da ich heute mal wieder meinen 'politischen' habe, moechte ich euch
kuerzlich gefundene Filmbesprechungen nicht vorenthalten. Es handelt
sich dabei wirklich um zwei "Filme der besonderen Art":
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Mutter Krausens Fahrt ins Glueck D: 1929
Re: Piel Jutzi; DB: Dr. Willi Doell, Johannes (Jan) Fethke und das
Prometheus-Kollektiv; Ka: Piel Jutzi; Fa: Robert Scharfenberg,
Karl Haacker; Mu: Paul Dessau; Protektorat: Prof. Kaethe Kollwitz,
Prof. Hans Baluschek, Otto Nagel; Da: Alexandra Schmidt, Holmes
Zimmermann, Ilse Trautschold, Gerhard Bienert, Vera Sacharowa, Fee
Wachsmuth, Friedrich Gnass
Pr: Prometheus Film-Verleih und Vertiebs GmbH (1929)
Pm: 30. 12. 1929
Im Berliner Wedding, einem Arbeiterbezirk, lebt Mutter Krause zu-
sammen mit ihrer Tochter Erna, dem Sohn Paul sowie dem Schlafbur-
schen, dessen Geliebte und deren Kind in einer engen Hinterhof-
wohnung. Die Arbeiterwitwe verdient sich ein paar Groschen durch
das Austragen von Zeitungen. Der arbeitslose Paul sucht vergeblich
Arbeit zu bekommen und versetzt seine letzten Habseligkeiten in
der Kneipe. Seine Schwester Erna lernt auf dem Rummelplatz den Ar-
beiter Max kennen, der sie mit sozialistischen Ideen vertraut
macht. In der Kneipe hat Paul inzwischen das gesamte Geld, das
Mutter Krause von den Zeitungsabonnenten zu kassieren hatte, ver-
trunken. Die verzweifelte Frau muss deshalb ihre letzten Wertgegen-
staende. eine alte Brosche und eine Taschenuhr, in der Pfandleihe
versetzen. Doch das Geld reicht nicht aus, um die Summe zu er-
setzen. Da versucht der Schlafbursche zu >>helfen<<: Er redet Erna
zu, einem feisten Spiesser zu Willen zu sein. Doch in letzter Mi-
nute entkommt das Maedchen der demuetigenden Situation. Sie schliesst
sich Max an, der an einer Demonstration fuer menschenwuerdigere Le-
bensbedingungen teilnimmt. Waehrend dieser Zeit hat der Schlafbur-
sche Paul dazu ueberredet, im Leihhaus einzubrechen, doch der Ein-
bruch misslingt, Paul wird verhaftet. Mutter Krause sieht keinen
anderen Ausweg, als zusammen mit der kleinen Tochter des Strassen-
maedchens und ihrem Kanarienvogel >>ins Glueck zu fahren<<. Als Erna
und Max am naechsten Morgen zu Mutter Krause kommen, finden sie die
Frau und das Kind nur noch tot. Die letzten Bilder des Filmes zei-
gen Ernas Beine, die in einer Demonstration Schritt fassen.
>>Zille-Filme<< waren im Deutschland der zwanziger Jahre Mode. Mit
ihnen versuchte die buergerliche Filmproduktion, aus dem Elend von
Tausenden, aus dem Hinterhof- und Kaschemmenmilieu Profit zu zie-
hen und ein kleinbuergerliches Publikum zu amuesieren. Auf Initia-
tive von Otto Nagel und unter dem Protektorat der Maler Kaethe
Kollwitz und Hans Baluschek drehte die Prometheus-Filmgesellschaft
1929 einen >>echten<< Zille-Film, einen Film, der voller Verstaendnis
fuer die Probleme der Menschen des Berliner Wedding realisiert
wurde. Hier wurde nicht Hinterhof-Romantik gesucht, nicht die Be-
schreibung deprimierender Tristesse, hier geriet das tatsaechliche
Elend ins Bild. Und der Film deutet klar an, wo einAusweg aus
diesem Elend zu finden ist. Hier wird der >>rote Wedding<< gezeigt.
Die Strasse ist hier erstmals in einem deutschen Spielfilm der Ort
des Protestes gegen menschenunwuerdige Lebensbedingungen. >>Mutter
Krausens Fahrt ins Glueck<< ist ein Hoehepunkt des Proletarisch-
revolutionaeren deutschen Spielfilms. Auf ihm erst konnte ein Werk
wie >>Kuhle Wampe<< (1932) aufbauen.
Piel Jutzis Film war trotz aller Zustimmung (durch die Filmkritik
wie auch durch das Publikum) zu seiner Zeit nicht unumstritten.
Man warf dem Film die melodramatischen Elemente der Geschichte
vor, glaubte Larmoyanz entdecken zu koennen. Doch gerade diese
Geschichte mit Figuren, in denen sich viele Zuschauer wiederfinden
konnten, machte den Erfolg des Films beim breiten Kinopublikum
aus. Die einzelnen Mitglieder dieser Familie schlagen verschiedene
Wege ein, um dem Elend zu entkommen. Mit unuebersehbarer Konsequenz
aber wird deutlich, dass nur einWeg Aussicht auf wirklichen Erfolg
hat.
Der Wedding ist hier nicht einfach Hintergrund der Geschichte; er
ist wichtiges Element der gesamten Struktur des Filmes. Sehr
eindrucksvoll auch die deutlich am Dokumentarfilm orientierte
Bildsprache. Das Spiel aller Darsteller ueberzeugte, und obwohl
Jutzi fast ausnahmslos mit filmunerfahrenen jungen Schauspielern
und mit Laien arbeitete, stimmt jeder Ton, jede Geste. Huer wird
am Ende der Stummfilmperiode ein Realismus erreicht, der zu seiner
Zeit alles andere als alltaeglich war.
Bereits vor der Premiere durch Zensurauflagen behindert, war
>>Mutter Krausens Fahrt ins Glueck<< einer der ersten Filme, den die
Faschisten nach ihrer Machtergreifung sofort verboten.
(Michael Hanisch)
Kuhle Wampe oder Wem gehoert die Welt D: 1932
Re: Slatan Dudow; Db: Bertolt Brecht, Ernst Ottwalt; Ka: Guenther
Krampf; Fa: Robert Scharfenberg, Carl P. Haacker; Mu: Hanns
Eisler; Da: Hertha Thiele, Ernst Busch, Martha Wolter, Adolf
Fischer, Lilli Schoenborn, Max Sablotzki, Alfred Schaefer, Gerhard
Bienert, Arbeitersportler, Agitprogruppe >>Das rote Sprachrohr<<,
Saengervereinigung Norden, Arbeitersaenger Gross-Berlin
Pr: Prometheus-Film / nach deren Liquidation von der Praesens-Film
fertiggestellt (1931/1932)
Pm: 30.5.1932 (Mitte Mai 19323 Vorurauffuehrung in Moskau)
Be: Der Film wurde von der Filmpruefstelle Berlin am 31.3.1932
verboten. Die durch eine Beschwerde aufgerufene Filmoberpruefstelle
bestaetigte das Verbot am 9.4.1932. Nach massiven oeffentlichen
Protesten und der Entfernung einiger beanstandeter Stellen wurde
der Film in der drittenZensurpruefung am 21.4.1932 freigegeben.
Verbot durch die faschistische Filmpruefstelle am 26.3.1933
Nach dem Zwischentitel >>Ein Arbeitsloser weniger<< leiten Montagen
den Film ein: Zu einer raschen, scharfen Musik Bilder von Berlin:
Fabriken, Mietskasernen und Hinterhoefe, Zeitungen, die die kata-
strophal steigende Arbeitslosigkeit melden. Dann Arbeiter auf
Fahrraedern, vergeblich nach Arbeit jagend. Einer von ihnen, der
junge Boenike, wird zu Hause von gleichfalls arbeitslosen Vater als
untuechtig beschimpft, waehrend Anni, die Schwester, den wirklichen
Grund nennt: >>Es gibt keine Arbeit.<< Danach, allein, nimmt der
Junge die Armbanduhr ab und stuerzt sich aus dem Fenster.
Zwischentitel: >>Das schoenste Leben eines jungen Menschen<<
Ein Richter liest das Urteil vor: Die Familie Boenike muss wegen
Mietschulden die Wohnung raeumen. Sie ziehen zu Annis Freund Fritz
in die Zeltkolonie Kuhle Wampe. Bilder einer kleinen heilen Welt.
Waehrend die Mutter im Haushaltungsbuch die Ausgaben aufschreibt,
liest der Vater einen Kolportageartikel ueber die mondaene Nackttaen-
zerin Matra Hari vor.
Anni wird schwanger. Sie hat weder Geld fuer das Kind, das sie
moechte, noch fuer eine Abtreibung. Fritz entschliesst sich zur Ver-
lobung. Die Feier wird zumBesaeufnis der Gaeste. Da Fritz die Verlo-
bung nicht recht ist, verlaesst ihn Anni, zusammen mit ihrer Freun-
din Gerda.
Zwischentitel: >>Wem gehoert die Welt?<<
Junge Arbeitersportler bereiten ein proletarisches Sportfest vor.
Gerda sagt ihrem Freund Kurt, sie haetten Anni etwas Geld gegeben,
und jetzt sei >>alles in Ordnung<<. Fritz kommt, um Anni zu suchen.
Zum Solidaritaetslied Aufzug und Wettkaempfe der Arbeitersportler.
Motorradrennen, Ruderregatta, Siegerehrung. Auftritt der Agitprop-
gruppe >>Das rote Sprachrohr<<. Verkauf von Zeitschriften. Anni und
Fritz unter den Sportlern. Eine Zeitungsmeldung ueber Kaffee, der
in Brasilien verbrannt wurde, zuendet eine heftige politische Dis-
kussion zwischen konservativen Buergern und den jungen Arbeitern,
die die Welt veraendern wollen.
Indem die Zensoreen Kuhle Wampe als eine >>Mischung aus Spielfilm,
Propagandafilm und Reportage<< beschrieben, umrissen sie seine Art
des filmischen Abbildens und Gestaltens, die das Individuelle mit
dem Dokumentarischen verbindet und aus dem Konkreten eine
kommentierende Verallgemeinerung ableitet. Die revolutionaere,
Materialistische Aesthetik, an deren vorderster Front Sergej
Eisenstein, Bertolt Brecht, Hans Eisler, Sergej Tretjakow und
Walter Benjamin standen, kam in den deutschen Film.
Die Darstellung der elenden Lebensbedingungen des Proletariats,
die der Film in den Katastrophenjahren der Weltwirtschaftskrise
zeigt, ist nicht seineigentliches Ziel. Die Wirklichkeit wie sie
ist, wird in den Eingangssequenzen praezise fixiert, grundsaetzlich
in den Montagen, individuell in der Selbstmordpassage des jungen
Arbeitslosen. Aber von hier - dem Endpunkt der meisten
sozialkritischen Filme zuvor - hebt der Film ab zu einer
kritischen Zeichnung kleinbuergerlicher Lebensweisen, um dann
inseinem dritten Komplex ein revolutionaeres Gegenbild zu schaffen.
Das proletarische Sportfest ist einerseits ein direktes Abbild
eines selbstbewussten Verhaltens, das der buergerlichen Gesellschaft
kontrastiert, und ist andererseits die Verschluesselung fuer eine
revolutionaere Aktion. Und dennoch hatte es der Film schwer, durch
die Zensur zu kommen, die besser als damals die Kritiker im
Zusammenwirken der getrennten, sich gegenseitig aufladenden Szenen
und Montagen die Brisanz des Films erkannte: >>Die ganze
Darstellung des Filmes ist gefaehrlich.<<
Mit Kuhle Wampe erreichte der proletarische Film in Deutschland
seinen Hoehepunkt. Das Werk eines Kollektivs, das eine genaue
Trennung der Verantwortlichkeiten nicht zuliess. Brecht arbeitete
bei der Regie mit, Dudow am Drehbuch.
Brecht schrieb: "Selbstverstaendlich kostete uns die Organisierung
der Arbeit weit mehr Muehe als die (kuenstlerische) Arbeit selber,
dass heisst, wir kamen immer mehr dazu, die Organisation fuer einen
wesentlichen Teilder kuenstlerischen Arbeit zu halten. Es war das
nur moeglich weil die Arbeit als ganze ein epolitische war."
(Wolfgang Gersch)
Und? Sind diese Filme nur mir bekannt? Ich hoffe doch sehr, dass dem
nicht so ist.
meinjanur: R.
... Die Hauptbeschaeftigung von Cineasten? Lesen ...
Also sprach Hans, und zwar am 10.08.96
zum Thema Besondere Filme:
HE>Mutter Krausens Fahrt ins Glueck D: 1929
HE>Und? Sind diese Filme nur mir bekannt? Ich hoffe doch sehr, dass
HE>dem nicht so ist.
Sowas hab ich mich auch schon mal gefragt. Doch, Mutter Krause kenn ich,
auch wenn's schon wieder ne Weile her ist. Muss die Aufnahme wohl mal
wieder hervorkramen. Danke fuer den Tip!
Ciao, e-mail: al...@chephren.stoeni.de
Alexa fido: 2:2480/895.16 mama: 50:50/50.16