Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 25. Mai 2011
Top-MeldungenBFH: Unberechtigt ausgewiesene Umsatzsteuer führt auch in unvollständiger Rechnung zu Umsatzsteuerschuld
Der unberechtigte Ausweis von Umsatzsteuer in einer Rechnung kann auch dann zur Umsatzsteuerschuld des Rechnungsausstellers führen, wenn die Rechnung nicht alle gesetzlich vorgegebenen Angaben enthält. Nach einem Urteil des Bundesfinanzhofs vom 17.02.2011 setzt ein unberechtigter Steuerausweis im Sinne des § 14c Abs. 2 UStG also nicht voraus, dass die Rechnung alle in § 14 Abs. 4 UStG aufgezählten Pflichtangaben aufweist. § 14c UStG könne seinen gesetzgeberischen Zweck, Missbräuche zu vereiteln, nicht erfüllen, wenn sich Rechnungsaussteller durch Weglassen auch nur eines Merkmals des § 14 Abs. 4 UStG ihrer Inanspruchnahme entziehen könnten, so die Argumentation des BFH. Mit seinem aktuellen Urteil gibt er eigenen Angaben vom 25.05.2011 zufolge seine anders lautende Rechtsprechung zur alten Rechtslage (§ 14 Abs. 3 UStG a.F.) auf (Az.: V R 39/09).
BFH legt «nahezu unverständliche Regelung» zur quellenbezogenen Mindestbesteuerung aus
Nachdem das Bundesverfassungsgericht eine Vorlage des Bundesfinanzhofes (DStR 2006, 2019) zur «quellenbezogenen Mindestbesteuerung» nach dem Steuerentlastungsgesetz 1999/2000/2002 (StEntlG) als unzulässig verworfen hatte (BeckRS 2010, 55320), hat der BFH die seiner Ansicht nach «nahezu unverständliche» Regelung nun in zwei Urteilen vom 09.03.2011 ausgelegt. Danach darf § 2 Abs. 3 EStG in der Fassung des StEntlG im Rahmen des Rücktrags eines 1999 erzielten Verlustes in den Veranlagungszeitraum 1998 nicht angewendet werden (Az.: IX R 72/04, BeckRS 2011, 95354). In dem zweiten Verfahren hat der BFH entschieden, dass die mit der Mindestbesteuerungsregelung verbundene Beschränkung der Verlustverrechnung nur «unechte» Verluste erfasst, die nicht wirtschaftlich erzielt werden. Tatsächlich wirtschaftlich erzielte Verluste («echte» Verluste) könnten hingegen bei der Bildung der Summe der Einkünfte nach § 2 Abs. 3 Satz 1 EStG in der Fassung des StEntlG in vollem Umfang horizontal und vertikal ausgeglichen werden (Az.: IX R 56/05, BeckRS 2011, 95353).
Bundeskabinett beschließt Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt
Die Bundesregierung will Arbeitsuchende schneller in den ersten Arbeitsmarkt vermitteln. Dazu hat das Bundeskabinett am 25.05.2011 dem Gesetz zur Verbesserung der Eingliederungschancen am Arbeitsmarkt zugestimmt. Nach Mitteilung des Bundesministeriums für Arbeit und Soziales (BMAS) soll das Gesetz Vermittlern vor Ort mehr Freiheiten für eine passgenaue Förderung geben, den Budgetgedanken stärken, Mitnahmeeffekte verhindern und angesichts der guten Konjunktur für Arbeitsuchende den Weg in Beschäftigung beschleunigen. Betroffen seien sowohl Leistungen der aktiven Arbeitsförderung (SGB III) als auch Eingliederungsleistungen in der Grundsicherung für Arbeitsuchende (SGB II). Das nicht zustimmungspflichtige Gesetz soll noch im Mai 2011 in die parlamentarische Beratung gehen, dort im Oktober 2011 beschlossen werden und Anfang November 2011 in Kraft treten.
FG Hamburg hält § 8c KStG für verfassungswidrig
Das Bundesverfassungsgericht soll entscheiden, ob § 8c KStG gegen das Grundgesetz verstößt. Mit jetzt veröffentlichtem Beschluss vom 04.04.2011 hat das Finanzgericht Hamburg den Richtern in Karlsruhe die Prüfung der Norm zur Entscheidung vorgelegt. Der Zweite Senat des FG ist der Auffassung, dass die in § 8c KStG vorgesehene Versagung der Verlustverrechnung im Fall eines Gesellschafterwechsels gegen den im GG verankerten Gleichheitssatz und das in ihm begründete Prinzip der Besteuerung nach der wirtschaftlichen Leistungsfähigkeit verstößt (Az.: 2 K 33/10).
LAG Köln: Bei betriebsbedingter Kündigung wiegt bei Sozialauswahl Alter stärker als Kinderzahl
Bei der betriebsbedingten Kündigung kann der Arbeitgeber bei Wegfall eines Arbeitsplatzes entscheiden, welchen von zwei vergleichbaren Arbeitnehmern er unter sozialen Gesichtspunkten nach § 1 Abs. 3 KSchG kündigt. Das Landesarbeitsgericht Köln hat in einem am 24.05.2011 bekannt gewordenen Fall entschieden, dass bei dieser Sozialauswahl das Kriterium des Alters des Arbeitnehmers höher wiegt als die Frage, ob er Unterhaltspflichten gegenüber Kindern hat (Urteil vom 18.02.2011, Az.: 4 Sa 1122/10, BeckRS 2011, 72656).
Weitere NachrichtenLSG Hessen: Zu wenig Personal in Pflegeheim rechtfertigt geringere Pflegevergütung
Hält ein Pflegeheim zu wenig Personal vor, so verletzt es damit seine Pflichten. Für die Dauer der Pflichtverletzung sind die Pflegevergütungen zu kürzen. Kann über die Höhe des Kürzungsbetrages keine Einigung zwischen dem Pflegeheim, den Pflegekassen und den Sozialhilfeträgern erzielt werden, entscheidet hierüber die Schiedsstelle. Dieser steht laut Landessozialgericht Hessen hinsichtlich der Bestimmung der Höhe des Kürzungsbetrags ein Entscheidungsspielraum zu. Die gerichtliche Kontrolle sei insoweit begrenzt. Sachgerecht sei es, den Kürzungsbetrag anhand der eingesparten Personalkosten zu berechnen, so die Richter (Urteil vom 27.01.2011, Az.: L 8 P 29/08 KL, BeckRS 2011, 69945).
BGH: Prozess um Tod der unterernährten Lara Mia muss neu aufgerollt werden
Der Tod der vernachlässigten Lara Mia muss noch einmal neu aufgeklärt werden. Der Bundesgerichtshof hat das Urteil des Landgerichts Hamburg vom Sommer 2010 mit Urteil vom 24.05.2011 aufgehoben und die Sache an eine andere Jugendschwurgerichtskammer des LG zurückverwiesen. Er beanstandet die Begründung, mit der das LG eine Unkenntnis der Angeklagten vom Tod des Kindes zum Zeitpunkt ihrer vorgeblichen Rettungsbemühungen angenommen hat, sowie die Strafzumessung (Az.: 5 StR 565/10). Das LG hatte die Mutter und ihren Lebensgefährten wegen gefährlicher Körperverletzung durch Unterlassen zu Jugendstrafen auf Bewährung von zwei Jahren beziehungsweise neun Monaten verurteilt.
OVG Saarlouis: Wahl zum ehrenamtlichen Richter muss angenommen werden
Die Wahl zum ehrenamtlichen Richter kann grundsätzlich nicht abgelehnt werden. Das hat das Saarländische Oberverwaltungsgericht in Saarlouis in einem am 24.05.2011 bekannt gewordenen Beschluss entschieden. Nach dem Richterspruch gilt das auch, wenn der Betroffene nie gefragt wurde, ob er überhaupt für dieses Amt kandidieren möchte und daher auch nie seine Zustimmung erteilt hat (Beschluss vom 02.02.2011, Az.: 1 F 6/11, NVwZ-RR 2011, 348).
Bundesjustizministerium will Vorschlag des BVerfG für Gebühr bei mutwilligen Verfassungsklagen intern prüfen
Das Bundesjustizministerium hat zurückhaltend auf einen Vorstoß des Bundesverfassungsgerichts reagiert, per Gesetz eine Gebühr für missbräuchliche Verfassungsbeschwerden einzuführen. Danach soll die Befassung mit offensichtlich aussichtslosen und «mutwilligen» Beschwerden von der Zahlung einer Gebühr abhängig gemacht werden. Das Bundesjustizministerium will diesen Vorstoß intern prüfen und bewerten, erklärte ein Sprecher der Behörde.
Anhörung: Sachverständige üben kontroverse Kritik an Einzelpunkten bei geplantem Beschäftigtendatenschutz
Der von der Bundesregierung vorgelegte Entwurf eines «Gesetzes zur Regelung des Beschäftigtendatenschutzes» wird unter Experten in einer Reihe von Fragen kontrovers diskutiert. Wie die Pressestelle des Bundestages mitteilt, wurde dies am 23.05.2011 in einer öffentlichen Anhörung des Innenausschusses zu mehreren Vorlagen zum Beschäftigtendatenschutz deutlich. Dabei handelte es sich neben dem Regierungsentwurf (BT-Drs. 17/4230) unter anderem um je einen Gesetzentwurf der SPD-Fraktion (BT-Drs. 17/69) und der Fraktion Bündnis 90/Die Grünen (BT-Drs. 17/4853) sowie je einen Antrag der Grünen (BT-Drs. 17/121) und der Fraktion Die Linke (BT-Drs. 17/779).
Bundesregierung will Libanon-Einsatz bis Juni 2012 verlängern
Die Bundesregierung hat sich in einem Antrag (BT-Drs. 17/5864) dafür ausgesprochen, den Bundeswehr-Einsatz im Libanon bis zum 30.06.2012 zu verlängern. Dabei soll die Zahl der maximal einzusetzenden Soldaten 300 betragen. Die Kosten für die Beteiligung an der UN-Truppe «Unifil» (United Nations Interim Force in Lebanon) wird dem Antrag zufolge auf knapp 32 Millionen Euro beziffert, wie die Bundestagspressestelle am 24.05.2011 mitteilt.
BVerwG weist Klage gegen Bau der A 14 Magdeburg-Schwerin zwischen Wolmirstedt und Colbitz ab
Der Abschnitt der geplanten A 14 zwischen den Anschlussstellen Wolmirstedt und Colbitz darf gebaut werden. Mit Urteil vom 25.05.2011 hat das Bundesverwaltungsgericht die Klage eines Grundeigentümers gegen den Planfeststellungsbeschluss des Landesverwaltungsamtes Sachsen-Anhalt für den Neubau des entsprechenden Teils der Autobahn A 14 Magdeburg-Wittenberge-Schwerin abgewiesen. Der Kläger hatte geltend gemacht, in seinem Grundbesitz lagerten wertvolle Bodenschätze, die er aufgrund einer nach wie vor gültigen Abbaugenehmigung gewinnen wolle. Das BVerwG hat diese Einwände als nicht durchgreifend erachtet (Az.: BVerwG 9 A 15.10).
EU-Kommission: Mehr Wettbewerb für Telefonkunden durch neues EU-Telekommunikationsrecht
Am 25.05.2011 tritt das neue EU-Telekommunikationsrecht in Kraft. Die Europäische Kommission verspricht sich davon mehr Wettbewerb und und Transparenz für Kunden von Telefon- und Internetanbietern. Die Rechte der Verbraucher würden deutlich gestärkt. So könnten sie zukünftig innerhalb eines Tages ihren Telefonanbieter unter Mitnahme ihrer Rufnummer wechseln. Außerdem dürfe die Vertragslaufzeit höchstens 24 Monate betragen, wobei Verträge über zwölf Monate angeboten werden müssten.
VG Trier: Entziehung des Führerscheins wegen nicht nachgewiesener Alkoholabstinenz rechtens
Wer in der Vergangenheit alkoholabhängig gewesen ist und nicht nachgewiesen hat, dass er nach einer erfolgreichen Entwöhnungsbehandlung ein Jahr Alkoholabstinenz eingehalten hat, ist ungeeignet zum Führen von Kraftfahrzeugen. In diesem Fall ist die Fahrerlaubnisbehörde berechtigt, die Fahrerlaubnis mit sofortiger Wirkung zu entziehen. Das geht aus einem Beschluss des Verwaltungsgerichts Trier vom 12.05.2011 hervor, mit dem es den Antrag eines Ex-Alkoholikers auf Gewährung von Eilrechtsschutz gegen eine für sofort vollziehbar erklärte Fahrerlaubnisentziehung des Landkreises Bernkastel-Wittlich abgelehnt hat (Az.: 1 L 557/11.TR ).
Koalition will Menschenhandel und Zwangsprostitution stärker bekämpfen
Union und FDP wollen härter gegen Menschenhandel und Zwangsprostitution vorgehen. Fachleute beider Regierungsparteien haben einen entsprechenden Antrag ausgearbeitet, wie die Zeitung «Die Welt» in ihrer Ausgabe vom 24.05.2011 berichtet. Vorgesehen sei erstmals eine Erlaubnispflicht für Bordelle. Bisher können sie, anders als beispielsweise Gaststätten, ohne Genehmigung betrieben werden. Flatrate-Bordelle sollen laut Bericht möglichst ganz verboten werden.
LG München I: Ottfried Fischer unterliegt in Prozess um Sex-Videos
Ottfried Fischer hat im Berufungsprozess um sein Sex-Video eine Niederlage erlitten. Das Landgericht München I sprach den Angeklagten, einen ehemaligen «Bild»-Reporter, frei. Der Journalist habe Fischer weder genötigt noch dessen «höchstpersönlichen Lebensbereich» verletzt, sagte die Vorsitzende Richterin Susanne Hemmerich. «Er hat genau das gemacht, was ein Journalist eigentlich macht. Er hat Recherchematerial angekauft», betonte sie zum Abschluss des Verfahrens. Die Staatsanwaltschaft und der an Parkinson erkrankte Fischer als Nebenkläger kündigten umgehend Revision an.
Ausgewählte UrteilsanalysenOVG Hamburg: Aufhebung der bewilligten Prozesskostenhilfe nur bei Täuschung bereits im Zeitpunkt der Bewilligungsreife
VwGO § 166; ZPO § 124 Nr. 1
Die Bewilligung der Prozesskostenhilfe darf gemäß § 166 VwGO i.V.m. § 124 Nr. 1 ZPO nur aufgehoben werden, wenn die Täuschung durch unrichtige Darstellung des Streitverhältnisses bereits im Zeitpunkt der Bewilligungsreife des Prozesskostenhilfeantrags erfolgt ist. Verschweigt der Antragsteller Änderungen der anspruchsbegründenden Tatsachen, die erst nach der Bewilligungsreife, aber noch vor der (verzögerten) Bewilligungsentscheidung des Gerichts eintreten, ist diese Täuschung für die Bewilligung nicht ursächlich, weil das Gericht für die Beurteilung der Erfolgsaussichten der Rechtsverfolgung auf dem Zeitpunkt der Bewilligungsreife abzustellen hat.
OVG Hamburg, Beschluss vom 12.04.2011 - 3 So 183/10, BeckRS 2011, 50470
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