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Ombudsmann, Schlichter oder auch Bürgeranwalt - die Bezeichnungen für Wolfgang Diedrich sind zwar verschieden, sie laufen im Grunde aber alle auf das gleiche Ziel hinaus. Anwohner des künftigen Großflughafens BBI in Schönefeld können sich mit ihren Sorgen und Nöten an den 63-jährigen Rheinländer Wolfgang Diedrich wenden. Der Ombudsmann, so sein korrekter Titel, bemüht sich dann zwischen den Interessen von betroffenen Anwohnern und Flughafengesellschaft zu vermitteln. Thomas Rautenberg hat den Schlichter bei seiner Arbeit begleitet.
Aus seinem Dienstzimmer im 2. Stock des Schönefelder Rathauses hat Wolfgang Diedrich einen freien Blick auf das Flughafengelände. In der Ferne ist das Blinklicht des Towers zu sehen. Eine Passagiermaschine startet gerade Richtung Westen.
Diedrichs Büro ist ziemlich spartanisch eingerichtet. Ein Schreibtisch, ein Aktenschrank, auf dem Regal steht ein Plastikmodell vom Airbus A 320, dazu eine Karte vom künftigen Großflughafen an der Wand. Das einzig persönliche im Raum ist Diedrichs Rollkoffer, der ihn auf seinen wöchentlichen Zwei-Tages-Reisen aus dem rheinländischen Ratingen ins brandenburgische Schönefeld begleitet. Seit Januar 2010 arbeitet Wolfgang Diedrich im Auftrag des Landkreises Dahme-Spreewald als Ombudsmann für die Flughafenanwohner, gerade erst hat er seinen Vertrag um ein Jahr verlängert.
Wolfgang Diedrich: "Ich bin also freier Mitarbeiter des Landeskreises Dahme-Spreewald, damit auch nicht der Eindruck entsteht, ich wäre der Mensch 'wessen Brot ich esse, dessen Lied ich sing'. Ich bin schon sehr unabhängig in meinen Möglichkeiten und das steht auch so in meinem Vertrag drin. Ich bin kein weisungsgebundener Mensch, sondern ich kann so agieren wie ich möchte und habe dann eben auch die Möglichkeit mit den zuständigen Fachleuten beim Flughafen, bis zur Spitze hin, entsprechende Gespräche zu führen."
Wolfgang Diedrich ist bundesweit der erste und einzige Ombudsmann, der bei Konflikten rund um ein Flughafenprojekt vermittelt. Zuvor war er 10 Jahre lang Bürgermeister von Ratingen und Chef der Düsseldorfer Fluglärmkommission. Dabei war ihm aufgefallen, dass sich zwar viele Experten um Flugrouten und Fluglärm kümmerten, für die konkreten Sorgen der Anwohner jedoch kaum einer ein offenes Ohr hatte. Wolfgang Diedrich erfand also den Flughafen-Ombudsmann und ist - Jahre später - in dieser Funktion nach Schönefeld gerufen worden.
Wolfgang Diedrich: "Die Berliner und die Rheinländer haben eigentlich immer eine gute Verbindung gehabt. Man versteht sich ganz gut. Und ich habe den Eindruck, es ist ganz gut, dass jemand mal von draußen kommt, der erstens Erfahrungen hat auf diesem Sektor und der zum anderen in diesem ganzen Spiel noch keine Rolle gespielt hat."
Welches Spiel Wolfgang Diedrich meint, wird schon in den nächsten Minuten deutlich. Brigitta und Herbert Faust aus Glasow bei Blankenfelde-Mahlow bitten um die Hilfe des Ombudsmannes. Das Rentnerehepaar legt einen dicken Aktenordner auf den Tisch. Es geht um Lärmschutzmaßnahmen für ihr Haus, die eigentlich von der Flughafengesellschaft bezahlt werden müssten. Dem Ombudsmann reicht ein Blick in die Unterlagen, um die Situation abzuschätzen.
Wolfgang Diedrich beim Durchblättern der Akten: "Das ist denn die Straße Kienitzberg 2, die nach der entsprechenden Broschüre des Flughafens in allen drei Zonen liegt, die zumindest Anspruchsgrundlagen haben."
Das Haus der Familie Faust steht nur etwa 120 Meter vom Ende der neuen Süd-Startbahn entfernt. Da braucht man kein sonderliches Fachwissen, um den Anspruch auf Lärmschutzmaßnahmen für die Nacht, für den Tag und sogar für den Außenbereich des Wohnhauses zu erkennen. Das Ingenieurbüro, das im Auftrag der Flughafengesellschaft den Anspruch der Familie Faust überprüfen sollte, kommt in seinem Gutachten allerdings zu einem ganz anderen Ergebnis.
Wolfgang Diedrich: "Und hier, in dieser Vereinbarung, steht überall 'Nein' bei diesen Dingen und das ist schon sehr merkwürdig."
Merkwürdig? Brigitta und Herbert Faust glauben viel eher, dass man sie über den Tisch ziehen will. An wen sie sich mit ihren Sorgen in der Vergangenheit auch wandten, keiner fühlte sich für die Anliegen der Familie Faust verantwortlich. Zum Ombudsmann fassen sie langsam Vertrauen, sie hoffen, dass Wolfgang Diedrich ihnen im Kampf David gegen Goliath wirklich helfen kann. Zumindest hört er zu, als Herbert Faust weitere Ungereimtheiten am vorliegenden Baugutachten auflistet.
Herbert Faust: "25 Zentimeter Vollziegel – das stimmt nicht!"
Wolfgang Diedrich: "Das stimmt nicht? Das Ingenieurbüro hat das aber so aufgenommen, ja? Die haben sich das auch genau angeschaut, ja?"
Herbert Faust: "Also der gute Mann muss sich einmal in der Mitte hingestellt und sich dann gedreht haben und danach sein Gutachten gemacht haben. Andres kann ich mir das nicht vorstellen."
Wolfgang Diedrich: "Dafür sind wir ja jetzt da, um dieser Sache auf den Grund zu gehen."
Und Ombudsmann Diedrich wird der Sache auf den Grund gehen - Schritt für Schritt, wie er Familie Faust verspricht: "Sie haben einige Dinge entdeckt, die fehlerhaft sind und legen deshalb offiziell Widerspruch ein. Der Widerspruch muss drin sein! Und Sie erwarten dann einen Besuch von einem Fachmann, der sich dann auch die baufachlichen Dinge genauer ansieht. Und dann schicken Sie mir eine Kopie und dann kann ich da auch noch einmal nachhaken, verstehen Sie? Aber Sie müssen erst einmal die Sache am besten an das Ingenieurbüro oder auch an den Flughafen direkt schicken. Also, die müssen sich in jedem Fall damit beschäftigen."
Herbert Faust: "Gut!"
Wolfgang Diedrich: "Soweit erstmal das erste Ergebnis."
Herbert Faust (zweifelnd): "Erstes Ergebnis…"
Wirklich überzeugt sehen Brigitta und Herbert Faust nicht aus. Zuviel wurde ihnen schon versprochen, zu oft sind sie enttäuscht worden. Herbert kramt den so genannten Leitfaden für Beschwerdenführer aus seinen Unterlagen - eine Liste mit 17 unterschiedlichen Adressen.
Herbert Faust: "Diese 17 Stellen, die die hier angegeben haben, die halte ich nicht mehr durch!"
Wolfgang Diedrich: "Das ist auch nicht der Sinn der Sache, dafür gibt es ja den Ombudsmann."
Bei Herbert Faust liegen die Nerven blank, so sehr sich Wolfgang Diedrich auch bemüht.
Er bricht in Tränen aus: "Wir haben die Schnauze voll! Als wir damals gesagt haben, Leute da kommt was uns zu, da hieß es nur, eh, wir wollen in den Urlaub fliegen und nun macht mal nicht so ein Theater, habt euch nicht so beschissen! So etwas haben wir gehört in Lichtenrade und so."
Brigitta Faust: "Damals hätte man etwas erreichen können! Komm, ist gut …"
Die Stimmung im Büro von Wolfgang Diedrich bleibt gedrückt, auch lange nachdem Familie Faust wieder gegangen ist. 400 Betroffenen hat der Ombudsmann im vergangenen Jahr versucht zu helfen.
Wolfgang Diedrich: "Im Wesentlichen sind es schon Schallschutz und Lärmfragen, natürlich auch Flugroutenabweichungen, die an mich heran getragen werden. Dann wenden sich Leute an mich, die wissen wollen, ob sie da bauen können oder was sie in der Gegend erwartet. Diese Anfragen kommen zum Teil aus dem gesamten Bundesgebiet."
Und die Probleme werden noch größer werden, je näher die Eröffnung des Großflughafens rückt. Von 25.000 potenziell Lämschutzberechtigten hat nämlich erst die Hälfte überhaupt Ansprüche angemeldet. Und wirklich abgearbeitet sind bislang nur Eintausend Anträge. Das dicke Ende kommt also noch, fürchtet Ombudsmann Diedrich.
Wolfgang Diedrich: "Der Flughafen wird der drittgrößte in Deutschland werden mit 22, 23 Millionen Passagieren am Start. Viele hier wissen noch nicht, was auf sie zu kommt."
Stand vom 04.02.2011
Dieser Beitrag gibt den Sachstand vom 04.02.2011 wieder. Neuere Entwicklungen sind in diesem Beitrag nicht berücksichtigt.
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