Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 6. September 2011
Top-Meldungen10 Bundesländer legen Entwurf für einheitliches Landesstrafvollzugsgesetz vor
Eine Arbeitsgruppe aus Vertretern der Justizverwaltungen in Berlin, Brandenburg, Bremen, Mecklenburg-Vorpommern, Rheinland-Pfalz, Saarland, Sachsen, Sachsen-Anhalt, Schleswig-Holstein und Thüringen hat nach eineinhalbjährigen Beratungen den Entwurf für ein einheitliches Strafvollzugsgesetz in den beteiligten Ländern vorgelegt. Dies teilten die Justizministerinnen und Justizminister am 06.09.2011 in einer gemeinsamen Pressemitteilung mit. Der Entwurf sei die Basis für die weitere Gesetzgebungsarbeit. Im Hinblick auf landesspezifische Besonderheiten könne es dabei zu Anpassungen im Einzelfall kommen, die Zielrichtung sei aber einheitlich.
BGH: Fall Schreiber muss neu verhandelt werden
Der Fall des wegen Steuerhinterziehung angeklagten Karlheinz Schreiber muss vor dem Landgericht Augsburg erneut verhandelt werden. Das hat der Erste Strafsenat des Bundesgerichtshofs mit Urteil vom 06.09.2011 auf die Revision des Angeklagten (Verfahrensrüge) als auch der Staatsanwaltschaft (Sachrüge) entschieden und das landgerichtliche Urteil aufgehoben. Ein Teil der Feststellungen habe aber Bestand, so der BGH (Az.: 1 StR 633/10).
LG Hamburg: Reisebuchungsportal mit Bewertungsbereich haftet für Richtigkeit negativer Hotelbewertungen
Wer im Internet ein Reisebuchungsportal betreibt, in dem auch fremde Hotelbewertungen publiziert werden, haftet nach einer Entscheidung des Hamburger Landgerichts für die Richtigkeit der in den Bewertungen behaupteten Tatsachen. Denn im Vordergrund stehe bei einem solchen Meinungsportal nicht das uneigennützige Motiv, die Öffentlichkeit zu informieren, sondern die Attraktivität der gewerblichen Online-Angebote zu steigern (Urteil vom 01.09.2011, Az.: 327 O 607/10, nicht rechtskräftig).
Innenausschuss: Experten werben für Wahlrechtsänderung im Konsens
Im Streit um eine Neuregelung des Wahlrechts haben mehrere Sachverständige die Bundestagsfraktionen aufgerufen, sich bei der Reform auf einen Konsens zu verständigen. «Versuchen Sie sich zu einigen», mahnte etwa Professorin Ute Sacksofsky von der Goethe-Universität Frankfurt am Main am 05.09.2011 in einer Experten-Anhörung des Innenausschusses des Bundestages. Sie warb dafür, eine «überfraktionelle und nicht nur zwei Fraktionen umfassende Regelung des Wahlrechts» zu finden. Ähnlich äußerte sich Professor Friedrich Pukelsheim von der Universität Augsburg: «Egal was, aber machen Sie es gemeinsam», sagte er. Ein mangelnder Konsens bei Wahlsystemfragen entziehe «dem demokratischen Gemeinwesen die Gewissheit seiner Legitimation».
Weitere NachrichtenVG Berlin: Keine Papstwerbung auf CDU-Wahlwerbetafeln
Die Werbetafeln der CDU in Berlin-Mitte dürfen nach der Berliner Abgeordnetenhauswahl am 18.09.2011 aufgrund entgegenstehender öffentlicher Interessen nicht zur Werbung für den Besuch des Papstes in Berlin verwendet werden. Dies hat das Verwaltungsgericht Berlin mit Beschluss vom 30.08.2011 in einem Eilverfahren entschieden. Die zuständige Behörde habe zutreffend Belange des Städtebaus und Denkmalschutzes zur Versagung der Erlaubnis angeführt sowie auf gesteigerte Unfallgefahren hingewiesen (Az.: VG 1 L 285.11). Gegen die Entscheidung hat der Antragsteller bereits Beschwerde zum Oberverwaltungsgericht Berlin-Brandenburg eingereicht.
OVG Naumburg bestätigt: Silvester-Raketen sind Spielwaren
Auch gefährliche Silvester-Raketen sind Spielzeug und dürfen deshalb in Spielwarengeschäften verkauft werden. Ein entsprechendes Urteil des Landgerichts Magdeburg von Oktober 2010 (Az.: 10 O 551/10) wurde vom Oberverwaltungsgericht Naumburg bestätigt und ist nun rechtskräftig, wie Gerichtssprecher Christian Löffler am 05.06.2011 mittteilte. Zuvor hatte der Kläger, der Vermieter eines Spielwarengeschäfts, laut Gericht die Revision zum Bundesgerichtshof zurückgenommen.
VG Mainz: Kaufmännische Berufsausbildung berechtigt nicht zum Politikstudium
Zwischen der beruflichen Ausbildung zum kaufmännischen Assistenten und dem Bachelor-Studiengang Politikwissenschaft besteht kein hinreichender inhaltlicher Zusammenhang, um einem Studieninteressenten aufgrund seiner beruflichen Ausbildung vorläufig eine Hochschulzugangsberechtigung für die Aufnahme des Studiums Politikwissenschaft zuzusprechen. Das hat das Verwaltungsgericht Mainz mit jetzt veröffentlichtem Beschluss vom 17.08.2011 entschieden (Az.: 3 L 749/11.MZ).
VG Neustadt: Kioskbesitzer muss für Polizeieinsatz nach technischem Fehlalarm zahlen
Dem Betreiber einer Alarmanlage, die dieser zum Schutz seines Kiosks installiert hat, können bei einem Fehlalarm Kosten für den Polizeieinsatz auferlegt werden. Dies hat das Verwaltungsgericht Neustadt an der Weinstraße mit jetzt veröffentlichtem Urteil vom 22.08.2011 entschieden. Der Alarm ohne erkennbaren Anlass sei bei technischen Anlagen eine typische Erscheinung. Eine sachliche Rechtfertigung, der Allgemeinheit die Kosten für den Fehlalarm aufzubürden, sei nicht gegeben (Az.: 5 K 414/11.NW).
Landkreise und Städte erheben Verfassungsbeschwerde gegen Neuordnung der Jobcenter
Die mühsam ausgehandelte Neuordnung der Hartz IV-Jobcenter kommt nach Angaben der «Süddeutschen Zeitung» sehr wahrscheinlich vor das Bundesverfassungsgericht. 14 Landkreise und Städte hätten Verfassungsbeschwerde eingelegt, weil sie die Hartz IV-Empfänger nicht in Eigenregie betreuen dürfen, berichtet die Zeitung unter Berufung auf den Hauptgeschäftsführer des Deutschen Landkreistags, Hans-Günter Henneke.
«Querulantengebühr» am BVerfG: Leutheusser-Schnarrenberger skeptisch
Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) hat sich skeptisch zu einer möglichen «Querulantengebühr» für notorische Beschwerdeführer am Bundesverfassungsgericht geäußert. «Wir dürfen auf keinen Fall Regelungen schaffen, die grundlegende Hemmschwellen schaffen, um Verfassungsbeschwerden einzulegen», sagte sie in der Online-Ausgabe der «Ostsee-Zeitung». Ein Ministeriumssprecher ergänzte am 02.09.2011 auf Anfrage, dies sei aber nicht als eine endgültige Absage an den entsprechenden Vorschlag aus Karlsruhe zu verstehen.
Sandor Kepiros Tod lässt Fragen über Nazi-Kriegsverbrechen offen
Der Tod von Sandor Kepiro hat einem der letzten Nazi-Kriegsverbrecherprozesse ein Ende gesetzt, ohne dass die Schuldfrage geklärt werden konnte. Der am 03.09.2011 im Alter von 97 Jahren gestorbene frühere Gendarmerie-Hauptmann soll zwischen dem 21. und 23.01.1942 an einem Massaker im serbischen Novi Sad beteiligt gewesen sein, bei dem mindestens 1246 Zivilisten getötet wurden. Die Opfer waren Juden, Roma und Serben. Novi Sad stand damals unter ungarischer Besatzung. Das Simon-Wiesenthal-Zentrum im Jerusalem äußerte sich über Kepiros Tod «enttäuscht». Dieser verhindere die Verurteilung und Bestrafung des Mannes, den das Wiesenthal-Zentrum auf Platz eins der meistgesuchten Kriegsverbrecher gesetzt hatte.
Ausgewählte UrteilsanalysenBGH: Rechtsmittelzuständigkeit bei Falschbezeichnung einer Sache als «Wohnungseigentumssache» im erstinstanzlichen Urteil
ZPO §§ 85 II, 233; GVG § 72 II
Wird die Klage einer Wohnungseigentümergemeinschaft gegen einen Dritten in dem erstinstanzlichen Urteil fälschlich als „Wohnungseigentumssache“ bezeichnet, darf sich der Rechtsanwalt bei Einlegung der Berufung nicht darauf verlassen, dass die besondere Rechtsmittelzuständigkeit gemäß § 72 II GVG eingreift.
BGH, Beschluss vom 14.07.2011 - V ZB 67/11 (LG Potsdam), BeckRS 2011, 21073
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