Nachrichten der beck-aktuell-Redaktion vom 17. November 2011
Top-MeldungenEuGH: Klage gegen Verbraucher mit unbekanntem Wohnsitz vor Gerichten des letzten bekannten Wohnsitzes möglich
Ist der aktuelle Wohnsitz eines Verbrauchers im Gebiet der Europäischen Union unbekannt, sind für eine Klage gegen ihn die Gerichte in dem Mitgliedstaat des letzten bekannten Wohnsitzes international zuständig, sofern keine beweiskräftigen Indizien auf einen Wohnsitz außerhalb der EU schließen lassen. Dies hat der Europäische Gerichtshof mit Urteil vom 17.11.2011 in Auslegung der Brüssel-I-Verordnung 44/2001/EG entschieden. Die Unmöglichkeit, den aktuellen Wohnsitz des Beklagten zu ermitteln, dürfe dem Kläger nicht das Recht auf ein gerichtliches Verfahren nehmen (Az.: C-327/10).
Bundesjustizministerium stellt Mietrechtsreform vor: Energetische Gebäudesanierungen sollen erleichtert werden
Die Bundesregierung will das Mietrecht reformieren. Ziel ist laut Bundesjustizministerium, energetische Gebäudesanierungen zu erleichtern, das sogenannte Contracting auf eine gesetzliche Grundlage zu stellen und den Schutz gegen Mietnomaden zu erhöhen. Den Referentenentwurf zur Mietrechtsreform hat das Bundesjustizministerium am 17.11.2011 an die Länder und Verbände zur Stellungnahme übersandt.
BAG: Sondertarifvertrag für studentische Aushilfskräfte kann trotz Unwirksamkeit einzelner Regelungen wirksam sein
Ein Tarifvertrag über Sonderregelungen für studentische aushilfsweise Beschäftigte, der gegenüber den «Normalbeschäftigten» modifizierte, teilweise deutlich abgesenkte Arbeitsbedingungen vorsieht, ist nicht allein deshalb als solcher unwirksam, weil einige, auch zentrale, Bestimmungen möglicherweise wegen Verstoßes gegen Gleichbehandlungsgebote oder Diskriminierungsverbote rechtsunwirksam sind. Nur wenn der Tarifvertrag den an einen ordnungsgemäß zustande gekommenen Vertrag zu stellenden Anforderungen nicht genügt oder seine Regelungen insgesamt unwirksam oder unanwendbar sind, kann er keine Geltung beanspruchen. Dies hat das Bundesarbeitsgericht entschieden (Urteil vom 16.11.2011, Az.: 4 AZR 856/09).
StGH Hessen: Minderheit in Untersuchungsausschuss kann Einholung eines Rechtsgutachtens durchsetzen
Der Staatsgerichtshof des Landes Hessen hat mit Urteil vom 16.11.2011 den Anträgen von 42 Abgeordneten der Fraktionen von SPD und Bündnis 90/Die Grünen im Hessischen Landtag zum sogenannten Polizeichef-Untersuchungsausschuss in zwei von drei Punkten stattgegeben. Die Beteiligten hatten darüber gestritten, ob die Mehrheit des Untersuchungsausschusses drei Beweisanträge der Minderheit zu Recht abgelehnt hat. Der Staatsgerichtshof stellte unter anderem klar, dass der Antrag der Ausschussminderheit zur Einholung eines Rechtsgutachtens nicht abgelehnt werden darf.
LSG Baden-Württemberg: Rentenanpassung im Juli 2010 war rechtmäßig
Die zum 01.07.2010 erfolgte Rentenanpassung, in deren Folge die Rentner keine Rentenerhöhung erhielten, war rechtmäßig. Das hat das baden-württembergische Landessozialgericht entschieden. Die Begründung eines Altersrentners, der gegen die maßgeblichen Rentenbescheide eingewandt hatte, Altersrentner in der gesetzlichen Rentenversicherung würden ohne sachlichen Grund schlechter behandelt als pensionierte Beamte oder Richter, deren Pensionen im Jahr 2010 um durchschnittlich 1,2 Prozent angehoben worden seien, überzeugte die Richter nicht (Urteil vom 15.11.2011, Az.: L 11 R 267/11).
Weitere NachrichtenOLG Frankfurt am Main: Nährwertangaben auf Nutella-Etikett irreführend
Die Vitamin- und Nährwertangaben auf Nutella-Gläsern können Verbraucher in die Irre führen. Dies hat das Oberlandesgericht Frankfurt am Main auf eine Klage des Verbraucherzentrale Bundesverbandes (vzbv) gegen die Ferrero Deutschland GmbH entschieden (Urteil vom 20.10.2011, Az.: 6 U 40/11, nicht rechtskräftig). Wie der vzbv aktuell mitteilt, hatte das Unternehmen den Prozentsatz der empfohlenen Tagesmenge bei Fett und Vitaminen anhand unterschiedlicher Grundmengen berechnet. Dadurch sei der Eindruck entstanden, der Vitaminanteil sei besonders hoch.
EuG: Bußgeldentscheidung der EU-Kommission gegen Verpackungshersteller Stempher nichtig
Das Europäische Gericht Erster Instanz hat auf Klagen mehrerer Hersteller von Sackverpackungen die Entscheidung der Europäischen Kommission vom November 2005 für nichtig erklärt, soweit darin gegen Hersteller Stempher eine Geldbuße von 2,37 Millionen Euro wegen wettbewerbswidrigen Verhaltens auf dem Markt für industrielle Sackverpackungen aus Kunststoff verhängt worden war. Außerdem setzte das Gericht die gegen Low & Bonar und Bonar Technical Fabrics als Gesamtschuldner verhängte Geldbuße von ursprünglich 12,24 Millionen Euro auf 9,18 Millionen Euro herab. Gleichzeitig wies das Gemeinschaftsgericht die Klagen der anderen betroffenen Unternehmen ab (Urteile vom 15.11.2011, Az.: T-51/06, T-54/06, T-55/06, T-66/06, T-59/06, T-68/06, T-72/06, T-76/06, T-78/06 und T-79/06).
VG Berlin: Kennzeichnung von Polizeibeamten nicht mitbestimmungspflichtig
Die Einführung von Namens- oder Nummernschildern für Polizeivollzugsbeamte ist nicht gemäß den einschlägigen Bestimmungen des Berliner Personalvertretungsgesetzes mitbestimmungspflichtig. Das hat das Verwaltungsgericht Berlin per Beschluss am 16.11.2011 entschieden. Denn das Tragen der Schilder betreffe weder die Ordnung in der Dienststelle noch das Verhalten der Dienstkräfte. Es sei von seiner Zielrichtung her auf das Außenverhältnis der Beamten gerichtet (Az.: VG 60 K 9.11).
VGH Kassel: Hassprediger klagt erfolgreich gegen seine Ausweisung
Der Hessische Verwaltungsgerichtshof hat die gegen einen sogenannten Hassprediger ergangene Ausweisungsentscheidung aufgehoben. Gleichzeitig wies es aber seine auf Erteilung einer Aufenthaltserlaubnis gerichtete Klage ab. Zwar habe sich der Kläger mehrfach in stark verzerrender, einseitiger und polemischer Weise kritisch mit dem Vorgehen der in Afghanistan operierenden Schutztruppe ISAF auseinandergesetzt. Eine Aufstachelung zum Hass gegen Bevölkerungsteile in Deutschland oder die in Afghanistan stationierten deutschen Soldaten, wie sie der Ausweisungstatbestand verlange, sei den Predigten des Klägers aber nicht zu entnehmen (Urteil vom 16.11.2011, Az.: 6 A 1896/09).
VG Mainz: Spielsüchtigem Fahrlehrer durfte Fahrlehrererlaubnis entzogen werden
Einem Fahrlehrer, der aufgrund seiner Spielsucht Vermögensinteressen der ihm anvertrauten Fahrschüler verletzt hat, darf die Fahrlehrererlaubnis wegen Unzuverlässigkeit entzogen werden. Dies hat das Verwaltungsgericht Mainz entschieden (Beschluss vom 25.10.2011, Az.: 3 L 995/11.MZ).
Gesetzliche Rentenversicherung: Kabinett beschließt Beitragssenkung
Der Beitragssatz zur gesetzlichen Rentenversicherung wird ab 01.01.2012 um 0,3 Prozentpunkte auf 19,6% gesenkt. Dies hat das Bundeskabinett am 16.11.2011 beschlossen. Das wirtschaftliche Umfeld werde schwieriger. Deshalb sei die Senkung des Rentenbeitrags ein weiterer wichtiger Schritt, um das Wachstum in Deutschland zu stärken, sagte Bundeswirtschaftsminister Philipp Rösler (FDP).
Neuer Generalbundesanwalt Range will Zusammenarbeit mit Ländern verbessern
Der neue Generalbundesanwalt Harald Range will im Zuge der Neonazi-Mordserie die Zusammenarbeit mit den Staatsanwaltschaften der Länder stärken. «Gerade, wenn man auch die jüngsten Ermittlungen gegen die rechtsterroristische Mördergruppe in Betracht zieht, die im ganzen Bundesgebiet ihr Unheil angerichtet hat, leuchtet es ein, dass ich die Suche nach einer verbesserten Kooperation aller am Strafverfahren beteiligten Stellen als eine meiner wichtigsten zukünftigen Aufgaben ansehe», sagte Range am 17.11.2011 bei seiner Einführung in Karlsruhe.
AG Siegburg: Deutsches Gericht und Mullah scheiden Ehe
Im nordrhein-westfälischen Siegburg ist die Ehe eines iranischen Paares geschieden worden - zunächst nach deutschem und anschließend im Beisein eines Mullahs nach iranischem Recht. Ein solcher Fall sei ihm bisher nicht bekannt gewesen, sagte ein Sprecher des Justizministeriums des Landes am 16.11.2011. Der Anwalt der nun geschiedenen Frau spricht von einem Präzedenzfall, der Schule machen könnte.
Ausgewählte UrteilsanalysenBGH: Kein «Sicherheitszuschlag» bei Anpassung von Betriebskostenvorauszahlungen
Die letzte Betriebskostenabrechnung ist Grundlage für eine Anpassung der Vorauszahlungen, hindert aber nicht die Berücksichtigung anderer – bereits eingetretener oder noch eintretender – Umstände, von denen die im laufenden Jahr entstehenden Kosten voraussichtlich beeinflusst werden. Es ist jedoch kein Raum für einen „abstrakten“ Sicherheitszuschlag in Höhe von 10 % auf die zuletzt abgerechneten Betriebskosten.
BGH, Urteil vom 28.09.2011 - VIII ZR 294/10 (LG Berlin), BeckRS 2011, 25102
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