VonZeit zu Zeit kamen ein paar Wrter herein, begrten Gary mit Handschlag, und er sagte jedesmal: Wollt ihr ein Autogramm von mir? Klar, Gary!, antworteten sie dann. Also borgte er sich einen Stift und signierte die Taschen oder Manschetten ihrer Hemden, und Tony fand, da sie sich alle so auffhrten, als ob sie ihn wirklich gern htten.
Schlielich sagte Tony zu Gary: Hr mal zu. Ich bring dir meine Mutter um fnf Uhr. Gary sagte: Ich will, da du am Morgen bei mir bist, und legte seine Arme um sie, umarmte sie wieder lange und sagte: Dank dir fr heut' abend. Und noch einmal hielt er sie und sagte: Du hast mir die ganze Nacht heller gemacht, Tony, du hast sie mit Liebe erfllt, und er streichelte ihr Gesicht mit beiden Hnden, indem er ihr eine Hand auf jede Wange legte, und gab ihr einen Ku auf die Stirn. Heute nacht hast du Nicole zu mir zurckgebracht, sagte er. Dann schlo er sie in seine Arme, und Tony sagte: Jetzt mu ich aber wirklich gehen.
Als sich die erste Tr hinter ihr schlo, hielt Gary die Schranke, um zu beobachten, wie die andere Tr aufgemacht wurde, und als sich diese Tr hinter ihr schlo, zog sie ihren Mantel an und ging. Sie sollte ihn niemals wiedersehen.
Bis jetzt war es, trotz des rgers mit der Pizza, eine richtige Party gewesen, und alle waren in guter Stimmung, und es gab keine Probleme, auer dem einen, das so gewaltig war, da davor alle anderen nichtig wirkten.
Aber jetzt, nachdem Tony gegangen war, geriet Gary noch einmal ber die Pizza in Wut. Er wurde sehr ernst und sehr aufgebracht. Ron dachte daran, wie Gary immer gesagt hatte: Ich will kein letztes Mahl, weil sie sich doch nur ber mich lustig machen, und Ron wute, da er jetzt nicht mit Gary sprechen wollte.
Moody auch nicht. Bob sprte, wie pltzlich eine leise Angst in der Luft lag. Ein Gefhl des Todes war in den Besuchsraum gedrungen. Es war schon vorher sprbar gewesen, hatte aber jedem Kraft gegeben. Jetzt jedoch war es, als ob es wie Rauch unter der Tr hervorgekrochen kme.
Es war still geworden. Der Plattenspieler lief nicht mehr, und Vern war eingeschlafen. Ron ging in die Kche, um mit den Wrtern zu sprechen. In diesem Augenblick kam Gary zu Bob herber. Du bist nicht bereit, die Kleider mit mir zu tauschen, oder? sagte er und Bob antwortete: Nein, ich bin nicht bereit. Gary fing an auszumalen, wie er abhauen knnte, wenn ihm Bob nur die Kleider geben wrde. Die Wchter wrden ihn nicht beachten. Er wrde als Bob Moody durch die Doppeltren gehen knnen, durch die Tr des Sicherheitstraktes, und ber den Stacheldrahtzaun kme er schneller, als man es sich vorstellen knne. Er brauchte nur den Drahtzaun hochzuklettern, dann eine Vorwrtsrolle ber den Stacheldraht oben zu machen, wrde sich ein- oder zweimal die Haut aufreien, wenn schon. Und dann, oh Mann, wrde er rennen.
Es war ein dsterer Augenblick. Ich wei, sagte Gary, da ich hier abhauen kann, wenn Sie mitmachen. Bob msse nur seine Kleider vom Schrank holen und sie rber in die Ecke schaffen. Wenn Bob einverstanden sei, wre es auch eine groe Hilfe, wenn er Garys verrckten Robin-Hood-Hut nhme und eine Weile aufsetzte. Auf mehr wrde ein verschlafener Wrter sowieso nicht achten. Nein, sagte Bob Moody, ich kann es nicht, und ich will es nicht.
Cline Campbell war schon mal dagewesen, dann aber den ganzen Abend ber weggeblieben, so da er den Stimmungsumschwung sofort bemerkte. In den ersten paar Stunden htte man denken knnen, es sei Weihnachten. Campbell hatte um 19 Uhr 30 gehen mssen, um eine Vorlesung in Salt Lake zu halten, und kam bis kurz vor Mitternacht nicht zurck. Inzwischen fritte sich alles verndert. Frher am Abend hatte ein Wrter am Kopfende des Feldbettes gesessen, Gilmore in der Mitte und Campbell am Fuende. Whrend sie noch so ber Gott und die Welt redeten, griff Gilmore unter das Kissen und holte ein Probeflschchen Whiskey hervor. Huch, sagte Campbell und sah weg. Ich sehe nichts Bses, hre nichts Bses, sage nichts Bses. Aber greif zu, Freundchen, greif nur zu. Gilmore lachte. Das war frher.
Nach der Lehrveranstaltung in der Stadt eilte Campbell hungrig zum Gefngnis zurck, ohne unterwegs anzuhalten und zu essen. Er mute feststellen, da sich alle bereits ber die Pizzas hergemacht hatten. Es war nichts mehr fr ihn brig. Es schien, als ob Gilmore und er die einzigen mit leerem Bauch waren. Als sie alleine waren, sagte Campbell: Sieht so aus, als ob's diesmal wirklich soweit wre.
Wissen Sie, sagte Campbell, wir werden uns wiedersehen. Es wird uns beiden gleich ergehen, ganz egal, was da auf der anderen Seite ist. Sie waren in Leutnant Fagans Bro, und Gary trug immer noch den Hut mit der Feder' der so aussah, als gehre er Chico Marx. Es kommt nicht darauf an, sagte Campbell, ob das, was Sie oder ich im religisen Sinne fhlen, richtig ist, auf jeden Fall werden wir uns wiedersehen, wie auch immer, Gary, aber Sie sollen wissen, da ich Sie fr einen guten Kerl halte. Es war schrecklich, dachte Cline Campbell, je lnger er mit Gilmore zusammen war, desto weniger konnte er sich vergegenwrtigen, da Gary ein Mann war, der Morde begehen konnte. Tatschlich sah Gilmore jetzt die meiste Zeit nicht so aus, als ob er solcher Dinge fhig wre, jedenfalls, wenn man ihn mit den meisten Leuten verglich, die Cline Campbell jeden Tag mit und ohne Uniform sah.
Pater Meersman erzhlte Moody und Stanger, da er fast allen anderen die Erfahrung voraus hatte, schon zwei Hinrichtungen mitgemacht zu haben. Er erklrte ihnen, da er den Gefngnisdirektor und seine Leute davon habe berzeugen knnen, da es wichtig sei, den ganzen Vorgang heute abend schon mal durchzugehen. Jeder Schritt sollte genauso ablaufen, wie am Morgen bei der echten Hinrichtung, und das probierten sie. Einige Gefngnisbeamte hatten sich mit einer Trockenbung einverstanden erklrt und gingen alle Schritte einmal durch, so da es beim Ernstfall ruhig und wrdevoll zugehen knne. Sie spielten alles einmal durch, und jemand, der eine Stoppuhr hatte, nahm die Zeit. Das war eigentlich ganz normal bei einem so wichtigen Vorgang. Es war wichtig, einmal den ganzen technischen Ablauf der Hinrichtung durchlaufen zu lassen.
Zwlf Stunden frher, am Sonntagmorgen, bekam Earl Dorius einen Anruf von Michael Rodak, der ihn davon in Kenntnis setzte, da Gil Athay den Obersten Gerichtshof um Aufschub ersucht hatte. Nach etwas ber anderthalb Stunden rief Rodak noch einmal an, um ihm mitzuteilen, Athays Papiere seien eingegangen, und der Oberrichter White htte den Antrag abgelehnt. Als bis spt nachmittags nichts mehr aus Washington kam, war Earl sicher, da Athay alle gesetzlichen Mglichkeiten ausgeschpft habe, und ging mit seiner Frau und den Kindern zt seinen Schwiegereltern zum Essen. Zum erstenmal an diesem Tag schaltete er ab. Als er frh am Abend nach Hause zurckkehrte, kam jedoch ein Anruf von Bob Hansen, der ihm mitteilte, da Jinks Dabney heute nacht in einem Hearing errtern wolle, ob womglich Steuergelder verschwendet wrden.
Fr Dorius war an diesr Nachricht nicht viel dran, auer, da die Verhandlung von Richter Willis Ritter gefhrt werden sollte. Trotzdem fhlte sich Earl anfnglich nicht besonders alarmiert. Er konnte sich nicht vorstellen, wie Dabney beweisen wollte, da irgendwelche Steuergelder des Bundes fr die Hinrichtung ausgegeben wrden. Die ganze Sache roch verdammt nach einem letzten verzweifelten Versuch.
Als Dorius und sein Kollege Bill Barrett die Halle des Newhouse Hotels betraten, waren Jinks Dabney und seine Co-Anwltin Judith Wolbach schon da. Anwesend waren Bob Hansen, (die Hansen-Mitarbeiter) Bill Evans und Dave Schwendiman sowie der Hotelportier. Das war's.
Sie saen in der Halle des Newhouse herum, einem richtigen 19.-Jahrhundert-Dekor, richtig eleganter Wilder Westen, halb Palast und halb Bordell. Alles war vol gestopft mit knallroten Plschmbeln und roten Teppichen und einer weien Treppe, die sich fcherfrmig in zwei Halbkreisen ausbreitete, bevor sie im Hochparterre wieder zusammentraf. Ein riesiger und steifer Raum, inzwischen ein bicchen heruntergekommen, doch das Hotel war berhmt dafr, da Richter Ritter hier sein Quartier hatte. Nach ein paar Stunden jedoch nicht gerade der ideale Ort, um auf jemand zu warten.
Ritter war oben auf seinem Zimmer, und er mute gewut haben, da die ACLU (American Civil Liberties Union) und der Justizminister unten waren. Aber er lie nichts von sich hren. Bob Hansen, der voraus dachte, begann, sich Gedanken darber zu machen, was als nchstes zu tun wre, wenn Ritter der ACLU ihren Aufschub gewhrte. Also rief er Richter Lewis an, der als Mitglied des Tenth Circuit Court* eine hhere Instanz als Ritter darstellte und dessen Entscheidungen wrde aufheben knnen. Hansen fragte, ob der Richter in der Lage sei, noch heute abend eine Sonderanhrung in Salt Lake einzuberufen. Um den Bestimmungen sorgfltig Genge zu leisten, kontaktierte Hansen gleichzeitig Jinks Dabney.
Richter Lewis lehnte es jedoch ab, eine solche Anhrung allein einzuberufen. Es war fr einen Bundesrichter eine zu groe Verantwortung, das Urteil eines anderen aufzuheben, wenn das bedeutete, da dadurch ein Mensch in den Tod geschickt wrde. Earl rechnete mit dem Schlimmsten.
Um neun Uhr fate sich Dabney ein Herz und bat den Portier, Richter Ritter noch einmal davon in Kenntnis zu setzen, da sie hier seien, und schickte ihm seine Dokumente hinauf. Schneller als Dabney erwartet hatte, rief Richter Ritter unten an und lie ausrichten, da sich alle ber die Strae in den Gerichtssaal begeben sollten. Ein Sicherheitsbeamter wrde sie hineinlassen.
Dabney teilte ihnen diese neue Wendung ohne ein Zeichen von Erregung mit. Er war ein sanfter Typ mit Hornbrille, der im Sommer leichtes Leinen und im Winter Tweed-Jacketts trug. Er hatte eine leise, beilufige Art zu sprechen, so als ob er einen schon seit zehn Jahren kenne, dies aber noch lange kein Grund sei, die Stimme zu heben. Ganz offenkundig spielte er Dinge herunter. Und das so perfekt, da seine Untertreibungen schon wieder dramatisch wirkten.
Jetzt erzhlte er ihnen mit der ruhigsten Stimme, was Ritter gesagt hatte, aber als Earl Dorius die Nachricht hrte, hatte er sofort das Gefhl einer dramatischen Wendung -- das sichere Gefhl, da der Fall verloren war. Earl hatte angenommen, Richter Ritter wrde den Fall nicht mal in Betracht ziehen. Die juristischen Beweismittel waren uerst dnn, und die Angelegenheit war uerst spt eingereicht worden. Seine schwermtige Stimmung verdsterte sich noch, als er erfuhr, da Bob Hansen nicht einmal mit dabeisein werde. Der Justizminister dachte nmlich, da es ihren Aussichten buchstblich schaden wrde, wenn er sein Gesicht vor Gericht zeigte. Also machte er sich davon. Er wollte wenigstens etwas Schlaf bekommen. Das bedrckte Earl noch mehr.
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