzeigen zu Unregelmäßigkeiten
erstattet hatten.
Werktätige bei Sidor kritisieren, daß es heute immer
noch die gleichen Führungsstrukturen wie früher gebe.
»Nur« mit den Unterschieden, daß an der Spitze
ein von ihnen gewählter Präsident und eine neue Leitung
stehen, daß es die geänderten Arbeitsverträge gibt
und Projektgruppen eingerichtet wurden, um den Rahmen für die
Arbeiterkontrolle und eine sozialistische Produktion im Eisen-,
Stahl- und Aluminiumbereich, den Plan Guayana Socialista, zu
diskutieren und aufzustellen. Aber auch die Veränderung des
Bewußtseins der gesamten Belegschaft sei ungeheuer schwierig.
Zwischen dem Kampf für höhere Löhne und bessere
Arbeitsbedingungen und der vollständigen Übernahme der
Verantwortung für den ganzen Betrieb würden Welten
liegen.
Erfahrungsaustausch der Arbeiter
Auf dem Gelände von Sidor fand vom 20. bis 22. Mai dieses
Jahres das erste nationale Treffen für Arbeiterkontrolle
statt. Etwa 900 Aktivisten waren gekommen. Die Idee zu einer
Versammlung, die die Arbeiter aus dem ganzen Land
zusammenführt, entstand unter den Werktätigen der
Schwerindustrie im Bundesstaat Bolívar, die auch die
Vorbereitung der Veranstaltung übernahmen.
Für die Arbeiterkontrolle wird es keine Fortschritte geben,
wenn die Beschäftigten sich nicht selbst artikulieren und
über ihre Erfahrungen überregional und
überbetrieblich austauschen. Es ginge um die
»Erfahrungen hinsichtlich der Fortschritte, Hindernisse und
Herausforderungen der Arbeiterkontrolle im Prozeß ihrer
Anwendung«, so ein Einladungstext. Das allgemeine Ziel des
Treffens müsse der »Aufbau einer Bewegung permanenten
Charakters« sein, »die die venezolanische
Arbeiterklasse (…) organisiert, mit einem autonomen
Kampfplan, der die Arbeiterkontrolle konsolidiert – darauf
orientiert, die Ökonomie unter ein Modell der sozialistischen
Leitung zu bringen«.
Grundsätze für die Bildung von Arbeiterräten sollten
demnach definiert werden, um die Debatte für das neue
Arbeitsgesetz und das Gesetz über die Arbeiterräte
vorzubereiten und das Bewußtsein der Beschäftigten
über die Arbeiterkontrolle zu heben. Der Kampfplan umschreibt
den Vorschlag der Bildung eines nationalen und internationalen
Netzwerkes, das den Austausch über Ideen für die
politisch-soziale Kontrolle der Ökonomie ermöglicht.
Darüber hinaus solle ein Konzept sozialistischer Führung
der Wirtschaft entwickelt werden, in dem die Rolle der
Arbeiterräte, der organisierten Comunidad und des Staates in
einem Kontext des Übergangs definiert werden.
Das Treffen erforderte viel organisatorische Vorbereitung und
zeigte große methodische Talente der Arbeiter, die der
Diskussion Struktur und eine überzeugende Zielstrebigkeit
gaben.
Die Verpflegung für 900 Menschen an zweieinhalb Tagen wurde
zum größten Teil erst kurzfristig aus den Kantinen
umliegender großer und mittlerer Unternehmen zur
Verfügung gestellt. Die Übernachtungen wurden aus dem
Stand bei den Arbeiterfamilien von Ciudad Guayana und in einigen
Herbergen organisiert. Am Rande fanden verschiedene kulturelle
Events statt.
Die inhaltliche Diskussion war in 30 »Arbeitstische«
gegliedert, an denen die Teilnehmer jeweils die Erfahrungen mit der
Arbeiterkontrolle in ihren Betrieben diszipliniert in zehn Minuten
Redezeit am ersten, in fünf Minuten am zweiten Tag darlegten.
Auf diese Weise kam jeder zu Wort, und die Beiträge wurden auf
den Punkt formuliert.
Drei Fragestellungen bestimmten die Diskussion: 1. Welche
Widersprüche tauchen beim Aufbau der Arbeiterkontrolle und der
Arbeiterräte auf? 2. Welche Ideen und Prinzipien braucht es,
um die politische Aktion der Arbeiterklasse zu orientieren? Und 3.
Welche Vorschläge für die weitere Entwicklung gibt es in
politischer, organisatorischer, programmatischer, rechtlicher,
ökonomischer und sozialer Hinsicht?
Zum ersten Punkt wurde dargestellt, daß die Bürokratie,
die noch den bürgerlichen Staat vertritt, ein großes
Hindernis für Fortschritte ist. Es existieren Regeln und
Normen im System und im Produktionsprozeß, die die
Partizipation der Arbeiter ausschließen. Vertikale Strukturen
unterbinden das Recht der Arbeiter auf protagonistische
Partizipation. Es gibt immer noch Akademismus – nicht zu
erfüllende Anforderungen, um Ämter in der Leitung der
Arbeiterräte, in den Gewerkschaften oder
Unternehmensstrukturen besetzen zu können.
Zudem besteht laut der Diskussionsbeiträge eine gewisse
Inkohärenz zwischen den Worten und Taten einiger Führer.
Strukturen von Arbeiterkontrolle werden formal verfestigt ohne
einen Wechsel der Paradigmen. Wahlprozesse für die Arbeiter
werden initiiert, ohne zuvor die Diskussion zur Lösung von
Konflikten zu vertiefen, die durch die Spaltung zwischen den
Arbeitern hervorgerufen werden. Viele Gewerkschaften, auch neu
gebildete, müssen als mafiös angesehen werden. Im Zentrum
der Kritik stand hier die »Frente Bolivariano de
Trabajadores«, die als Gewerkschaft der »endogenen
Rechten« der PSUV charakterisiert wird und die Führung
der nationalisierten Betriebe der Schwerindustrie in Ciudad Guayana
an sich reißen will. Die häufig anzutreffende
administrative Anarchie lähmt die Produktivität.
Konflikte entstehen, weil die von den zuständigen Ministerien
neben den gewählten Arbeiterpräsidenten eingesetzten
»Juntas Directivas« (Vorstände) mit Technokraten
besetzt sind, die die gleichen Kriterien wie Privatunternehmer
anwenden.
In den Beiträgen zum zweiten Punkt wurde betont, daß es
nötig sei, für die Abschaffung der sozialen Spaltung der
Arbeit zu kämpfen und eine ständige, integrale
Weiterbildung der Werktätigen auf ideologischem und
politischem Gebiet zu organisieren, um ein kritisches
Klassenbewußtsein zu entwickeln. Es gilt, eine Arbeitermiliz
zum Schutz der Werktätigen zu organisieren. In der
Arbeiterklasse muß ein Gefühl der Zugehörigkeit mit
der Prämisse »der Betrieb gehört uns«
hergestellt werden. Der Ausschluß wegen ideologischer
Unterschiede muß vermieden und die Einbeziehung durch die
Klassenzugehörigkeit angeregt werden. Menschliche
Arbeitsbedingungen sind zu schaffen, die die
geschäftsmäßigen Beziehungen überwinden. Die
Prinzipien der Gleichheit, Solidarität, Gerechtigkeit, der
gegenseitigen Ergänzung, der horizontalen Strukturen, der
Zusammenarbeit und Bescheidenheit sind immer anzuwenden.
Appell an Chávez
Den Debatten über das weitere Vorgehen ging bezeichnenderweise
ein Aufruf an Präsident Chávez voraus: Dieser solle
für den Bundesstaat Bolívar den Notstand erklären
wegen der teilweise schon gewaltsamen Zuspitzung der Konflikte um
die Frage der Arbeiterkontrolle in den nationalisierten
Unternehmen. Man beschloß, ein öffentliches Manifest
auszuarbeiten, das auch direkt an den Präsidenten gerichtet
ist und alle Übereinkünfte des ersten nationalen Treffens
für die Arbeiterkontrolle enthält (dies ist inzwischen
geschehen). Die Teilnehmer forderten ein neues Arbeitsgesetz und
ein Gesetz über die Arbeiterräte sowie die Schaffung
einer überbetrieblichen Kommission aus organisierten
Arbeitern, Comunidades, Staat und Zulieferern von Rohstoffen, um
den Bürokratismus und die Korruption zu bekämpfen. In den
Statuten der vergesellschafteten Unternehmen müssen demnach
die Installierung von Arbeiterräten, die vollständige
Offenlegung aller für die Produktion relevanten Informationen,
die fortschreitende Abschaffung der sozialen Spaltung der Arbeit,
die Garantie der Bildung der Werktätigen und der Aufbau von
Arbeitermilizen verbindlich verankert werden. Die Unternehmen
müssen die soziale Entwicklung in der Umgebung der Fabriken
garantieren. In jedem Betrieb unter Arbeiterkontrolle ist die Kunst
und Kultur des Volkes zu fördern.
Es wurde kritisiert, daß nicht einmal in Ciudad Guayana, dem
Zentrum der venezolanischen Schwerindustrie, ein
wissenschaftlich-technologisches Forschungs- und
Entwicklungszentrum existiert. Die Einrichtung eines solchen unter
Einbeziehung der Arbeiterräte wird gefordert, um die
Abhängigkeiten von ausländischen Technologien und
Lizenzen abzubauen.
Schließlich machten die Teilnehmer der Konferenz sich die
Regierungslinie zu eigen, den »Patriotischen Pol«, ein
Bündnis aller linken Kräfte, zu stärken. Aber, wie
betont wurde, nicht nur für die Wahlen 2012, sondern auch
für die Organisierung und die Kaderbildung. Im Unterschied zum
Bestreben der PSUV, nur das Wählerreservoir zu erweitern,
bedeutet dieses Projekt aus Sicht der Arbeiterbewegung viel mehr
die Ausschöpfung des Potentials im Volk, um der Idee der
protagonistischen Demokratie immer wieder neue Kraft
zuzuführen.