Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 7. Dezember 2011
Top-MeldungenBVerfG: Neuregelung der strafprozessualen Telekommunikationsüberwachung verfassungskonform
Die Anfang 2008 in Kraft getretene Neuregelung der strafprozessualen Telekommunikationsüberwachung ist mit dem Grundgesetz vereinbar. Dies hat das Bundesverfassungsgericht entschieden und mehrere Verfassungsbeschwerden zurückgewiesen. Der Kernbereich privater Lebensgestaltung werde durch die reformierten Überwachungsvorschriften ausreichend geschützt. Auch die Beschränkung des absoluten Ermittlungsschutzes auf bestimmte zeugnisverweigerungsberechtigte Gruppen von Berufsgeheimnisträgern sei gerechtfertigt (Beschluss vom 12.10.2011, Az.: 2 BvR 236/08, 2 BvR 237/08, 2 BvR 422/08).
BGH: Gesetzlicher Ausschluss der außerordentlichen Kündigung bei Krankheitskostenversicherungsvertrag betrifft nur Prämienverzug
Der seit 2009 geltende § 206 Abs. 1 Satz 1 VVG schließt nicht jede außerordentliche Kündigung eines Krankheitskostenversicherungsvertrages, der eine Versicherungspflicht nach § 193 Abs. 3 Satz 1 VVG erfüllt, durch den Versicherer aus. Dies geht aus zwei Urteilen des Bundesgerichtshofs vom 07.12.2011 hervor. § 206 Abs. 1 Satz 1 VVG ist nach Auffassung des Gerichts teleologisch dahingehend zu reduzieren, dass er zwar die Kündigung wegen Prämienverzugs untersagt, jedoch in Fällen sonstiger schwerer Vertragsverletzung eine außerordentliche Kündigung durch den Versicherer nach § 314 Abs. 1 BGB in Betracht kommen kann (Az.: IV ZR 50/11 und IV ZR 105/11).
BFH: Kein Gestaltungsmissbrauch bei Einbringung privater Verbindlichkeit in vermögensverwaltende Personengesellschaft
Schuldzinsen können als Werbungskosten abgezogen werden, wenn eine vermögensverwaltende Personengesellschaft vom einbringenden Gesellschafter ein ursprünglich privat veranlasstes Darlehen als Gegenleistung für das von ihm eingebrachte Grundstück übernimmt. Dies hat der Bundesfinanzhof entschieden und einen Gestaltungsmissbrauch verneint. Nach dem Urteil vom 18.10.2011 führt die Schuldübernahme bei der Gesellschaft zu Anschaffungskosten (Az.: IX R 15/11).
BFH: Umfang der unternehmerischen Nutzung für Vorsteuerabzug aus Baukosten für gemischt genutztes Gebäude zeitnah zu dokumentieren
Die Vorsteuer aus den Baukosten für ein gemischt genutztes Gebäude kann nur abgezogen werden, wenn der Bauherr zeitnah entschieden und dokumentiert hat, in welchem Umfang das Gebäude unternehmerisch genutzt werden soll. Maßgeblich ist dabei die gesetzliche Abgabefrist für die Umsatzsteuer-Erklärung (31. Mai des Folgejahres). Eine danach getroffene oder dokumentierte Entscheidung könne nicht mehr berücksichtigt werden, so der Bundesfinanzhof. Mit dem Urteil vom 07.07.2011 hat er seine Rechtsprechung zur Einschränkung des Vorsteuerabzugs aufgrund des sogenannten Seeling-Modells (DStR 2011, 1955 und DStR 2011, 1949) bestätigt und ergänzt (Az.: V R 21/10).
Weitere NachrichtenBGH: Über Oligopol auf Benzinmarkt muss neu verhandelt werden
Die Frage, ob auf den Märkten für Benzin und Diesel ein marktbeherrschendes Oligopol der Mineralölgesellschaften Shell, Aral/BP, ConocoPhillips (Jet), ExxonMobil/Esso und Total besteht, bedarf weiterer Prüfung durch das Oberlandesgericht Düsseldorf. Das hat der Bundesgerichtshof entschieden (Beschluss vom 06.12.2011, Az.: KVR 95/10).
BVerfG: Urteile zu Euro-Rettung verzögern sich wegen Richterwechsels
Die Entscheidungen des Bundesverfassungsgerichts zum Verfahren bei der Euro-Rettung verzögern sich bis Anfang 2012. Grund ist ein Richterwechsel: Udo Di Fabio, der bislang das Verfahren als sogenannter Berichterstatter im Senat maßgeblich mit vorbereitete, scheidet am 19.12.2011 nach Ablauf seiner zwölfjährigen Amtszeit aus. Bis dahin könnten die Beratungen nicht abgeschlossen werden, sagte die Sprecherin des Gerichts am 06.12.2011 und bestätigte damit einen Bericht der «Süddeutschen Zeitung».
Europäisches Mehrwertsteuer-System soll reformiert werden
Das europäische Mehrwertsteuer-System soll 40 Jahre nach seiner Einführung reformiert werden. Es soll einfacher, robuster und effizienter werden. Welche Maßnahmen dies bewirken sollen, geht aus einer Mitteilung hervor, die die Europäische Kommission angenommen hat. Darin werden zudem die wesentlichen Merkmale festgelegt, die dem neuen MwSt-System zugrunde liegen müssen.
Kabinett bringt Steuersenkung auf den Weg
Die Bundesregierung hat die von der schwarz-gelben Koalition ab 2013 geplante Steuerentlastung auf den Weg gebracht. Das Kabinett billigte nach Informationen der Presseagentur dpa am 07.12.2011 in Berlin einen Gesetzentwurf von Finanzminister Wolfgang Schäuble (CDU) zum Abbau der sogenannten kalten Progression. Die Steuersenkung kostet den Staat jährlich rund sechs Milliarden Euro. Einen Großteil dieser Summe will der Bund schultern. Die SPD hatte angekündigt, die Steuerpläne über den Bundesrat zu blockieren. In der Länderkammer hat Schwarz-Gelb keine Mehrheit.
LAG Schleswig-Holstein: Betriebsratswahl wegen Nichteinhaltung der angegebenen Wahlzeit unwirksam
Bei einer Betriebsratswahl muss der Wahlvorstand die Zeit der möglichen Stimmabgabe konkret festlegen und bekanntgeben. Wird die im Wahlausschreiben angegebene Wahlzeit nicht eingehalten, kann die Wahl wirksam angefochten werden, wie das Landesarbeitsgericht Schleswig-Holstein entschieden hat (Beschluss vom 21.06.2011, Az.: 2 TaBV 41/10, BeckRS 2011, 78367).
EU-Gipfel: Machtkampf um EU-Vertrag beginnt
Als der Lissabon-Vertrag im Dezember 2009 nach zehn Jahren erbitterten politischen Streits in Kraft trat, waren allerorts Politiker zuversichtlich, lange Zeit nicht mehr über Vertragsänderungen reden zu müssen. Nun zwingt die Schuldenkrise die Gruppe der 17 Euro-Staaten und damit auch die 27 Mitgliedern der Europäischen Union zu einer neuen Vertragsdebatte, zu einem Machtkampf um den EU-Vertrag. Ein erster EU-Gipfel ist für den 08./09.12.2011 in Brüssel angesetzt. Geht es nach Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) und Frankreichs Präsident Nicolas Sarkozy, soll im März 2012 schon alles beschlossen sein. Für viele ein sehr ehrgeiziger Zeitplan.
VG Koblenz: Geänderte Verhältnisse im Plangebiet können Heilung des Ausfertigungsmangels eines Bebauungsplans entgegenstehen
Eine Werbeanlage in Hachenburg darf errichtet werden, obwohl die Stadt in dem Bebauungsplan «Auf dem Gleichen I» und der Gestaltungssatzung über die Zulässigkeit von Werbeanlagen und Warenautomaten (Werbeanlagensatzung) entgegenstehende Regelungen getroffen hat. Nach einem Urteil des Verwaltungsgerichts Koblenz vom 17.11.2011 sind beide Satzungen unwirksam. Ein Ausfertigungsmangel des Bebauungsplans aus dem Jahr 1987 konnte nach Auffassung des Gerichts trotz erneuter Ausfertigung und öffentlicher Bekanntmachung nicht geheilt werden (Az.: 1 K 377/11.KO).
Arbeitsgemeinschaft Mittelstand: Basel III darf Finanzierung von Mittelstandsunternehmen nicht gefährden
Die Arbeitsgemeinschaft Mittelstand befürchtet, dass die Vorschläge zur Umsetzung der Basel III-Eigenkapitalregeln in EU-Recht, die die Europäische Kommission vorgelegt hat, Kredite verteuern und damit Mittelstandsunternehmen nicht genug Luft für ihre Finanzierung lassen werden. Sie fordert Nachbesserungen, um die Kreditvergabe an den Mittelstand zu sichern.
IT-Gipfel 2011: De-Mail soll Kommunikation mit Gerichten erleichtern
Die Kommunikation mit der Justiz soll bundeseinheitlich einfacher werden. Hierfür sollen De-Mail und das elektronische Gerichts- und Verwaltungspostfach (EGVP) sorgen. So haben sich Bundesjustizministerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger (FDP) und Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich (CSU) auf dem sechsten IT-Gipfel auf eine enge Zusammenarbeit in den Bereichen E-Government und E-Justice geeinigt. Der elektronische Rechtsverkehr und eine elektronische Aktenführung mache die Kommunikation zwischen Bürgern und Behörden einfacher, effektiver und langfristig kostengünstiger.
BGH bestätigt Urteil zu Kindesentführung in Kleinmachnow
Der wegen Kindsentführung in Kleinmachnow vom Landgericht Potsdam zu neun Jahren Haft verurteilte Angeklagte ist mit seiner Revision gescheitert. Der Fünfte Strafsenat des Bundesgerichtshofs in Leipzig hat das Urteil des LG bestätigt und die Revision per Beschluss vom 30.11.2011 als unbegründet verworfen. Die Verurteilung ist damit rechtskräftig (Az.: 5 StR 470/11).
Bundeskartellamt mit Referentenentwurf zur Achten GWB-Novelle weitgehend einverstanden
Das Bundeskartellamt begrüßt den Referentenentwurf zur Achten Novelle des Gesetzes gegen Wettbewerbsbeschränkungen (GWB). Im Bereich der Fusionskontrolle sei der SIEC-Test in einen Verfahrenskontext eingebettet, der dem Bundeskartellamt und den Gerichten weiterhin eine effektive Fusionskontrolle erlaube, so die Behörde in ihrer Mitteilung vom 30.11.2011. Allerdings sollte ihrer Meinung nach für den Test eine abschließende Auslegungskompetenz der deutschen Gerichtsbarkeit festgelegt werden, um für die Unternehmen belastende erhebliche Verlängerungen der Verfahren durch Vorlagen zum Europäischen Gerichtshof zu verhindern. |