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Kelly-Stern-Artikel

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Joerg Bartz

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Dec 19, 1996, 3:00:00 AM12/19/96
to

Sie singen von der schũnen Welt - doch ihre eigene ist kaputt. Sie spielen
die heile Kelly Family - und werden in Wahrheit von ihrem Vater schikaniert
und kontrolliert. Mit seinen neun Kindern verdient Dan Kelly Millionen und
beherrscht den deutschen Pop-Markt


Von Jochen Siemens und Thomas Tuma

Ganz hinten in Kũln, am linken Rheinhafen in Mnlheim, sieht es nachts
manchmal nach Krieg aus. Grelle Strahler werfen wei#es Licht auf eine drei
Meter hohe Mauer. Ein Container ist zum Wachturm umgebaut worden. Gestalten,
die in grnnen Bomberjacken aussehen wie Sũldner, suchen das GelSnde mit
FernglSsern ab, andere kontrollieren das schwere Eisentor. Ab und zu streift
ein gelber Lichtkegel nber das Wasser und die HSuserwSnde. Hier, das sieht
jeder, gibt es etwas zu verteidigen. Nur, was?

Vor dem Eisentor kauern tags und manchmal auch nachts Teenager mit ratlosen
Gesichtern. Sie wollen nichts, blo# gucken. Einige haben am Arm eine
Billigkamera baumeln, aber wenn sie abdrncken, kommen gelegentlich die
Sũldner und drohen, die Filme aus dem Apparat zu holen.

Hier am Kũlner Auenweg geht's zu wie einst an der Zonengrenze. Hier werden
Autonummern notiert, fiepen FunkgerSte. Hier packen LeibwSchter, ausgeliehen
von der Bonner Schutzfirma "Special Security Services", zu, wenn jemand nicht
spurt. Hier lebt die Kelly Family.

Manchmal, an stillen Sonntagnachmittagen, kann man vom Wasser her Gebrnll
hũren, das nber das Hafenbecken weht. Gebrnll vom Schiff, der eigentlichen
Kelly-Festung. "Sean O'Kelley" hei#t das 14-Kabinen-Binnenschiff, Baujahr
1929. Manchmal tobt und fuchtelt hinter den Fenstern der verglasten Kajnte
ein alter Mann. Seine schulterlangen Haare sind wei# und wirr, sein Gesicht
ist zornig und die Stimme heiser, oft nberschlSgt sie sich, wenn sie deutsch
und englisch brnllt.

Daniel Jerome Kelly, 65, ist Oberhaupt, Erfinder und Diktator der Kelly
Family, einer neunkũpfigen Geschwisterriege im Alter von 14 bis 33 Jahren,
die mit Landvolk-Rock und langen rotblonden Haaren zu den erfolgreichsten
Unternehmen der deutschen Pop-Industrie gehũrt.

Die Botschaft ist Harmlosigkeit, ihre Konzerte verstrũmen die religiũse
Inbrunst amerikanischer Erweckungsprediger. Die plnnnige WSrme und das
handgestrickte Charisma der Kellys erscheinen wie ein Gegenentwurf zu einer
Gesellschaft von Einzelkindern, Scheidungsopfern und Zweizimmerwohnungen. Sie
beenden das Rennen um die besten Pullis und Jacken bei Hennes & Mauritz und
verlegen die Kleidersuche auf den Flohmarkt. Sie sind das Antiprogramm zum
Supermodel und zur Leistungsschau junger Busen und langer Beine. Sie sind der
Triumph der Normalen. "Wenn einem das Bild einer gro#en heilen Familie
vorgefnhrt wird, die mit einfachen GesSngen und schlichten Kleidern auftritt,
ist man schnell zu TrSnen gernhrt", sagt die Psychologin Eva Jaeggi. Gro# mag
die Kelly Family sein - aber heil ist sie nicht.

Es ist 17 Jahre her, als Andreas Thiesmeyer, damals Produktmanager der
Plattenfirma Polydor, in der Nnrnberger Fu#gSngerzone auf eine neue Variante
von Kinderarbeit stie#: Ein kleiner Junge mit engelsgleichem Gesicht sang,
ein MSdchen neben ihm spielte Geige. "Die Zuhũrer hatten TrSnen in den
Augen", erinnert sich Thiesmeyer. Und an einen Plastikbeutel voller
Geldscheine, den das MSdchen festhielt.

Der Platten-Mann witterte GeschSfte und fuhr nach Bad Cannstatt, wo Papa Dan
Kelly in zwei Doppeldeckerbussen hauste und herrschte. Von hier aus schickte
er seine Kinder in kleinen Gruppen in die Fu#gSngerzonen der Gro#stSdte zum
Geldverdienen. Die Singerei florierte - erst recht, als Thiesmeyer ihnen den
ersten gro#en Plattenvertrag beschaffte.

Es folgten erste Fernsehauftritte, erste Hits ("David's Song") - und erste
Eklats. Nach einem Auftritt bei Vico Torriani hinterlie# die
Camping-gestShlte Clique ihr Saarbrncker Hotelzimmer in desolatem Zustand:
Die WSnde waren verschmiert, das gesamte Mobiliar neu arrangiert. Diese
"Natnrlichkeit" fand Eric Emmanuele, damals Choreograph der Truppe, noch
"erfrischend". Weniger schũn seien die "stSndigen Schreiorgien" von Dan Kelly
gewesen, wenn er seine Kinder niederbrnllte.

Die Bitten der Plattenfirma, doch einen Privatlehrer zu engagieren, habe
Kelly, frnher selbst Lehrer in den USA, tobend abgewehrt. "Die Kinder sind,
solange er lebt, sein Eigentum", glaubt Thiesmeyer. "Das ist fast wie in
einer Sekte." Und wo sollten die Qualverwandten denn auch hin - ohne
Schulabschlu# und ohne die schntzende Hand des mSchtigen Vaters?

Vor einem Monat untersuchte die Kũlner Bezirksregierung, ob Angelo, der
jnngste Kelly-Star, nicht schulpflichtig sei. "Angesichts der vũllig
unmũglichen Situation" gaben die Beamten schnell auf: Der 14jShrige habe ja
"noch keine Schule von innen gesehen", befand Heinz Rudolf Kracht von der
Bezirksregierung. RegierungsprSsident Franz-Josef Antwerpes will die Sache
nochmals prnfen lassen.

"Die Kids fnhren ein verdammtes Hundeleben", sagt ein ehemaliger Mitarbeiter.
Doch Ausbrechen bringt nichts. 1991 brannten bei Jimmy die Sicherungen durch.
Er floh nach Irland, schlug sich vier Wochen als Stra#enmusikant durch - und
kehrte schlie#lich wieder in den Scho# der Familie zurnck. Als Solisten seien
die Kelly-Kinder "kaum nberlebensfShig", sagt der frnhere Polydor-Produzent
Jnrgen Kramer, der die Familie eine Zeitlang begleitete.

Dan Kelly treibe "nur die Geldgier", sagt Thiesmeyer. Die ging so weit, da#
die Kellys Titel wie "Guten Abend, gut' Nacht" aufnahmen und der Alte sich
als Autor des Textes auf der Plattenhnlle verewigen lie# - um auch da noch
Honorare abzurSumen. Kramer wundert sich, "da# die Gema darnber bis heute
nicht gestolpert ist". Der Tontechniker John McCarthy, der mit der Sippe neun
Monate durchs Land zog, erinnerte sich im Kũlner "Express" 1995 an
Plastiktnten voller Geldscheine, die in den Tourbussen herumgelegen haben
sollen: "Manchmal wu#te niemand, wem die gehũrten."

Die familieneigene Firma Kel-Life ist dennoch zu einem Gro#unternehmen
angewachsen, das Hunderttausende Adressen zahlungswilliger Teenies verwaltet,
die sich nicht nur fnr Konzertbesuche mobilisieren lassen. Offizielle
Kelly-Fanclubs gibt es nicht, und so geraten vertrSumte AnhSnger an private
Vereine wie "Green Island Deutschland", die den Nachwuchs fnr 40 Mark
Jahresbeitrag mit den Bezugsadressen nberteuerter Kelly-Artikel versorgen -
vom "Starwimpel" (20 Mark) bis zum "Beutel, schwarz/wei#" (50 Mark).

"Einige treiben Mi#brauch und ziehen den Fans das Geld aus der Tasche", gibt
PR-Managerin Petra Huber zu. Klar ist, da# Kel-Life den Devotionalien-Handel
so gut wie allein beherrscht. Die Firma verwaltet das gesamte
Merchandising-GeschSft vom Kalender bis zum T-Shirt, produziert heute alle
Platten und organisiert alle Tourneen. Auf Anfrage will man in der Zentrale
aber nicht mal verraten, wann das Unternehmen gegrnndet wurde: "Ich mũcht'
mich einfach nicht in irgendein FettnSpfchen setzen", raunt eine
Mitarbeiterin.

Alleiniger GeschSftsfnhrer der Kel-Life GmbH, die am 19. Oktober 1988 beim
Amtsgericht Bergisch Gladbach ins Handelsregister eingetragen wurde: Dan
Kelly. Seit einem Schlaganfall 1990 regiert er das wachsende Imperium vom
Bett seines Kũlner Hausbootes aus, das er sich zur Kommandozentrale ausbauen
lie#. Links vom Bett TV und Videorecorder, FaxgerSte und auf einem Bord
Funktelefone. Dazwischen Berge von Zeitungsschnipseln und Bncher. Ordnung und
Hygiene an Bord beschreiben Besucher ausdrncklich als "naturbelassen", andere
scherzen nber die "Smelly Family".

Von seinem Lager aus dirigiert der Alte auch ein ganzes Heer von Fans, das
bei jedem Konzert ehrenamtlich mit dicken Stapeln von Info-Karten
losgeschickt wird, auf denen die Kelly-Freunde dann laut Petra Huber ihre
"Adresse hinterlassen kũnnen, um in diese Maschinerie eingebunden zu werden".
Die Einsammler hoffen im Gegenzug, mit einem Besuch bei ihren Halbgũttern in
Schwei# belohnt zu werden. Meist vergebens, denn selbst alte Freunde wie der
Berliner SFB-Hũrfunkmann Hans-Peter Goldbeck, der den Clan seit 16 Jahren
kennt, dringen heute kaum noch zum Allerheiligsten vor. "Das Drumherum hat
sich verSndert und damit auch die Familie", sagt er. "Man kommt nicht mehr
ran."

Vater Kelly schottet seine Familie ab - vor Fans und falschen Freunden, aber
auch aus Angst vor Entfnhrern, Erpressern und kritischen Medien.
Kelly-Zentralorgan ist die "Bravo" geworden, die mit allwũchentlichen
Kelly-Exklusiv-Geschichten Auflage macht. "Bravo"-Redakteurin Wilma Schũnhoff
bestreitet jede Einflu#nahme: "Wir besprechen manche Sachen fnr die Planung
vorher, und die Kellys geben die Fotos frei. Mehr nicht." Doch der Patron
brnllt gern: "Diese Geschichten werden von uns kontrolliert." In einem Anfall
von Grũ#enwahn soll der Alte sogar geplant haben, die "Bravo"-Konkurrenz
"Popcorn" zu kaufen und deren Chefredakteur rauszuschmei#en. "Popcorn" hatte
es gewagt, den Kelly-Boom nicht gebnhrend zu feiern.

In stillen Momenten seines cholerischen Daseins vergleicht Kelly sich schon
mal mit einem Torwart: "Hinten werden die Tore der anderen verhindert, da mu#
man dichtmachen." Der Kũlner Journalist Andreas Pntz erinnert sich denn auch
nur ungern an eine Kelly-Audienz: "Immer wenn ich eines der Kinder fragte,
schrie Dan dazwischen. Jede weitere Frage war verboten, und am Ende mu#te ich
mein Tonband aushSndigen."

Interviews bricht der Alte sofort ab, wenn es ihm zu heikel wird. Fragen nach
dem Immobilienbesitz der Familie oder Steuern sind ebenso tabu wie nach den
drei Clan-Abtrnnnigen, die vom Alten allesamt totgeschwiegen werden. Der
geistig behinderte Sohn Danny, 35, lebt wie Tochter Caroline, 34, die sich
schon in den 80ern von der Familie absetzte, in den USA. Sohn Paul, 31,
arbeitet als Koch in Frankreich.

Mittlerweile hat Dan Kelly auch den quSlenden Ruf eines Klagehansels. "Die
prozessieren inzwischen ja gegen jeden", sagt eine Polydor-Mitarbeiterin. So
nberzog Kel-Life die Hamburger Plattenfirma mit Schadensersatz- und
Unterlassungsklagen, weil Polydor alte Kelly-Aufnahmen weiterverkaufte. Das
Landgericht Kũln schmetterte die Klage ab. Die Kellys sind in die Berufung
gegangen.

Per "strafbewehrter UnterlassungserklSrung" untersagten die Kelly-AnwSlte der
schwSbischen Rockgruppe "The Toys" den Verkauf einer Punk-Version des
Kelly-Hits "An Angel". Dem Mnnchner Edel-Gastronomen Michael KSfer wollten
sie eine "KSlly-Party" in dessen Prominenten-Disco P1 verbieten. Drei Tage
vor Weihnachten trennte sich die Familie von ihrer Beratungsfirma "Inkasso-
und Data-Service" (IDS). Die IDS klagte und bekam vom Landgericht Kũln
schlie#lich recht. "Wir haben die Akten geschlossen", sagt IDS-Berater
Heinrich Schaefer-Drinhausen einsilbig. Kel-Life zahlte eine Abfindung in
Hũhe von rund drei Millionen Mark.

Eine Summe, die der Alte heute aus der Teekasse bezahlen kann, denn der
Jahresumsatz der Familien-Firma liegt nach BranchenschStzungen bereits weit
nber 100 Millionen Mark. Allein die vier Kelly-Videos verkauften sich bislang
je rund 150000mal. Die letzte LP "Over The Hump" ging nber dreimillionenmal
weg.

"Die Kelly Family funktioniert nach ihren eigenen Gesetzen", sagt Helmut
Fest, GeschSftsfnhrer des Kũlner Musik-Multis Emi, dessen Firma fnr wenig
Geld den Plattenvertrieb nbernahm. Und so strickt der Clan auch an seiner
eigenen Legende, etwa im Fan-Magazin "Green Island". Kurz vor Angelos Geburt
Weihnachten 1981, so wurde dort beispielsweise vermeldet, habe eine Stimme
"aus himmlischen SphSren" zur (ein Jahr spSter an Krebs gestorbenen) Mutter
Barbara gesprochen: "Es mu# auf Erden jemanden geben, der die Menschen
verbindet und vom Ha# befreit. Dich, Barbara, habe ich dazu auserkoren, einen
Engel zu gebSren."

Von so hoch oben beseelt, plant der Clan-Chef fnr 1996 endlich die Eroberung
der restlichen Welt. Sein Berater, der Musikmanager Mike Ungefehr, sondierte
im Frnhjahr die MSrkte in Japan und den USA. Auch in China will der
Ober-Kelly ganz gro# einsteigen, selbst wenn Experten wie Chris Georgi,
GeschSftsfnhrer des Hamburger Labels Edel, warnen: "Ich glaube nicht, da# der
Erfolg nbertragbar ist." Da brnllt der Patriarch gern: "Pah, wir rollen das
Feld von hinten auf."

China wird ihm gefallen. Keine Fragen, nur Befehle.


- Copyright STERN 1996


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