Liebe Filmfreundinnen und -freunde,
"Kino Climates" nennt sich – in bisheriger Ermangelung eines schöneren
Namens – das europaweite Netzwerk unabhängiger Kinos, das 2010 beim
Filmfestival Rotterdam ins Leben gerufen wurde und dem das Kino im
Sprengel seit der Gründung angehört. Gemeinsames Anliegen ist der
Austausch untereinander und das Kino jenseits des Marktes, der sog.
unsichtbare Film, das "Graswurzelkino", wie es der Filmsammler Jack
Stevenson nennt, dessen 16mm-Programm "Wild Shots" wir Ende dieses Monats
zeigen. Gleichzeitig geht es auch um die Erhaltung der "alten" Filmformate
und um eine engagierte Kinoarbeit, wobei die Schwerpunkte von Kino zu Kino
variieren.
Eingeladen haben wir Sébastien Demeffe aus Lüttich. Er gehört dort der
Kinoinitiative "Cercle des Cinés" an und ist im Kino-Climates-Netzwerk
besonders engagiert. Neben einem Kurzfilmprogramm, das er verleihbar
gemacht hat, bringt er seinen eigenen Film RIDING ALONG mit, in dem
überraschenderweise auch Hannover eine Rolle spielt.
Enjoy the Film!
Das Kinoteam
* * * * * * * * * * *
Übersicht:
FR 31.8. Vollmondkurzfilme: INVASION OF THE PLANET EARTH
SA 1.9. Silly Art F*** präsentiert ASMUS TIETCHENS & FELIX KUBIN LIVE
FR 7.9. Kino Climates KURZFILMKOMPILATION, Gast: Sébastien Demeffe
SA 8.9. RIDING ALONG, B 2009 von und mit Sébastien Demeffe, Lüttich
DO 13.9. SACHAMANTA, D/ARG 2012, Gast: Viviana Uriona
FR 14.9. MOONRISE KINGDOM, USA 2012 OmU
SA 15.9. MOONRISE KINGDOM, USA 2012 OmU
DO 20.9. RAISING RESISTANCE, D/CH/Paraguay 2011
FR 21.9. RAISING RESISTANCE, D/CH/Paraguay 2011
SA 22.9. WILD SHOTS – A SHORT LOOSE HISTORY OF UNDERGROUND CINEMA
FR 28.9. CATASTROIKA, GR 2012, Gast: Aris Chatzistefanou
SA 29.9. Vollmondkurzfilme: IKILIIKKUJA, Gast: Thomas Bartels
Beginn jeweils 20.30 Uhr
* * * * * * * * * * *
SA 1.9. 20.30 h
Silly Art F*** präsentiert
ASMUS TIETCHENS & FELIX KUBIN LIVE
Elektronik-Legende Asmus Tietchens live und Stummfilmvertonung mit Felix
Kubin.
Asmus Tietchens ist Komponist elektronischer, konkreter und abstrakter
Musik. Er blickt auf über 50 Tonträger-Veröffentlichungen und zahllose
Kooperationen mit unterschiedlichsten Musikern von Kraut-Legende Peter
Baumann ("Tangerine Dream”) bis Noise-Guru Merzbow zurück. Begonnen hat
Tietchens, Jahrgang '47, Mitte der 60er Jahre mit der Erkundung der
Möglichkeiten elektronischer Klangerzeugung. Heute lehrt er Sound Design
an der Hochschule für bildende Künste Hamburg, hat eine regelmäßige
Radio-Show "Radio Gagarin" auf FSK Hamburg und veröffentlichte soeben ein
Album mit Dieter Moebius (Cluster, Harmonia). Auch mit Kubin gab es
bereits Kollaborationen. Heute abend erleben wir Tietchens seit 2002
erstmals wieder live in Hannover.
- ENTR'ACTE von René Clair, F 1924, 22 min.
mit Francis Picabia, Marcel Duchamp, Man Ray, Erik Satie
Felix Kubin begleitet René Clairs Stummfilm "Entr’acte" von 1924 live mit
einem neuen elektroakustischen Soundtrack, der sich in rhythmischen
Cut-Ups auf die surreale Choreographie, die inhaltlichen Kontraste und
schnellen Schnittfolgen des Films bezieht.
Mit seinem anarchischen Humor und seinen surrealen Bildern ist ENTR'ACTE
einer der wichtigsten Klassiker der Avantgarde und hat unzählige andere
Filmemacher beeinflusst. Clair experimentiert radikal mit
kinematographischen Effekten, provoziert mit absurden Übertreibungen, die
bisweilen blasphemische Ausmaße annehmen, und scheut auch vor
Gewalttätigkeiten nicht zurück.
Eintritt: 8 Euro - HannoverAktivPass 5 Euro
Anschließend After-Show-Party mit Felix Kubins "Parkettmikado &
Stolperdisko" (Mit KNHO-Stempel frei, sonst 3 Euro)
* * * * * * * * * * *
FR 7.9. um 20.30 h
Kino Climates Kurzfilmkompilation
Zu Gast ist Sébastien Demeffe, Lüttich
Sébastien Demeffe präsentiert ein europäisches "Open Screening" mit
Kurzfilmen aus dem Umfeld der unabhängigen Kinos.
Sébastien Demeffe, der an zwei Tagen zu Gast ist, ist Filmemacher und
Cutter und aktiv in der Lütticher Kinoinitiative "Cercle des Cinés". Er
hat das Kurzfilmprogramm 2011 beim "Star and Shadow"-Kino in Newcastle für
das zweite Kino-Climates-Treffen in Rotterdam zusammengestellt. Das Ganze
ist eine Art europäisches "Open Screening", bei dem auch Witz und
Mysterium nicht fehlen. Gesamtlänge des Programms: 91 Min.
- BEEP von Mat Fleming, GB 2004, 2 min., stumm
Altmodische Interaktivität, retro-futuristische Botschaft!
- ÉTRANGE ÉTRANGER von Jean-Philippe Dauphin, Belgien 2010, 13 min.,
O.m.engl.U.
Brüssel, der Rest der Welt und eine existentielle Frage.
- TERRORIST ABROAD von Maggie Tran & Graeme Walker, GB 2006, 7 min., OF
Oder wie man dank des Genrefilms der Langeweile bei einer Fährüberfahrt
entgeht.
- CINE RACE von Star and Shadow Cinema, GB 2009, 6 min., OF
Entdecken Sie diesen magischen Kino-Ort und die Superhelden, die ihn
betreibenden.
- BIRMINGHAM ORNAMENT (Fragmente) von Yuri Leiderman & Andrey Silvestrov,
Russland 2010, 8 min., O.m.engl.U.
Mehrere Stücke eines absurden "Work in Progress", das vom ätzenden
zeitgenössischen russischen Humor zeugt.
- BEIJING DOUBLE HAPPINESS von Cristina Nisticò & Sergio Ponzio, Italien
2010, 13 min., ohne Dialoge
Der förmliche Ausdruck eines zweigesichtigen Janus im exotischen China.
- LÈVE LE PIED (Lift Up the Foot) von Quentin Papapietro, Frankreich 2009,
15 min., O.m.engl.U.
Ernest-Antoine und Emile-Louis begeben sich auf einen seltsamen Felsen, um
dort vehement über ihre Zukunft und das Außenseitertum zu plaudern.
- WOMEN OF THE WORLD von Ane Lan, Norwegen 2008, 8 min., O.m.engl.U.
Ein Mann, Frauen, eine feststehende Kamera und ein Lied, das einem nicht
mehr aus dem Kopf geht.
- SUN, MOON, STARS, RAIN von Leslie Supnet, Kanada 2011, 4 min.
Eine farbige Reise durch den Kosmos.
- I WAS BORN IN A WORLD von Chris Naka, Niederlande 2010, 7 min.,
O.m.engl.U.
Eine sechsteilige Videoanimation.
- COLLIDE-O-SCOPE von Naren Wilks, GB 2010, 4 min., ohne Dialoge
Der Einzelne und die Vielzahl in einem verspielten Kunstfilm.
- PURPLE ROWS OF CAIRO von Sarah Bouttell & Chris Bate, GB 2009, 4 min.,
ohne Dialoge
Der Musikclip zeigt ein englisches Volksfest, dazu die ausgelassene Musik
der Cox (sportifs).
Eintritt: 5 Euro - HannoverAktivPass 2 Euro
* * * * * * * * * * *
SA 8.9. 20.30 h [Kino Climates]
- RIDING ALONG
von Sébastien Demeffe, Belgien 2009, 62 min., O.m.engl.U.
Zu Gast ist der Filmemacher Sébastien Demeffe
Mit der Filmkamera per Anhalter nach Osteuropa. Freies Reisen,
unabhängiges Kino.
Mit ein paar Rollen abgelaufenem 16mm-Film, einem Mikrofon und einem
Aufnahmegerät begibt sich Sébastien Demeffe im Sommer 2006 per Anhalter in
Richtung Osteuropa. Im Verlauf der Begegnungen mit Menschen und
Landschaften sammelt er intuitiv Bilder und Töne ein. Die
Aufnahmeapparatur funktioniert wie ein Stimmungsbarometer auf diesem
unvorhersehbaren Parcours. Dabei wird Sébastien von einer Vorstellung
vorangetrieben: eine neuartige Verbindung von Bildern und Tönen zu
schaffen. Von Fahrzeug zu Fahrzeug, "on the road", erzählt der Film seine
eigene Entstehung.
Auch Hannover ist eine Station auf Sébastiens Reise. In der Voltmerstraße
in Hainholz besucht er die Film-Kollegen von Sector 16 und stärkt sich für
die weiteren Etappen seines work in progress.
Sébastien Demeffe, der an zwei Tagen zu Gast ist, ist Filmemacher und
Cutter und aktiv in der Lütticher Kinoinitiative "Cercle des Cinés".
Eintritt: 5 Euro - HannoverAktivPass 2 Euro
* * * * * * * * * * *
DO 13.9. 20.30 h
- SACHAMANTA
von Viviana Uriona, D/Arg 2012, 50 min., O.m.U.
Zu Gast ist die Filmemacherin Viviana Uriona
Campesinos und indigene Communities im Norden Argentiniens wehren sich
gegen Landraub und Entrechtung - mit Hilfe eigener Radiostationen.
Seit über 20 Jahren wehren sich die bäuerlichen und indigenen
Gemeinschaften der Region Santiago del Estero im Norden Argentiniens gegen
Landraub und Entrechtung. Wenn einem von ihnen der Boden von großen
Konzernen gestohlen wird, versammeln sie sich, um die neu errichteten
Zäune niederzureißen. Sperrt man einzelne ins Gefängnis, kommen viele und
fordern ihre Freilassung. Der Kampf der Campesinos zeigt Erfolge. Durch
ihre Beharrlichkeit sind sie zu einer Macht im Land geworden. Fünf
bäuerlichen Radiostationen ermöglichen den unzensierten Austausch von
Botschaften und Absprachen über die Weite des Landes. Die Radios schaffen
ein Gemeinschaftsgefühl und senden die Musik, die die Campesinos lieben.
Die Regisseurin Viviana Uriona war Mitte der 1990er Jahre aktiv im
Filmclub 813 in Köln, zuletzt erarbeitete sie zahlreiche Radiofeatures.
Ihr Interesse für das Radio und seine demokratische Kraft brachte sie zu
Filmarbeiten in den Norden Argentiniens.
In Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen und Radio
Flora.
Eintritt: 5 Euro - HannoverAktivPass 2 Euro
* * * * * * * * * * *
FR/SA 14. 15.9. 20.30 h
- MOONRISE KINGDOM
von Wes Anderson, USA 2012, 97 min., O.m.U.; Buch: Wes Anderson und Roman
Coppola; mit Bruce Willis, Edward Norton, Bill Murray, Tilda Swinton,
Frances McDormand, Harvey Keitel u.a.
Zwei Zwölfjährige wagen eine romantische Flucht und sehen sich von einem
schrillen Star-Ensemble verfolgt. Eine randvolle Wundertüte aus der
Phantasie von Wes Anderson.
MOONRISE KINGDOM handelt vordergründig davon, dass die frühreifen Kids Sam
und Suzy im Sommer 1965 zusammen durchbrennen. Vögel müssen fliegen, also
hauen sie aus einem Pfadfindercamp ab. Aber so einfach ist es nicht: ein
Unwetter zieht auf und eine Horde verrückter Erwachsener macht sich auf
die Suche nach ihnen. Hintergründig schimmern die familiären Neurosen
durch, die wir aus »Die Royal Tenenbaums«, »Die Tiefseetaucher« oder
»Darjeeling Limited« kennen. Mal wieder trifft eine hervorragend
ausgestattete Zivilisation auf eine geradezu magische Wildnis, der Humor
ist so subtil, dass er etwas Rührendes hat, und er wird wie gewohnt von
einem exquisiten Soundtrack getragen. (Paula Fuchs, intro)
"Ich fühle mich in künstlichen Welten wie ein Fisch im Wasser und erlebe
sie als vollkommen real. Für manche Menschen ist Künstlichkeit eine
Sperre, die den Zugang verhindert. Bei mir ist das Gegenteil der Fall.
Deshalb fühle ich mich den Filmen von Luis Buñuel so nahe: Sie nehmen
unerklärliche Wendungen und erzeugen eine Atmosphäre des Mysteriösen, die
aber völlig klar und natürlich erscheint. Ich hoffe, dass die ganz realen
Kunstwelten meiner Filme zumindest auf manche einen ähnlichen Effekt
haben." (Wes Anderson)
Eintritt: 5 Euro - HannoverAktivPass 2 Euro
* * * * * * * * * * *
DO/FR 20. 21.9. 20.30 h
RAISING RESISTANCE
von Bettina Borgfeld und David Bernet, D/CH 2011, 84 min., O.m.U.
Krieg auf den Sojafeldern. Dokumentarfilm über den Kampf der Kleinbauern
Paraguays gegen den Soja-Boom.
Raising Resistance zeigt am Beispiel Paraguays, wie großflächiger
Sojaanbau zunehmend die Existenz der einheimischen Landbewohner und Bauern
bedroht. Eindringlich schildert der Film den wachsenden Widerstand der
Campesinos gegen die Dominanz landwirtschaftlicher Großkonzerne und den
aggressiven Einsatz von Gentechnologie, der ihre Kinder erblinden und das
Vieh sterben lässt.
Die Campesinos besetzen Felder, sie demonstrieren in der Hauptstadt, sie
fordern ihr Recht. Einer ihrer Anführer lädt vor der Kamera seinen
Trommelrevolver mit Patronen: "Es herrscht Krieg." Ein Krieg, der auch für
uns geführt wird. Denn früher lebten die Campesinos auf ihrem eigenen
kleinen Stück Land in Subsistenzwirtschaft. Heute wird auf demselben Land
in riesigen Monokulturen Soja angebaut, das vor allem als Futter dient für
die Fleischerzeugung, also nur die Bedürfnisse der Konsumenten in Europa
und Asien befriedigt. Um bis zu 500 Prozent, verrät eine Einblendung, ist
der Aktienkurs jener multinationalen Konzerne gestiegen, die ihr Geschäft
mit Soja machen. In diesem globalen Markt ist auch der mittelständische
Soja-Pflanzer ein armes Schwein, wird gedrückt von Schulden und
Hypotheken, ein Opfer des Systems, das schließlich dafür sorgt, dass Soja
unter Polizeischutz ausgesät wird.
Der Film zeigt die verschiedenen Perspektiven des Soja-Konfliktes auf.
Neben den Campesinos kommen weitere Betroffene und Beteiligte zu Wort,
darunter brasilianische Soja-Großbauern, die zum Teil schon seit
Jahrzehnten in Paraguay leben, Gentechniker, Investoren/Spekulanten und
der vermeintlich linke Präsident Paraguays, Fernando Lugo.
Eintritt: 5 Euro - HannoverAktivPass 2 Euro
* * * * * * * * * * *
SA 22.9. um 20.30 h
Jack Stevenson präsentiert
Wild Shots - A Short Loose History of Underground Cinema
Von dokumentarisch zu surrealistisch, von der Performance zum Experiment -
obskure Raritäten und Klassiker des anglo-amerikanischen
Underground-Films, zusammengestellt von Jack Stevenson, Kopenhagen.
Dieses Programm aus Perlen des anglo-amerikanischen Underground-Films hat
der amerikanische Filmexperte und Filmsammler Jack Stevenson (Kopenhagen)
extra für die Kino-Climates-Kinos zusammengestellt. Es besteht aus
Klassikern (LIFE & DEATH, O’DREAMLAND und LONELY BOY) und eher obskuren,
aber ausnahmslos sehenswerten Raritäten (SIAMESE TWIN PINHEADS, HARDCORE
HOME MOVIE und MEET THE THINKING FELLERS), die für manche Überraschung,
möglicherweise sogar für Entrüstung sorgen werden. Mit der Auswahl wird
die gesamte Bandbreite filmischer Genres abgedeckt, von dokumentarisch zu
surrealistisch, von der Performance zum Experiment.
- THE LIFE AND DEATH OF 9413 – A HOLLYWOOD EXTRA
von Robert Florey and Slavko Vorkapich, USA 1928, 10 min., b/w
Berühmter surrealistischer Stummfilm, der als erster amerikanischer Film
gilt, dem man den Einfluss des deutschen Expressionismus und des
französischen Avantgarde-Kinos der Zwanziger Jahre ansieht. In der
fantastischen Satire geht es um einen Mann, der ein Hollywood-Filmstar
werden will. Man stempelt ihm eine Nummer - 9413 - auf die Stirn, und
schon kann's losgehen mit der Karriere. Trotz Anflügen von Grandeur
entpuppt er sich als Niete und muss schließlich den Hungerstod sterben. Er
kommt in den Himmel, wo ihm ein Engel die Nummer von der Stirn wischt,
wodurch er wieder ein "normaler" Mensch wird.
Slavko Vorkapich, später als Cutter für die großen Studios zu Bekanntheit
gelangt, entwarf die Kulissen im Caligari-Stil. Gregg Toland, der noch als
Kameramann von CITIZEN KANE in die Filmgeschichte eingehen sollte,
assistierte Vorkapich beim Drehen. Robert Florey (schrieb u.a. das
Drehbuch für FRANKENSTEIN) teilte sich mit Vorkapich die Regie des von
beiden gemeinsam entwickelten Stoffes. Der avantgardistische Kurzfilm
wurde unter Zuhilfenahme ausgeschnittener Miniaturen hauptsächlich in
Vorkapichs Küche gedreht und ist ein Meisterwerk der Low-Budget-Kunst.
- O DREAMLAND von Lindsay Anderson, GB 1953, 13 min., b/w
Der Film, der einen Tag auf dem Rummelplatz in Margate (England)
dokumentiert, gilt als wichtiger Beitrag zum britischen Free Cinema der
Fünfziger Jahre. Noch heute wird heiß diskutiert, welche Absichten
Anderson mit diesem Film verfolgte: Ist der Film ein liebevolles Tribut an
die Amüsierlaune der Arbeiterklasse? Oder wollte der Regisseur mit seinem
Werk die Schäbigkeit des modernen Lebens, das hauptsächlich aus
Ersatzbefriedigungen und schlechtem Essen zu bestehen scheint,
kritisieren? Das muss jeder selbst entscheiden. Auf jeden Fall ist dieser
Film ein Meilenstein des analogen Kinos - das Äquivalent zu einer alten
zerkratzten Schellack-Platte.
- LONELY BOY von Wolf König und Roman Kroiter, Kanada 1962, 27 min., b/w
In diesem Meilenstein des Cinema Verité erforschen die beiden Filmemacher
die Welt des jugendlichen Pop-Idols Paul Anka. Man sieht Anka auf der
Bühne, bei Treffen mit seinen Fans und privat. Bei seinen Auftritten
fallen die weiblichen Teenager reihenweise in Ohnmacht oder in Extase. Der
Film versucht, die respektlose Aura des Popmusik-Lebensstils einzufangen.
Seine improvisierte, spontane Machart inspirierte praktisch jeden späteren
Dokumentarfilm über Rockmusik, vor allem hinsichtlich der Weise, wie die
Filmemacher es erreichten, über scheinbar beiläufige Randepisoden zum
emotionalen Zentrum ihrer Protagonisten vorzustoßen.
- SIAMESE TWIN PINHEADS von Curt McDowell, USA 1972, 6 min., b/w
McDowell und sein Freund Mark Elinger finden ihren "inneren Idioten” lange
vor Lars von Trier. Entsetzlich, unbeschreiblich. Klar kommt zum Ausdruck,
was für eine Hölle die katholische Erziehung für den Filmemacher bedeutet
haben muss.
- HARDCORE HOME MOVIE von Greta Snider, USA 1987, 6 min.
Energiegeladenes Hochgeschwindigkeitsdokument der Punk-Szene in San
Francisco 1987. Eine wilde Mischung aus verbalen Statements, Porträts von
Punks auf Konzerten (in Weitwinkel-Optik) und Aufnahmen von einem Auftritt
der Bad Brains. Die Filmemacherin hat die frische Anarchie der Szene
perfekt eingefangen. Kurz, druckvoll und bewußt roh und asynchron
geschnitten.
- MEET THE THINKIN' FELLER von Gibbs Chapman, USA 1992, 7 min.
Porträt der legendären San Francisco Band The Thinkin' Fellers.
Bandmitglieder erscheinen in flüchtigen Vignetten, begleitet von der Musik
der Gruppe. Ohne Handlung, ohne Dialoge. Bezaubernd, poetisch, surreal und
humorvoll.
Gesamtlänge des Programms: 70 min.
Eintritt: 5 Euro - HannoverAktivPass 2 Euro
* * * * * * * * * * *
FR 28.9. 20.30 h
CATASTROIKA – PRIVATIZATION GOES PUBLIC
von Aris Chatzistefanou und Katerina Kitidi, Griechenland 2012, 87 min.,
O.m.U.
Zu Gast ist Aris Chatzistefanou.
Moderation des Filmgesprächs: Michael Klingenberg
Angriff auf die Demokratie: Der Film veranschaulicht die Folgen für
Wirtschaft und Gesellschaft, wenn Staatseigentum in großem Stil
privatisiert wird - so wie es die Troika aus EZB, EU-Kommission und IWF
von Griechenland fordert.
Der schwarmfinanzierte Dokumentarfilm CATASTROIKA ist inhaltlich wie
formal eine Fortsetzung von DEBTOCRACY, das sich mit den Ursachen der
griechischen Schuldenkrise beschäftigte. Der Guardian sprach damals vom
"bislang besten Film marxistischer Wirtschaftstheorie", andere warfen ihm
Einseitigkeit und Politpropaganda vor. Die beiden Urteile ergänzen
einander.
Catastroika erzählt vom bevorstehenden totalen Ausverkauf Griechenlands
unter dem Deckmantel unumgänglicher, Budget entlastender Privatisierung.
Der Film geht dabei ausführlich auf die deutsche Treuhandanstalt ein, die
die volkseigenen Betriebe der DDR nach marktwirtschaftlichen
Gesichtspunkten privatisieren hätte sollen. Catastroika nennt die Treuhand
einen Staat im Staat, ein bürokratisches Monster, das auf die Ausrüstung
und Infrastruktur der Nationalen Volksarmee zurückgriff, um sich als
ökonomische Besatzungsmacht zu realisieren. Mit katastrophalen
Konsequenzen. Die griechische Treuhand nennt sich »Hellenic Republic Asset
Development Fund« und präsentiert au ihrer Website griechisches
Staatseigentum, das privatisiert werden soll, vom Flughafen bis zur
Wasserversorgung.
Catastroika behandelt außerdem: die Privatisierung der Wasserversorgung in
Paris, die Bahnprivatisierung in Großbritannien und die Privatisierung
Russlands unter Jelzin. Zu Wort kommen unter anderem: Slavoj Zizek, Naomi
Klein, Luis Sepulveda, Ken Loach und Greg Palast.
In Zusammenarbeit mit der Rosa-Luxemburg-Stiftung Niedersachsen.
Eintritt frei – Spenden erwünscht
* * * * * * * * * * *
SA 29.9. 20.30 h
Vollmondkurzfilme:
Ikiliikkuja - Filme von Thomas Bartels
Thomas Bartels ist anwesend.
Der Braunschweiger Künstler und Filmemacher Thomas Bartels führt uns mit
seinem Programm auf eine seltsame Reise, erzählt in der Sprache der Träume.
Die Reise beginnt in den Ateliers indischer Filmplakatmaler, führt über
orientalische Märkte, durch ein mechanisches Universum, in dem Maschinen
menschliche Schatten endlos wiederholen, und endet mit einer Bootsfahrt
ins Licht des Filmprojektors. Einen maßgeblichen Anteil ihrer Qualität
erhalten diese Kurzfilme nicht zuletzt durch den kongenialen Filmton des
Musikers Wolfgang von der Wiesche.
- THE DAY SLOWS DOWN AS IT PROGRESSES, D 2000, 14 min.
"The Day Slows Down As It Progresses" ist ein Kaleidoskop malerischer
Aufnahmen aus Indien und handelt vom Bildermachen. Eine Frau sitzt auf der
Schwelle ihres Hauses und läßt feines Pulver aus der Hand rinnen,
allmählich entsteht ein farbiges Ornament. In einem Atelier in Bombay
werden riesige Kino-Transparente gemalt. Vor dem Gerichtsgebäude in Baroda
nimmt ein Fotograf Paßbilder auf und entwickelt sie direkt in der
hölzernen Kamera. Den handwerklichen Prozessen in den Bildern entspricht
die Herstellungsweise des gesamten Films. Die ursprünglichen Aufnahmen,
die Thomas Bartels in Indien auf 16mm drehte, wurden Bild für Bild am 35mm
Tricktisch ein weiteres mal abgefilmt und dabei manipuliert. Auf ähnliche
Weise, jedoch mit digitalem Werkzeug, hat Wolfgang in der Wiesche die
Tonspur gestaltet.
- ATLIKARINCA, D 2003, 17 min.
Der Film ist ein Gedicht. Der Titel ist Türkisch, weil viele Bilder aus
Istanbul stammen. Auf Deutsch heißt er "Karussell". Die Bilder drehen
sich. Es sind Filmschleifen und Fotopanoramen, handkoloriert oder farbig
gefiltert. Auch die Musik dreht sich im Kreis. Diejenige, die von Mercan
Dede stammt, ist beeinflusst von Rhythmen der tanzenden Derwische.
Wolfgang in der Wiesche hat daraus, aus Originaltönen und eigenen Loops
eine Tonspur gestaltet, die dem Collagecharakter der Bilder entspricht.
- IKILIIKKUJA – PERPETUUM MOBILE, D 2005, 5 min.
Zwei Männer, eine Flasche, Schwarz und Weiß, Yin und Yang. Was für den
einen leer, ist für den anderen voll. Von Markku Peltola, dem
Hauptdarsteller aus Aki Kaurismäkis Film "Der Mann ohne Vergangenheit",
stammt die ebenfalls sehr reduzierte Musik.
- MICHANEVOMAI – ICH ERSINNE EINE LIST, D 2004, 10 min.
Ein Uhrwerk wird aufgezogen und eine Reise durch das mechanische Universum
des Künstlers und Filmemachers Thomas Bartels beginnt. Kinetische
Skulpturen träumen Menschenbilder. Männer und Frauen umkreisen einander
als blaue Schatten in endlosen Schleifen. Doch wenn sie schließlich im
Kuss verschmelzen, ist das ein Traum: Ein Happy End, kitschig wie Kino.
- HAUT DER DINGE, D 2009, 6 min.
Der außerordentlich künstlerische Animationsfilm ist eine kompakte
Erzählung von der Schönheit der Dinge und ein Lob des Handwerks - zu dem
auch das Filmemachen gehört. Unterschiedliche Eindrücke werden durch
raffinierte Kombinationen und geschickte Wiederholungen mit
Stummfilmelementen und moderner Tricktechnik zu einer Art filmischem
Tagebuch zusammengesetzt.
FRAGILE ESQUIF, D 2011, 15 min.
In endlos weißer Leere schwebt das Gerippe eines Bootes. Ein Mann sitzt
darin. Er paddelt durch dies lichte Meer. Er hält Ausschau. Er zeichnet.
Er dreht sich im Kreis. Er angelt im Nichts. Eine Flaschenpost taucht auf.
Eintritt: 5 Euro - HannoverAktivPass 2 Euro
Kino im Sprengel
Kino: Klaus-Müller-Kilian-Weg 1 (zuvor: Schaufelder Straße 33)
Büro: Klaus-Müller-Kilian-Weg 2 (zuvor: Schaufelder Straße 30)
30167 Hannover
Tel.: 49 (0)511 / 703814
Fax: 49 (0)511 / 703841
E-Mail:
in...@kino-im-sprengel.de
http://www.kino-im-sprengel.de
---------------------
Erstellt mit Operas revolutionärem E-Mail-Modul:
http://www.opera.com/mail/