Warum werden die deutschen Substantive groß geschrieben ?
Ich wurde letztens von einem Kollegen gefragt (der selbst von einem Schüler
gefragt worden war : Schneeballeffekt !) und konnte bis jetzt keine Antwort
finden, sogar bei deutschen Bekannten. Zu meiner Schande muß ich gestehen,
daß ich mich nie darüber gefragt hatte, obwohl ich seit fast 40 Jahren
Deutsch lerne bzw. studiere !!!
Wer könnte mir helfen ?
Meine Kollegen und ich wären dafür ewig dankbar !!!
http://wwwperso.hol.fr/~cbecart et http://www.mygale.org/00/becart
Das WARUM kann ich zwar nicht beantworten, ich glaube, das hat sich eben so
entwickelt. Jede Sprache hat ja wohl genuegend Eigenschaften, die nicht gerade
aufgrund besonders wichtiger Gruende festgesetzt wurden.
(In Sachen Schreibweise duerfte ein Franzose das ja gut kennen... :-)
Aber ich kann einen grossen Vorteil nennen:
Wenn jemand nur sehr wenig Ahnung von einer Sprache hat, dann hat es doch einen
enormen Vorteil, wenn er zumindest schon mal eine wichtige Wortgruppe sofort
erkennen kann.
Mir ging es zumindest mit Latein zu Anfang so, dass mir die relativ eindeutigen
Endungen die Zuordnung der Worte zu ihren Gruppen vorgaben, was mir die
Uebersetzung gleich wesentlich erleichterte.
Und bei Englischen Texten passiert's mir doch oft, dass ich ein Wort nicht kenne
und noch nicht mal weiss, was das fuer eine Art sein koennte. Das finde ich dann
erst im Woerterbuch heraus.
Servus,
Sascha
Und das WIE dieser Entwicklung hast Du ja gerade vorgeführt:
Die Leute hatten halt das Bedürfnis bestimmte Worte hervorzuheben.
Dazu haben sie die Anfangsbuchstaben großgeschrieben.
Diese Hervorhebung traf hauptsächlich Substantive. Irgendwann -
es muß wohl in einer Zeit gewesen sein, in der die Schreibenden
alle sehr emotional waren - wurden dann so viele Substantive hervor-
gehoben, daß eine Regel daraus re-interpretiert werden konnte:
Substantive werden großgeschrieben.
So hat sie die freie Wahl durch übermäßigen Gebrauch zur
Vorschrift entwickelt.
Da sie (die freie Wahl) heute nicht mehr zur Verfügung steht,
muß man zu anderen Mitteln greifen und etwa ALLE Buchstaben
großschreiben, so wie wir oben.
[Quelle: meine vage Erinnerung an einen Abschnitt des dtv-Atlas
zur deutschen Sprache.]
MfG
Jens
--
Jens Wüpper wue...@math.uni-hamburg.de Carpe diem!
Von Charlie Bécart an alle, die ihm eine Antwort gaben :
Herzlichen Dank für Ihre vielen Antworten !
Da es einigen auch nicht ganz klar war, wie, wann und warum es sich im
Deutschen so entwickelt hat, teile ich hierbei eine der ausführlichsten
Erlärungen mit, die ich bekam.
Cordialement
----------
In de.etc.sprache.deutsch you write:
> Warum werden die deutschen Substantive groß geschrieben ?
Ich zitiere aus
dtv-Atlas zur deutschen Sprache
Deutscher Taschenbuchverlag
ISBN 3-423-03025-9
"Die Entwicklung der Großschreibregeln
In ahd. Zeit gab es Großbuchstaben nur am Anfang von Texten, Absätzen,
oder Strophen. Erst im 13.Jh. tauchen auch im Satzinnern Majuskeln auf
und zwar nur bei besonders wichtigen Wörtern Wie Nomina Sacra: *Gott*,
*Jerusalem*; hohen Amtsbezeichnungen *Kaiser*, *König* und deren Namen.
Dieses Prinzip, wichtige, besonders hervorzuhebende Dinge und Personen
mit Großbuchstaben auszuzeichnen, dehnte sich zunächst langsam (im 16.
und 17.Jh. aber sehr stark) immer weiter aus: wenn man jemandem eine
besondere Ehre bezeugen wollte, schrieb man seinen Namen (oder auch das
Personalpronomen, das diese Person bezeichnete) mit einem großen
Anfangsbuchstaben (heutiger Rest: Großschreibung des Anredepronomens in
Briefen). Auf diese Weise kommt es im 17.Jh. zu einer regelrechten
»Majuskelschwemme«. Alles, was nur irgend hervorhebenswert schien,
erhielt große Buchstaben, die im 17.Jh. sogar ins Wortinnere eindrangen
(z.B. »HErr« für Christus, um seine Gott- und Menschennatur aufzu-
zeigen). Allmählich aber bildete sich ein regelmäßiger, mehr von
formalen Gesichtspunkten her bestimmter Schreibgebrauch heraus: im 2.
Viertel des 16.Jhs. werden in den Drucken Großbuchstaben bei Eigennamen
fest, desgleichen im letzten Drittel des 17.Jhs. die Großschreibung der
Substantive, die man nun auch »Hauptwörter« nennt."
Bemerkenswertes:
- Dänisch hatte bis zu einer Rechtschreibereform Anfang des Jahrhunderts
(oder nach dem zweiten Weltkrieg?) ebenfalls eine Großschreibung der
Substantive.
- In alten Texten aus vorigen Jahrhunderten findet sich eine Groß-
schreibung "wichtiger" Wörter auch in anderen Sprachen, z.B. im
Englischen. Vgl. auch die im Englischen bis heute erhaltene Groß-
schreibung in Überschriften und Titeln.
Tatsächlich handelt es sich bei der Großschreibung, egal in welcher
Variante, um eine nichttriviale Vermischung von Typografie und Sprache.
Aus Philipp Luidl, _Typografie_:
"Zwei Alphabete
Schrift war neben etwas Lesbarem auch immer etwas Sehenswertes. Sie
stellte nicht nur den Text, sondern gerne auch sich selbst dar.
Den Beginn eines Kapitels, manchmal auch auch den eines neuen
Absatzes, wußten die Schreiber zuweilen reich zu verzieren. In
karolingischer Zeit wählten sie dazu häufig Buchstaben aus dem Alphabet
der Rustica, der Unziale, oder Halbunziale.
Etwa um 600 n.Chr. begann man gewisse Begriffe hervorzuheben, indem
man sie wie die Kapitelanfänge aus Schriften älterer Alphabete schrieb.
Während zunächst immer ganze Worte [sic] auf solche Weise ausgezeichnet
wurden, ging man in der Gothik, vor allem aber in der Renaissance, dazu
über, nur mehr den Anfangsbuchstaben dieser Worte hervorzuheben.
Diese an sich belanglos erscheinende Gepflogenheit war in Wahrheit
nichts anderes als der Beginn unserer Groß- und Kleinschreibung.
Der Humanistischen Majuskel, die aus der Karolingischen Minuskel
entwickelt worden war, stellte man römische Buchstaben voran. Man
mischte also nicht nur Schrift im Vierlinienaufbau mit einer im
Zweilinienaufbau, sondern damit auch eine dynamische Form mit einer
statischen.
Heute wird uns selten bewußt, daß unsere sogenannten Groß- und
Kleinbuchstaben nichts anderes als zwei stilistisch völlig verschiedene
Alphabete sind."
--
Christian 'naddy' Weisgerber na...@mips.rhein-neckar.de
See another pointless homepage at <URL:http://home.pages.de/~naddy/>.
-- latest review: Eric Brown, _Blue Shifting_ (1995) --
Ich bin ein finnischer Deutschlehrer. Ich kann es auch nicht verstehen,
wie ich es meinen Schülern begründen kann, dass bei "heute Abend" ABEND
nach der Rechtschreibreform plötzlich groß geschrieben wird. Ich finde
das ist eine Zeitangabe und hat nichts mit dem substantivischen Begriff
Abend zu tun wie das vielleicht der Fall wäre bei "der Abend war schön".
Ein ähnlicher Fall wäre "auf Deutsch" statt "auf deutsch".
Aber: Ich würde sagen, Deutsch ist im großen und ganzen aine sehr
konsequente und regelmässige Sprache. "Deutsch" groß geschrieben im
obigen Fall. Am besten wäre, wenn die Großschreibung nur für Eigennamen
gelten würde.
Mehr über meine Meinungen dazu auf meiner Homepage!!
Risto Kangas
kan...@clinet.fi
http://www.clinet.fi/~kangas
Tel.+358-400-873879
>
> Ich bin ein finnischer Deutschlehrer. Ich kann es auch nicht verstehen,
> wie ich es meinen Schülern begründen kann, dass bei "heute Abend" ABEND
> nach der Rechtschreibreform plötzlich groß geschrieben wird. Ich finde
> das ist eine Zeitangabe und hat nichts mit dem substantivischen Begriff
> Abend zu tun wie das vielleicht der Fall wäre bei "der Abend war schön".
> Ein ähnlicher Fall wäre "auf Deutsch" statt "auf deutsch".
> Aber: Ich würde sagen, Deutsch ist im großen und ganzen aine sehr
> konsequente und regelmässige Sprache. "Deutsch" groß geschrieben im
> obigen Fall. Am besten wäre, wenn die Großschreibung nur für Eigennamen
> gelten würde.
> Mehr über meine Meinungen dazu auf meiner Homepage!!
>
> Risto Kangas
> kan...@clinet.fi
> http://www.clinet.fi/~kangas
> Tel.+358-400-873879
Dem kann ich nur zustimmen. Nicht alles macht Sinn was die
Rechtschreibreform veraendert hat. Vielleicht soll 'Abend' in diesem Falle
weiniger als Zeitangabe sondern als Situationsbeschreibung gelten? 'Abend'
wird damit zum Objekt, 'substantiviert' sozusagen. Macht aber keinen Sinn
fuer mich.
--
Christian Holscher, PhD
Dept. Pharmacology & Therapeutics
Trinity College Dublin, Ireland
http://www2.tcd.ie/People/Christian.Holscher
> Alles, was
> nur irgend hervorhebenswert schien, erhielt große Buchstaben,
> die im 17.Jh. sogar ins Wortinnere eindrangen (z.B. »HErr«
> für Christus, um seine Gott- und Menschennatur aufzu-
> zeigen).
Eine ähnliche Entwicklung gibt es heute mit dem großen I als Betonung
der Tatsache das z.B. Lehrkräfte nicht per se männlich sind und somit
in der Gesamtheit nicht von Lehrern gesprochen werden kann, es gibt
eben auch LehrerInnen. Wären es nur Lehrerinnen, dann könnte das große
I entfallen.
Fragt sich warum bei dieser Vorgeschichte ein solches Geschrei darum
gemacht wird - da geschieht doch heute aus einem durchaus berechtigten
Gedanken heraus nur etwas, was sich sprachgeschichtlich schon häufig
ereignet hat.
Mit freundlichen Grüßen
Bernhard Albert
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"Die Sprache verhält sich zur Wirklichkeit
wie eine Landkarte zum Gelände" Alfred Korzybski
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