Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 9. Juni 2011
Top-MeldungenBGH: Diebstahl des angeboten Artikels rechtfertigt Abbruch einer eBay-Auktion
Der Bundesgerichtshof hat entschieden, dass nach § 10 Abs. 1 Satz 5 der Allgemeinen Geschäftsbedingungen von eBay eine Berechtigung zur Angebotsrücknahme im Fall eines Diebstahls des angebotenen Artikels besteht. Die Richter stellten klar, dass die in dieser Bestimmung enthaltene Bezugnahme auf eine «gesetzliche» Berechtigung zur Angebotsbeendigung nicht im Sinne einer Verweisung nur auf die gesetzlichen Bestimmungen über die Anfechtung von Willenserklärungen zu verstehen sei. Denn in den allen Auktionsteilnehmern zugänglichen Hinweisen zum Auktionsablauf werde auch der Verlust des Verkaufsgegenstandes als rechtfertigender Grund für eine vorzeitige Angebotsbeendigung genannt. Darunter falle auch ein Diebstahl (Urteil vom 08.06.2011, Az.: VIII ZR 305/10).
EGMR bekräftigt Menschenrechtskonformität der primären Sicherungsverwahrung
Die mit der Verurteilung eines Straftäters angeordnete Sicherungsverwahrung ist als Freiheitsentzug «nach Verurteilung durch ein zuständiges Gericht» im Sinne des Art. 5 § 1 (a) der Europäischen Menschenrechtskonvention zulässig. Dies hat der Europäische Gerichtshof für Menschenrechte in zwei Kammerurteilen vom 09.06.2011 entschieden und damit seine Rechtsprechung zur Menschenrechtskonformität der primären Sicherungsverwahrung bekräftigt. Er beanstandet die primäre Sicherungsverwahrung auch nicht unter dem Aspekt des Abstandsgebots, da das Bundesverfassungsgericht die Regelungen der Sicherungsverwahrung in seinem Leiturteil vom 04.05.2011 (BeckRS 2011, 50108) nicht rückwirkend für nichtig erklärt habe. Er begrüßt die Entscheidung des BVerfG zudem als Bekenntnis zum Grundrechtsschutz auch auf europäischer Ebene (Az.: 30493/04, 31047/04, 43386/08).
EuGH: Auch bei Fehlen eines Entgelts kann beabsichtigte Schleichwerbung vorliegen
Eine beabsichtigte Schleichwerbung setzt nicht unbedingt die Existenz eines Entgelts voraus. Denn andernfalls könnte der Schutz der Interessen der Fernsehzuschauer gefährdet sein, weil es in manchen Fällen schwierig oder gar unmöglich sein dürfte, die Existenz eines Entgelts oder einer ähnlichen Gegenleistung im Zusammenhang mit einer Fernsehwerbung, die dennoch alle Merkmale einer Schleichwerbung aufweist, festzustellen. Dies hat der Europäische Gerichtshof mit Urteil vom 09.06.2011 entschieden (Az.: C-52/10).
BAG: Unwirksamkeit der Kündigung wegen unterlassener Anhörung des Betriebsrats trotz ungültiger Betriebsratswahl
Gemäß § 102 Abs. 1 Satz 1 BetrVG ist der Betriebsrat vor jeder Kündigung zu hören. Die Nichtbeachtung des Mitwirkungsrechts des Betriebsrats führt zur Unwirksamkeit der Kündigung. Dies gilt auch dann, wenn die Wahl des Betriebsrats beim Arbeitsgericht angefochten wurde und nach dem Zugang der Kündigung rechtskräftig für ungültig erklärt wird, die Wahl aber nicht von Anfang an nichtig war. Dies stellt das Bundesarbeitsgericht klar. Im Fall der Arbeitnehmerüberlassung nach dem Arbeitnehmerüberlassungsgesetz oder in gleichartigen Fällen der Personalgestellung sei allerdings grundsätzlich nur der Betriebs- oder Personalrat des Vertragsarbeitgebers zu beteiligen (Urteil vom 09.06.2011, Az.: 6 AZR 132/10).
BAG: Kündigungsschreiben geht Arbeitnehmerin bei Übergabe an Ehegatten außerhalb der Wohnung noch am selben Tag zu
Wird ein Kündigungsschreiben dem Ehemann einer Arbeitnehmerin übergeben, so fungiert dieser als Empfangsbote. Das gilt selbst dann, wenn das Schreiben dem Ehemann an seinem Arbeitsplatz in einem Baumarkt übergeben wird. Das Schreiben geht dann zu dem Zeitpunkt der Arbeitnehmerin zu, in dem unter gewöhnlichen Verhältnissen mit der Weitergabe der Erklärung zu rechnen ist, also am selben Abend mit der Rückkehr des Ehemannes in die gemeinsame Ehewohnung. Dies geht aus einem Urteil des Bundesarbeitsgerichts vom 09.06.2011 hervor (Az.: 6 AZR 687/09).
FG Rheinland-Pfalz: Fehlende Angaben über erhaltene Rentenbezüge können als Steuerhinterziehung gewertet werden
Unterlassene Angaben zum Bezug von Rentenzahlungen können als Steuerhinterziehung zu bewerten sein. Dies hat das Finanzgericht Rheinland-Pfalz entschieden. Es betont in seinem Urteil vom 23.03.2011, dass es für eine Steuerhinterziehung ausreicht, wenn der Steuerpflichtige anhand einer laienhaften Bewertung der Tatsachen erkennt, dass ein Steueranspruch existiert, auf den er einwirken kann. Denn sonst käme nur die Strafbarkeit von Steuerfachleuten in Betracht, so das Gericht (Az.: 2 K 1592/10, noch nicht rechtskräftig).
EuGH: Frankreich hat Feldhamster nicht ausreichend geschützt
Frankreich hat bis 2008 keine ausreichenden Maßnahmen zum Schutz des Feldhamsters im Elsass getroffen und damit gegen seine Verpflichtungen aus der Habitatrichtlinie (92/43/EWG) verstoßen. Dies hat der Europäische Gerichtshof mit Urteil vom 09.06.2011 auf eine Klage der Europäischen Kommission entschieden. Er stellt klar, dass die Habitatrichtlinie von den Mitgliedstaaten verlangt, einen strengen Schutz dieser Art sicherzustellen, um tatsächlich jede Beschädigung oder Vernichtung der Fortpflanzungs- oder Ruhestätten zu verhindern (Az.: C-383/09).
Weitere NachrichtenBundesweite Razzia gegen illegales Filme-Portal
Bei einer bundesweiten Razzia sind am 08.06.2011 wegen des Verdachts der illegalen Verbreitung von Spielfilmen rund 20 Wohnungen und Geschäftsräume durchsucht worden, die im Zusammenhang mit der Website «kino.to» stehen sollen. Insgesamt wurden 13 Beschuldigte verhaftet, wie die Generalstaatsanwaltschaft Dresden mitteilte. Nach einem weiteren Verdächtigen wird noch gefahndet. «Wir suchen derzeit bundesweit nach ihm», sagte der Sprecher der Generalstaatsanwaltschaft, Wolfgang Klein, der Nachrichtenagentur dpa. Bei Bedarf werde die Fahndung auf ganz Europa ausgedehnt.
FG Münster: Abgabe von Krebsmedikamenten durch Krankenhausapotheke umsatzsteuerfrei
Die Lieferung von Medikamenten zur Behandlung von Krebserkrankungen (so genannte Zytostatika) durch eine Krankenhausapotheke ist umsatzsteuerfrei. Dies gilt auch dann, wenn die Patienten ambulant therapiert werden, wie sich aus einem Urteil des Finanzgerichts Münster vom 12.05.2011 (Az.: 5 K 435/09 U) ergibt. Das FG hat wegen der grundsätzlichen Bedeutung der Rechtssache die Revision um Bundesfinanzhof zugelassen.
OLG Düsseldorf: Deutsche Telekom muss Millionen-Schadenersatz zahlen
Die Deutsche Telekom AG muss an die telegate AG 41,28 Millionen Euro zahlen. Dies geht aus einem Urteil des Ersten Kartellsenats des Oberlandesgerichts Düsseldorf vom 08.06.2011 hervor. Die Telekom habe als marktbeherrschendes Unternehmen in der Zeit von Oktober 1997 bis zum 22.01.2001 die Wettbewerbschancen von telegate unbillig behindert, indem es der AG Telefonie-Teilnehmerdaten zur Auskunftserteilung und Erstellung von Teilnehmerverzeichnissen zu einem überhöhten Entgelt überlassen habe (Az.: VI-U (Kart) 2/11).
VG Berlin: Kleinere Nummernschilder für DDR-Roller unter Umständen rechtmäßig
Krafträder, die noch vor der Wiedervereinigung in der DDR zugelassen waren, dürfen unter bestimmten Umständen mit kleineren Kennzeichen geführt werden. Das hat das Verwaltungsgericht Berlin in einem am 07.06.2011 veröffentlichten Urteil vom 02.05.2011 entschieden. Die zuständige Behörde muss nun erneut prüfen, ob die durch die kleineren Kennzeichen möglicherweise erreichte höhere Verkehrssicherheit nicht die weitere Ausgabe rechtfertigt (Az.: VG 11 K 494.09).
Regierung plant ab 2015 Ausweitung der Mülltrennung
Die Bundesregierung will nach einer Mitteilung der Bundestagspressestelle vom 08.06.2011 das deutsche Abfallrecht neu ordnen und zugleich an die Abfallrahmenrichtlinie der EU anpassen. Sie hat dazu einen Gesetzentwurf zur «Neuordnung des Kreislaufwirtschafts- und Abfallrechts» (BT-Drs. 17/6052) vorgelegt. Ziel dieser Novelle sei insgesamt eine «ökologisch und ökonomisch effizientere sowie verbraucherfreundlichere Ausrichtung der Abfallwirtschaft», heißt es im Entwurf. Der Bundesrat hat in seiner Stellungnahme zahlreiche Änderungen vorgeschlagen.
LSG Rheinland-Pfalz: Steuerzahlerverein keine «wirtschaftliche und politische Interessenvertretung» im Sinne des alten Gefahrtarifs der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft
Ein eingetragener Verein zur politischen Interessenvertretung und Beratung der Steuerzahler ist im alten Gefahrtarif der Verwaltungs-Berufsgenossenschaft (VBG), der ab dem 01.01.2007 galt, nicht der Gefahrengemeinschaft «wirtschaftliche und politische Interessenvertretung» (Gefahrtarifstelle 11) zuzuordnen, sondern der Gefahrengemeinschaft «Zusammenschluss zur Verfolgung gemeinsamer Interessen» (Gefahrtarifstelle 15). Dies hat das Landessozialgericht Rheinland-Pfalz mit jetzt mitgeteiltem Urteil vom 04.05.2011 entschieden (Az.: L 4 U 224/10).
Gesetzentwurf: Regierung setzt aufenthaltsrechtliche Richtlinien um
Nach dem Willen der Bundesregierung soll aussagebereiten Opfern strafrechtlich relevanter illegaler Beschäftigung künftig ein befristeter Aufenthaltstitel erteilt werden können. Daneben sollen bösgläubige wirtschaftliche Hintermänner des Arbeitgebers, wie etwa Generalunternehmer und zwischengeschaltete Unternehmer für die Kosten einer Rückführung illegal Beschäftigter haften. Das sieht ein am 08.06.2011 vom Bundespressedienst vorgestellter Gesetzentwurf der Bundesregierung vor (BT-Drs. 17/6053), mit dem sie zwei aufenthaltsrechtliche EU-Richtlinien umsetzt.
EU-Parlament fordert strengere Regeln für Ratingagenturen
Das Europäische Parlament hat sich am 08.09.2011 laut einer Pressemeldung vom selben Tag dafür ausgesprochen, Ratingagenturen künftig für ihre Ratings zivilrechtlich verantwortlich zu machen und eine Europäische Rating-Stiftung zu schaffen. Besondere Aufmerksamkeit soll nach dem Willen der Abgeordneten der Bewertung von Staatsschulden gelten und die neuen Regeln für Ratingagenturen sollen auch deren Arbeitsmethoden klären, den Wettbewerb fördern und die Abhängigkeit von Ratings verringern. Die vom deutschen Abgeordneten Wolf Klinz (FDP) verfasste nicht-legislative Entschließung wurde per Handzeichen angenommen. In einigen Wochen will die Kommission eigene Gesetzesvorschläge vorlegen, um Ratingagenturen besser zu regulieren.
OLG Brandenburg: Kein Schmerzensgeld nach Sturz auf einer Treppe zum Wahllokal
Das Brandenburgische Oberlandesgericht hat einer Klägerin Schadensersatz und Schmerzensgeld versagt, die auf einer Treppe zu einem Wahllokal in einem kleinen Ort bei Guben gestürzt war. Das Gericht führt in seinem jetzt mitgeteiltem Urteil vom 31.5.2011 aus, dass die Gemeinde für die Treppe zwar verkehrssicherungspflichtig gewesen sei. Eine lückenlose Sicherheit müsse aber nicht gewährleistet werden. Die Benutzer müssten sich den örtlichen Verhältnissen anpassen. Die Klägerin hätte die schadhafte Stelle auf der Treppe bemerken und ihren Sturz vermeiden können (Az.: 2 U 54/10).
SPD-Fraktion verlangt Einführung einer europäischen Finanztransaktionsteuer
Die Bundesregierung soll zusammen mit den europäischen Partnern eine Gesetzesinitiative zur Einführung einer europäischen Finanztransaktionsteuer vorlegen. Die SPD-Fraktion fordert dies in einem Antrag (BT-Drs. 17/6086), der am 09.06.2011 auf der Tagesordnung des Deutschen Bundestages steht. Jede Transaktion soll mit einem Steuersatz von 0,05 Prozent belastet werden. Erfasst werden sollen nach den Vorstellungen der SPD alle börslichen und außerbörslichen Transaktionen von Wertpapieren, Anleihen und Derivaten sowie alle Devisentransaktionen. Das Aufkommen solle in die jeweiligen nationalen Haushalte fließen.
Erster Master-Studiengang für Unternehmensjuristen in Deutschland akkreditiert
Die internationale Agentur zur Qualitätssicherung im Hochschulbereich FIBAA hat mit dem Master-Studiengang «Legal Management» an der German Graduate School of Management and Law (GGS) in Heilbronn den ersten Master-Studiengang für Unternehmensjuristen in Deutschland akkreditiert. Dies hat die Hochschule am 07.06.2011 mitgeteilt. Ab Oktober 2011 können Rechtsreferendare, Assessoren, Rechtsanwälte und Bachelor-Absolventen das neue berufsbegleitende Studium aufnehmen und einen Master of Laws (LL.M.) in Legal Management erwerben. |