Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 22. September 2011
Top-MeldungenEuGH: Bekannte Marken dürfen von Konkurrenten als «Adwords» verwendet werden
Ein Wettbewerber darf eine bekannte fremde Marke als «Adword» verwenden, um bei Internetsuchen zu diesem «Adword» die Bewerbung seiner Produkte zu veranlassen. Voraussetzung ist, dass er lediglich eine Alternative zu den Produkten des Markenrechtsinhabers bietet, diese aber nicht nachahmt, die Marke nicht verwässert oder verunglimpft und die Markenfunktionen nicht beeinträchtigt. Wie der Europäische Gerichtshof mit Urteil vom 22.09.2011 im Streit um die Verwendung des Adwords «Interflora» durch das britische Einzelhandelsunternehmen Marks & Spencer entschieden hat, ist eine solche Benutzung grundsätzlich Ausdruck eines gesunden und lauteren Wettbewerbs (Az.: C-323/09).
EuGH: Zweimal «Budweiser» für Großbritannien
Die Brauereien Anheuser-Busch und Bud?jovický Budvar können beide weiterhin die Marke Budweiser im Vereinigten Königreich benutzen. Dies hat der Europäische Gerichtshof entschieden. Die Verbraucher Großbritanniens nähmen den Unterschied zwischen den Bieren von Budvar und denen von Anheuser-Busch deutlich wahr (Urteil vom 22.09.2011, Az.: C-482/09).
EuGH: Behörden dürfen Sendungen von Roj TV in Deutschland nicht verbieten
Deutschland kann die Weiterverbreitung von Sendungen in kurdischer Sprache, die Roj TV von Dänemark aus ausstrahlt, in seinem Hoheitsgebiet nicht verhindern. Soweit die Weiterverbreitung dieser Sendungen nicht verhindert wird, kann die Bundesrepublik jedoch die Betätigung von Roj TV und von Mesopotamia Broadcast als Vereine in seinem Hoheitsgebiet verbieten. Dies geht aus einem Urteil des Europäischen Gerichtshofs vom 22.09.2011 (Az.: C-244/10 und C-245/10) hervor.
Weitere NachrichtenBPatG: «Obazda» als geografische Herkunftsangabe grundsätzlich schutzfähig
Die Bezeichnungen «Obazda» und «Bayerischer Obazda» sind grundsätzlich europaweit als geografische Angaben schutzfähig. Dies stellt das Bundespatentgericht für die verschiedenen Varianten der traditionellen handwerklichen Herstellung klar. Weiteren Prüfungsbedarf sieht es aber, soweit es um Maßnahmen der Haltbarmachung von industriell hergestelltem «Obazden» geht.
Deutschland und Schweiz unterschreiben Steuerabkommen
Mit der Schweiz soll eine effektivere Besteuerung von Vermögenswerten deutscher Steuerpflichtiger sichergestellt werden. Vorgesehen ist, wie die Bundesregierung am 21.09.2011 erläutert, dass schweizerische Zahlstellen die Steuer zukünftig als Abgeltungsteuer erheben. Am 21.09.2011 unterzeichneten die schweizerische Finanzministerin Widmer-Schlumpf und Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) das Abkommen.
DGB rügt Steuerabkommen mit der Schweiz als Ablasshandel
Mit harscher Kritik bedachte der Deutsche Gewerkschaftsbund (DGB) das von Deutschland und der Schweiz am 21.09.2011 unterzeichnete Steuerabkommen, das die nachträgliche pauschale Besteuerung seit Jahren transferierter Schwarzgelder deutscher Steuerzahler bei Schweizer Banken regelt. DGB-Vorstandsmitglied Claus Matecki verglich in einer Verbandsmitteilung vom selben Tag das Abkommen mit dem mittelalterlichen Ablasshandel und nannte das Abkommen einen «verteilungspolitischen Sündenfall».
Koalition will Umsatzsteuergrenze von 500.000 Euro beibehalten
Zur Abmilderung der Folgen der Wirtschafts- und Finanzkrise wurde 2009 zeitlich begrenzt bis Ende 2011 die Anhebung der Umsatzsteuergrenze von 250.000 auf 500.000 Euro beschlossen. Die Fraktionen von CDU/CSU und FDP wollen laut einer Mitteilung der Bundestagspressestelle vom 21.09.2011 die 500.000-Euro-Grenze nun auch darüber hinaus beibehalten, weil andernfalls den betroffenen kleinen und mittleren Unternehmen Liquidität entzogen werden würde.
VGH Kassel gewährt regimekritischen iranischen Bloggerinnen Flüchtlingsstatus
Die Bundesrepublik Deutschland muss zwei Iranerinnen, die in Deutschland eigene Weblogs unterhalten, in denen sie sich mit eigenen Beiträgen und mit Verweisung auf Internet- und Printveröffentlichungen anderer Personen und Organisationen kritisch mit der Lage im Iran und mit der Politik der iranischen Regierung auseinandersetzen, als Flüchtlinge anerkennen. Dazu verpflichtete sie der Sechste Senat des Hessischen Verwaltungsgerichtshofs in Kassel in einem am 21.09.2011 verkündeten Urteil (Az.: 6 A 1005/10.A).
VG Schleswig: Universität durfte Langzeitstudenten nach 48 Semestern rauswerfen
Die Universität Lübeck darf einen Dauerstudenten von der Hochschule verweisen, der nach 48 Semestern noch immer keine ärztliche Vorprüfung abgelegt hat. Das hat das Verwaltungsgericht in Schleswig am 20.09.2011 entschieden (Az.: 7 A 57/09).
AK Vorratsdatenspeicherung zeigt sechs deutsche Telekommunikationsunternehmen wegen illegaler Datensammlung an
Der Arbeitskreis Vorratsdatenspeicherung hat am 22.09.2011 bei der Bundesnetzagentur Anzeige gegen sechs Telekommunikationsanbieter erstattet. Er wirft ihnen vor, illegal Daten ihrer Kunden zu speichern, zum Beispiel eingehende Telefonverbindungen und den Aufenthaltsort von Handynutzern. Betroffen sind die Unternehmen BT (Germany), E-Plus, M- net, Telefónica, Telekom Deutschland und Vodafone D2. Ihnen drohten Geldbußen von bis zu 300.000 Euro, so der Arbeitskreis.
Koalition will Provisionen von Versicherungsvertretern begrenzen
Die Vermittlungsprovisionen in der privaten Kranken- und Lebensversicherung sollen nach dem Willen der Koalitionsfraktionen begrenzt werden. Gerade Neuverträge in der Privaten Krankenversicherung seien sehr häufig «provisionsgetrieben» gewesen, erläuterte ein Sprecher der CDU/CSU-Fraktion und kündigte in der Sitzung des Finanzausschusses am 21.09.2011 einen entsprechenden Antrag an, mit dem der derzeit in der Beratung befindliche Gesetzentwurf zur Novellierung des Finanzanlagenvermittler- und Vermögensanlagerechts (BT-Drs. 17/6051) ergänzt werden soll.
Neue Richtervereinigung: «Whistleblower» müssen geschützt werden
Beschäftigte, die in einem Betrieb bestehende gesetzwidrige Zustände öffentlich machen, sogenannte Whistleblower, müssen geschützt werden. Dies betont die Fachgruppe Arbeitsrecht der Neuen Richtervereinigung (NRV). Dabei könne es keine Rolle spielen, gegenüber wem die gesetzwidrigen Zustände vorgebracht werden und welche Motivation der Informant habe. Ein vorheriger innerbetrieblicher Abhilfeversuch sei aber von großer Bedeutung, wenn erwartet werden könne, dass der Missstand dadurch bereits abgestellt wird.
US-Häftling Davis trotz weltweiter Proteste hingerichtet
Trotz weltweiter Proteste ist der wegen Polizistenmordes verurteilte schwarze Amerikaner Troy Davis am Abend des 21.09.2011 (Ortszeit) im US-Staat Georgia hingerichtet worden. Davis, der 20 Jahre lang in der Todeszelle saß und unaufhörlich seine Unschuld beteuerte, starb im Staatsgefängnis Jackson durch die Giftspritze.
Ausgewählte UrteilsanalysenLG Berlin: Gebäude- und Hausratversicherung - Regressansprüche des Versicherers gegen unberechtigten Besitzer eines Grundstücks
BGB §§ 989, 990 I, 1833, 1908i, 1922; VVG § 86 I, III
Ein Regressanspruch des Versicherers gegen den unberechtigten Besitzer eines Grundstücks scheidet nach Auffassung des Landgerichts Berlin aus, wenn sich der Besitzer in einem Irrtum über die Rechtslage befindet und somit keine positive Kenntnis von seiner fehlenden Berechtigung hat. Des Weiteren bestehe ein Anspruch gegen den Besitzer, mit dem der Versicherungsnehmer bei Eintritt des Schadens in häuslicher Gemeinschaft lebte, wegen nicht erfolgter Beheizung des Hauses nur insoweit als ihm vorgehalten werden könne, er habe einen Wasserschaden vorsätzlich verursacht. Dies gelte auch dann, wenn der Versicherungsnehmer zum Zeitpunkt des Schadenseintritts bereits verstorben war, wenn zwischen dem Todeszeitpunkt und dem Schadenseintritt kein großes Zeitintervall vorliegt und die Rechtsnachfolge noch unklar ist.
LG Berlin, Urteil vom 23.06.2011 - 5 O 261/10, BeckRS 2011, 20918 |